MUSIK VON HEUTE UND VON FRAUEN AUSM OSTEN
Meine Ladies
von Juliane Streich

Die Musikszene nach der Wende sah natürlich ganz anders aus als vorher. Spielgenehmigungen und Auftrittsverbote gehörten der Vergangenheit an, dafür gab es im kapitalistischen Konkurrenzkampf andere Schwierigkeiten, um sich durchzusetzen. Vier Beispiele weiblicher Bands und Musikerinnen, die seit vielen Jahren mit ihrer Musik berühren und bewegen – erzählt anhand von drei Songs.
Blond
Die Band Blond hat es drauf, den aktuellen feministischen Diskurs in humorvollen Party-Bangern zu verhandeln. Denn ihre Songs sind nahezu nie Liebeslieder, sondern vielmehr gesellschaftskritische Beschreibungen oder Kampfansagen. Geboren und aufgewachsen sind die beiden Schwestern Nina und Lotta Kummer, die die Band zusammen mit Johann Bonitz gegründet haben, in Chemnitz weit nach der Wiedervereinigung in einem künstlerischen Umfeld. Ihr Vater war Sänger der DDR-Avantgarde-Band AG. Geige, ihre Mutter ist Künstlerin, ihre Brüder spielen bei Kraftklub. Ihr erstes Konzert gaben Blond 2011 bei Johann Bonitz’ Jugendweihe. Inzwischen haben sie drei Studioalben herausgebracht und zwei Live-Alben, denn ihre Konzerte sind Supershows samt Tanzeinlagen, Fangesängen und Mitmachparts.
„Es könnte grad nicht schöner sein“
Dass die meisten Menschen über Menstruation gar nicht oder nur heimlich flüsternd reden, zeigt mal wieder, wie patriarchal unsere Welt geprägt ist. Schließlich muss sich knapp die Hälfte der Weltbevölkerung in ihrem Leben jahrzehntelang jeden Monat damit auseinandersetzen. Und trotzdem gibt es selbst in den provokativsten und subversivsten Musikgenres und -gruppen kaum Songs über „seine Tage kriegen“ (wobei es passenderweise natürlich „ihre Tage kriegen“ heißen muss). Anders bei Blond, die schon auf ihrem ersten Album „Martini Sprite“ mit „Es könnte grad nicht schöner sein“ einen Song veröffentlicht haben, bei dem man fröhlich dazu mitsingen kann, was die Tage alles kaputt machen. Niedlich geht es los: Date am Baggersee, die Sonne scheint, der Wein fließt, „es könnte grad nicht schöner sein / Mein Leben ist grad ziemlich geil / Ich habe eine gute Zeit / Und genau dann kicken meine Tage rein“, singen Nina und Lotta Kummer, um dann in den sich vielfach wiederholenden Chorus „Meanwhile in my uterus / Bloody storm in my uterus“ zu verfallen. Zeilen, die vor allem auf Konzerten der Band Spaß machen, wenn dazu alle im Moshpit brüllend aufeinander zu rennen – egal ob Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen.
„Männer“
Schon im ihrem Song „Thorsten“ thematisierten Blond, was sich Frauen im Musikbusiness von Männern so anhören müssen. Im Song „Männer“ machen sie zur Melodie von „It’s raining men“ darauf aufmerksam, wie klein auf den meisten Festivals doch die Zahl von weiblichen Bands und Musikerinnen sind. Denn nachdem Blond es endlich geschafft hatten, in Festival-Line-Ups zu kommen – wenn auch ganz unten auf dem Plakat – und da dann das erste Mal im Backstage saßen, mussten sie feststellen: „Wir sind allein! Wo sind all die andern Frau‘n? Für so ‚ne Pimmelparty mit bleichen Rentnern! War‘n wir nicht stundenlang im Proberaum!“ Und obwohl Blond inzwischen immer weiter oben auf den Festival-Plakaten landen, sind sie dort oft weiterhin allein.
„16 Jahr, blondes Haar“
In der Musikgeschichte gibt es unzählige Songs, in der der meist gar nicht mehr so junge Sänger sich in eine Teenagerin verknallt hat. Mit „16 Jahr, blondes Haar“ zeigen Blond eine andere Perspektive. Ich hab mit Nina und Lotta Kummer darüber gesprochen:
Nina Kummer: Der Titel spielt natürlich auf „17 Jahr, blondes Haar“ an und wie geil man das findet, wenn man ein Mann ist. Angeblich hat Udo Jürgens den Song über eine echte Person geschrieben, die er geschwängert hat. Das ist einfach uncool. Ich bin jetzt selber Mitte/Ende 20 – so alt war der Typ damals, über den ich singe – und wenn ich mir jetzt 16-jährige Leute angucke, frage ich mich: Wie konnte er sich das selber irgendwie okay reden?
Ich: So etwas singt ja nicht nur Udo Jürgens, sondern auch „coolere“ Musiker wie David Bowie.
Lotta: Ja, dass dieses Unverbrauchte, dieses Junge so cool gefunden wird, ist schrecklich.
Nina: Viele Freundinnen von uns haben ähnliches erlebt. Einen zehn Jahre älteren Freund, der ihnen gesagt hat: Du bist chillig und unkompliziert. Da denken die Mädchen dann: Okay, jetzt sage ich lieber nicht Nein und mache alles mit.
Lotta: Und dann heißt es immer: Sie hat doch gesagt, es ist okay. Olivia Rodrigo hat mal gesagt: Girls your age know better. Also Frauen in deinem Alter wissen es besser, aber 16-Jährige oft halt nicht. Wir haben uns in diesem Alter teilweise einfach gefreut, dass ein Mann uns Alkohol kaufen kann.
Nina: Man hat das damals natürlich als etwas Schönes wahrgenommen. Man wollte geliebt werden. Man wollte unbedingt einen Freund haben und dann ist der auch noch älter – wie cool. Damals dachte man: Die Jungs in meiner Klasse sind alle Kinder. Aber der sieht mich, der will mich. Heute weiß man: Der wusste genau, was los ist, der hat das komplett ausgenutzt. Und das war nicht okay. Das ist mein Lieblingssong auf dem Album. Es macht auch Spaß, den zu spielen.
Nichtseattle
Die ersten Alben von Nichtseattle tragen Titel wie „Wendekid“ und „Kommunistenlibido“ und klar liegt das auch daran, dass Katharina Kollman, wie sie mit richtigem Namen heißt, in der DDR geboren wurde. Genauer gesagt: in den Achtzigern in Ost-Berlin. Und dass sie dann in den Neunzigern und Nullern gern Tocotronic hörte, kann man ihrem Künstlerinnennamen entnehmen. In ihren Liedern selbst ist nicht alles so klar. Ihre Texte sind assoziativ und poetisch, beschreiben bekannte Gedanken und denken sie weiter, während dazu auch die E-Gitarre wunderbar melancholisch ausufert. Ihre Songs gehen gerne mal sechs, sieben, acht Minuten lang. Hier lässt sich jemand Zeit. Schaut nicht auf Radiotauglichkeit, Streamingklicks, Vermarktbarkeit. Singt einfach und versinkt darin, lässt sich gehen, bis es sich ausgeht.
„Beluga (Eigentumswohnung)“
Das dritte Album von Nichtseattle heißt „Haus“; eine Art Konzeptalbum übers Wohnen und Zusammenleben, was am Ende ja dann auch einfach das Leben ist. „Eigentumswohnung (Beluga)“ ist so was wie der Hit dieses Albums. Darin singt Katharina Kollman über ein Date mit einem Typen, der während des Bio-Beluga-Linsen-Essens mit ihr über das Konzept Liebe reden wollte. Sie singt auch über viel zu teure Dächer in ihrer Zuhausestadt und Menschen, die sich um den Marktwert sorgen. Und sie kommt zu dem Schluss: „All die Schramm‘n machen uns rund / Das ist mein allerschönster Fund / So Gesichter von Freunden, die ganz ruhig erzähl‘n / Was sie grade wirklich fühl‘n.“
„Meine Ladies“
„Große Liebe“ heißt das neueste Album von Nichtseattle. Aber dabei geht es ihr nicht um die romantische Zweierbeziehung, die uns in Rom-Coms als Happy End angepriesen wird, sondern sie findet die Liebe in den zwischenmenschlichen Räumen, in Freundschaften und solidarischen Gemeinschaften. Ein gutes Beispiel dafür ist der Song „Meine Ladies“, über den sie selber sagt: „‚Meine Ladies‘ ist ein Lied über ein versehentlich aufkeimendes, kleines, matriarchalisch organisiertes Kollektiv auf dem Land, das unwahrscheinlich, fast ausgedacht wirkt, das jedoch vielleicht wirklich existiert, das aber vor allem eine Allegorie ist für Freund:innenschaft, Gemeinschaft, Beziehungs- und Lebensformen, an die es sich zu erinnern lohnt, weil sie zärtlich sind und stark.“ Und so singt sie über Frauen, die klug sind und stark, solidarisch autark, die lachen, die heulen, die Trost spenden und manchmal einfach nur baden gehen. Zum Weinen schön.
„Vielleicht wird es nie wieder so schön“
Dass Kollmann auch durch die Musik des Landes geprägt wurde, in dem sie geboren wurde, aber das es nicht mehr gibt, zeigt sich auch in diesem Lied, das sie von Gerhard Schöne gecovert hat. Eigentlich hat sie den Song für ein Tribute-Album an den Liedermacher geschrieben, das nie erschienen ist. Ihre Version hat sie zum Glück dennoch herausgebracht. Man muss kein Schöne-Fan sein, um die Schönheit zu erkennen. Was auch schön wäre (und vielleicht auch schon passiert ist), wenn Kollmann das Lied mit ihrem Kaufhallen-Chor performt. Einmal in der Woche treffen sich Menschen verschiedener Generationen in einer alten Kaufhalle in ihrer Nachbarschaft zum gemeinsamen Singen. Kollmann leitet den Chor nicht nur, sondern schreibt auch Chorsätze für Lieder, die sie mag – wie „Sunflower“ von Low zum Beispiel. „Das ist kein ambitioniertes Projekt mit vielen Konzerten, es geht mehr darum, sich einmal die Woche zu treffen und zusammen zu singen,“ sagt sie. Denn Kollmann singt nicht nur über Gemeinschaft, sie schafft sie auch. Hoffentlich wird es noch ganz oft so schön.
Sookee
Würde man Sookee einfach als ostdeutsche Musikerin bezeichnen, wäre das zwar nicht wirklich falsch – schließlich beschreibt sie sich selbst auch als Ossi –, aber es würde einiges fehlen, schließlich ist sie so viel mehr. Rapperin, Antifaschistin, Kolumnistin, Moderatorin, Mutter und immer wieder aktiv gegen das Böse in der Welt. 1983 wurde sie in Pasewalk geboren, drei Jahre später fliehen ihre Eltern aus politischen Gründen nach West-Berlin. Heute ist sie längst die Quing Of Berlin.
„Queere Tiere“
„Queere Tiere“ ist einer der größten Hits von Sookee, die darin über die verschiedenen Geschlechterrollen und Sexualpraktiken von Tieren rappt – egal ob homosexuelle Delfinweibchen, hermaphroditische Schnecken oder promiske Bonobos. Sie selbst sagt: „Der Song ‚Queere Tiere‘ ist eine freundliche Replik auf den Unsinn, den homo-, queer- und transfeindliche Leute von sich geben.“ Und da dieser Unsinn vor allem in der Deutschrap-Szene stark verbreitet wird, ist Sookees Antwort umso wichtiger.
„Zusammenhänge“
Neben feministischen und queeren Themen war es Sookee auch immer wichtig, alle Formen der Diskriminierung anzuprangern – egal ob Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie –, was sie zu einer wichtigen Vertreterin des sogenannten Zecken-Raps machte. Ein gutes Beispiel dafür ist der Song „Zusammenhänge“, den sie gemeinsam mit Spezial-K aufgenommen hat. Ein Song voller Gesellschaftskritik mit Zeilen wie diesen: „Das ist nicht nur rechts außen, das ist auch bürgerliche Mitte / Antifaschismus wird nicht gewürdigt, nicht begriffen / Die Extremismusdebatte lügt mit zwei Seiten der Medaille / Wir machen Politik, sind korrektiv und schmeißen nicht nur Steine.“ Auf YouTube wurde der Song gelöscht, weil er angeblich Hassrede ist – wahrscheinlich auf eine Aktion rechter Trolle hin. Inzwischen ist er wieder online.
Sukini – „Da haben wir den Salat“
Und dann beendete Sookee 2019 ihre Rap-Karriere. Gründe dafür gab es mehrere. Zum einen waren all das Engagement, all die Kämpfe, all das Touren und sich Behaupten im Musikbusiness für ihr Seelenheil nicht besonders gesund, wie sie in einem Statement schrieb: „Ganz im Gegenteil: Ich falle von einer Empörung in die nächste, ein Schmerz jagt den anderen und ich bin immerzu randvoll von Wut und Ohnmachtsgefühlen.“ Zum anderen sei das Aufhören eine Reaktion darauf, dass der Kapitalismus alle vereinnahme – selbst den Anti-Kapitalismus. Doch zum Glück hörte Nora Hantzsch, wie Sookee ohne Künstlerinnennamen heißt, nicht auf, Musik zu machen. Sie machte nur andere, nämlich Musik für Kinder. Unter dem Namen Sukini rappt sie trotzdem über Themen aus ihrer Lebensrealität: Darüber, wie toll es sein kann, zwei Mamas zu haben, übers (Nicht-)Essen von Tieren wie in „Da haben wir den Salat“ oder über den Umgang mit Gefühlen. Kindermusik, die auch Erwachsene hören können.
Jennifer Weist (Jennfer Rostock, Yaenniver)
Jennifer Weist wurde als Jennifer Rostock bekannt, obwohl sie 1986 in Zinnowitz auf Usedom geboren wurde. Dort fing sie auch an, mit einem guten Freund, den sie seit dem Kindergarten kannte, Musik zu machen, bevor beide nach dem Abi nach Berlin zogen und eine Rockband gründeten. Solo spielt sie unter den Namen Yaenniver einen Genre-Mix, der von Sprechgesang bis Electro-Pop reicht.
Jennifer Rostock – „Kopf oder Zahl“
„Kopf oder Zahl“ war die erste Single von Jennifer Rostock, mit der sie 2008 auch bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest für Mecklenburg-Vorpommern antraten und den 5. Platz belegten. Sie stammt von ihrem Debütalbum „Ins offene Messer“ und Jennifer Weist singt konsumkritisch zu Alternative Sounds über die Karriereleiter, die man besteigen sollte: „Jeder Augenblick ist Hartgeld und du hast die Wahl: Kopf oder Zahl“. Deichkind remixten ihn später zu einem wilden Punk-Rave-Song.
Jennifer Rostock – „Wähl die AfD“
Das Lied „Wähl die AfD“ veröffentlichten Jennifer Rostock kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2016. Jennifer Weist singt zu Klavierklängen im Wohnzimmer darüber, wie die AfD das Leben der Leute konkret beeinflussen würde, zum Beispiel wenn sie alleinerziehend sind oder zu wenig verdienen, und gipfelt im Refrain „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“ Der Song ging damals viral und ist heute leider noch aktueller als damals.
Yeanniver – „Angry Woman“
Die zwei Worte hat sich Jennifer Weist tatsächlich hinter die Ohren geschrieben: Angry ist hinter dem einen Ohr tätowiert, Woman hinter dem anderen. „Angry woman“ ist also nicht nur der Titel ihres zweiten Solo-Albums und einer Single, sondern ein ganzes Manifest. Niemand (und schon gar nicht Männer) sollen ihr sagen, wie sie zu sein oder zu fühlen hat. Und oft ist sie halt wütend. Wütend, weil sie als Kind missbraucht wurde. Wütend, weil sie oft nicht ernst genommen wurde. Wütend, weil sie nicht immer so wütend sein soll. Also schreit sie: „Wir woll‘n uns nicht beruhigen, wir woll‘n uns nicht beneh‘m / Wir hab‘n Bock zu streiten und ihr habt jetzt ein Problem“.
