WISSENSFENSTER: LEHRE AUS DEM ENDE-AUS-NEU

von Tobias Prüwer

„ATA, Fit, Spee, RFT / Und Boxerjeans, auf die ich steh“ Schleimkeim fasst meine DDR-Erinnerung ganz gut zusammen. Es sind Splitter der Alltagserfahrung, die mir vor allem im Gedächtnis sind über meine Kindheit und das beginnende Heranwachsen, bevor die Bundesrepublik kam. Das wird anderen auch so gehen. Aber macht das alle, die die 89-Zäsur relativ bewusst miterlebten, zur exklusiven Gruppe, zu „Wir Zonenkinder“ oder einer „3. Generation Ost“?

Im Erleben der Wende liegt sicherlich ein großer Unterschied der damals Jungen in West und Ost. Er war vielen BRD-Jugendlichen herzlich egal. Warum auch nicht? Was hatten beide Länder miteinander zu schaffen, außer der gemeinsamen Sprache und ein paar Jahrhunderten territorial zersplitterter Geschichte, über die man das Wort „Deutsches Reich“ kleisterte, um einen Zusammenhang zu fingieren? Ja ja, Kultur und so. Mein Goethe lob ich mir …

Die Wende war für mich Kulturschock und kulturelle Bereicherung zugleich. Im Sommer 1990 verbrachte ich einige Wochen bei Verwandten im Taunus, lernte dort alle Essentials der Kinderkulturindustrie kennen. Doch zwischen Begeisterung für „Star Wars“, „Nintendo“ und „Drei Fragezeichen“ schoben sich auch Obdachlose. Alice Cooper und Roxette waren ja schön und gut, aber das konnte nicht das Ende der Geschichte sein, keimte in mir der Gedanke, ohne Fukuyama zu kennen, als ich den ersten Ostermarsch besuchte. Bald schon passte dessen Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ nicht mehr, als die Nazis begannen, sich in Hunderterstärke breit zu machen. Die gabs auch vorher, jetzt aber traten sie öffentlich auf und die damals Aufwachsenden zerfielen vereinfacht gesagt in Jäger und Gejagte. (Wobei die Rollen manchmal wechselten.) Dieses Erleben dauerhafter Unsicherheit durchs Regime des Faust- und Stiefelrechts, das die Eltern nicht verstanden, war für nicht wenige prägend. Dazu gehören natürlich auch die Möglichkeitserfahrungen: Hausbesetzungen, Freiräume erstreiten und verteidigen gegen Nazis und den Staat. Und dann sah man zu, wie dieser Freiraum immer weniger wurde.

Wenn ich eins gelernt habe, dann diesem Wir, das Individuen übergestülpt wird, mit einem energischen Unwillen zu begegnen. In der DDR-Endphase fing dieses unbestimmte Grummeln in den Tiefen meiner Thälmannpionierseele an, später wurde ich zu einem Volk gemacht, zum Papst, zum Sommermärchen, Gutmenschen, Sachsen …

Ich höre immer vom Autoritätsverlust: Ja, wenn das ein Mitnahmeeffekt der 3. Generation Ost sein soll, begrüße ich das. Falls man etwas als prägende Erfahrung mitnehmen kann, dann war es das Ersterben eines Aufbruchs, das Münden von revolutionären Momenten in eine geldwerte Vorteilsbewegung und den Gleichschritt des einen Volkes. Ein Vertreter der älteren Generation, Peter Konwitschny, beschrieb es so: „Ich hatte geglaubt, es ging um Befreiung, Menschlichkeit und Revolution, doch stattdessen ging es um die Westmark.“

Befreiend war das ganz langsame Ende der endlosen Ära Kohl eher nicht. Während der Osten nun wirtschaftlich offensichtlich in die Knie ging, gab im neuen Fach Wirtschaft und Recht für den neuen Staatsbürger die ehemalige Werken-Lehrerin ihr im Weiterbildungs-Schnellkurs aufgeschnapptes Wissen über die soziale Marktwirtschaft zum Besten. Und während man mir zu Recht erklärte, dass die DDR autoritär und nationalistisch war, schränkte man das Asylrecht stark ein, nahm uns die Häuser, schützte die Nazis. 

Mit denen wurde ich dann auch gern von den neuen christlichen Landesvätern in einen Topf geworfen, weil auch ich am kollektiven Töpfchensitzen beteiligt war und als Atheist ohnehin nur braunen Geistes sein konnte. Wie unter dem Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten Helmut Roewer jede auf ein Stückchen Emanzipation ausgerichtete Jugendbewegung zum Extremismusgespenst gemacht wurde, während die Keimzelle des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ frei agieren konnte. Dachte ich, das grüne Herz sei braun, so kannte ich Sachsen noch nicht. Jedenfalls das jenseits der roten, wichtigen Schutzblase einiger Leipziger Stadtteile. Die „Einzelfälle“ sind bekannt, das  Beschwören eines kollektiven Ost-Wirs ist unter Sachsen en vogue, wo man sich als besonderes ostdeutsches Erbe inszeniert.

Mein Gefühl Ost?: Lass alle Hoffnung fahren und reiße mit einem „Trotz alledem“ noch etwas. Dass und wie Ideologien funktionieren, gerade wenn sie sich selbst als ideologielose Position formulieren, hätte man auch mitnehmen können aus dem Schwund der Mauer. Und: Dass Dissens, nicht Konsens die demokratische Quintessenz bildet. Der auf Dauer gestellte Widerstreit – das meine ich gelernt zu haben aus den Brüchen im Lebenslauf, dem Systemabsturz und der Neuinstallation. Der Appell an Wir-Gefühl und Schicksalsgemeinschaft ist mir zuwider, da bin ich nicht nur Skeptiker.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat – Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”