FILM: EIN NEUES BILD DES OSTENS

von Lars Tunçay

Filmbild aus „Geschwister – Ein letzter Wunsch“ © Schwarwel, Glücklicher Montag und MDR. Alle Rechte vorbehalten.

Neue weibliche Stimmen im Kino: Seit einigen Jahren erzählen junge ostdeutsche Filmemacherinnen ihre Geschichten. Sie alle sind dritte Generation Ost, ostdeutsche Wendekinder, in den 1980er und 1990er Jahren geboren. Sie lassen ihre eigenen Erfahrungen in ihre Drehbücher einfließen und reflektieren die ihrer Eltern. So entsteht ein neues Bild des Ostens.

Eigentlich wollten sie nach Malle, aber die Pandemie kam dazwischen. Also reisen Michaela und ihre erwachsene Tochter Karo nach Rügen. Der Urlaub wird zum Versuch einer Annäherung der beiden Frauen, die nicht wirklich miteinander reden können. Die Abwesenheit des Vaters bestimmt auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Die Familienkonstellation in „Sprich mit mir“, dem Regiedebüt von Janin Halisch, ist typisch für viele der verhandelten Ostbiographien junger Regisseurinnen. Wie ihre Protagonistinnen sind viele von ihnen Scheidungskinder. Die Väter waren oft abwesend. So waren die Töchter oft auch Partnerersatz. Auch die Filmemacherin Annika Pinske ist ohne Vater groß geworden. „Deshalb komme ich gar nicht auf die Idee, Mutter-Vater-Kind zu erzählen, auch schon in meinen Kurzfilmen.“

Die Beziehungen der Töchter zu ihren Müttern stehen oft im Mittelpunkt der Erzählungen. Während die Ostväter mit dem Umbruch in den Neunzigern mehr zu hadern hatten, kamen die Frauen damit meist besser klar, suchten sich einen neuen Job und neue Freiräume. Die Kinder waren auf sich allein gestellt. „Ich hab meine Eltern eigentlich nicht mehr gesehen, seit ich acht Jahre alt bin“, sagt Janin Halisch. „Meine Mutter hat nur gearbeitet und mein Vater hat irgendwie geschaut, wie er damit klar kam. Die Frauen waren emanzipierter, hatten eine Lehre, ihr eigenes Geld. Aber sie hatten auch die Care-Arbeit. Sie waren zwar emanzipiert, haben das aber trotzdem übernommen.“ Hier unterscheiden sich die Biographien von den Frauen in Westdeutschland, wo die klassische Hausfrau ein weit verbreitetes Bild war, während die Frauen im Osten meist werktätig waren. Selbst in Berlin, wo sie so nah beieinander lebten, waren die Unterschiede deutlich, sagt Halisch. „Diese Power, die kenne ich so nur von Ostfrauen.“

Die Frauen in der DDR haben auch Annika Pinske fasziniert. „Diese Doppelbelastung, das Weggehen nach der Wende, das Starkseinmüssen beruflich, familiär. Auch Scheidungen waren viel gängiger in der DDR und es war ganz klar, die Kinder blieben bei der Mutter. Es gibt wenige Beispiele, wo die Frau einfach gegangen ist.“ Pinkse verspürt das Bedürfnis, die Frauen in ihrer Familie unter die Lupe zu nehmen. „Was macht das mit mir als berufstätige Frau und Mutter? Was trägt man alles mit, wo grenzt man sich ab?“

Im Mittelpunkt ihres Spielfilmdebüts „Alle reden übers Wetter“ steht die fast 40-jährige Clara, die als Philosophiedozentin und Doktorandin in Berlin lebt. Sie hat ihre ostdeutsche Heimat hinter sich gelassen und bewegt sich inzwischen in akademischen Kreisen. Als sie zum 60. Geburtstag ihrer Mutter in ihr Heimatdorf in Mecklenburg-Vorpommern zurückkehrt, wird ihr bewusst, wie sehr sie sich von ihrer Familie und ihren Wurzeln entfernt hat. Zwischen den Erwartungen ihrer Familie, den Konflikten ihres Berliner Lebens und ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung gerät Clara zunehmend in eine Identitätskrise. Sie fühlt sich weder in der akademischen Elite noch in ihrer alten Heimat vollständig zugehörig. Pointiert zeigt „Alle reden übers Wetter“ die Spannungen zwischen Stadt und Provinz, Bildung und Herkunft sowie Ost- und Westdeutschland.

Die Regisseurin verarbeitet in ihrem Film ihre eigenen Erfahrungen als Ostdeutsche unter Wessis. „Dass man so vereinnahmt wird, das kenne ich auch“, sagt Pinske. „Oft habe ich gehört: „Du kommst doch aus dem Osten, du kennst dich da aus.“ Als wären wir eine homogene Masse. Dann muss man dafür herhalten, wenn irgendwas im Osten nicht so läuft, wie sich das andere Leute vorstellen.“

Über die Frauenfiguren nähern sich die Filme Themen wie Entfremdung, Verlorenheit und den Folgen des Umbruchs – meist nicht im historischen Kontext, sondern aus der Perspektive der Gegenwart. Janin Halisch reflektiert in „Sprich mit mir“ was die Zeit mit ihr als Tochter gemacht hat. „Für mich kam die Wende gefühlt erst 2001“, erinnert sich die Regisseurin. „Ich habe in Hellersdorf in der Platte am Rand von Berlin gewohnt. Da kam die Wende nicht vorbei. Es war halt Ost und es blieb Ost. Da war sehr viel Alkohol, sehr viel Verlorenheit, bei den Männern wie bei den Frauen.“ Sie beschloss wie viele in ihrer Generation, sich gegen das einfache Funktionieren zu wehren und ihren eigenen Weg zu gehen. 

Eigentlich wollte Halisch keine Ostgeschichte drehen. „Weil ich immer darauf reduziert wurde. Es sollte eine universelle Geschichte werden.“ Doch dann kam Corona und die geplanten Dreharbeiten auf Mallorca mussten umdisponiert werden. „Rügen kannte ich sehr gut, weil ein Teil meiner Familie daher kam, also lag die Wahl nahe.“ So wurde „Sprich mit mir“ auch zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Ost-Identität.

Constanze Klaue begibt sich in ihrer Adaption des Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel auf eine Suche nach den Wurzeln der Gegenwart. Erzählt wird eine Familiengeschichte aus der Sicht zweier Brüder, die in Sachsen in der späten Nachwendezeit der frühen 2000er aufwachsen und allmählich in ein Umfeld von Frust, Gewalt und Rechtsextremismus, Perspektivlosigkeit, fehlende Vorbilder und sozialer Spannungen geraten.

Während die Eltern nach der Wende mit Arbeitslosigkeit, Geldsorgen und dem Zerfall familiärer Strukturen kämpfen, sind Philipp und Tobias weitgehend auf sich gestellt. Besonders Philipp sucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Er schließt sich älteren Jugendlichen an, die Gemeinschaft und Abenteuer versprechen, tatsächlich aber Gewalt, Fremdenhass und rechtsextreme Einstellungen verbreiten. Als in der Nähe ein Flüchtlingsheim entstehen soll, eskalieren die Konflikte, und die Radikalisierung wird immer deutlicher.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ zeigt, wie gesellschaftliche Umbrüche, persönliche Enttäuschungen und fehlende Perspektiven junge Menschen beeinflussen können. Dabei zeichnet der Film ein sensibles Bild des Lebens in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung und untersucht die Ursachen von Ausgrenzung und politischer Radikalisierung.

Die Motivation für ihren Film kam aus einem Gefühl des Heimwehs, nachdem die gebürtige Ost-Berlinerin Constanze Klaue zum Studium nach Köln und dann nach Osnabrück zog. „Ich habe mich mit den Unterschieden meiner Generation in Ost und West beschäftigt und dabei ist mir aufgefallen, dass es gar nicht die Bücher sind, die anders sind, oder die Musik oder die Klamotten – es sind vor allem unsere Eltern.“ Die Elterngeneration Ost war nach der Wende damit beschäftigt, sich umzuorientieren, sich zurechtzufinden in einem neuen System. „Die meisten sind dabei untergegangen“, sagt Klaue. „Nicht alle, aber doch zu einem großen Teil. Sie hatten zu kämpfen mit einer sehr großen Arbeitslosigkeit, mit Umschulungsmaßnahmen, mit Existenzproblemen. Die Familie im Film ist grundsätzlich eine, wie es sie überall auf der Welt gibt. Sie sucht nach dem Glück, scheitert aber an den Umständen.“

„Was in den Neunziger Jahren passiert ist, dieser Bruch in der Biographie, ist schon etwas explizit Besonderes“, sagt Annika Pinske. „Ich glaube, dass die Generation meiner Eltern das überhaupt nicht verarbeitet hat, weil sie mit existentiellen Dingen beschäftigt war. Sie waren froh, wenn es irgendwie so lief. Es gab da eher so einen Pragmatismus mit der Zeit. Und ich glaube, meine Generation stellt jetzt fest: Was habt ihr da eigentlich gebuckelt und getragen?“ Die Figuren der jungen Filmemacherinnen eint die Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Die helle, offene Landschaft steht im Kontrast zu der Enge zuhause.

Obwohl sie sich einem Stoff aus der jüngeren Geschichte widmete, sei ihr Film nach wie vor aktuell, sagt Constanze Klaue, die inzwischen wieder in Berlin lebt. „Weil sich die Grundprobleme nicht geändert haben. Ich glaube, das es wichtig ist, sich mal mit den Menschen und ihrer Lebensrealität auseinanderzusetzen. Man muss ostdeutsches Leben viel mehr wahrnehmen und zwar nicht nur innerhalb von Ostdeutschland, sondern auch als gesamtdeutsche Geschichte begreifen.“

Die Wendezeit werde oft verklärt, sagt Annika Pinske. „Natürlich war erstmal eine Diktatur zuende. Natürlich ist das etwas Gutes. Trotzdem war es auch ein Abschied von einer gewissen Art der Alltagsrealität. Das kann sich jemand, der das nicht erlebt hat, in diesem Maße nicht vorstellen, wenn das Land nicht mehr da ist, aber du immer noch im selben Ort sitzt und alles um dich herum bekommt eine andere Bedeutung.“ Die Wende sei für viele eine traumatische Erfahrung gewesen. „Man hat zwar so eine Ahnung davon gehabt, dass nicht alles so mit rechten Dingen zuging, aber wenn das dann so explizit in Frage gestellt wird, was du in der Schule gelernt hast – das musste man ja erstmal verstehen, was mit einem da passiert ist in der DDR.“

Gleichzeitig musste man sich fit machen für ein System, das man gar nicht kannte, wo man nicht wusste, wie es funktioniert. „Hinzu kommt die Arbeitslosigkeit und die damit einhergehenden Probleme in diesen Ehen und Partnerschaften. Und mittendrin eine Generation von Kindern wie mich, die irre orientierungslos waren, weil sie überhaupt nicht wussten, ob jetzt Abitur was Gutes ist oder nicht, keine Ahnung hatten, was es für Berufe gibt, keine Ahnung, ob man reisen soll. Da gab es nichts Vorgelebtes. Es war total toll und frei, aber man war auch sehr allein und einsam in dieser Umbruchsphase.“

„Diese Gefühle und auch das Eingeständnis, dass man etwas verloren hat, hatten keinen Platz“, sagt Pinske. „Es gab immer nur Befreiung, aber es ist auch etwas verloren gegangen. Ich glaube, diese Art von Trauer und Loslassen hatte keinen Platz und jetzt sind alle wütend, denn es hat keine Verarbeitung und Bewusstwerdung stattgefunden.“ Stattdessen stießen die Menschen im Osten auf Abwertung, sagt Pinske. Der „Ossi“ wurde der Lächerlichkeit preisgegeben. Hier herrscht auch nach wie vor eine erzählerische Lücke im deutschen Kino. Geschichten, die explizit in dieser Phase der Neunziger Jahre spielen, gibt es bislang kaum.

Doch es gibt eine neue Generation der Filmemacherinnen, die individuelle Geschichten erzählen, statt Themenfilme zu machen. Der Ostbezug ist eine Stärke, die sie ausspielen. Schon mit ihrem ersten Kurzfilm „Sybille“ setzte sich Laura Laabs mit dem Erbe ihrer Familiengeschichte auseinander. Sie porträtierte ihre jüdische Großmutter Sibylle Boden-Gerstner, Gründerin und Namensgeberin der Modezeitschrift Sibylle. Ihr Spielfilmdebüt „Rote Sterne überm Feld“ wurde unter anderem mit dem Kritiker-Preis beim Max Ophüls Festival und dem Preis der Deutschen Filmkritik für das beste Debüt ausgezeichnet. Ihre Geschichte reicht vom Zweiten Weltkrieg über die Neunziger Jahre bis in die Gegenwart. Nach einer linken Protestaktion auf dem Reichstag will Tine in ihrer Heimat untertauchen, findet sich aber bald mitten in der öffentlichen Aufmerksamkeit für den Ort in der mecklenburgischen Provinz wieder. In Bad Kleinen, wo 1993 ein GSG9-Einsatz gegen RAF-Terroristen scheiterte, wird ein wohlkonserviertes Skelett aus dem Moor gezogen. Aus der Provinzposse wird ein wilder Ritt durch die deutsch-deutsche Geschichte, die frei vom Osten erzählt und dabei Vergangenheit und Gegenwart vereint. Um es mit Thomas Heise zu sagen: „Man stellt sich die Geschichte als einen Zeitstrahl vor. In Wirklichkeit ist sie aber ein Haufen.“

Laabs stammt selbst aus Bad Kleinen. Die Geschichten, die sie erzählt, haben sich zum Teil vor ihrer Tür abgespielt. Es sind Kipppunkte der Geschichte, wo es vielleicht hätte anders kommen können. Was wäre, wenn die Wehrmachtssoldaten desertiert wären? Wenn die RAF kein blutiges Ende gefunden hätte? Wenn der Sozialismus nicht mit dem Ende der DDR gestorben wäre? „Wenn jemand in den Lauf der Geschichte eingreifen kann, dann vielleicht das Kino. Mein Film ist der Versuch, diesen Entwurf zu wagen.“

In ihren ersten beiden Filmen –„Alles ist gut“, ihr Diplomfilm an der HFF München, und „Ivo“, der in der Reihe Encounters auf der Berlinale Premiere feierte – spielte ihre Herkunft noch keine Rolle. Für ihr Ensembledrama „Etwas ganz Besonderes“, der im Wettbewerb der Berlinale lief, verortet Eva Trobisch ihre Handlung bewusst in der thüringischen Kleinstadt Greiz. Erzählt wird ein Ausschnitt im Leben von drei Generationen einer ostdeutschen Familie. Ausgangspunkt ist die 16-jährige Lena und ihre Selbstfindung. Die Eltern sind keine große Hilfe, sind sie doch frisch getrennt und mit sich selbst beschäftigt. Die Großeltern kämpfen mit finanziellen Problemen und der Frage, ob sie den familiären Hof behalten oder verkaufen sollen. Die Pension steht leer, eine rechtspopulistische Partei will sich einmieten. Zwischen der Moral und dem Drang zu Überleben, restauriert ihre Tochter das Stadtschloss mit EU-Geldern. Ein DDR-Museum entsteht. Wenn Tochter Kati mit Christel im Schlepptau des Fördergremiums durch die Ausstellung wandelt und die Mutter ihr Leben ausgestellt sieht, ist das eine der stärksten Szenen des Films. Wie kann es sein, dass für diese Vergangenheit, die sie am liebsten vergessen würde, Millionen ausgegeben werden, während sie kurz vor dem Bankrott steht? 

Eva Trobisch ist, wie sie sagt, in Ostdeutschland geboren und westdeutsch sozialisiert, mit dem sozialistischen Ideal der Gemeinschaft und der gesellschaftlichen Verantwortung geprägt, ebenso mit den kapitalistischen Werten. „Das Gesehenwerden und die Anerkennung von Lebensleistungen spielten eine große Rolle in ihrer Familie“, sagt sie. Ihre Figuren bringen Teile von ihr zum Sprechen. Greiz ist dabei ein Spiegelbild der Innenleben ihrer Figuren. Der Leerstand der herrschaftlichen Häuser, die dem Verfall preisgegeben sind. Und wieder die Überforderung, die Sprachlosigkeit. Spezifisch erzählt und universell verständlich reicht „Etwas ganz Besonderes“ die Hand zum Gespräch.

Um eine weitere Perspektive bereichern Filmemacherinnen mit Migrationshintergrund die Filmlandschaft. So wie die Leipzigerin Sarah Blaßkiewitz. Ihr Debüt „Ivie wie Ivie“ erzählt eine afrodeutsche Geschichte. Ivie lebt in Leipzig, wohnt mit ihrer besten Freundin zusammen und sucht nach einer festen Stelle als Lehrerin. Bislang führt sie ein relativ geregeltes Leben. Doch plötzlich taucht Naomi auf, eine ihr bislang unbekannte Halbschwester aus Berlin. Naomi bringt die Nachricht mit, dass ihr gemeinsamer Vater gestorben ist und im Senegal beerdigt werden soll.

Durch die Begegnung mit Naomi beginnt Ivie, sich intensiver mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. Während die beiden Schwestern einander näherkommen, hinterfragt Ivie zunehmend ihr eigenes Selbstbild. Sie wird sich bewusst, wie häufig sie im Alltag mit Vorurteilen und rassistischen Bemerkungen konfrontiert wird und wie sehr diese Erfahrungen ihre Identität geprägt haben.

Dieser Prozess der Selbstfindung, die Auseinandersetzung mit Identität, Zugehörigkeit und Afrodeutschsein, fand bisher keinen Platz im Kino. „Es wurde einfach noch nicht so viel darüber erzählt. Deshalb ist mein Appell an alle: Redet mit den Leuten. Wir haben da einen kulturellen Auftrag. Ich möchte weiß Gott nicht die Einzige sein, die immer wieder Filme mit Schwarzen deutschen Menschen macht, sondern es muss weitergehen, eine Natürlichkeit bekommen, weil sich das gesellschaftliche Bild verändert. Als ich aufgewachsen bin, war ich mit meinem Vater und vielleicht noch zwei, drei anderen die einzigen Schwarzen Menschen in Potsdam.“ Dieses Bild hat sich geändert und das soll auch so bleiben.

Erfahrung von Alltagsrassismus in Deutschland verarbeitet auch Claudia Tuyet Scheffel in ihrem „Lonig und Havendel“. Als Tochter einer ehemaligen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiterin und eines Ostdeutschen aus Werda wuchs sie zuerst im Erzgebirge auf. Heute lebt sie in Annaberg-Buchholz. Die Region hat Spuren in ihr hinterlassen. „Man wächst im märchenhaften Wald vom Erzgebirge auf und erzählt dann Märchen im Erzgebirge.“ Mit magischem Realismus erzählt sie in ihrem Spielfilmdebüt von einer jungen Vietnamesin, die sich bei einem Ausflug ins Schaubergwerk verirrt. Als sie schließlich auf der anderen Seite des Berges herauskommt, ist die Welt eine völlig andere.

Durch den Textilhandel ihrer Eltern war Scheffel als Kind vor allem in der vietnamesischen Community zuhause. Dass sie nicht nur Deutsche und Vietnamesin ist, sondern auch Ossi und Kommunistin – da ihre Familie aus Nordvietnam stammt – das wurde ihr erst in Hamburg bewusst. In „Lonig und Havendel“ verarbeitet sie Erfahrungen vom Fremdsein, von familiärem Erwartungsdruck und von Alltagsrassismus – Dinge, die sie selbst gut kennt. Bereits in ihrer Dokureihe „Hass. Hetze. Hoffnung.“, ausgezeichnet mit dem Adolf-Grimme-Preis, setzte sie sich mit Rassismus auseinander. „Mir war es aber wichtig, dass ich nicht nur mit dem Zeigefinger in diese Region zeige. Ich komme daher, mir ist das alles wichtig und so kann ich ja mit niemandem in Dialog gehen, wenn ich anfange, über jemanden zu urteilen.“

Es gibt viele weitere Beispiele im Spiel- wie im Dokumentarfilm: Die Leipzigerin Susanne Heinrichs setzt sich in ihren Filmen „Das merkwürdige Mädchen“ und „Die miserable Mutter“ clever und einfallsreich mit der Rolle der Frau auseinander. Susanne Kim stellt ihre Rolle und ihre Beziehung auf den Prüfstand in dem intimen Porträt einer interkulturellen Beziehung „Becoming Kim“. Barbara Wallbraun reflektiert in ihrem Dokumentarfilm „Uferfrauen“ queeres Leben in der DDR aus weiblicher Perspektive. Die weiblichen Stimmen sind stark im neuen deutschen Kino und sie kommen vor allem aus dem Osten.


„Alle reden übers Wetter“ – D 2022, R: Annika Pinske, D: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann

„Etwas ganz Besonderes“ – D 2026, R: Eva Trobisch, D: Frida Hornemann, Eva Löbau, Max Riemelt

„Ivie wie Ivie“ – D 2021, R: Sarah Blaßkiewitz, D: Haley Louise Jones, Lorna Ishema, Anne Haug

„Lonig & Havendel“ – D 2025, R: Claudia Tuyết Scheffel, D: Nano Nguyễn, Tri Ân Bùi, Jördis Herrmann

„Rote Sterne überm Feld“ – D 2025, R: Laura Laabs, D: Hannah Ehrlichmann, Hermann Beyer, Matthi Faust

„Sprich mit mir“ – D 2023, R: Janin Halisch, D: Alina Stiegler, Barbara Philipp, Peter Lohmeyer

Quellen

– Hannah-Arendt-Institut „Ein anderer Kino-Osten“ https://www.youtube.com/@Hannah_Arendt_Institut_TUD

– DFF Deutsches Filminstitut & Filmmuseum „Was tut sich sich im deutschen Film?“ https://www.youtube.com/watch?v=iHT3v3MILIw

– Zwischen Erzgebirge und Vietnam https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/chemnitz/annaberg-aue-schwarzenberg/regisseurin-claudia-scheffel-portraet-kultur-news-102.html