ANNA R.

„Liebe ist alles“

von Schwarwel

Illustration: Schwarwel

AnNa R. war eine der prägendsten Stimmen des deutschen Pop der Transformationszeit. Als Sängerin des Duos Rosenstolz wurde sie gemeinsam mit Peter Plate berühmt, später gründete sie die Band Gleis 8, war von 2019 bis 2022 Sängerin der Band Silly und arbeitete bis zu ihrem frühen Tod 2025 als Solokünstlerin und Texterin. Doch ihre Bedeutung geht über ihre Musik hinaus: Sie war eine Ost-Berlinerin, die nach der deutschen Einheit zu einer wichtigen Stimme für Liebe, Selbstbestimmung und die queere Community Berlins und der Bundesrepublik wurde.

AnNa R. wurde 1969 als Andrea Rosenbaum in Berlin-Friedrichshain im Ostteil der Stadt geboren. Schon früh wollte sie Sängerin werden, doch der Weg dorthin war in der DDR nicht einfach. Durch ihre kritischen Texte stieß sie immer wieder auf Schwierigkeiten. Dennoch gelang es ihr 1981, zur Eröffnung des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain zu singen. 

Nach der Schule begann AnNa R. eine Ausbildung zur Chemielaborantin und bewarb sich daneben an der Musikschule Friedrichshain, wo sie jedoch abgelehnt wurde. Nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss arbeitete sie an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nebenher managte sie die Rap-Gruppe Eastside Attacks (später Down Town Lyrics), die sich aus Teilen ihrer Jugendclique geformt hatte. Mit ihrer Arbeit unzufrieden nahm sie weiter Gesangsunterricht und arbeitete zeitweise als ungelernte Musikalienhändlerin.

Ihre musikalischen Ambitionen ließ sich AnNa R. allen Widernissen zum Trotz nicht nehmen und nach dem Ende der DDR eröffnete sich für sie eine neue Möglichkeit: 1991 lernte sie den zu dieser Zeit in Westberlin lebenden Peter Plate kennen und noch im selben Jahr gründeten die beiden ihr Duo Rosenstolz.

Die Anfänge waren bescheiden. Ihr erstes Konzert gaben Rosenstolz im Oktober 1991 in der Berliner Galerie Bellevue vor knapp 30 Zuschauern, 1992 mussten sie sich noch im Berliner SchwuZ ausbuhen lassen, doch sie blieben dran und veröffentlichten im gleichen Jahr ihr erstes Album „Soubrette werd’ ich nie“. Rosenstolz bewegten sich dabei zwischen Pop, Chanson und Rock und wurden zu Beginn besonders in der queeren Szene Berlins bekannt. In ihren Liedern spielten sie mit Geschlechterrollen, Liebe und gesellschaftlichen Erwartungen, und mit der Zeit wurde aus dem Szene-Duo eine der erfolgreichsten deutschen Popgruppen. Mehrere ihrer zwölf Alben erreichten Platz eins der deutschen Charts, „Das große Leben“ von 2006 wurde zu einem ihrer größten Erfolge. Dabei blieb ein wesentlicher Teil der frühen Haltung erhalten: Rosenstolz machte Liebe und Begehren sichtbar, ohne sie in ein enges heterosexuelles Normbild zu pressen. Gerade für viele Menschen aus der LGBTQ+Community wurde die Band deshalb zu einer wichtigen musikalischen Begleiterin.

AnNa R. und Peter Plate beließen es nicht bei Liedern, denn seit den frühen 1990er Jahren setzten sich die beiden für Menschen mit HIV und AIDS ein. Rosenstolz sammelten auf ihren Konzerten Spenden und veranstalteten Benefizkonzerte, AnNa R. war zudem Gründungsmitglied des Kuratoriums der Berliner Aids-Hilfe. 2011 erhielten AnNa R. und Peter Plate das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihr ehrenamtliches Engagement im Kampf gegen HIV und AIDS.

AnNa R. verband ihre persönliche Haltung mit gesellschaftlichem Einsatz. Liebe, Solidarität und die Freiheit, das eigene Leben selbst zu bestimmen, waren für sie keine abstrakten Begriffe. Auch später blieb sie politisch aufmerksam. Auf ihrem 2023er Soloalbum „König:in“ setzte sie sich in ihren Liedtexten unter anderem mit Liebe, Gesellschaft, Politik und Feminismus auseinander. Kurz vor ihrem Tod wurde sie zur Joseph-Breitbach-Poetikdozentin für 2025 ernannt.

Die Geschichte von AnNa R. erzählt von einem kulturellen Neubeginn nach dem Mauerfall 1989. Als junge Frau in der DDR hatte sie kaum Möglichkeiten, ihren Berufswunsch als Sängerin zu verwirklichen, nach der deutschen Einheit konnte sie ihre eigene musikalische Sprache entwickeln – und wurde mit dieser Sprache schließlich bundesweit erfolgreich. Wobei ihre ostdeutsche Herkunft nicht einfach verschwand, denn diese blieb Teil ihrer Biografie, ohne ihre spätere Karriere darauf reduzieren zu lassen. Ihre Geschichte steht für eine Generation ostdeutscher Frauen, die nach 1989 nicht nur mit dem Verlust des Vertrauten umgehen mussten, sondern auch neue kulturelle Räume für sich und für andere eroberten und Sichtbarkeit für ihre Themen schufen.

Im März 2025 starb AnNa R. überraschend im Alter von nur 55 Jahren. Sie hinterließ ein musikalisches Werk, das Generationen von Menschen begleitet und bewegt hat. Sie war Sängerin, Texterin und Künstlerin – und dabei eine Frau, die sich nicht vorschreiben ließ, wie Liebe, Beziehungen und Leben auszusehen haben. AnNa R. musste keine großen politischen Reden halten, um gesellschaftlich etwas zu verändern. Sie machte Vielfalt hörbar und sie sang über Liebe, ohne sie zu normieren. Sie stand für Menschen ein, deren Lebensweisen lange ausgegrenzt, tabuisiert oder unter Strafe gestellt wurden. Und sie zeigte, dass eine Frau im vereinten Deutschland ihre eigene Stimme finden und damit ein Millionenpublikum erreichen konnte. AnNa R. steht für den Mut, einfach man selbst zu sein:

„Ich bin ich (Wir sind wir)“