WISSENSFENSTER: AUGUST 1961: „TAG DES MAUERBAUS“

Halt! Stehenbleiben oder ich schieße!

von Jörg Augsburg

In der Nacht rücken 15.000 Mann von NVA, Polizei und Betriebskampfgruppen aus, um alle Übergänge, Straßen und Gleiswege zwischen Ost- und Westberlin abzuriegeln. Erste provisorische Sperranlagen aus Stacheldraht oder Mauersteinen werden errichtet, Haustüren und Fenster an der Grenzlinie zugemauert. Die Sektorengrenze wird damit geschlossen, das vieltausendfach übliche tägliche Pendeln zwischen Ost und West ist unterbunden. Westberlin ist buchstäblich eingeschlossen. Die Bevölkerung in Ost und West ist geschockt.

Die Westmächte sind vom Zeitpunkt überrascht, die Geheimdienste weitgehend unvorbereitet – hinter den Kulissen hatten sie das Szenario allerdings schon lange durchgespielt und mehr oder weniger diplomatisch versteckt abgenickt. Denn letztendlich ist damit der Status Quo Westberlins gesichert, eine Eingliederung in die DDR vom Tisch, der Status als BRD-Bundesland mitten im „Feindgebiet“ praktisch durchgesetzt. Dementsprechend verhalten fallen auch die ersten Reaktionen aus. Erst nach 14 Tagen kommt es zu einer offenen Konfrontation zwischen amerikanischen und sowjetischen Truppen; Panzer fahren am Checkpoint Charlie, dem berühmtesten Grenzübergang, auf, werden jedoch bald beiderseits zurückgezogen. Die Politik des Westens findet sich schnell mit den geschaffenen Tatsachen ab.

Die DDR baut indessen in aller Konsequenz zwei echte, meterhohe „Mauern“ rund um Westberlin. Zwischen ihnen liegt der sogenannte „Todesstreifen“ mit Sperrgräben, Panzersperren, Signalanlagen, Lichtertrassen, Postentürmen – und immer sauber gefegten Kontrollstreifen zur Erkennung von Fußabdrücken. Auch die Westgrenze der DDR wird massiv ausgebaut, hier kommen sogar Minenfelder und Selbstschussanlagen zum Einsatz. Gesichert wird die Grenze allerdings vor allem nach innen, „Republikflüchtlinge“ sollen unter allen Umständen aufgehalten werden. Weit über 100 Menschen kommen beim Versuch, die Grenze zu überwinden, direkt ums Leben, 75.000 werden vor Gericht gestellt und regelmäßig zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”