WISSENSFENSTER: FILM UND KINO IN DER DDR

Der Einfluss von West-Filmen

von Lars Tunçay

Filmstill aus „1989 – Lieder unserer Heimat“ von Schwarwel

Die Träume der Jugend in Ost und West waren nicht so unterschiedlich, wie man es uns als Heranwachsende immer weismachen wollte. Diesseits und jenseits der Mauer – egal auf welcher Seite man stand – waren sie geprägt vom Kino. Und die Träume liefen in der Traumfabrik vom Band: Hollywood war prägend. Welche Filme die Leinwände erreichten, war im Osten allerdings Sache des DDR-Kulturministeriums. 

Seit den frühen 1970ern hielt das Hollywoodkino vermehrt Einzug in den Osten. Der extreme Anstieg der Filmimporte war durch die sich abzeichnende Entspannung im Kalten Krieg bedingt. Außerdem verschwanden viele DEFA-Produktionen in der Schublade. Während das Oberhausener Manifest von 1962 im Westen Aufbruchsstimmung verbreitete, war auch im Osten nach dem Mauerbau der Wille zur Veränderung bei vielen Intellektuellen spürbar. Um 1965 entstanden daraus Filme wie „Spur der Steine“, „Berlin um die Ecke“, „Karla“ oder „Jahrgang 45“. Doch als sie auf die Leinwand kommen sollten, hatte sich der Wind wieder gedreht. Innerhalb der Staatspartei SED hatte sich die Betonfraktion durchgesetzt. Zwölf DEFA-Filme verschwanden im Tresor. 

So kamen vermehrt US-Filme in die Kinos. Die Zeit des politischen Tauwetters spülte die Filme des „New Hollywood“ über die Mauer. Die Plots, die Auswüchse politischer Gewalt und gesellschaftliche Probleme thematisierten, passten gut in die staatliche Filmpolitik der DDR. Miloš Forman, der zuvor aufgrund staatlicher Repression in den Folgen des Prager Frühlings in die USA ausgewandert war, hielt mit „Einer flog übers Kuckucksnest“ Einzug in die DDR-Kinos. Allerdings wollte das Kulturministerium Jack Nicholsons Aufstand nicht etwa als Kritik an autoritären Systemen verstanden wissen, sondern als kritische Betrachtung imperialistischer, kapitalistischer Systeme. 

Im Westen kaum bekannt, aber im Osten für die Jugend damals wichtig, war „Blutige Erdbeeren“ nach dem Roman von James Kunen, der die negativen Folgen politischen Protests zeigt. Für die Kids wirkte er besonders durch die Musik prägend für eine ganze Generation. In der RIAS Wunschmusiksendung „Treffpunkt“, die auch im Osten Berlins empfangbar war, liefen in der Folge viele Musikwüsche aus der DDR auf. „Und sie sind nur Kinder“ („Bless the Beasts and the Children“) von Stanley Kramer war ein weiterer Film, der die Jugendlichen der 1970er prägte. In einem Jugendferienlager schließen sich die Außenseiterkinder zusammen. Der Protest gegen das vorherrschende System wirkte berechtigt. Nach den Jugendfestspielen von 1973, dem „Woodstock des Ostens“, die von der größten Polizeiaktion seit der Niederschlagung des Volksaufstandes im Juni 1953 begleitet wurden, zog die staatliche Kontrolle an.

In den 1980er Jahren hielten zunehmend Blockbuster aus den USA Einzug in die DDR-Kinos, auch um die chronisch unterfinanzierte DDR-Filmindustrie mitzutragen. Die politische Vorgabe, nach der 60% der Kinofilme aus sozialistischen und 40% aus nicht-sozialistischen Ländern stammen sollten, wurde aufgeweicht. „Beat Street“ wurde zum Kultfilm. 

Die Bundesrepublik lieferte Unterhaltungskino wie „Otto – Der Film“. „La Boum – Die Fete“ wurde in West und Ost ein Hit bei den Jugendlichen. Die Olsenbande erreichte mit der Synchronisation der DEFA ebenso Kultstatus. Auch die Louis de Funès-Filme bekamen eine neue Synchronisation und andere Titel als im Westen. Sie waren auf beiden Seiten der Mauer gleichermaßen beliebt wie die Belmondo- und Alain Delon-Filme und die Western mit Bud Spencer und Terence Hill. Die DEFA-Produktionen erreichten kaum noch das Publikum, gingen ihre Themen doch meist an der Alltagswirklichkeit der Bürger vorbei.

Allerdings oblag es nach wie vor der Staatsführung, welche Filme die Kinos erreichten. Die Auswahl wirkte oft willkürlich: Steven Spielbergs „E.T.“ war auch im Osten ein Hit, wenn auch ein verspäteter, kam er doch mit rund sechs Jahre Verzögerung in die Kinos als im Westen. „Star Wars“ war dagegen nie zu sehen, ebenso wenig die „Indiana Jones“-Reihe. Zumindest der erste „Star Trek“-Film schaffte es noch in die DDR-Kinos. Dustin Hoffman unterhielt die Massen in „Tootsie“, sein „Marathon Man“ kam nie in die Kinos. Wim Wenders’ „Paris-Texas“ und Godards „Außer Atem“ waren nur als nichtöffentliche Sondervorführung der Filmklubs in Berlin zu sehen. Das lief nur über Beziehungen. Filmklubs waren für viele Cineasten der Ausweg. Die Kultur- und Informationszentren in Polen, Ungarn und der ČSSR konnten über die Föderation der Filmklubs am nichtkommerziellen Verleih teilnehmen und fast alle gewünschten Filme bekommen. Dort liefen auch die verbotenen tschechischen Filme aus den 60er Jahren.

„Wenn man ein bisschen hinterher war, konnte man schon eine ganze Menge Filme sehen“, resümiert Tony Löser. Er arbeitete von 1984 bis 1991 beim DEFA-Studio an verschiedenen Spielfilmen und Kurzfilmen als Kameramann, Regisseur und Autor. Nach dem Mauerfall gründete er die Animationsschmiede Motionworks. Vorbilder, die seine Liebe zum Zeichentrick prägten, waren für ihn die russischen Trickfilme ebenso wie die Märchenwelten von Disney.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat – Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”