„DIE SCHAM MUSS DIE SEITE WECHSELN“

Kurz erklärt:
„Die Scham muss die Seite wechseln“ = Die falsche Scham soll aufhören, die Betroffenen zu belasten, und dorthin zurückkehren, wo sie hingehört: zu den Verantwortlichen.

Umfangreicher erklärt:
„Die Scham muss die Seite wechseln“ bedeutet, dass nicht die Betroffenen von Unrecht, Gewalt oder Diskriminierung sich schämen sollten, sondern diejenigen, die das Unrecht ausüben oder ermöglichen.

Der Satz kehrt damit eine verbreitete gesellschaftliche Dynamik um:
– Nicht das Opfer soll sich schämen, weil ihm Gewalt angetan wurde.
– Nicht die Betroffene soll Schuldgefühle haben, weil sie sich gewehrt, Grenzen gesetzt oder darüber gesprochen hat.
– Die Verantwortung soll dort liegen, wo das Unrecht entstanden ist: bei den Tätern und Täterinnen, den Verantwortlichen und gegebenenfalls auch bei Strukturen, die das Verhalten dulden.

Beispiel: sexualisierte Gewalt
Eine Frau wird sexuell belästigt. Häufig fragen Menschen zunächst:
Was hatte sie an? Warum war sie dort? Warum hat sie sich nicht gewehrt?
„Die Scham muss die Seite wechseln“ sagt: Diese Fragen gehören nicht an die Adresse der Betroffenen. Die Scham und Verantwortung sollen bei der Person liegen, die die Grenze überschritten hat.

Der Satz wird häufig im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt, Missbrauch, Diskriminierung, Rassismus oder anderen Formen von Unterdrückung verwendet. Er ist ein Plädoyer dafür, die Perspektive zu verändern: Weg von der Schuld der Betroffenen – hin zur Verantwortung der Verursacher.

Der Ausdruck ist deshalb auch politisch: Er fordert einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel. Nicht diejenigen, denen Unrecht widerfährt, sollen sich verstecken oder schweigen müssen, sondern diejenigen, die Unrecht tun, sollen sich verantworten.

Der Satz ist ganz eng mit Gisèle Pelicot verbunden, allerdings gibt es eine wichtige historische Nuance: Pelicot hat den Satz berühmt gemacht, aber er stammt ursprünglich von der französischen Frauenrechtlerin und Anwältin Gisèle Halimi.

Was geschah im Fall Gisèle Pelicot?
Gisèle Pelicot wurde über Jahre von ihrem damaligen Ehemann Dominique Pelicot heimlich unter Drogen gesetzt und von ihm sowie zahlreichen anderen Männern vergewaltigt. Er hatte die Taten zudem gefilmt. 2024 fand in Avignon der Prozess gegen ihn und 50 weitere Angeklagte statt.

Gisèle Pelicot hätte das Recht gehabt, ihre Identität geheim zu halten und einen nichtöffentlichen Prozess zuzulassen. Sie entschied sich bewusst dagegen. Sie wollte, dass ihr Name und ihr Gesicht öffentlich werden und dass die Vergewaltigungsvideos im Gerichtssaal gezeigt werden.

Damit wollte sie etwas Grundsätzliches verändern:
Sie sollte sich nicht für das schämen, was ihr angetan worden war. Die Täter sollten mit ihrer Tat sichtbar werden. Daraus wurde ihr berühmter Satz: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

Besonders deutlich wurde dieser Perspektivwechsel dadurch, dass Pelicot nicht wollte, dass die Öffentlichkeit sie als „beschämte“ oder „beschmutzte“ Frau betrachtet. Die Bilder aus dem Prozess sollten nicht ihre Schande zeigen, sondern die Verbrechen der Männer sichtbar machen.

Und hier kommt Gisèle Halimi ins Spiel. Der Satz ist älter als der Fall Pelicot. Die französische Frauenrechtlerin und Anwältin Gisèle Halimi verwendete bereits die französische Formulierung „La honte doit changer de camp“ im Zusammenhang mit einem bedeutenden Vergewaltigungsprozess Ende der 1970er-Jahre. Halimi setzte sich dafür ein, dass Vergewaltigung gesellschaftlich und juristisch nicht länger als etwas betrachtet wird, für das sich die betroffene Frau schämen muss.

Gisèle Pelicot griff diesen Gedanken Jahrzehnte später auf und machte ihn weltweit zu einem Symbol. Bei ihrem Prozess wurde der Satz zu einer Art feministischer Kampfansage gegen die Scham der Opfer und gegen das sogenannte Victim Blaming.

Und genau deshalb ist Pelicots Geschichte so bedeutsam: Sie hat nicht nur ihren eigenen Fall öffentlich gemacht, sondern die gesellschaftliche Frage gestellt, wem eigentlich die Scham und Verantwortung zugeschrieben werden. Ihr 2026 erschienenes Erinnerungsbuch trägt deshalb auch den Titel „Die Scham muss die Seite wechseln“.