ENTNAZIFIZIERUNG
Kurz erklärt:
Entnazifizierung bezeichnet die Maßnahmen der Alliierten nach 1945, mit denen nationalsozialistische Organisationen und Strukturen beseitigt, NS-Belastete überprüft und NS-Verbrechen verfolgt werden sollten.
Umfangreicher erklärt:
Entnazifizierung bezeichnet den Versuch der Alliierten, Deutschland nach dem Ende des Nationalsozialismus von nationalsozialistischen Strukturen, Organisationen und Einflüssen zu befreien und Verantwortliche für NS-Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Begriff setzt sich aus „Ent-“ + „Nazifizierung“ zusammen – also sinngemäß: „Deutschland vom Nationalsozialismus entnazifizieren“.
Nach 1945 wollten die vier Siegermächte Deutschland grundlegend verändern. Zur Entnazifizierung gehörten unter anderem:
– die Auflösung nationalsozialistischer Organisationen wie der NSDAP,
– die Entfernung belasteter Personen aus wichtigen Positionen in Staat, Verwaltung, Justiz, Polizei, Schule und anderen Bereichen,
– die Internierung und Überprüfung von NS-Funktionären,
– die Strafverfolgung von NS-Verbrechern, etwa in den Nürnberger Prozessen,
– und die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft.
In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde die Entnazifizierung zunächst sehr konsequent betrieben. Es wurden unter anderem ehemalige Nationalsozialisten interniert und aus bestimmten Positionen entfernt. Allerdings gerieten auch Menschen in die sowjetischen Speziallager, die nicht oder nur geringfügig am NS-System beteiligt gewesen waren. Teilweise wurden die Lager außerdem zur Verfolgung politischer Gegner der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt. Die SBZ erklärte die Entnazifizierung 1948 offiziell für beendet. In der späteren DDR wurde daraus das staatliche Selbstbild eines „antifaschistischen Staates“. Das bedeutete allerdings nicht, dass es in der DDR keine ehemaligen NSDAP-Mitglieder oder NS-Belastete mehr gab. Viele passten sich dem neuen System an und konnten später wieder berufliche oder gesellschaftliche Positionen einnehmen.
Auch in den westlichen Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik wurden ehemalige Nationalsozialisten überprüft und teilweise aus ihren Ämtern entfernt. Die Entnazifizierung verlief dort jedoch ebenfalls nicht geradlinig: Mit dem beginnenden Kalten Krieg und dem Aufbau neuer Verwaltungen wurden viele ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder integriert.
Ein wichtiger Unterschied: Entnazifizierung ≠ Aufarbeitung
Entnazifizierung: Was geschah unmittelbar nach 1945, um NS-Strukturen und belastete Personen zu beseitigen?
Aufarbeitung: Wie setzt sich eine Gesellschaft langfristig mit der Geschichte, den Verbrechen, den Opfern, der eigenen Beteiligung und den Folgen auseinander?
Die Entnazifizierung war also ein Teil des Umgangs mit der NS-Vergangenheit – Aufarbeitung geht deutlich weiter.
