ZUM GELEIT

Filmbild aus „Geschwister – Ein letzter Wunsch“, © Schwarwel, Glücklicher Montag und MDR. Alle Rechte vorbehalten.

Ideen entstehen beim Machen

Nach unseren zwei Animationsfilmen „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ (2014) und „1989 – Lieder unserer Heimat“ (2018), unseren beiden gleichnamigen Büchern, den Premieren und verschiedenen Veranstaltungen, Mitmach-Malaktionen und Live-Zeichnen, den sehr vielen Workshops, die uns bis Ende 2019 jahrelang in Schulen, Gedenkstätten, Museen, Jugendclubs sowie weitere pädagogische und soziale Einrichtungen in ganz Deutschland geführt hatten, nach vielen Interviews, Gesprächen und Online-Talks, Karikaturen, Illustrationen, Comics sowie einer intensiven und sehr persönlichen autobiografischen Auseinandersetzung mit den Themen Vergangenheit, Hier und Jetzt, Zukunft, DDR, Diktatur, Mauerfall, Friedliche Revolution, Demokratie, Transformation, Geschichte und Gesellschaft ließen wir unsere aktive Beschäftigung in Form von ganz konkreten Projekten zu diesem gesamten Themenkomplex fürs Erste ruhen, um irgendwie mal die Köpfe davon freizubekommen.

Wir hatten uns also nach unserer Auffassung erstmal mehr als ausreichend und umfangreich mit dem ganzen DDR-1989-Komplex auseinandergesetzt, wie wir fanden. Gleichzeitig war uns klar, dass damit die Geschichte natürlich nicht auserzählt war – dafür sind 40 Jahre DDR mit 18,79 – bzw. am Schluss 16,03 – Millionen Einzelschicksalen ohnehin zu umfangreich und zu komplex. Für uns war es jedoch wichtig, Abstand von einem Themenkomplex zu bekommen, der uns viele Jahre beschäftigt hatte. Wir wollten neuen Input bekommen.

Stattdessen widmeten wir uns bei unseren Arbeiten und mit unseren Projekten ab 2019 verstärkt Themen wie Psyche und psychische Belastungen, Tod, Verlust und Trauer, Feminismus, Identität und Gesellschaft – womit wir dann doch wieder bei den ursprünglichen  Themen angekommen waren … Denn wenn wir ehrlich sind, gehört das alles ohnehin eng zusammen. Es geht immer um das Leben und wie wir es meistern, um Prägung, Sozialisation, um unseren Umgang damit und letztlich um unser gesellschaftliches Miteinander.

So erzählte Schwarwel 2024 in seiner Graphic Novel „Gevatter“ neben seiner Auseinandersetzung mit dem Tod, seiner Angst davor, seiner Depression und der Vergänglichkeit allen Seins auch davon, was sein Aufwachsen in der DDR für ihn bedeutete: Kindheit und Jugend in der SED-Diktatur hieß, mit ideologischer Erziehung, lückenloser staatlicher Überwachung, permanentem Anpassungsdruck und stark eingeschränkter persönlicher Freiheit zu leben.

Vor knapp zwei Jahren führten wir gerade die ersten Interviews für unser in Arbeit befindliches viertes #nichtgesellschaftsfähig-Buch mit dem Arbeitstitel „Körper, Psyche und Selbstbestimmung“. Bei einem dieser Interviews kamen wir auch auf das Thema „Frauen in der DDR und in der Bundesrepublik“ zu sprechen. Dabei platzte unserer Interviewpartnerin spontan heraus: „Na, (wir) Frauen in der DDR waren doch gleichberechtigt – im Gegensatz zu den Frauen im Westen. Wir gingen arbeiten und hatten das Abtreibungsrecht!“ Doch fast im gleichen Moment revidierte sie ihre Aussage: „Naja, okay, in der DDR war es eher ,Arbeiten und Gleichberechtigung fürs System‘ – im Westen war es als Frau: ,zuhause bleiben, sich um Kinder, Familie, Haushalt und Mann kümmern fürs System‘. Hmmm …“

Ja, genau: „Hmmm …“

Worum geht’s eigentlich?

Wie war es denn nun wirklich? In welchen Alltagswelten lebten die Frauen in der DDR tatsächlich? Wie wirkte sich die „Diktatur des Proletariats“ ganz praktisch auf ihr Leben, ihren Alltag, ihre Freizeit, ihren Beruf, ihre Rolle in der Gesellschaft, ihre Freiheit(en), ihre Selbstbestimmung, ihren Körper, ihre Psyche und ihr Empfinden aus? Und wenn wir schon dabei sind: Wie erging es in dieser Zeit den Frauen auf der anderen Seite der Mauer des geteilten Deutschlands? Und überhaupt: Was geschah in den Leben und Lebenswelten all dieser Frauen nach dem Mauerfall und in der Zeit danach bis heute? Was wurde aus den „DDR-Frauen“ in einem völlig anderen System? Was hat sich für sie und mit ihnen geändert? Wie sind sie mit der Transformation umgegangen und wie gehen sie heute damit um? Was davon klingt in ihren „Nachwende-Kindern“, der „Generation Einheit“, und in ihren Enkeln nach? Wie setzen sich diese mit ihrer, mit unserer gemeinsamen Geschichte auseinander? Welchen Einfluss hat das auf ihr eigenes Leben und was lernen sie daraus? Was machen sie anders? Was übernehmen sie?

Durch unsere jahrelange Beschäftigung mit DDR, Friedlicher Revolution sowie Diktatur und Demokratie im Rahmen unserer selbstgewählten Tätigkeiten bei Glücklicher Montag mit Buch- und Filmprojekten, Workshop- und Veranstaltungsreihen, Karikaturen und Malaktionen wussten wir, dass wir diese großen, wichtigen Themen zwar oft gestreift und mit behandelt, aber nie wirklich angepackt hatten. Ganz konkret: Frauen in der DDR, Frauen in der SED-Diktatur, Frauen in Ost und West. Frauen auseinandergerissen, Frauen beiderseits des Eisernen Vorhangs, Frauen auf den Montagsdemonstrationen, Frauen ohne die Mauer, Frauen im vereinten Deutschland.

In unserer bereits erwähnten #nichtgesellschaftsfähig-Buchreihe, die sich vor allem dem Hauptthema Psyche – und wie wir alle mit unserem Alltag klarkommen – widmet, hatten wir bereits viele Einzelartikel, Erfahrungsberichte und Interviews vereint, die auch immer wieder weit in die Vergangenheit der Menschen führten, in der ihre psychischen Belastungen begannen oder aus der sie herrührten … Teilung, Trennung, Verlust, Trauer, Abwertung, Ungleichbehandlung, Gewalterfahrungen, Depression, Angst, Zwang, Sucht, Essstörungen, Dissoziationen, Trauma und PTBS, Suizidgedanken … Wir sprachen und sprechen dabei stets ganz bewusst mit Menschen aus Ost und West, mit Männern und Frauen und mit nicht-binären Personen, mit Heteros und Schwul-lesbischen, mit behinderten und mit nichtbehinderten Menschen, mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie mit verschiedenen Wurzeln und Biografien. Diese Arbeit machen wir bewusst seit 2019. Die Themen Freiheit, Diktatur und Demokratie, Revolution und Transformation, Gleichbehandlung, Gleichberechtigung und Grundgesetz behandeln wir bereits seit 2010. Es wurde Zeit, dass wir das alles mal gesammelt aufbereiten, erweitern, einordnen und aktualisieren würden.

Dank der Förderung durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur fiel am 01.01.2026 der Startschuss für unser Projekt „Die anderen 50 Prozent – Weibliche Alltagswelten in (Ost-)Deutschland von 1949 über 1989 bis heute“, das wir 2026 mit ganz vielen unterschiedlichen Beteiligten realisieren konnten.

Ah, darum geht’s!

Neben dieser Wissensplattform dieanderen50prozent.de haben wir ein über 700 Seiten starkes gleichnamiges Buch produziert. Es ist wieder (wie bereits unsere drei bisherigen #nichtgesellschaftsfähig-Bücher) ein umfangreicher Lese- und Durchblätter-Almanach geworden, ein buntes Kompendium, ein dicker Wälzer zum Immer-mal-wieder-zur-Hand-nehmen, dabei mit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, dafür jedoch der ausdrücklichen Aufforderung zum Darüberhinausschauen, Reflektieren, Lesen, Entdecken und Handeln.

Dieses Buch ist die physische – Haptik always rules okay! – Erweiterung zu unserem als unterhaltsames, kurzweiliges und umfangreiches Online-Magazin aufbereitetes Bildungsportal, denn hier findest du weitere Inhalte und Beteiligte, Video- und Audio-Podcasts, Interviews, Erfahrungsberichte, Geschichtswissen, Fakten, Literatur- und Recherche-Tipps, Übersichten, Einordnungen, Begriffserklärungen und „Erklärbärformate“, schulbegleitende Materialien und Hand-Outs. Und das alles in einer digitalen, multimedialen Umgebung. 

Zweck und Ziel unserer Wissensplattform, auf der wir regelmäßig neue Inhalte veröffentlichen, sind eine unterhaltsam aufbereitete Wissenserweiterung zur politischen Bildung, zum Erkenntnisgewinn, zur eigenen Bewertung und Meinungsbildung, für die Erlangung und Verfeinerung von Medienkompetenz sowie eine gesellschaftliche Aufarbeitung als Thema unserer Gegenwart und eine Stärkung des demokratischen Miteinanders. Bei der Umsetzung haben wir darauf geachtet, alles so aufzubereiten, dass es verständlich und zugänglich bleibt – und dass wir uns selbst gern mit den Inhalten beschäftigen möchten. 

Unser Portal und unser Buch funktionieren natürlich unabhängig voneinander, doch greifen sie ineinander und ergänzen sich gegenseitig. Dabei war es uns ein Anliegen, verschiedene Medien in einem Projekt miteinander zu kombinieren, weil diese Mischung unser aller Alltag am besten widerspiegelt. Nicht nur wir selbst beschäftigen uns in unserem Studio mit Film, Animation, Illustration, Texten, Comics, Karikatur oder Redaktionsarbeit unter Zuhilfenahme von Apps und Medien in verschiedenen Formen, sondern viele Menschen sind tagtäglich mit den verschiedensten Medien in Kontakt: Bücher oder Zeitungen gedruckt oder digital, Social Media, Texte, Kommentare, News, Bilder, Videos und Filme, Musik, Hörbücher und Podcasts, lineares Fernsehen, Streaming, Mediatheken, Games …

Bei „Die anderen 50 Prozent“ wollten wir all das ebenso miteinander verbinden, inhaltlich und medial vielvältig. Ein Mosaik.

Die Mischung macht’s

Und wie bei einem Mosaik wollten wir, dass die aus der Nähe betrachteten vielen kleinen, einzelnen und unterschiedlich gefärbten Steinchen, Glasstückchen und Fliesen zu einem zusammenhängenden, detailreichen Gesamtbild zusammenwachsen, wenn man dann mit etwas Abstand darauf blickt.

Wir wollten nicht nur inhaltlich und bezüglich Medien und Formaten eine breite Vielfalt, sondern vor allem wollten wir viele verschiedene Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen mit dabei haben: Fachmenschen, Historikerinnen, Zeitzeugen, Journalistinnen, Menschen aus der Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Musik, Kunst, Literatur und Kultur. Menschen, die im Comic und Cartoon zu Hause sind oder im Theater. Menschen, die aus der Medizin und Psyche kommen, allen Alters … generationsübergreifend und aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Wir wollten viele Stimmen zu Wort kommen lassen und unterschiedliche Perspektiven eröffnen.

Dabei konnten wir aufgrund der schieren Komplexität des Gesamtthemas vieles erstmal nur kurz ansprechen, anreißen oder streifen, was jedoch im besten Fall dazu führen soll, dass du selbst weiter recherchierst, Inhalte vertiefst und dich vielleicht intensiver mit den Thematiken auseinandersetzt, die dich besonders interessieren.

Gibt es eine positiv besetzte Entsprechung zur Büchse der Pandora? Denn es fehlt noch so viel. Beim Machen haben wir immer wieder gemerkt, dass so ein Projekt kein Ende nimmt, kein Ende nehmen kann. Immer wieder gehen neue Türen auf, ein Thema ergibt das nächste, eine Recherche oder Buch zur Vorbereitung oder ein Gespräch nach einem Interview führt zu neuen Recherchen, Büchern, Interviews und Gesprächen … Das ist einerseits frustrierend, weil wir unsere Projekte gern so umfassend und vollständig wie möglich darstellen wollen – und dann stellen wir fest, dass es überall noch so viel mehr Mosaiksteinchen gibt, die irgendwo in dieses Bild eingesetzt werden müssten. Andererseits ist es auch ein kribbelndes Gefühl, wenn man weiß, dass Projekte und ihre Inhalte neue Welten und Beschäftigungsfelder eröffnen, während die Lernkurve steil nach oben geht. Also ja, es gibt eine positive Besetzung der Pandora-Metapher: Ohne das Öffnen der Büchse als Sinnbild für Forschung, dem Streben nach Wissen und dem Hinterfragen eines Status quo gäbe es keinen Erkenntnisgewinn und keine daraus resultierende Weiterentwicklung – sowohl persönlich als auch gesamtgesellschaftlich.

Drei große Felder

Konkret heruntergebrochen umfassten unsere Einstiegsüberlegungen zum Projektbeginn für „Die anderen 50 Prozent“ drei Hauptfelder, die wir beackern und anschließend darstellen wollten:

1. Frauen in der SED-Diktatur seit Gründung der DDR 1949 (im Vergleich zu Frauen in der parlamentarischen Demokratie der Bundesrepublik) bis zur Friedlichen Revolution und dem Mauerfall 1989

2. Frauen im Osten Deutschlands nach der deutschen Einheit und während des Transformationsprozesses (im Vergleich zu Frauen im Westteil Deutschlands)

3. Frauen im Hier und Heute unter besonderer Betrachtung und Einbeziehung der „Nachwendegeneration“ (global: Millenials/Generation Y und Generation Z) in Ost und West 36 Jahre nach der deutschen Einheit (Stand 2026)

Darauf bauten wir alles auf. Doch begonnen haben wir mit den Mythen und Klischees, weil wir damit direkt zu Beginn konfrontiert wurden: Das Klischee der Ostfrau. Diese eine mythische Gestalt, auf die alles geworfen wurde, was man sich aus gefährlichem Halbwissen über die Jahrzehnte zusammengebaut hatte.

Alle Themen, die uns einfielen, die uns interessierten und die wir für „Die anderen 50 Prozent“ bedeutsam fanden, schickten wir uns zum Auftakt als Mails von Schreibtisch zu Schreibtisch. Die dadurch entstandene Liste sollte uns als Basis und Startpunkt für die ersten Recherchen dienen: 

• Überblick und Historie Frauen in der DDR, im geteilten und vereinten Deutschland

• historische Fakten: Frauen und Frauenbewegung 1949 – 1989 in Ost und West sowie ab 1990 bis heute

• Frauen in der DDR, im geteilten und vereinten Deutschland, während des Transformationsprozesses und danach

• Stichworte: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeit, Lohn, Karriere, Haushalt und Care-Arbeit, Kindheit, Jugend und Aufwachsen, Ehe, Familie, Scheidung, Abtreibung, Witwenrente, Bildung und Erziehung, Wochenkrippen, Kinderheime, Gesundheit und Medizin, Körper, Rollenbilder, Mode, Kochen, Freizeit, Sport, Musik, Kunst und Kultur, Film, Literatur, Subkultur, Haft und Gefängnis, Zwangsadoptionen, Flucht, Opposition und Bürgerbewegung, Frauenbewegung, Venerologische Stationen („Tripperburgen”), Prostitution (und Messe), Rechtsextremismus, Gewalt, Trauma, Psyche, Sucht, Essstörung und psychische Belastungen …

Nicht alle dieser Stichworte haben als Hauptthemen Einzug gefunden, da die Liste lang und unsere Zeit begrenzt war (und ist). Dennoch schwingt alles mit. Hier war uns nur wichtig, noch einmal aufzuzeigen, wie breitgefächert die behandelte Gesamtthematik ist. 

„Hier entsteht ein Projekt“

Mit unserer „Einkaufsliste“ in der Hand begannen wir, uns in die konkrete Arbeit zu stürzen: Wir schafften (wie immer bei solchen Projekten) bergeweise Bücher an, lasen,  lernten, überprüften, recherchierten, machten Stichpunkte zu unseren Stichpunkten und schickten uns weiter Mails von Schreibtisch zu Schreibtisch, um unser Konzept immer klarer werden zu lassen. Daneben telefonierten wir viel, mailten mit der Außenwelt, chatteten und stellten erste Anfragen für die geplanten Interviews und Texte.

Dabei hatten wir Menschen im Blick, die wir bereits aus unserer jahrelangen Arbeit oder privat kannten, wir stellten Anfragen an Menschen, deren Bücher oder Artikel uns passend erschienen oder die uns gefielen oder deren streitbare Meinung uns interessierte.

Wir suchten und fanden eine geeignete Plattform, mit der wir unsere Interviews aufzeichnen und transkribieren konnten, um sie später für die Buchform lektorieren und für die Audio- und Video-Podcasts schneiden und mischen zu können, wir richteten ein rustikales Podcast-Studio ein, statteten es mit der erforderlichen Technik aus und begannen mit den ersten Aufzeichnungen.

Als einmal alles auf den Weg gebracht war,  haben wir es einfach laufen und sich entwickeln lassen. 

Nach Interviews checkten wir, was uns thematisch noch fehlte und welche neuen Türen aufgegangen waren. Wir suchten weitere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, mit denen wir die inhaltlichen Zwischenräume oder blinde Flecken ausleuchten konnten. Unsere Recherchen zogen sich dabei bis zum Schluss durch unsere gesamte Arbeit.

Parallel bauten wir dieses Bildungsportal und unser Buch auf, immer Schritt für Schritt: Designs, Grafiken, Karikaturen und Illustrationen erstellen, Interviews transkribieren und schneiden, Reihenfolgen festlegen, verwerfen und neu festlegen, alles in Form bringen … Und irgendwie noch ganz viel mehr, was eben alles so dazu gehört, um ein vielfältiges Wissensportal in Form eines Online-Magazins und daneben ein ziemlich umfangreiches Buch innerhalb eines knappen Jahres zu erstellen und in die Welt zu bringen.

„Geschwister – Ein letzter Wunsch“

Zeitgleich zu „Die anderen 50 Prozent“ produzierten wir im ersten Halbjahr 2026 auch unseren 15-minütigen Animationsfilm „Geschwister – Ein letzter Wunsch“, der mit Förderung durch die Mitteldeutsche Medienförderung in Koproduktion mit dem Mitteldeutschen Rundfunk entstand (und in der ARD Mediathek kostenlos angesehen werden kann).

Während dieser beiden synchron laufenden, aber völlig unterschiedlichen Produktionen wurde uns irgendwann auf einmal bewusst, wie viele Überschneidungen es doch zwischen beiden gibt: Leben in Ost- und Mitteldeutschland, Transformations- und Verlusterfahrungen, Familie und Gesellschaft, Aufwachsen junger Generationen, verschieden verlaufende Lebenswege, weibliche Perspektiven … Auch wenn diese beiden Produktionen unabhängig voneinander und mit sehr unterschiedlichen Grundideen entstanden, merkten wir, wie hier Inhalte und eben auch Realitäten ineinander griffen. Deshalb entschieden wir uns, einige unserer animierten bzw. illustrierten Filmbilder als gestalterische Elemente für „Die anderen 50 Prozent“ zu verwenden.

Was wir wollen

Unser Ansatz ist stets, dass wir uns in der Zeit, die wir haben, mit Inhalten beschäftigen wollen, die wir für gesellschaftlich relevant halten (Stichworte: Freiheit, Demokratie, gesellschaftliches Miteinander). Inhalte, mit denen wir unsere Gesellschaft mitgestalten und mit denen wir einen Beitrag leisten können für ein besseres Geschichtsverständnis, für Aufarbeitung, zur Förderung demokratischer politischer Kultur, für eine freiheitlich gelebte Demokratie und eine Sensibilisierung dafür („Was hat das alles mit mir und meinem eigenen Leben zu tun?“, „Was kann ich, was können wir aus der Geschichte lernen, um es anders/besser zu machen?“). 

Meist widmen wir uns dabei nicht den gerade angesagten sexy topics oder Mainstream-Themen, sondern eher dem, was unserer Meinung nach all dessen zugrunde liegt. Wir möchten Sachverhalte und Zusammenhänge in der Welt verstehen und durch die konkrete Arbeit an unseren Produktionen können wir unser Verständnis davon erweitern. Wir wollen Dinge herausfinden und uns mit Sachen beschäftigen, die neu für uns sind oder bei denen wir „das Dahinter“ und die oftmals komplexen Zusammenhänge noch nicht verstanden haben. Wir wollen lernen. Alles andere wäre langweilig. Wir wollen verstehen und begreifen. Aha-Momente erleben und daraufhin weiter dazu lernen. Das Schöne dabei ist, es hört nie auf. Ständig eröffnen sich neue Sichtweisen, neue Wege und neue Welten. Das bringt uns voran.

Wenn wir es dann noch schaffen, mit dieser Arbeit und unseren Projekten andere junge bis alte Menschen generationsübergreifend abzuholen, so dass auch sie einen Zugang zu den Themen bekommen, die uns bewegen, und auch sie sich schließlich damit beschäftigen, dann ist das einfach wunderbar, denn auch alle anderen lernen nie aus.

Dabei setzen wir gern auf den persönlichen Zugang, indem wir zum Beispiel wie bei „Die anderen 50 Prozent“ viele verschiedene Menschen ihre eigenen Geschichten in ihren eigenen Worten erzählen lassen, dazu Basis- und Faktenwissen liefern, Begriffserklärungen anbieten und das alles in ein Setting mit verständlicher Sprache und unkomplizierter Umgebung einbetten, um die Schwellenangst, sich mit etwas Anderem oder Neuem zu befassen, so gering wie möglich zu halten. Wir selbst können uns aus Angeboten mit einem derartigen „Versuchsaufbau“ am besten etwas für uns und unser Leben herausziehen, uns spiegeln und uns aus dem dargebotenen Input unsere eigenen Meinungen und Handlungsstrategien bilden. Das bringt uns weiter und bewirkt, das wir tiefer in die jeweiligen Themen einsteigen, selbst recherchieren und aktiv werden. Eine Anleitung zur Selbstermächtigung. Gern geschehen.

Wir haben bei „Die anderen 50 Prozent“ unsere Interviews bewusst nicht strikt irgendwelchen bestimmten Themen zugeordnet. (Also nicht: „Du bist Musikerin – also sprechen wir über Musik.“) Und wir wollten auch nicht über „reine Frauenthemen“ sprechen – was immer das sein mag. Stattdessen haben wir einfach mit allen über alles gesprochen, wenn uns das Gespräch dahin geführt hat, denn wir wollten damit auch ein Stück unserer jeweiligen Lebenswelt abbilden. Und unser aller Leben, unser Alltag, unsere Erlebnisse und Erfahrungen deuten vielfach in eine Richtung: Es ist kompliziert.

Permanent werden wir mit den verschiedensten Sachen konfrontiert – und damit meinen wir nicht nur die Dauerbeschallung sowie die Informations- und Bilderflut via Social Media, den Medien, WhatsApp und Außenwerbung. Wir meinen unseren prall gefüllten Alltag und unser oft sehr hektisches Leben: Du wirst mit irgendeinem 23. Chromosomenpaar in die Welt geworfen, du wächst damit auf, in einer Familie, in einem nahen Umfeld, in einer Region, in einem Land, in einer Gesellschaft, in einem politischen System, in einer Struktur, deine Psyche, deine Emotionen und deine Selbstwahrnehmung sind ständig präsent (von der Fremdwahrnehmung gar nicht erst zu reden), Gene und Vererbung spielen eine Rolle, arm, reich oder irgendwas dazwischen, Wetter, Klima, die Vergangenheit und deine mögliche Zukunft spielen eine Rolle, Musik, Filme, Bücher, Podcasts, Games, Serien … Alles das tickert im Hintergrund, wenn wir eins zu eins einer Interviewpartnerin oder einem Gesprächspartner am Monitor gegenübersitzen. Und deshalb spielt das auch alles in unseren Projekten eine Rolle. Es ist komplex und alles greift ineinander.

Dabei versuchen wir stets, nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: Auch diesmal wollten wir verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen, verschiedene Perspektiven ermöglichen, einen verschiedenartigen Umgang mit Situationen aufzuzeigen. Und wir wollten Menschen zu Wort kommen lassen, die vielleicht auch „ein anderes Bild vom Osten zeichnen“. Ein vielfältigeres, bunteres, wirklichkeitsgetreueres als das, das wir in der oben benannten Dauerbeschallung allzu oft gezeigt und beschrieben bekommen. Es gibt nicht nur Wut, Frust, Rechtsextremismus, Verschwörungserzählungen oder Menschen, die der Demokratie ablehnend gegenüberstehen oder in einer verklärten Ostalgie leben. All das existiert natürlich, doch daneben gibt es eben noch sehr, sehr viel mehr. Genau dieses „Mehr“ wollten wir sichtbar machen.

Solide Nachrichten und Berichte zeichnen sich durch transparente Quellen, journalistische Sorgfalt und die nachvollziehbare Trennung von Fakten, Einordnung und Meinung aus. Das mag manchmal weniger spektakulär klingen – doch nur in einem solchen differenzierten Bild können auch die anderen sichtbar werden.

Und die anderen, die gibt es.

„Die anderen 50 Prozent“

Frauen wurden über Jahrhunderte hinweg in historischen Darstellungen weniger sichtbar gemacht oder ihre Lebensgeschichten wurden nicht überliefert. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich deshalb inzwischen unter anderem mit der Frage, welche Perspektiven, Biografien und Erfahrungen in historischen Überlieferungen fehlen. Über lange Zeit wurde Geschichte vor allem von Männern für Männer erzählt. Der Fokus lag zumeist auf Bereichen, zu denen Frauen der Zugang meist verwehrt wurde: Krieg, Politik und institutionelle Macht. So hatten in der attischen Demokratie im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. ausschließlich erwachsene, freie, männliche Vollbürger das Recht, politisch mitzubestimmen. Da Frauen rechtlich oft als Besitz von Vater oder Ehemann und nicht als eigenständige Personen galten, tauchten sie in offiziellen Dokumenten, Verträgen oder Chroniken zumeist gar nicht erst auf.

Auch die Leistungen von Forscherinnen wurden bis in die Neuzeit hinein teilweise männlichen Kollegen oder Ehemännern zugeschrieben – ein Phänomen, das als „Matilda-Effekt“ bezeichnet wird. Seit den 1970er Jahren arbeitet deshalb die feministische Geschichtswissenschaft aktiv daran, diese Lücken zu schließen und die Leistungen von Frauen nicht weiter zu ignorieren: Ehre, wem Ehre gebührt. Als „Herstory“ (ein englisches Wortspiel aus her und history) wird die Geschichtsschreibung und -betrachtung aus der Perspektive von Frauen und queeren Personen bezeichnet. Dafür werden Archive neu durchforstet, Tagebücher ausgewertet, Biografien von Frauen rekonstruiert und historische Falschdarstellungen berichtigt. Es geht dabei nicht darum, Geschichte umzuschreiben, sondern darum, sie möglichst vollständig und aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen.

Diesen Ansatz wollten auch wir mit „Die anderen 50 Prozent“ verfolgen, denn die deutsche Geschichte von 1949 über 1989 bis heute ist ebenso in weiten Teilen männlich dominiert und patriarchal erzählt worden. 

Wir finden, es ist Zeit, dass sich das ändert.

Sandra und Schwarwel, Oktober 2026