„DREI FRAUEN TRÄUMTEN VOM SOZIALISMUS“

Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf

Interview mit Carolin Würfel von Sandra Strauß

Foto: Erdem Varol

Sandra: Als ich dein Buch „Drei Frauen träumten vom Sozialismus” aufgeschlagen habe, wusste ich nicht, was mich erwartet. Und dann habe ich es in einem Rutsch von vorn bis hinten durchgelesen. Danke, dass wir uns durch das Interview kennenlernen. Du bist  aktuell in Istanbul und pendelst regelmäßig zwischen Deutschland und der Türkei. Wie funktioniert das mit deiner Arbeit, dem Schreiben und deinem Leben insgesamt?

Carolin: Ich bin 2021 nach Istanbul gekommen, ursprünglich für drei Monate, um genau dieses Buch fertigzuschreiben – beziehungsweise zumindest einen großen Teil davon. Ich hatte damals das Glück, einen kleinen finanziellen Puffer zu haben und nicht sofort an anderen Projekten arbeiten zu müssen.

Mit Istanbul verbindet mich viel. Ich habe hier schon 2007 und 2008 studiert und bin seitdem immer wieder zurückgekommen. Nach der Pandemie war ich außerdem ein bisschen müde von Berlin und dachte: Vielleicht schreibe ich dieses Buch einfach woanders. Dann postete zufällig eine Freundin bei Instagram, dass eine Wohnung zur Untermiete frei wird. Da dachte ich: Warum eigentlich nicht hier? Und dann bin ich im Grunde nie wieder ganz zurückgekehrt.

Für das Buch war diese Distanz unglaublich gut. Ich konnte mich komplett hineinfallen lassen. Natürlich habe ich es nicht in den geplanten drei Monaten fertiggeschrieben – es hat deutlich länger gedauert. Aber Istanbul ist eine sehr gute Stadt zum Schreiben, weil man hier auf eine bestimmte Weise weit weg ist und dadurch einen eigenen mentalen Raum betreten kann.

Für meine journalistische Arbeit oder Lesungen bin ich trotzdem regelmäßig in Deutschland. Nur hier zu leben, funktioniert nicht. Im Moment ist es ungefähr so, dass ich alle sechs Wochen nach Deutschland fliege und dann wieder zurückkomme. Mein Alltag hier gefällt mir einfach besser, auch wenn sich die politische Lage über die vergangenen Jahre sehr verändert und zugespitzt hat. Ich schaue beim Schreiben auf das Marmarameer, bewege mich inmitten dieser ewig pulsierenden, geteilten Stadt – das Leben hier am Wasser mit all seinen Ambivalenzen fühlt sich unmittelbarer an und ist dadurch auch extrem anregend. 

Sandra: Das klingt fast ein wenig nach dem romantischen Klischee vom Schreiben in der Einöde. Manchmal wünsche ich mir das auch: einfach mit dem Hund irgendwohin fahren, Ruhe haben und kreativ arbeiten können. Gerade beim Schreiben braucht man ja Zeit zum Denken und möchte nicht ständig unterbrochen werden. War das bei dir ähnlich?

Carolin: Ja. Wobei die Sache mit der Einöde in Istanbul natürlich nur bedingt funktioniert – diese Stadt ist wahnsinnig gut darin, einen ständig wieder nach draußen zu locken und zu sagen: „Komm, spiel mit.“ Aber ich glaube, entscheidend war etwas anderes. Ich schreibe darüber auch im Nachwort des Buches: Istanbul ist natürlich weit entfernt von ostdeutscher Lebensrealität. Gleichzeitig war mir während des Schreibens immer bewusst, was für ein Privileg es ist, hier sitzen und dieses Buch schreiben zu können.

Ich habe dabei oft an meine Großmutter gedacht oder an Brigitte Reimann, die zu DDR-Zeiten kaum reisen konnte und viel zu früh gestorben ist. Dass ich hier am Bosporus sitze und mich diesen drei Ikonen der ostdeutschen Literaturgeschichte annähere, hatte etwas sehr Besonderes. Und wenn das Schreiben mal nicht lief – was natürlich vorkam –, bin ich stundenlang durch die Stadt gelaufen. Ich beschäftige mich ja viel mit historischen Themen und mit der Frage, wie man Geschichte lebendig erzählen kann. Istanbul eignet sich dafür perfekt, weil man hier permanent durch Geschichte läuft. Allein der Weg von Beyoğlu zum Großen Basar fühlt sich an wie ein Freilichtmuseum. Der Basar existiert seit dem 15. Jahrhundert. Man bewegt sich hier eigentlich ständig durch verschiedene Jahrhunderte zugleich. Das finde ich unglaublich inspirierend.

Sandra: Warum war es dir wichtig, „Drei Frauen träumten vom Sozialismus” zu schreiben – und dich diesen drei Frauen emotional, inhaltlich und kreativ zu nähern?

Carolin: Interessanterweise begann das Buch genau mit dem Beginn der Pandemie. Anfang 2020 hatte ich meine halbe Redakteursstelle aufgegeben, und dann kam plötzlich Corona. Ich dachte damals: Was mache ich jetzt? Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis nach einem Projekt, in das man komplett eintauchen kann. Gemeinsam mit meinem damaligen Verleger hatten wir schon länger darüber gesprochen, dass es spannend wäre, sich einmal nicht dem Ende der DDR zu widmen. Über 1989 und 1990 wurde sehr viel geschrieben. Mich interessierte vielmehr der Anfang: Warum haben so viele Menschen – insbesondere junge Frauen – damals an dieses sozialistische Versprechen geglaubt? Was war diese Euphorie, diese Utopie?

Natürlich hätte man daraus auch einfach eine Familiengeschichte machen können, aber ich wollte mich stärker der Kulturgeschichte der DDR widmen. Und ich wollte bewusst nicht nur eine einzelne berühmte Frau als Symbolfigur herausgreifen. Mich interessierte vielmehr eine ganze Generation von Frauen und die Frage, was diese ersten 25 Jahre DDR für sie bedeuteten. Gerade wenn wir über die DDR sprechen, finde ich bemerkenswert, welche Möglichkeiten junge Frauen dort anfangs hatten, diesen Staat mitzugestalten. Da war tatsächlich ein großes Versprechen von Selbstverwirklichung. 

Relativ schnell war klar, dass Maxi Wander eine zentrale Figur sein würde, weil „Guten Morgen, du Schöne” bei uns zuhause fast so etwas wie eine Familienbibel war. Über sie führte der Weg dann automatisch zu Christa Wolf. Ohne Christa Wolf wäre dieses Buch ohnehin nicht denkbar gewesen. Ursprünglich lautete der Arbeitstitel sogar „Fünf Frauen träumten vom Sozialismus”. Ich dachte zunächst auch an Bettina Wegner oder Sarah Kirsch. Aber irgendwann merkte ich: Drei Frauen sind die richtige Zahl. Ich wollte diese 25 Jahre sehr nah erzählen – aus Küchen, Wohnzimmern und Alltagsmomenten heraus. Bei fünf Figuren wäre das zu unübersichtlich geworden.

Was mich an diesen drei Frauen besonders interessiert hat: Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen in diesen Staat hinein. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, aber ihre Voraussetzungen sind sehr verschieden. Genau das fand ich spannend. Und vielleicht geht es am Ende auch darum zu verstehen, woher unsere Großmütter eigentlich kamen. Diese Generation verschwindet gerade.

Sandra: Was war damals die große Utopie des Sozialismus? Was war das Versprechen?

Carolin: Ich glaube, das wichtigste Versprechen lautete zunächst: Es wird nie wieder so wie früher. Man kann den Glauben an die DDR nur verstehen, wenn man den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg mitdenkt. Christa Wolf wurde 1929 geboren, die anderen beiden drei Jahre später. Sie haben als Kinder oder Jugendliche den Krieg, die Gewalt und das Grauen erlebt. Ich nehme an: Wenn man aus solchen Trümmern kommt, braucht man einen radikalen Gegenentwurf, um überhaupt weitermachen zu können. Christa Wolf hat früh darüber geschrieben. Dieses Versprechen lautete: Jetzt wird alles anders. Jetzt werden wir bessere Menschen. Jetzt wird es Frieden geben. Heute klingt das vielleicht naiv. Aber damals war dieses sozialistische Versprechen extrem attraktiv, gerade weil es maximal weit entfernt schien vom Faschismus. Dazu kam für junge Frauen eben das Versprechen von Selbstverwirklichung: Du kannst hier werden, was du möchtest. Du kannst dieses neue Land mitgestalten. Das muss damals unglaublich aufregend gewesen sein.

Sandra: Konnten die drei Frauen ihr Land tatsächlich mitgestalten?

Carolin: Maxi Wander müssen wir dabei ein bisschen ausnehmen, weil sie Österreicherin war und erst 1958 aus Wien in die DDR kam. Aber bei Christa Wolf und Brigitte Reimann würde ich sagen: Ja, zunächst schon. Christa Wolf etwa hatte das Schreiben anfangs eher als heimlichen Traum. Sie studierte Germanistik, arbeitete als Literaturkritikerin und Lektorin. Mit 27 wurde sie bereits Leiterin des Verlags Neues Leben, einem der größten Verlage der DDR. Wenn man das mit der Bundesrepublik der 1950er Jahre vergleicht, ist das für eine Frau in diesem Alter absolut außergewöhnlich. Sie konnte mitentscheiden, welche Bücher erscheinen, welche Stimmen gehört werden. Das ist echte kulturelle Gestaltungsmacht.

Brigitte Reimann und Christa Wolf schrieben zu Beginn ihrer Karriere durchaus Texte, die sehr stark vom Glauben an diesen Staat geprägt waren. Viele ihrer frühen Bücher erzählen vom Zweiten Weltkrieg und von Menschen, die einen neuen Weg finden. Diese Literatur sollte den Sozialismus mit aufbauen. Deshalb heißt das Buch auch bewusst träumten vom Sozialismus. Denn natürlich bleibt dieser Traum nicht ungebrochen bestehen. Aber in ihren Zwanzigern funktionierte dieses Gefühl von Mitgestaltung tatsächlich.

Sandra: Wann merken die drei Frauen, dass dieser Traum brüchig wird? Wann beginnt die Ernüchterung?

Carolin: Das ist eher ein schleichender Prozess. Bei Christa Wolf und Brigitte Reimann beginnt er spätestens dann, als sie mit der Zensur konfrontiert werden. In den 1960er Jahren wird zunehmend darum gerungen, was geschrieben werden darf und was nicht. Ein entscheidender Moment ist das sogenannte Kahlschlagplenum von 1965, also das elfte Plenum des ZK der SED. Dort wurde die Kulturpolitik massiv verschärft. Künstlerinnen und Künstler bekamen sehr deutlich signalisiert: Ihr dient dem Staat – künstlerische Freiheit hat Grenzen.

Gerade für Christa Wolf und Brigitte Reimann war das ein Schock. Sie mussten sich fragen: Wie können wir überhaupt noch schreiben? Welche Themen sind noch möglich? Und wie befreit man sich innerlich von diesem Druck? Ein weiterer entscheidender Einschnitt war der Prager Frühling 1968 und seine Niederschlagung. In Tagebüchern, Briefen und Gesprächen sprechen alle drei davon, dass der Traum geplatzt sei – oder dass die Idee, an die sie geglaubt hatten, nicht mehr die gleiche war. 

Sandra: Wie gehen die drei Frauen damit um, als sie merken, dass der Traum bröckelt? Sie leben ja weiterhin in diesem System und wollen gleichzeitig weiter schreiben und veröffentlichen.

Carolin: Das ist bei allen dreien unterschiedlich, und gerade deshalb so spannend. Bei Christa Wolf etwa führt das sogenannte Kahlschlagplenum 1965 zu einer tiefen inneren Krise. Sie fällt regelrecht in eine Depression und beginnt eine Therapie. Woche für Woche spricht sie mit einem Psychologen darüber, wie sie damit umgehen kann, dass ihr eigenes Innenleben und die politische Realität dieses Staates immer weniger zusammenpassen.

Christa Wolf wird oft als sehr strenge, fast unnahbare Figur wahrgenommen. Tatsächlich beginnt sie damals aber vor allem, sich selbst infrage zu stellen. Sie fragt sich: Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Warum kann ich diese politische Entwicklung nicht mittragen? Heute würden wir ihr vermutlich eher sagen: Nicht du bist falsch, sondern das System, das dich daran hindert, so zu leben und zu schreiben, wie du möchtest. Aber damals richtet sich diese Verunsicherung zunächst nach innen. Das ist natürlich ein unglaublich anstrengender und ambivalenter Prozess. Denn ein repressives System bleibt repressiv – egal, wie sehr man versucht, sich selbst anzupassen. Irgendwann bleibt nur noch der Rückzug oder die innere Emigration. Und genau das passiert bei Christa Wolf ab Ende der 1960er Jahre. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard Wolf kauft sie ein Haus in Mecklenburg, zieht sich zunehmend aufs Land zurück und versucht, sich dort einen eigenen geistigen Raum zu bewahren.

Auch literarisch verändert sich ihr Schreiben in dieser Zeit stark. Es entstehen Bücher wie „Nachdenken über Christa T.”, für mich eines ihrer schönsten und empfindsamsten Werke. Darin geht es genau um diese Frage: Wie findet man als Frau und als Mensch ein eigenes Leben, wenn man in der Gesellschaft keinen wirklichen Platz mehr findet? Ihre Antwort lautet letztlich: weiterschreiben – aber anders.

Bei Brigitte Reimann verläuft dieser Prozess ähnlich, allerdings kommt bei ihr noch die Krankheit hinzu. Ende der 1960er Jahre erhält sie die Diagnose Brustkrebs. Später werden Metastasen in der Wirbelsäule festgestellt. Ich glaube schon, dass sich diese politischen und gesellschaftlichen Spannungen auch körperlich eingeschrieben haben. Bei allen dreien wird der weibliche Körper auf eine gewisse Weise zur Kampfzone – mental, emotional und eben auch ganz real körperlich.

Brigitte Reimann wird nicht mehr gesund. Nach der Diagnose versucht sie vor allem noch, ihren Roman „Franziska Linkerhand” zu vollenden. Für den permanenten Kampf mit dem Staat bleibt irgendwann kaum noch Kraft. Sie stirbt 1973.

Bei Maxi Wander zeigt sich ein anderer Umgang mit dieser politischen Ernüchterung. Sie richtet den Blick stärker auf die Menschen selbst, vor allem auf Frauen. Maxi Wander schrieb ohnehin schon immer obsessiv Briefe und Tagebücher – manchmal bis zu fünfzehn Briefe am Tag an Freundinnen, Freunde oder ihre Familie in Wien. Anfang der 1970er Jahre beginnt sie dann mit den Recherchen für „Guten Morgen, du Schöne”. Sie reist durch die gesamte DDR und spricht mit Frauen aller Generationen – von Teenagerinnen bis zu alten Damen. Und damit öffnet sie plötzlich einen Raum, der gar nicht unmittelbar politisch ist. Es geht um Wünsche, Sehnsüchte, Liebe, Sexualität, Alltag, Frustrationen. Um die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Das war etwas völlig Neues.

Der große Unterschied bei Maxi Wander war natürlich: Sie war Österreicherin. Sie konnte reisen. Sie konnte nach London, Paris oder Wien fahren und sich damit reale Freiräume schaffen – nicht nur gedachte oder erträumte. Das machte ihre Situation fundamental anders als die von Christa Wolf oder Brigitte Reimann. Interessant war für mich während der Recherche auch die Frage: Wo endet diese Geschichte eigentlich? Und irgendwann wurde mir klar, dass sie ein ganz natürliches Ende hat.

Brigitte Reimann und Maxi Wander waren zwar nicht eng miteinander befreundet, aber Christa Wolf war gewissermaßen das Zentrum dieses Trios. Beide verband eine sehr enge Freundschaft mit ihr – und Christa Wolf begleitet schließlich auch beide beim Sterben. 1976 erhält dann auch Maxi Wander die Diagnose Brustkrebs. Ein Jahr später stirbt sie. Und damit endet für mich auch diese gemeinsame Utopie dieser drei Frauen. Am Ende bleibt nur noch Christa Wolf zurück. Interessant ist dabei natürlich, dass wir historisch oft sagen: 1976 oder 1977 beginnt mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns der Anfang vom Ende der DDR. Aber eigentlich hatte dieses Ende längst viel früher begonnen.

Sandra: Wie reagieren die Menschen auf dein Buch – bei Lesungen oder in Rezensionen?

Carolin: Man weiß ja nie, was mit einem Buch passiert, wenn es erscheint. Deshalb war ich wirklich überwältigt und auch sehr gerührt von der Resonanz. Die meisten Rezensionen waren sehr positiv. Besonders berührt haben mich aber die Lesungen. Dort saßen vor allem Frauen – was ohnehin oft so ist, weil Frauen nach wie vor die meisten Bücher lesen, verschenken und Lesungen besuchen. Aber bei diesem Buch waren besonders viele Frauen aus der Generation meiner Mutter und Großmutter dabei, also Frauen, die zwischen den 1930er- und 1970er-Jahren geboren wurden. Und viele Frauen zwischen 70 und 80 kamen nach den Veranstaltungen zu mir und sagten Dinge, die mich tief bewegt haben.

Eine sagte zum Beispiel: „Als die Mauer fiel, dachte ich, ich dürfte diese Schriftstellerinnen nicht mehr lieben. Dieses Land war falsch – also war vielleicht auch seine Literatur falsch. Und jetzt erinnert mich dein Buch daran, dass ich diese Frauen doch weiterhin lieben darf.“

Diesen Satz habe ich in unterschiedlichen Varianten immer wieder gehört.

Mir hat das noch einmal gezeigt, wie viel kulturell nach 1989 verloren gegangen ist. Es war, als hätte man die DDR-Kultur in eine Kiste gepackt, den Deckel zugemacht und gesagt: Das brauchen wir jetzt nicht mehr. Dabei steckt darin so viel literarische und kulturelle Kraft. Und vielleicht geht es genau darum: diese Kiste wieder zu öffnen und zu sagen, dass diese Erinnerung wichtig ist. Für mich gehören Christa Wolf, Brigitte Reimann und Maxi Wander nicht nur zur ostdeutschen Literaturgeschichte, sondern unbedingt in den gesamtdeutschen und europäischen Literaturkanon des 20. Jahrhunderts. Dass Brigitte Reimanns Bücher inzwischen wieder ins Englische übersetzt werden, zeigt ja auch: Diese Literatur ist nicht nur für die DDR interessant, sondern für die Weltliteratur.

Sandra: Wenn wir im Ost-West-Kontext bleiben: Lesen auch westdeutsche Frauen dein Buch?

Carolin: Ja, auf jeden Fall – auch wenn ich deutlich mehr Lesungen im Osten hatte. Ich glaube, ich war mit dem Buch über 50 Mal unterwegs, und der Großteil dieser Veranstaltungen fand in Ostdeutschland statt. Aber ich erinnere mich etwa an eine frühe Lesung in Hamburg, bei der mir viele westdeutsche Frauen erzählt haben, dass sie Maxi Wander schon in den 1970er Jahren gelesen hätten. „Guten Morgen, du Schöne” war eben nicht nur in der DDR ein Bestseller, sondern auch in Westdeutschland. Gerade Frauen aus der feministischen Bewegung der 1970er Jahre lasen Christa Wolf, Brigitte Reimann und Maxi Wander intensiv. Und viele hatten damals tatsächlich das Gefühl: In bestimmten feministischen Fragen sind uns die Ostfrauen voraus. Das hatte natürlich reale Gründe. Wenn man sich die Lebensrealitäten von Frauen in den 1970er Jahren in der BRD und in der DDR anschaut, waren das zum Teil völlig unterschiedliche Welten. Frauen in Westdeutschland kämpften noch um grundlegende Rechte – etwa um das Recht auf Abtreibung oder darum, ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten oder ein eigenes Konto eröffnen zu dürfen.

In der DDR waren Ende der 1980er Jahre über 90 Prozent der Frauen berufstätig. Das ist eine enorme Zahl. Natürlich bedeutete das oft eine massive Doppelbelastung. Auch wenn offiziell Gleichberechtigung propagiert wurde, blieb die Hausarbeit meist an den Frauen hängen. Sie kümmerten sich um Kinder, Haushalt und Familie – zusätzlich zur Arbeit. Aber sie hatten eigenes Geld, Zugang zu Kinderbetreuung und damit eine wirtschaftliche Unabhängigkeit, die Frauen in Westdeutschland lange nicht hatten. Und das machte auch Scheidungen einfacher. Viele Frauen mussten nicht überlegen: Wie soll ich ohne Mann finanziell überleben? Diese Frage stellte sich in der Bundesrepublik viel stärker als in der DDR. 

Sandra: Bisher war es mir noch gar nicht so bewusst: dass feministische Frauen in Westdeutschland auf Frauen in der DDR geschaut und gedacht haben, sie seien in bestimmten Fragen schon weiter. Wie würdest du das formulieren?

Carolin: Reden wir über damals oder heute?

Sandra: Gedanklich war ich schon im Hier und Jetzt – aber wahrscheinlich hängt beides sowieso zusammen.

Carolin: Ja, total. Ich habe vor ein paar Wochen einen alten Clip von Christa Wolf aus den frühen 1990er Jahren gesehen. Darin beschreibt sie, wie erschrocken sie darüber war, wie sie plötzlich im Westen behandelt wurde – vor allem im Umgang mit westdeutschen Männern. Sie sagt dort sinngemäß: Plötzlich habe ich wieder stärker das Gefühl, „eine Frau“ zu sein und auf dieses Frausein reduziert zu werden. Dieses Gefühl kannte sie aus der DDR so nicht. Ich glaube tatsächlich, dass mit 1990 in Fragen der Gleichberechtigung Dinge verloren gegangen oder zurückgedreht worden sind. Meine Großmutter sagt das bis heute.

Vieles, was für die Generation Christa Wolf, Brigitte Reimann oder Maxi Wander selbstverständlich war, war nach der Wiedervereinigung plötzlich eben nicht mehr selbstverständlich. Wir diskutieren bis heute über den Abtreibungsparagrafen. Gleichzeitig arbeiten heute wieder viele Frauen in Teilzeit und sind dadurch finanziell abhängig von ihren Partnern oder Ehemännern, die häufig die Hauptverdiener bleiben.

Ostfrauen hatten da oft ein anderes Selbstverständnis. Ich frage mich manchmal wirklich, wie schräg es gewesen sein muss, Anfang der 1990er Jahre durch dieses neue, wiedervereinigte Deutschland zu laufen und bei bestimmten Themen das Gefühl zu haben: Wir bewegen uns plötzlich wieder rückwärts. Natürlich hätte sich damals wahrscheinlich kaum eine der drei Frauen offen als Feministin bezeichnet. Das war kein geläufiger Begriff in ihrem Sprachgebrauch.Aber natürlich waren sie Feministinnen. Das sieht man übrigens auch an jemandem wie Angela Merkel. Sie hat sich jahrzehntelang nie ausdrücklich als Feministin bezeichnet. Erst heute tut sie das in Interviews ganz selbstverständlich. Und ich glaube nicht, dass das einfach nur daran liegt, dass der Begriff inzwischen gesellschaftlich akzeptierter oder „schick“ geworden ist. Es zeigt vielmehr, wie stark Sprache davon abhängt, in welchem politischen und kulturellen Raum man sich bewegt. Heute sprechen wir wieder viel stärker über Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, weil diese Fragen wieder dringlicher geworden sind.

Wenn wir beide dieses Gespräch vor fünf Jahren geführt hätten, wäre ich wahrscheinlich noch deutlich optimistischer gewesen, was feministische Entwicklungen angeht. Im Moment erleben wir dagegen einen massiven Backlash. Vieles von dem, was etwa die #metoo-Bewegung angestoßen hat, scheint plötzlich wieder infrage gestellt oder sogar lächerlich gemacht zu werden. Gleichzeitig gibt es eine enorme Wut und ein starkes Bedürfnis, sich gegen diese Entwicklungen zu wehren. Ich habe dabei allerdings nicht das Gefühl, dass wir einfach „zurückgehen“. Vielmehr arbeiten wir uns erneut an einem Patriarchat ab, das gerade wieder unglaublich brutal sichtbar wird – brutaler und widerlicher, als ich es persönlich lange erlebt habe.

Man müsste eigentlich die älteren Ostfrauen heute dazu befragen. Ich würde wahnsinnig gern Christa Wolf hier sitzen haben und sie fragen: „Was denkst du eigentlich über diese Gegenwart?“ Ich glaube, sie hätte oft das Gefühl, in der falschen Welt gelandet zu sein.

Sandra: Feminismus ist heute für viele ein Triggerwort. Und wenn man Feminismus dann noch mit Ostdeutschland zusammendenkt, wird es oft noch „komplizierter“. Wie passt das für dich zusammen?

Carolin: Man könnte natürlich sagen: Wer das Wort „Feministin“ nicht benutzt, ist vielleicht auch keine. Aber das glaube ich überhaupt nicht. Gerade im Austausch mit westdeutschen Freundinnen merke ich immer wieder, wie unterschiedlich viele von uns sozialisiert wurden.

Für mich war es zum Beispiel vollkommen selbstverständlich, dass meine Mutter arbeitet. Ich war sogar stolz darauf, dass sie berufstätig war. Auch meine Großmütter haben uns zu selbstbewussten, lauten Frauen erzogen. Mit einem klaren Gefühl dafür, dass man Ungerechtigkeiten benennen soll, sich nicht von Männern abhängig machen darf und seinen eigenen Weg finden muss. Uns wurde mitgegeben: Such dir einen Beruf, der dich erfüllt. Verdiene dein eigenes Geld. Sorge dafür, dass du unabhängig bist.

Natürlich steckt darin auch Druck. Die ostdeutsche Frau ist oft diejenige, die alles alleine schafft, sich durchkämpft und niemanden braucht. Wenn man länger darüber nachdenkt, ist das natürlich nicht immer gesund. Manchmal möchte man sich ja auch fallen lassen können. Aber dieses Kämpferische, dieses direkte und klare Sprechen, die Selbstverständlichkeit, ein Recht auf eigene Entscheidungen zu haben – das wurde vielen von uns von unseren Müttern und Großmüttern mitgegeben. Das betrifft ganz konkrete Dinge: das Recht auf Arbeit, auf Scheidung, auf finanzielle Unabhängigkeit oder auch die Entscheidung, ob man Kinder haben möchte oder nicht. Und ich finde, man spürt das bis heute.

Brauchen wir also das Wort Feminismus? Ja, ich finde schon. Wenn es Begriffe gibt, die genau beschreiben, worum es geht, dann sollten wir sie auch benutzen. Sind viele ostdeutsche Frauen Feministinnen, auch wenn viele den Begriff früher nicht verwendet haben? Ja, absolut. 

Sandra: Wie prägend war dein Aufwachsen für deinen Weg zur Autorin und Journalistin?

Carolin: Ich bin die ersten Jahre gemeinsam mit meiner Mutter bei meinen Großeltern in Leipzig aufgewachsen. Meine Großmutter hat wahnsinnig viel gelesen. Das war während der Recherche zu „Drei Frauen träumten vom Sozialismus” besonders schön, weil sich herausstellte, dass viele Bücher von Christa Wolf, Brigitte Reimann oder Maxi Wander längst in ihrer Bibliothek standen. Meine Mutter hat mir später sogar eine ganze Kiste mit den Büchern meiner Großmutter gepackt. Lesen spielte in unserer Familie also eine große Rolle. Meine Großmutter hat mir unglaublich viele Gedichte vorgelesen, und als meine Mutter und ich später in einen Neubau zogen, habe ich trotzdem fast jede Sommerferienzeit wieder bei ihr verbracht. Wir haben dort gemeinsam kleine Geschichten geschrieben. Meine Großmutter wollte immer, dass ich Briefe an meine Mutter verfasse. Schreiben gehörte dadurch ganz selbstverständlich zum Alltag.

Mein Großvater wiederum war ein sehr geschichtsinteressierter Mensch und hat mir ständig Geschichten erzählt. Wahrscheinlich hat sich daraus irgendwann diese Verbindung ergeben: Literatur und Geschichte. Trotzdem hatte das Schreiben für mich lange etwas Vermessenes. Vielleicht ging es mir da ein bisschen wie Christa Wolf. In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, wirkte der Beruf „Schriftstellerin“ fast wie etwas Überhebliches oder etwas, das außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegt.

Und ich glaube, das hat auch mit einer ostdeutschen Prägung zu tun, über die wir bisher noch gar nicht gesprochen haben: diesem starken Kollektivgedanken. Also eher nicht auffallen wollen. Sich nicht zu wichtig nehmen. In Gemeinschaft denken. Den anderen dienen. Ein Beruf wie Autorin oder Schriftstellerin hat dagegen zwangsläufig etwas sehr Eigenes, Individuelles, vielleicht sogar etwas Aus-der-Reihe-Tanzendes. Deshalb habe ich nach dem Abitur zunächst Geschichte studiert. Ich dachte: Dann gehe ich eben in die Wissenschaft. Mich hat Geschichte immer fasziniert – egal ob Mittelalter oder 20. Jahrhundert. Ich wollte immer wissen: Wie war das damals eigentlich wirklich? Der Weg zum Schreiben war deshalb eher ein langsames Herantasten. Ich musste mir erst erlauben zu sagen: Ich möchte das wirklich. Erst nach dem Studium habe ich begonnen, journalistisch zu schreiben. Und über den Journalismus bin ich schließlich zu den Büchern gekommen. Dieses Gefühl von „Darf ich das überhaupt?“ oder „Darf ich so sichtbar sein?“ hat für mich schon auch etwas mit dem Erbe der DDR zu tun.

Sandra: Ich frage mich dabei: Würden Männer sich das eher zutrauen? Also Ostmänner oder Westmänner? Hat dieses Zögern etwas mit deiner ostdeutschen Prägung zu tun – oder auch damit, dass du eine Frau bist?

Carolin: Ich glaube tatsächlich, dass viele ostdeutsche Männer dieses Gefühl ebenfalls kennen. Natürlich ist immer die Frage: Was kommt aus der eigenen Persönlichkeit, was aus der Familie, was aus gesellschaftlicher Prägung? Aber dieses Thema Selbstbewusstsein, sich Raum nehmen, sich sichtbar machen – das war im Osten schon anders sozialisiert.

Wir kennen ja alle diese Ost-West-Witze aus den 1990er Jahren. Etwa den Spruch: „Warum machen Westdeutsche 13 Schuljahre? Weil das 13. Schauspielunterricht ist.“ Dahinter steckt natürlich ein bestimmtes Klischee über westdeutsche Selbstverständlichkeit und westdeutsches Auftreten. Dieses Gefühl von „Ich darf etwas wollen“ oder „Ich nehme mir jetzt diesen Raum“ – ich glaube, da unterscheiden sich ostdeutsche Männer und Frauen gar nicht so stark. Auch viele ostdeutsche Männer meiner Generation mussten das erst lernen.

Und wahrscheinlich fiel es uns noch leichter als unseren Eltern. Denn die waren in den 1990er Jahren erst einmal damit beschäftigt, überhaupt in diesem neuen System anzukommen. Wenn dir permanent vermittelt wird: Ihr kommt aus dem falschen Land, das, was ihr gemacht habt, war nichts wert – dann macht das natürlich etwas mit Menschen. Ich war damals noch klein, aber dieses diffuse Gefühl, auf der Verliererseite zu stehen, lag schon über vielen Familien. Und selbst wenn das nur unterschwellig spürbar war, prägt es natürlich. Sich den Raum zu nehmen, der einem eigentlich zusteht, dauert dann länger. Das betrifft ja nicht nur einzelne Menschen, sondern auch den Umgang mit ostdeutscher Geschichte insgesamt. Du und ich führen dieses Gespräch im Jahr 2026. 1995 hätten wir es nicht geführt. Wahrscheinlich auch 2005 noch nicht. Es mussten erst 35 Jahre vergehen, bis wir sagen konnten: Ja, wir haben das Recht, über diese Erfahrungen zu sprechen. Ja, diese Geschichten sind wichtig. Und ja, sie haben nicht nur eine Generation geprägt, sondern mehrere.

Sandra: Ich hatte vor Kurzem ein ähnliches Gespräch. Da sagte jemand zu mir: „Sobald ich erzähle, dass ich aus dem Osten komme, heißt es sofort: Das war eine Diktatur, ein Unrechtsstaat – Thema beendet.“ Und damit gibt es keinen Raum mehr für Gespräche darüber, wie Menschen tatsächlich gelebt haben. Dabei hatten die Leute trotzdem ein Leben, Familien, Alltag, Beziehungen. Meine Gesprächspartnerin sagte sogar: „Uns wurde dadurch auch ein Teil unserer Identität gestohlen.“ Würdest du das so sehen?

Carolin: Ich würde vielleicht nicht sagen, dass die Identität gestohlen wurde, aber ihr wurde lange kein Platz eingeräumt. Die entscheidende Frage ist ja immer: Wer darf eigentlich über wen sprechen? Wer erzählt die Geschichte? Sehr lange war es so, dass vor allem der Westen über den Osten gesprochen hat – während Ostdeutsche selbst erst einmal beweisen mussten, ob sie überhaupt „die richtigen“ Personen sind, um über die DDR zu reden. Wie staatsnah war jemand? Was hat diese Person damals gemacht? Darf sie überhaupt sprechen? Es ging also immer auch um die Deutungshoheit über die DDR und über die Nachwendezeit. Und ich glaube, viele ostdeutsche Erfahrungen wurden dadurch in einen sehr engen Raum gedrängt.

Was mich heute freut, ist, dass wir inzwischen differenzierter sprechen können. Wir können sagen: Ja, die DDR war eine Diktatur. Und gleichzeitig können wir über Alltag, Familien, Freundschaften oder Literatur sprechen. Beides kann nebeneinander existieren. Es bedeutet nicht, Repression zu relativieren. Aber Geschichte besteht eben nie aus nur einer einzigen Farbe. Das ist auch der Grund, warum ich mich so für historische Stoffe interessiere. Eine der ersten Lektionen im Geschichtsstudium war für mich die Frage: Wer erzählt eigentlich Geschichte?

Nehmen wir das Mittelalter. Die meisten Quellen stammen von Männern aus der Kirche, weil sie lesen und schreiben konnten. Das bedeutet automatisch, dass wir die Vergangenheit durch ein sehr bestimmtes Prisma betrachten. Und genau so war es lange auch mit der DDR-Geschichte. Es wurde nur ein kleiner Ausschnitt beleuchtet. Mich interessiert dagegen: Welche Stimmen fehlen noch? Wen haben wir bisher nicht gefragt? Wie können wir diesen Raum größer machen?

Und auch persönlich musste ich erst lernen, mit meiner ostdeutschen Identität umzugehen.

Verstanden habe ich mein Ostdeutschsein eigentlich erst, als ich nach Berlin zog und an der FU studierte. Vorher spielte das für mich gar keine große Rolle. Plötzlich war ich dort eine der wenigen Ostdeutschen. Und auf einmal kamen diese ganzen Klischees: „Ihr hattet doch keine Bananen“, „keine Schokolade“, all diese absurden Dinge. Oder die alten Stereotype über Ostfrauen: freizügig, ständig nackt an der Ostsee. Selbst Begriffe wie „Ossi-Schlampe“ habe ich damals noch gehört. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich davon innerlich emanzipieren konnte und nicht mehr dachte, dass daran vielleicht etwas Beschämendes ist. Irgendwann kam stattdessen eher die Frage: Was stimmt eigentlich mit euch nicht, dass ihr so über Menschen sprecht?

Sandra: Du bist selbst Journalistin und schreibst für große Medienhäuser. Hat sich dort inzwischen etwas verändert? Wer erzählt heute ostdeutsche Geschichten – in Zeitungen, im Fernsehen oder auf Bühnen?

Carolin: Ja, da hat sich in den letzten Jahren tatsächlich viel verändert. Als ich angefangen habe, journalistisch zu arbeiten – etwa während meiner Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung –, spielte Ostdeutschland in vielen großen Redaktionen kaum eine Rolle. Es gab nur wenige ostdeutsche Journalistinnen und Journalisten, erst recht in Führungspositionen. Und wenn über Ostdeutschland berichtet wurde, dann oft über Neonazis, Baseballschlägerjahre oder andere negative Zuschreibungen. Ostdeutscher Alltag oder komplexe Lebensgeschichten kamen kaum vor. Das hat sich verändert – auch weil inzwischen mehr Journalistinnen und Journalisten meiner Generation in große Redaktionen gekommen sind. Als ich später zur Wochenzeitung Die Zeit kam, begannen wir plötzlich, diese Fragen auch untereinander zu diskutieren: Welche Geschichten fehlen eigentlich noch? Welche Perspektiven wurden nie erzählt? Das musste sich wirklich erst entwickeln.

Und auch im Fernsehen oder in Filmprojekten merkt man inzwischen ein Umdenken. Ich arbeite gelegentlich als Beraterin für Serien- oder Filmstoffe und erlebe dort, dass Sender inzwischen ganz bewusst sagen: Wir brauchen Geschichten über Ostdeutschland – aber jenseits der üblichen Klischees. Früher wurden vor allem Stasi-Geschichten erzählt. Heute versteht man langsam, dass es noch sehr viel mehr gibt.

Ähnlich ist es auf Bühnen oder Podien. Dort hat sich parallel eine größere Sensibilität dafür entwickelt, wer überhaupt spricht. Es reicht eben nicht mehr, ausschließlich weiße westdeutsche Perspektiven einzuladen. Wenn über Ostdeutschland gesprochen wird, sollten auch ostdeutsche Stimmen vorkommen. Und selbst innerhalb ostdeutscher Erfahrungen gibt es enorme Unterschiede – etwa zwischen sogenannten Vertragsarbeiterinnen, Gaststudierenden oder verschiedenen Generationen. Diese Vielfalt wird gerade erst langsam sichtbar.

Sandra: Magst du noch kurz erzählen, worum es in deinem Buch „Zuhause ist das Wetter unzuverlässig” geht?

Carolin: Das ist mein drittes Buch – diesmal ein Roman und kein Sachbuch. Im Kern ist es eine Familiengeschichte und es geht um die Frage: Welche Muster werden eigentlich über Generationen hinweg weitergegeben? Und können wir uns davon befreien? Auch dieses Buch erzählt eine ostdeutsche Geschichte. Es beginnt bei der Urgroßmutter und verfolgt dann mehrere Generationen von Frauen bis in die Gegenwart. Es geht darum, wie gesellschaftliche Verhältnisse, familiäre Strukturen und bestimmte Rollenbilder Frauen geprägt haben – und wie schwierig es oft ist, sich daraus zu lösen.

Das Buch hat zwei Erzählebenen. Zum einen gibt es eine Tagebucherzählerin in der Gegenwart, die ziemlich wütend, unruhig und erratisch wirkt. Man fragt sich die ganze Zeit: Was ist eigentlich mit ihr los? Warum musste sie weg? Wonach sucht sie? Parallel dazu entfalten sich die Geschichten ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter. Und langsam versteht man, welche Erfahrungen und Prägungen in dieser Figur weiterleben. Vielleicht ist das Buch auch ein Versuch, über transgenerationale Traumata in ostdeutschen Familien zu erzählen.

Carolin Würfel, geboren in Leipzig, ist studierte Historikerin und arbeitet als Journalistin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie lebt in Berlin und Istanbul und schreibt über Ostdeutschland, Leben zwischen den Systemen und wie weibliche Biografien Geschichte neu erzählen können. 2022 erschien von ihr „Drei Frauen träumten vom Sozialismus“. Zuletzt der 2025 für den lit.COLOGNE-Debütpreis nominierte Roman „Zuhause ist das Wetter unzuverlässig“.

Foto: Erdem Varol