ALICE SCHWARZER
Feministische Pionierin und Totengräberin
von Tobias Prüwer

„Die Sorge so mancher Westlerinnen war also verfrüht: die Frauen in der DDR mischen sich ein. Und das mit Macht!“ So frohlockt Alice Schwarzer im Dezember 1989 in ihrer Zeitschrift Emma. Weiter: „Was lehrreich werden kann, auch für uns im Westen. Denn wir BRD-Frauen sind zwar die gestandeneren Feministinnen, aber die DDR-Frauen sind die gestandeneren Bürgerinnen: Sie sind berufstätiger, sie sind qualifizierter und sie sind politisierter – zumindest, was die allgemeine Gesellschaftspolitik angeht. Und in Sachen Frauenpolitik scheinen sie justament die Siebenmeilenstiefel angezogen zu haben.“
Schwarzer lobt die Gründung des Unabhängigen Frauenverbands der DDR in der Berliner Volksbühne durch 1.000 Frauen, die auf dem „Manifest für eine autonome Frauenbewegung“ Ina Merkels fußt. In Schwarzers Artikel kommt ein Aspekt zum Vorschein, den man selten bei ihr vernimmt: Kapitalismuskritik. Denn Schwarzer zählt man oder zählte man zu den radikalen Feministinnen, welche sich zwar als „links“ verstehen, aber den Kampf gegen das Patriarchat wichtiger finden als den Kampf gegen den Kapitalismus. Das brachte dem Lager schon immer innerlinke Kritik ein. Um Schwarzer wird besonders gestritten. Für die einen ist sie bis heute eine feministische Ikone. Für andere war sie mal eine wichtige Protagonistin, die später in die falsche Richtung abbog. Besonders Jüngere verstehen gar nicht, wieso Schwarzer überhaupt als links gelten soll, wenn sie das muslimische Kopftuch mit dem Hakenkreuz vergleicht.
Diese diffuse Rezeption beruht auch auf einem Generationenkonflikt. Neben den bis heute problematischen Aussagen Schwarzers hat sich die Sicht auf den Feminismus geändert, existiert ein anderes feministisches Selbstverständnis. Pointiert wird das im hörenswerten Podcast „Who the f*** is Alice“, den zwei Journalistinnen der Süddeutschen Zeitung zu Schwarzers 80. Geburtstag produzierten. „Wie Deutschlands größte Feministin die Frauen verlor“ lautet dessen Untertitel. Dabei sind die Verdienste Alice Schwarzers als Feministin vor allem in den 1970ern unbestritten.
Wiege der zweiten Feminismuswelle
Am 3. Dezember 1942 kommt Alice Sophie Schwarzer in Wuppertal unehelich auf die Welt. Dass sie aus keiner Ehe hervorging, gilt damals als Schande, weshalb sich Schwarzer als Außenseiterin gefühlt haben muss. Bei den Großeltern wächst sie behütet auf, diese sind Schwarzers Elternersatz. Vor allem zum Großvater hat die spätere Journalistin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma ein inniges Verhältnis. Über die Oma sagte sie: „Sie hat seine Fürsorglichkeit immer gefördert, auch weil sie null Ehrgeiz hatte, den Platz der Mutter einzunehmen. Mir soll niemand was erzählen über von Natur aus mütterliche Frauen.“ Schwarzer nennt die Tanzschulzeit einen Schlüsselmoment, in dem ihr persönlich die Ungleichbehandlung der Geschlechter besonders auffällt. Als Mädchen muss sie abwarten, um von Jungen ausgewählt zu werden. „Zum ersten Mal wurde mir klar: Ich bin jetzt davon abhängig, dass ich einem Jungen gefalle.“
Nach einer kaufmännischen Tätigkeit und einem längerem Parisaufenthalt arbeitet sie als Journalistin. Sie kehrt als solche in die Französische Hauptstadt zurück, studiert zwischenzeitlich Psychologie und Soziologie. In dieser Zeit beginnt ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Die Philosophin de Beauvoir hatte mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ ein Grundlagenwerk der neuen Frauenbewegung geschaffen. Die französische Feministin, bekannt für ihr Bonmot „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, inspiriert Schwarzers eigenen Aktivismus. Ihre Interviews mit Beauvoir erscheinen in mehreren Bänden auf Deutsch.
In diesem Feminismus-Ansatz, dem auch Schwarzer folgt, geht es um die soziale Dimension der Geschlechts. Männer und Frauen sind nicht von der Biologie her ungleich, sondern werden es durch die gesellschaftlichen Umstände, so die Überzeugung. Wenn etwa im Patriarchat der Mann als Normalfall gilt und die Frau als das Andere degradiert, sie auf die Rolle als Mutter am Herd reduziert wird, dann hat das keine biologischen Gründe. Gleichheitsfeminismus oder auch sozialer Feminismus wird diese Position genannt, deren Vertreter und Vertreterinnen die soziale Konstruktion der Geschlechtsunterschiede betonen. Aus diesen folgen materielle Ungleichheiten und Unterdrückung. Schwarzer verschreibt sich dieser Sicht, auch wenn in ihren Artikeln der jüngeren Vergangenheit manchmal sogenannter Differenzfeminismus herauszulesen ist, der eben die Ungleichheit der Geschlechter qua Natur unterstellt. Jedenfalls sagte Schwarzer in einem frühen Interview: „Ich bin es leid, eine Frau zu sein. Ich wäre schrecklich gerne einfach nur Mensch.“
Mit der Theoretikerin Monique Wittig und anderen initiiert Schwarzer das Pariser Mouvement pour la libération des femmes, eine Zelle der französischen Frauenbewegung. Diese wird ihrerseits zur Wiege dessen, was man als zweite Welle des Feminismus bezeichnet. Schwarzer sagt über diese Ära: „Das war eine Zeit, in der wir in Paris alle zusammen die Welt verändern wollten, im politischen Milieu nach 1968 gab es keine Schranken zwischen Studenten und berühmten Intellektuellen. Auch die Frauenbewegung war wahnsinnig gemischt.“
Im April 1971 erscheint im Wochenmagazin Le Nouvel Observateur das öffentliche Bekenntnis von 343 Frauen, abgetrieben zu haben. Darunter befinden sich Prominente wie die Schauspielerin Catherine Deneuve und Simone de Beauvoir. Mit der Forderung nach der Legalisierung der Abtreibung stießen sie eine öffentliche Debatte an. Alice Schwarzer überträgt diese Aktion nach Deutschland, um gegen den Paragrafen 218 zu demonstrieren. So erklären in einer Stern-Titelgeschichte im Juni 374 Frauen: „Wir haben abgetrieben!“ Das prangt auch auf dem Cover; unter den Frauen befindet sich Romy Schneider. Noch im gleichen Jahr veröffentlicht Schwarzer mit „Frauen gegen den § 218“ ihr erstes Buch. Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“ führt die Kampagne weiter und gibt der bereits mit der 1968 im Fahrwasser der Studentenbewegung entstandenen neuen Frauenbewegung Rückenwind. In der Kampagne geht es um die Entmündigung der Frauen und die körperlichen Gefahren für sie, wenn sie illegal Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen.
Kleiner Unterschied, große Folgen
Mit dem nächsten Buch wird Alice Schwarzer über die Bundesrepublik hinaus bekannt. In „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ nimmt sie die Unterdrückung der Frauen aufs Korn. Sie analysiert die Sexualität als Ausdruck eines Machtverhältnisses, das zuungunsten der Frauen gestaltet ist. Außerdem erklärt sie, dass Heterosexualität als Norm nicht natürlich, sondern kulturell bedingt sei. Frauen sollten ökonomisch unabhängig sein und sich sexuell frei entfalten können. Mit einem Schlag wird Schwarzer so 1975 zur Galionsfigur der deutschen Frauenbewegung.
Schwarzer kämpft gegen die Akzeptanz der Prostitution, die sie ablehnt. Jedoch wirbt sie für die Solidarität mit den Prostituierten. Im Vorwort vom Kate Milletts Buch „Das verkaufte Geschlecht“ erklärt sie: „Männer gehen zu Prostituierten, weil sie bei ihnen etwas suchen, was sie bei der Nicht-Prostituierten in dieser Konzentration nicht bekommen: die totale Verfügbarkeit und das totale Gefühl der Macht.“
Schon damals kommt Kritik auf, dass Schwarzers Feminismus auf Vereinfachungen und Verengungen beruht. Nicht allen Frauen galt er, sondern vielmehr war der Kampf um die Frauenrechte auf die weiße, kinderlose Frau in der Bundesrepublik beschränkt. Das sollte später ein allgemeiner Vorwurf an Schwarzer werden. Ihre Prominenz überschattet andere Akteurinnen, die in der Bundesrepublik die zweite Welle des Feminismus auslösten. Denn natürlich war das nicht allein Alice Schwarzers Werk. Feministinnen wie Helke Sander und Sigrid Rüger wären da zu nennen. Sander spricht als erste Frau auf einer Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Als ihr die Männer keine Aufmerksamkeit schenken, sorgt Sigrid Rüger mit einem Tomatenwurf für entsprechende Beachtung.
Mit der von ihr gegründeten Zeitschrift Emma verhilft Schwarzer der Frauenbewegung zu einer publizistischen Stimme. Allerdings auch sich selbst. Denn seit der ersten Ausgabe im Januar 1977 fungiert Schwarzer als Emma-Verlegerin und Chefredakteurin. Schwarzer zieht auch Kritik aus der Frauenbewegung – etwa vom parallel zur Emma entstandenen kollektiven Zeitschriftenprojekt Courage – auf sich. So wird kritisiert, dass sie in feministischen Debatten den Fokus auf ihre Person lenkt. Dadurch würden andere Standpunkte nicht in die Öffentlichkeit dringen. Zudem habe sich Schwarzer mit dem Erfolg anderer geschmückt. In ihrer zweimaligen Annahme des Bundesverdienstkreuzes sehen Linke eine Anbiederung ans Patriarchat.
Die Medienfrau
Von 1990 bis 2012 verleiht eine unabhängige Jury den Emma-Journalistinnen-Preis. Kurzzeitig moderiert Schwarzer eine Talkshow im Hessischen Rundfunk, sitzt im Rateteam der Sendung „Ja oder Nein.“. Schwarzer betätigt sich als Autorin und Herausgeberin mehrerer Dutzend Bücher. Ihre Biografie über die Grünen-Politikerin Petra Kelly wird verfilmt, jene über die Publizistin Marion Dönhoff und die Schauspielerin Romy Schneider werden Kassenschlager.
Als Schwarzer 2007 ihr Gesicht für eine Image-Kampagne der Bild zur Verfügung stellt, bleibt Kritik nicht aus. Immerhin hatte sie dem Boulevardmedium mehrfach Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Für dieses berichtet die Journalistin über den Kachelmann-Prozess. Der TV-Moderator Jürgen Kachelmann steht ab 2010 wegen Vergewaltigung vor Gericht, wird schließlich freigesprochen. Schwarzer berichtet parteilich und vorverurteilend. Kachelmanns Anwalt geht gegen sie vor, in einem gerichtlichen Vergleich sagt Schwarzer die Zahlung von 14.000 Euro zu. Wegen Steuerhinterziehung muss Schwarzer mehrere hunderttausend Euro zahlen.
Kontroversen: Kopftuch, Transidentität, Putin, Weidel
Früh thematisiert Alice Schwarzer in der Emma die Genitalverstümmelung. Im Jahr 1979 nimmt sie an einer Iran-Reise französischer Intellektueller teil. Diese erfolgt auf den Hilferuf von Iranerinnen, die sich nach der Machtergreifung Chomeinis der Entrechtung und Zwangsverschleierung ausgesetzt sehen. Schwarzer schreibt darüber, die Gefahr des islamistischen Fundamentalismus bleibt eines ihrer Hauptthemen.
Schwarzer lehnt das Tragen des Hijabs, des islamischen Kopftuchs, in der Öffentlichkeit ab. Das geschehe zum Zeil aus Zwang und sei kein religiöses, sondern politisches Symbol, weil es ins Leben der Frauen eingreife und ihre körperliche Bewegungsfreiheit einschränke. Nach den sexuellen Übergriffen in Köln zur Silvesternacht 2015 sagt sie in einer TV-Show: „Wir müssen uns die Frage stellen, ob zu den Sprenggürtlern und Kalaschnikows jetzt vielleicht eine systematische Strategie der sexuellen Gewalt kommt.“
Schwarzer bezeichnet Transaktivismus als „Propaganda“, weil dieser die Geschlechterrollen nicht abschaffen, sondern zementieren will. Menschen sollten sich demzufolge zurichten, um in diese Rollen zu passen. Gerade Mädchen und junge Frauen würden dadurch bestärkt, ihre Körper nicht anzunehmen. Das sei keine Befreiung aus dem Korsett der Geschlechterrollen, so die Autorin. Nur eine Minderheit der Menschen seien wirklich transsexuell; diese verdienten Akzeptanz. Das brachte Schwarzer das Etikett „transexkludierende radikale Feministin“ (TERF) ein. Der Lesben- und Schwulenverband nennt Schwarzers Erklärungen „grundlegend falsch und unverantwortlich“: „Sie sind gefährlich, weil sie sich gegen Verbesserungen in der rechtlichen Anerkennung, der gesundheitlichen Versorgung und der gesellschaftlichen Akzeptanz von trans* Menschen richten.“
Schwarzer bezeichnet den Russisch-Ukrainischen Krieg als Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland. Sie schreibt gegen die deutsche Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine an. In einem 2023 zusammen mit der Politikerin Sahra Wagenknecht (damals Die Linke, heute: BSW) veröffentlichten „Manifest für Frieden“ ruft Schwarzer zu einer Kundgebung in Berlin auf. Dort kommt eine breite Querfront zusammen. Nach Erstunterzeichnenden wie der Theologin Margot Käßmann und dem ehemaligen Vizepräsident der EU-Kommission Günter Verheugen unterstützen ebenfalls AfD-Chef Tino Chrupalla und der extrem rechte Journalist Jürgen Elsässer den Aufruf. In der Bundeskanzlerinkandidatur von AfD-Chefin Alice Weidel sieht Schwarzer ein hoffnungsstiftendes Role Model für Frauen, auch wenn sie deren Politik nicht teile. Für Kritiker ist das der Beweis für Schwarzers Unterstützung einer rechten Agenda und die fehlende Solidarität gegenüber marginalisierten Frauen, die ihr schon lange vorgeworfen wird.
Zum Schluss: Schwarzers Blick auf den Osten
In der ostdeutschen Zeitschrift Super Illu lobt Alice Schwarzer 2009 die Lebensverhältnisse der DDR-Frauen. Sie sieht vorhandene deutsch-deutsche Unterschiede, der „Widerstand“ in Ostdeutschland sei größer. Man „hat den Leuten nicht 40 Jahre lang erzählt, dass sie nur die Happy-Pille schlucken müssen, und dann geht’s ihnen gut. Oder dass sie nur den Fummel kaufen müssen, und alle Männer rennen sabbernd hinterher. So äußerlich war es in der DDR nicht.“ Sie mache auf Lesungen auch andere Werte im Osten aus, was sich ihrer Hoffnung nach erhalte, so Schwarzer. Das klingt wie eine Vorwegnahme der späteren Behauptung von Pegida & Co., die Ostdeutschen hätten ein feineres demokratisches Gespür.
Mit ihren Positionen zur richtigen Lebensführung von Frauen zeigt sich Schwarzer ihren Kritikerinnen zufolge stets absolut. Statt den Möglichkeitsraum für Frauen zu erweitern, bleibe sie bei dessen Verengungen stehen. Doch unabhängig davon, ob man sie als Ikone oder Totengräberin des Feminismus in Deutschland sieht: Sie hat diesen massiv mitgeprägt. Die Auseinandersetzung mit Alice Schwarzer scheint unerlässlich, um die Geschichte der Frauenbewegung zu verstehen – in all ihren Brüchen. Und bleibt wichtig für die Gegenwart, um das Bewusstsein für deren Schattierungen wach zu halten. Bei aller Widersprüchlichkeit gehört auch Alice Schwarzer zu dem Erbe, mit dem sich die Jüngeren auseinandersetzen können und sollten..
Für die Frauen in Gesamtdeutschland erfüllte sich bisher nicht, was sich Schwarzer im Wendewinter 1989/1990 wünschte: „Diese neuen Frauen lassen sich auch von den alten Herren in der Bundesrepublik nichts vormachen: ‚Wiedervereinigung hieße in der Frauenfrage drei Schritte zurück‘, erklärte selbstbewusst Sprecherin Ina Merkel. ‚Es hieße: wieder kämpfen um das Recht auf Arbeit, kämpfen um einen Platz für den Kindergarten, um die Schulspeisung. Es hieße, vieles mühsam Errungene aufzugeben, statt es auf eine neue qualitative Stufe zu heben.‘ Der in diesen Wochen wiedererwachten, bierseligen Nationalstaatlichkeit unseres deutsch-deutschen Einig-Volk-von-Brüdern setzen die neuen Frauen in der DDR einen stolzen Satz entgegen. Er lautet: ‚Wir Frauen haben kein Vaterland zu verlieren, sondern eine Welt zu gewinnen.‘“
