WISSENSFENSTER: SPORT IN DER DDR
Diplomaten im Trainingsanzug
von Dr. André Herz

„Wir begrüßen uns mit einem kräftigen – Sport frei!“ Dieses Ritual zu Beginn einer jeden Sportstunde in der DDR fand seine Anwendung sowohl beim Schul-, Freizeit- sowie Leistungssport. Viele verbinden damit Stunden des Erfolges, aber auch der Niederlagen und Tränen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und des einsetzenden Kalten Krieges, erkennt die politische Führung in der SBZ sehr schnell die Bedeutung des Sports. In Anlehnung an die Arbeitersportbewegung zu Beginn des 20. Jh. fördert sie die planmäßige und auch kontrollierte Entwicklung des Sports unter Führung sowie Trägerschaft der FDJ und des FDGB. Mit Gründung der DDR wird die hohe Wertschätzung des Sports auch in die Verfassung (Art. 25) aufgenommen. Selbst die politische Führung engagiert sich für den Sport und so ist wohl vielen noch der Ausspruch Walter Ulbrichts im Gedächtnis: „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport.“ Nachdem Deutschland ab 1952 wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen darf und bis 1964 zunächst eine gesamtdeutsche Mannschaft stellt, erkennt die Führung der DDR die große Chance der internationalen Anerkennung durch den Sport. Die Idee der „Diplomaten im Trainingsanzug“ (offizielle Redewendung) wird geboren und eine gezielte Sportförderung leitet eine international erfolgreiche Ära des DDR-Sports ein.
Unter Leitung des 1957 gegründeten Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB), dem Dachverband sämtlicher DDR-Sportverbände, beginnt die systematische Förderung möglicher Talente bereits in Kindergarten und Schule. Die Grundlage der Auswahl bilden wissenschaftliche Programme, die dafür genutzt werden, Kinder als für bestimmte Sportarten besonders geeignet bzw. nicht geeignet einzustufen. Die 1950 in Leipzig gegründete Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) legt den Grundstein für eine gezielte Trainingsmethodik und medizinische Begleitung des Leistungssports: Im Anschluss an die Sichtung erfolgt die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in Betriebssportgemeinschaften (BSG) oder in Trainingszentren (TZ). Bei entsprechender Eignung bietet sich nach dem TZ die Aufnahme an einer der 1952 geschaffenen Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) an. An diesen Einrichtungen wird alles dem Sport untergeordnet. Liegen entsprechende Leistungen vor, startet man für einen Sportclub und kann sich für die Nationalmannschaft qualifizieren. Neben den vielen Vergünstigungen und persönlichen Vorteilen, die die Leistungssportler erhalten, dürfen jedoch die negativen Seiten nicht ungenannt bleiben.
Da sind hier vor allem die Kontrolle erfolgreicher Sportler durch die Stasi, das flächendeckende Doping und der Zwang zur politischen Vereinnahmung. Diese Tatsachen akzeptieren jedoch viele Sportler auf Grund der Zugeständnisse und der Möglichkeit zu internationalen Kontakten jenseits der DDR-Grenzen. So sehr das Sichtungssystem des DDR-Sports auch für die zahlreichen Erfolge bei Europa- und Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele verantwortlich ist, wirkt es sich auch nachteilig auf den Gesamtsport aus. Viele Sportarten, die der politischen und sportlichen Führung als nicht förderwürdig erscheinen, fristen ein Nischendasein.

Die Wiege der Erfolge bei großen sportlichen Wettkämpfen liegt für viele Sportler in der Spartakiadebewegung der DDR. Diese findet seit 1965 jährlich auf Kreisebene und alle zwei Jahre auf Bezirks- und DDR-Ebene statt. Die Spartakiaden beginnen auf Schulebene und sollen möglichst viele Altersklassen erfassen, um den Spagat zwischen Breiten- und Spitzensport zu ermöglichen. Ab 1977 wird das Deutsche Turn- und Sportfest an die Kinder- und Jugendspartakiade gekoppelt. Hauptaustragungsort ist Leipzig. Die Turn- und Sportfeste werden in den späteren Jahren immer mehr als politische Schaubühne genutzt. Bekannt sind besonders die riesigen Bilder, die bis zu 12.000 Teilnehmer auf der Osttribüne des Leipziger Zentralstadions erzeugen. Diese Bilder, die mit Hilfe von farbigen Fahnen, Fächern und anderem Material erstellt werden, tragen viele politisch staatstragende Botschaften an die Zuschauer im Stadion und vor den Fernsehgeräten heran. Sie entwickeln sich zum Markenzeichen der Turn- und Sportfeste der DDR.
Das Ziel des Sports, wie in der Verfassung verankert, ist nicht nur die Verbreitung von Freude, Entspannung und Gesundheit, sondern soll ebenso zur allseitigen Stärkung der Menschen sowie ihrer Bereitschaft zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat beitragen. Neben dem DTSB macht es sich die 1952 gegründete Gesellschaft für Sport und Technik (GST) zur Aufgabe, sportlich und technisch interessierte Jugendliche wehrsportlich zu erziehen und vormilitärisch auszubilden. Formell als Organisation selbstständig, übernimmt die Verantwortung für die vormilitärische Ausbildung das Ministerium für Nationale Verteidigung. Mitglied können alle ab dem Alter von 14 Jahren werden, um sich in verschiedenen Sportarten wie Militärischer Mehrkampf, Sportschießen, Nachrichtensport, Fallschirmsport usw. zu betätigen. Besonders beliebt bei den Jugendlichen ist der Motorsport mit seiner Möglichkeit, relativ schnell und einfach den Führerschein zu erwerben.
Mit dem Jahr 1989 setzt auch im Sportsystem ein Wandel ein. Kommt es zunächst zur Ablehnung des DDR-Sportsystems durch die BRD, können erfolgreiche Strukturen teilweise erhalten oder in späteren Jahren wieder eingerichtet werden.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
