WISSENSFENSTER: FERNSEHEN DER OPPOSITION
Journalismus für Zuschauer auf beiden Seiten der Mauer
von Peter Wensierski

Wer abends am 26. Oktober 1987 seinen Fernseher eingeschaltet hat, kann Bilder aus dem Süden der DDR sehen, die bis dahin zu ihren streng gehüteten Geheimnissen gehört hatten: Millionen Zuschauer sahen die hoch aufgetürmten Halden bei Ronneburg – das gefährliche Erbe aus dem Abraum der hochverstrahlten Urangruben. Gezeigt wurden auch die mit radioaktivem Staub verdreckten Pflanzen aus den Gärten angrenzender Wohnsiedlungen, Bilder von Menschen mit Haarausfall und ein Bergmann sprach darüber, wie er und seine Kameraden sich in den Bergwerken rund um Aue oder Schneeberg die Gesundheit ruiniert hatten.
Bilder und Eindrücke, die sich ins Gedächtnis brannten, die viele Zuschauer empörten, die das ganze Ausmaß der Umweltkatastrophe in dieser Region zuvor noch nicht wahrgenommen hatten. Gezeigt wurde der kurze Film in der Sendung „Kontraste“, eine politische Magazinsendung im Westfernsehen, im „Ersten.“ Das politik- und gesellschaftskritische Magazin gibt es noch heute.
Dieser „Kontraste“-Redaktion gehörte ich von 1986 bis 1993 sieben Jahre lang an und machte dort mehr als 60 Filme. Als ich begann, brachte das Magazin noch mehr Filme über Ost-Europa, ich veränderte den Schwerpunkt mehr auf kritische Filme über die DDR und Westdeutschland.
Wir machten damals in jeder 45-Minuten-langen Sendung vier bis fünf kurze Filme gleichermaßen über west- und ostdeutsche Probleme. Die DDR wurde nicht alleine angeprangert, über sie wurde genauso kritisch berichtet wie über Dinge im Westen und umgekehrt.
Unser Journalismus war für Zuschauer auf beiden Seiten der Mauer. Das bedeutete etwa, dass in derselben Sendung, in der erstmals die Folgen des Uranabbaus für die Bewohner in Sachsen dargestellt wurden, ein ebenso kritischer und enthüllender Film über die fortgeschrittenen Pläne zum Uranabbau im Westen, im Fichtelgebirge, gezeigt wurde.
Umweltprobleme und die Folgen für die Menschen waren ohnehin etwas Grenzüberschreitendes: Der Westen verkaufte seinen Müll an den Osten. Die Flüsse wie Elbe oder Saale transportierten den Dreck der DDR-Kombinate in den Westen. Der schwefelhaltige Braunkohledunst von Kraftwerken und Hausbrand zog über die innerdeutsche Grenze hinweg und natürlich wurden auf beiden Seiten der Mauer in Berlin bei Wintersmog regelmäßig sämtliche Luftgrenzwerte überschritten.
All das waren die Themen, über die immer wieder mit Beiträgen aus beiden Teilen Deutschlands berichtet wurde. In den 1980er Jahren pendelten die Zuschauerzahlen im Westen noch um die 20 Millionen. In der DDR konnten dazu zwar keine Erhebungen gemacht werden, aber auch dort gehörte für Millionen Zuschauer „Kontraste“ oder andere informative TV-Magazine zum Fernsehalltag – obwohl das Einschalten von „Westsendern“ lange Zeit in der DDR besser in der Schule oder im Betrieb verschwiegen werden musste.
Bevor ich 1986 zu „Kontraste” kam, hatte ich seit 1978 als junger Westjournalist aus der DDR berichtet, bis ich ein Einreise- und Arbeitsverbot erhielt. Den Grund erfuhr ich später aus den Stasi-Akten: Der Geheimdienst und die SED-Führung wollten keine weiteren Berichte und Recherchen zu Umweltproblemen, oppositionellen Gruppen oder anderen für die DDR kritischen Themen. In der Sprache des DDR-Geheimdienstes ist es in meiner Stasi-Akte so ausgedrückt: „Wensierski nutzt seine Tätigkeit für gegen die DDR gerichtete Interessen und für die Organisierung eines politischen Untergrundes aus, um gleichzeitig Faktenmaterial für die politisch-ideologische Diversion zu sammeln.“ Meine Themen über „zunehmende Instabilitäten in der DDR“ böten „Stoff für Angriffe auf die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung“.
Bei den Dreharbeiten zu einem Beitrag über die Jugendopposition in der DDR hatte ich 1986 einen jungen Mann aus Jena interviewt, der dort in einer solchen Gruppe gegen die Militarisierung und Aufrüstung demonstriert hatte, dann verhaftet und in den Westen gedrängt worden war. Ich lernte Roland Jahn näher kennen, fand, wir passten gut zusammen, und holte ihn als Mitarbeiter in die Redaktion. Wir wurden rasch zu einem Ost-West-Team und ließen es uns beide nicht nehmen, trotz Einreise- und Arbeitsverbot einfach weiterhin aus der DDR zu berichten. Die Kombination eines West- und eines Ostdeutschen, auch eine Art vorweggenommener deutscher Einheit, erwies sich als äußerst produktiv.
Es gab viele Möglichkeiten, die Informationssperre der DDR-Regierung zu umgehen: Um das Atomkraftwerk von Greifswald zu zeigen, reiste ich beispielsweise nach Helsinki, wo das baugleiche AKW aus Russland stand und von mir gefilmt werden konnte. Ein anderes Beispiel: Ein ehemaliger DDR-Förster, der jahrelang im Erzgebirge wandern war, brachte nach seiner Übersiedlung Fotos von den Waldschäden durch die Luftbelastung der Kohlekraftwerke mit. Und der Clou waren alte Postkarten von denselben Orten, so dass mit einer Bildüberblendung das Vorher-Nachher der Luftverschmutzung und ihrer Folgen sichtbar wurde. Wir verwendeten auch DDR-Zeitungen sowie Ausschnitte von Sendungen des DDR-Fernsehens bis hin zu Spiel- oder Dokumentarfilmen der DDR. Oppositionelle, die zu Kirchenkonferenzen im Westen weilten, trauten sich Interviews zu geben, und später, im Sommer und Herbst 1989, rief ich mutige Bürgerrechtler einfach per Telefon an, befragte sie nach den aktuellen Entwicklungen, schnitt das Gespräch auf Tonband mit, nahm ein Foto von ihnen dazu und so bekam die DDR-Opposition in „Kontraste” oder einer der vielen „Brennpunkt“-Sendungen endlich Gesicht und Stimme.
Etwas ganz Besonderes waren Filmbeiträge, die möglich wurden, weil junge Oppositionelle bereit waren, heimliche Aufnahmen in der DDR mit einfachen Amateur-VHS-Camcordern zu machen.
Wie funktionierte das? Es gab zwar ein Büro und Team von ARD und ZDF in Ost-Berlin, doch deren Möglichkeiten zu filmen waren sehr beschränkt. Ohne vorherige Genehmigung vom DDR-Außenministerium konnten sie nicht einfach irgendwohin außerhalb Ost-Berlins fahren und filmen oder Interviews machen. Schon gar nicht von so brisanten Sachen wie den Urangruben oder umweltverschmutzenden Betrieben. Interviews mit Oppositionellen? Offiziell und genehmigt? Undenkbar.
Doch eine Handvoll Leute aus der Umwelt-Gruppenszene war dazu bereit, unter hohem persönlichen Risiko, heimlich eigene Aufnahmen zu machen. Sie arbeiteten als Kamera- und Tonleute: Uli Neumann, Aram Radomski, Rüdiger Rosenthal, Siegbert Schefke – um nur einige zu nennen – tricksten von 1987 an jahrelang Stasi-Beobachter und Verfolger aus und filmten, was nicht gezeigt werden sollte. Umweltverschmutzung, Giftmüllkippen, den Zerfall der Innenstädte, Unterdrückung von Jugendlichen, Interviews mit Oppositionellen und mutigen Bürgern.
Nach den Aufnahmen gaben sie die Videocassetten zum Weitertransport über die Grenze an Westjournalisten, die in Ost-Berlin arbeiteten. Das war ein exklusiver Kreis von vielleicht 15 Personen, von denen allerdings auch nur einige dazu bereit waren. Ingomar Schwelz von der Nachrichtenagentur associated press etwa oder Ulrich Schwarz, der für den Spiegel aus der DDR berichtete. Im Laufe der Zeit gab es noch andere Unterstützer, beispielsweise unter Botschaftsangestellten. All diesen Leuten war gemeinsam, dass sie dank ihrer Akkreditierung unkontrolliert in zwei Minuten über die Grenzübergänge von Ost- nach West-Berlin wechseln konnten.
Sie übergaben uns die Aufnahmen und wir betrachteten sie als Material vom „Fernsehen der Opposition“. Für die DDR waren die Inhalte, die Verwendung und Ausstrahlung des Materials eine ungeheure Provokation. Als ich einen Film mit den erstmaligen Aufnahmen von Ost-Berliner Neonazis zusammengestellt hatte, reagierte die Zeitung des SED-Jugendverbandes FDJ, die „Junge Welt“, mit einem zwei Seiten langem Gegen-Artikel. Kahlgeschorene DDR-Jugendliche sprachen vor der Untergrund-Kamera davon, dass sie sich als Faschisten bezeichnen würden, gegen Ausländer und für die deutsche Einheit seien. Die „Junge Welt” wollte es nicht wahrhaben, dass es Neonazis genau wie im Westen auch in der DDR gibt. Sie schrieb, der sowjetische Regisseur Eisenstein habe den Schnitt beim Film als Mittel zur Wahrheit eingesetzt, doch „Kontraste“ benutze den Schnitt „als Mittel der Lüge“.
Nun, ich hatte lediglich den Staats- und Parteichef Erich Honecker mit seinem Spruch von der antifaschistischen DDR mit dem O-Ton des jungen Neonazis hintereinander geschnitten, um klar zu machen, dass die Realität in der DDR auch in dieser Frage, wie bei vielen anderen Dingen auch, anders als im Wunschdenken der Funktionäre war. Denn unser Beitrag entstand nach dem brutalen Überfall einer Gruppe Neonazis auf die Besucher eines Punk- und Rockkonzertes in der Ost-Berliner Zionskirche und nach den antisemitischen Verwüstungen auf einem jüdischen Friedhof in der „Hauptstadt der DDR“.
Der Höhepunkt unserer „Kontraste“-Berichterstattung war zweifellos der Herbst 89. Am 9. Oktober konnten mit Radomski und Schefke zwei der Untergrundfilmer mit unseren Kameras sogar in das abgesperrte Leipzig gelangen und Aufnahmen jener ersten riesigen Demonstration machen, die das endgültige Ende der DDR brachte. Die Kassette mit den Aufnahmen von den 70.000 Menschen, die in Leipzig demonstrierten holte Ulrich Schwarz in Leipzig ab, brachte sie zu uns in den Sender und wir sorgten dafür, dass diese Bilder um die Welt gingen und auch in der DDR die Menschen in vielen anderen Städten ermutigten, wie die Leipziger auf die Straße zu gehen.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat – Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”
