WISSENSFENSTER: Die Aufrüstung im Kalten Krieg

von Jörg Augsburg

Filmbild aus „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer” von Schwarwel

Mit der Kubakrise 1962 wird es plötzlich ernst für die USA. Unvermittelt steht die Bedrohung feindlicher Atomraketen direkt vor der eigenen Haustür, könnte praktisch ohne Vorwarnzeit ihre Ostküste vernichtet werden. Die Stationierung von sowjetischen Mittelstreckenraketen auf Kuba soll ein militärischer Coup sein, der die Amerikaner bis ins Mark schockt.

Die USA sind sehr wohl in der Lage, die Sowjetunion auch ohne Langstreckenbomber und Interkontinentalraketen direkt atomar anzugreifen. 1959 beginnt sie, eigene Raketen in der Türkei zu stationieren. Die Sowjetunion kann darauf nicht reagieren, bis sie mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro einig wird, dessen ursprüngliche Bemühungen um gute Beziehungen zu den USA abgeschmettert werden. Als die weit gediehenen Stationierungspläne bekannt werden, steht die Welt 15 Tage lang so nahe vor einem Krieg der Großmächte wie nie zuvor. Am Ende gibt es aber doch einen Kompromiss: keine Atomraketen auf Kuba, Rückzug der Atomraketen aus der Türkei.

Die Strategie der Großmächte ändert sich. Denn es wird angesichts der schieren Masse an verfügbaren Atomwaffen und einer neuen „unschlagbaren“ Generation von Trägersystemen wie Atomkraft-getriebenen U-Booten klar, dass die Reaktion auf einen massiven Erstschlag ein ebenso tödlicher Zweitschlag wäre. Jede Eskalation birgt so ein unkalkulierbares Risiko des gegenseitigen Auslöschungskrieges ohne Gewinner. Neue, kleinere, „taktische“ Atomwaffen mit begrenzter Reichweite und Wirkung heben in der militaristischen Logik die Schwelle zum Overkill an – und schließen die Lücke zur konventionellen Rüstung. Eingesetzt werden sollen diese Waffen nicht interkontinental und nicht auf dem Boden des eigentlichen Gegners, sondern vergleichsweise nahe zur Front – und die verläuft nach den Erfahrungen der Kuba-Krise wieder im Zentrum des Kalten Krieges, vor allem auch zwischen DDR und BRD, wo jeweils massive Truppenverbände von Warschauer Pakt und NATO stationiert sind. Und Mittelstreckenraketen.

Das Wettrüsten konzentriert sich wieder auf Europa. Auch, wenn es gerade in der DDR niemand offiziell ausspricht, ist vielen Deutschen in Ost und West klar, dass jeder Krieg zuerst die eigene Auslöschung bedeuten kann. In den 1980er Jahren – der „NATO-Doppelbeschluss“ zur Stationierung einer neuen Mittelstreckenraketen-Generation ist auch in der BRD heftig umstritten – erlebt die Friedensbewegung einen enormen Aufschwung. Während im Westen riesige Demonstrationen stattfinden, ist die Friedensbewegung der DDR eine kleine, aber deutlich spürbare und vor allem sichtbare Opposition: Aufnäher mit dem cleveren Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ erfreuen sich trotz oder gerade wegen ihres Provokationspotenzials in Schule und Öffentlichkeit großer Beliebtheit auf Jacken und Taschen. Der zeitweise omnipräsente Aufnäher kann wegen seiner Quellen-Wahl schlecht offiziell verboten werden. Da aber dessen Tragen als Provokation empfunden wird – ganz bewusst ist es das natürlich auch –, hat er schnell das Prädikat „unerwünscht“. Gerade in Schulen wird er oft ohne weitere Umstände abgerissen. Aus oppositioneller Sicht ist das ein moralischer Sieg, schließlich offenbart die DDR-Führung damit ihren skrupellosen Umgang mit der eigenen Propaganda. 

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”

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