MAXIE WANDER
GUTEN ABEND, DU STERBLICHE.
Wie Maxie Wander ihre Krankheit protokollierte
von Jana Paulina Lobe

Ein Tonbandgerät. Obwohl sich dieser Text mit Maxie Wanders letzten Lebensjahren und ihrer Krebserkrankung beschäftigt, soll am Anfang keine Apparatur stehen, die bestrahlt, sondern eine, die aufnimmt. Wir beginnen mit einem Gerät, das noch nicht zu jenen medizinischen Maschinen gehört, unter die ihr Körper später geraten wird. Kein Lichtkegel, kein OP-Tisch, keine Behandlungszimmer. Noch nicht.
Zunächst also dieser Apparat mit seinen Spulen, Tasten, Kabeln und einem mechanischen Hunger nach Stimme. Er ist ab 1975 Maxie Wanders Begleiter für die „Protokolle nach Tonband“. Wanders Hunger nach Stimmen ist echt, sie ist es, die dieses Gerät bedient. Frauen sitzen vor ihr, sprechen frei heraus, stocken, erinnern sich, kommen auf Umwegen zu sich selbst.
Das ‚noch nicht‘ legt sich, wenn man ihr spätes Schreiben kennt, über fast alles. Denn Maxie Wander, die 1977 mit „Guten Morgen, du Schöne“ berühmt wurde, ist in der Erinnerung zunächst die Autorin, die anderen Frauen Gehör schenkte und eine Stimme lieh: Wander lässt in ihrem Debüt neunzehn Frauen im Alter von sechzehn bis zweiundneunzig Jahren aus der DDR erzählen. Zwischen diesen Altersstufen öffnet sich fast ein Jahrhundert weiblicher Erfahrung, von der noch tastenden Selbstbeschreibung bis zur späten Bilanz. Es sind keine Heldinnen des Sozialismus, Maxies Gesprächspartnerinnen kommen aus unterschiedlichen Milieus; weder sprechen sie brav im Sinn offizieller Fortschrittsrhetorik noch ausschließlich gegen sie. Wichtiger als diese Streuung ist der Ton, in dem sie von sich, von ihren Wünschen und den Korridoren weiblicher Bewegungsfreiheit erzählen. Die DDR hatte die Gleichberechtigung der Frau als gesellschaftliche Tatsache behauptet. „Guten Morgen, du Schöne“ hört nach, wie diese Tatsache im einzelnen Leben klang.
Aber während ihr Buch erscheint, während es gelesen, von der Literaturkritik hochgelobt und auf beiden Teilen der Mauer diskutiert wird, während Passagen daraus in lila Tinte unterstrichen werden, hat sich Maxie Wanders eigene Lebenszeit bereits erschreckend verengt. Der Erfolg als Autorin fällt in ihren Lebensabend, eine gnadenlos frühe Dämmerung. Deshalb lohnt es sich, ihr Krankheitsschreiben zu beleuchten: Was geschieht, wenn eine Autorin, die so genau zuhören konnte, dem eigenen kranken Körper, der eigenen Angst und dem nahenden Tod zuhören muss?
AUFNAHME LÄUFT
„Ich halte jedes Leben für hinreichend interessant, um anderen mitgeteilt zu werden. Entscheidend war für mich, ob eine Frau die Lust oder den Mut hatte, über sich zu erzählen“1, sagt sie über ihre Gesprächsaufzeichnungen. „Jedes Leben“ meint bei Wander nicht das exemplarische, besonders leidvolle oder anderweitig vorzeigbare, sondern auch das scheinbar triviale, das erschöpfte, das sich vielleicht nicht einmal selbst besonders interessant findet. Ihre im Schneeballsystem aufgefundenen Interviewpartnerinnen sprechen mit ihr über die weibliche Lebensrealität, in der sie nach Berufstätigkeit die zweite Schicht im Haushalt und das Haushalten mit fremden Bedürfnissen übernahmen.
Wander nimmt auf, aber sie transkribiert nicht nur. Sie montiert, verdichtet, komponiert; aus Gesprächen werden monologische Beschreibungen, aus dem Rohmaterial literarische Porträts. Ihre langjährige Freundin Christa Wolf hat im Vorwort zur westdeutschen Ausgabe zurecht darauf bestanden, Maxie sei in diesen Texten nicht nur diejenige, die einen Knopf bedient: „Nur scheinbar fehlt diesen neunzehn Protokollen das zwanzigste, die Selbstauskunft der Autorin; aber sie ist ja anwesend, und keineswegs bloß passiv, aufnehmend, vermittelnd.“2 Wander scheint durch ihre Empathie und ihr Gespür für Gesprächsführung – im zweiten Schritt mit ihrer Nachbearbeitung –, jene Bedingungen geschaffen zu haben, unter denen der Klang einer Stimme reiner hervortreten kann. Gerade weil die Autorin ihre Geschlechtsgenossinnen nicht zu ‚der Frau in der DDR‘ komprimiert, aus ihnen kein kollektives Mustersubjekt sozialistischer Weiblichkeit gewinnt, begegnen Lesenden auch heute keine angestaubten Zeitzeuginnenberichte: Man hört diesen Menschen förmlich dabei zu, wie sie im Erzählen eine vorläufige Form für ihre Selbst- und Weltdeutung finden. Durch ihr kunstvolles Arrangement reiht sich Wander in die Nachfolge von Sarah Kirsch ein, die 1974 mit ihrem Buch „Pantherfrau“ auf dem Kassetten-Recorder ‚unfrisierte Erzählungen‘ versammelt hatte. Wie sie zählt Wander seither zu den Vertreterinnen der dokumentarischen Literatur der DDR.3
Man könnte an dieser Stelle leicht ein feministisches Erfolgsnarrativ schreiben, und ganz falsch wäre es nicht. „Guten Morgen, du Schöne“ wurde in der DDR noch im Erscheinungsjahr mehr als sechzigtausend Mal verkauft, bald folgten Schallplatte, Bühnenfassungen, Verfilmungen einzelner Porträts; 1980 war der Text auf DDR-Bühnen der meistgespielte unter den Stücken ostdeutscher Dramatiker.4 Auch im Westen wurde das Buch eine literarische Sensation. Luchterhand brachte 1978 eine leicht adaptierte Ausgabe heraus; die erste Auflage war sofort vergriffen, die Taschenbuchausgabe lief bis 1987 in zweiundzwanzig Auflagen. Verleger Hans Altenhein erinnerte sich später an bis zu 200.000 verkaufte Exemplare.5 Die Auswirkungen auf die Frauenbewegung sind numerisch nicht zu erfassen.
Wanders Buch berührte beiderseits der Grenze dasselbe Begehren: Frauen wollten nicht länger Gegenstand fremder Deutung sein, sondern sich selbst in ihrer Sprache wiederfinden. Damit gelang Wander auf eigene Weise etwas, das Alice Schwarzer zwei Jahre zuvor im Westen mit „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“6 unternommen hatte. Schwarzer hatte weibliche Selbstauskünfte in eine publizistische Anklage gegen patriarchale Machtverhältnisse überführt; Wander schrieb in einem anderen Staat, mit ebenso viel Temperament, doch mit größerer literarischer Zurückhaltung. Beide Bücher holen Intimität aus der vermeintlichen Privatheit heraus, indem sie vorführen, dass das, was im Schlafzimmer, in der Küche, in der Ehe, im Umgang mit dem eigenen Körper geschieht, keine nebensächliche Angelegenheit ist. Während Schwarzer argumentiert und polemisiert, hört Wander zu, ordnet, lässt Zwischentöne stehen.
DAS MIT-GEHEN
Was hätte Maxie Wander selbst erzählt, wenn das Tonband vor ihr angesprungen wäre? Das öffentliche Reden lag ihr nicht; seit ihrer frühen Kindheit stotterte sie, besonders unter Aufregung und fremden Blicken.7 Und doch gibt es eine gesprochene Selbstauskunft, die mit bemerkenswerter Lakonie die eigene Lebensgeschichte entpathetisiert:
„Na ich bin in Wien geboren, 1933, und lebte da bis 1952. Hab’ dann eine Tochter bekommen, hab’ zehn Klassen Schule gemacht, eigentlich 11 Klassen, und ein Jahr vor der Matura sprang ich ab. Da hatte ich einen Freund. Dann hab’ ich einiges probiert. Ausbildung gab’s keine damals und ich habe jedenfalls keine gemacht. War dann am Kommunistischen Theater in Wien als Kartenverkäuferin, als Lohnverrechnerin. Dann war ich im Friedensrat als Sekretärin, das hat mir großen Spaß gemacht. Und dann ging mein Mann, der war damals Journalist und Schriftsteller, der ging damals nach Berlin, nach Potsdam, und ich ging mit.“8
Geboren wurde sie als Elfriede Brunner, genannt Fritzi, im Wiener Arbeiterbezirk Hernals, beide Eltern waren Mitglieder in der KPÖ. Ihr Vater Alois stammte aus armen Verhältnissen, lernte erst als junger Erwachsener Lesen und Schreiben und arbeitete später unter anderem als Maschinist und Tankwart; die Mutter Käthe war Näherin. Fritzi, die 1939 eingeschult wurde, musste in Zeiten der nationalsozialistischen Indoktrination früh lernen, dass allzu offenes Sprechen gefährlich werden konnte. Was in der Familie galt, konnte draußen nicht ohne Risiko gesagt werden; was draußen galt, wurde zuhause hinterfragt. Ob daher die Sensibilität für Zwischentöne rührt? Für das Gesagte und das Gemeinte, das Austarieren zwischen Anpassung und Widerrede, für das, was im Tonfall liegt und nicht im Satzinhalt.
Nach dem Schulabbruch arbeitet sie in verschiedenen Berufen, wird Sekretärin, Fotografin, Reporterin, später Drehbuchautorin. 1952 lernt sie Fred Wander kennen, geboren als Fritz Rosenblatt, einen 16 Jahre älteren österreichisch-jüdischen Schriftsteller, Kommunisten und Überlebenden der KZ-Lager Buchenwald und Auschwitz. 1956 heiraten sie, 1958 siedelt sie mit ihm in die DDR über, nach Kleinmachnow, direkt an die Grenze zu Westberlin. Für viele linke Intellektuelle aus Österreich und der Bundesrepublik ist die DDR in den fünfziger Jahren ein schon beschädigter, doch noch immer wirkmächtiger Sehnsuchtsort: ein Staat, der sich antifaschistisch begründete, der den Bruch mit dem Nationalsozialismus zur eigenen Legitimation erhob und damit historische Aufbruchstimmung verströmte. Doch auch der Osten, der Frauen offiziell als gleichberechtigte Subjekte entwarf, war nicht das gelobte Land. Für Maxie bedeutet Kleinmachnow deshalb beides: politische Hoffnung und provinzieller Alltag. Wanders Verhältnis zur DDR blieb zeitlebens prüfend; kommunistisch sozialisiert, war sie links, dabei aber nicht linientreu; sie nahm das antifaschistische Versprechen des Staates ernst und rieb sich auch deshalb an seiner bürokratischen Kälte und geistigen Enge. Dass Fred und Maxie Wander als österreichische Staatsbürger nicht denselben Reisebeschränkungen unterlagen wie DDR-Bürger:innen, löste die ambivalente Frage der Zugehörigkeit kaum. In der DDR blieben sie, auch durch ihre Tätigkeit als Kulturschaffende, in der Außenseiter:innenrolle; nach Österreich aber führte, trotz zunehmenden Heimwehs, kein unbeschädigter Weg zurück.9 Die Beweglichkeit, die ihnen ihre Pässe eröffneten, nutzte das Paar vor allem für Recherchereisen nach Frankreich.
Im eher kleinbürgerlichen Wohnort unterstützte Maxie ihren Mann bei seinen Projekten, fotografierte und tippte Manuskripte für sein Buch „Der siebte Brunnen“ oder für Reisereportagen, sie organisierte und umsorgte, zog drei Kinder groß, arbeitete journalistisch und für Film und Fernsehen. Stets suchte sie nach einer eigenen Form, die sich nicht im Zu- und Mitarbeiten erschöpfte.
DIE ANDERE AUFNAHME
Kaum tritt die Frau, die so lange mitgeschrieben, mitgearbeitet, mitgetragen hatte, aus dem Schatten ihres Mannes, und schon legt sich ein anderer Schatten über sie. Im Sommer 1976 bestätigt sich der Verdacht einer Krebserkrankung. Aufnahme ins Krankenhaus. Eine erste Operation, die Entfernung der rechten Brust in der Berliner Charité. Wenige Wochen später folgt ein weiterer gynäkologischer Eingriff, anschließend die Bestrahlung. Fred Wander erinnert sich, der Chirurg habe ihm unmittelbar nach der ersten Operation mitgeteilt, Maxies Zustand sei hoffnungslos; der Tumor sei zu spät entdeckt worden, es hätten sich bereits Metastasen gebildet.10 Was der Ehemann erfuhr, erreichte die Patientin selbst nicht in gleicher Klarheit. Für sie zerfaserte die Diagnose zunächst in Verdachtsmomente, Überweisungen zu Spezialist:innen, immer wieder Wartefristen. Das mühsame Arrangieren zwischen Ahnung und der Ohnmacht wird zum Erfahrungsraum ihres letzten Schreibens, läuft als Nebenspur mit, als sie die Protokolle verdichtet. Anfang November 1977 wird sie erneut eingewiesen, nachdem eine Vergrößerung der Leber festgestellt worden ist; in der Nacht vom 20. auf den 21. November stirbt sie.
In der DDR erschienen ihre von Fred Wander postum herausgegebenen Aufzeichnungen 1979 als „Tagebücher und Briefe“, 1980 kamen sie im Westen unter jenem Titel heraus, der so lapidar-frivol ist, dass er ihren Wiener Schmäh atmet: „Leben wär’ eine prima Alternative“. 1990 folgte „Ein Leben ist nicht genug“. Beides sind keine Nachlassbände, die man ehrfürchtig neben das Kultbuch einreiht, sondern Fortsetzung ihres Projekts mit anderen Mitteln, vielleicht gar Erweiterungen, nach Christa Wolfs Rechnung das 21. und 22. Porträt: Die Gesprächspartnerin ist nun nicht mehr die Arbeiterin, Mutter, die Zweifelnde, die eine andere Art zu leben sucht. Nun hält Maxie Zwiegespräche mit sich selbst. Die Gesprächspartnerin ist ihre Sterblichkeit.
Maxie beobachtet genau, was die Diagnose, der Krebs, mit ihrem Körper macht, aber ebenso, was sie in der Umgebung auslöst. Bekannte treten ins Krankenzimmer ein und bringen verlegene Sätze mit, die sie irgendwo gelernt haben; Blicke, die wissen wollen und nicht fragen, Besuche, die Nähe suggerieren und im selben Augenblick die Angst vor der Ansteckung durch Endlichkeit verraten. Wander registriert solche Verschiebungen, bringt mal Verständnis auf, hält mal mit Frustration nicht hinter den Berg. Sie entzieht sich der nachträglichen Politur, bemitleidet und zerfleischt sich manchmal selbst. Sie schreibt weder als Märtyrerin noch als geduldige Patientin, die Durchhalteparolen wie Mantras betet. Scharfe Selbstironie vermischt sich mit Unsicherheit, Unverständnis über die ‚weißen Kittel‘ mit trotziger Kritik. Nach der Amputation ihrer Brust und dem Anraten, ihr auch die Eierstöcke operativ zu entfernen, schreibt sie:
„Eins hat mich verdrossen: ‚Wir machen das alles‘, sagte der Chef, ‚damit Sie weiter für Ihre Familie sorgen können!‘ Und ich? Ich darf ruhig kastriert werden, zum Krüppel gemacht, zum Greis…Leben um jeden Preis? Und noch während ich das aufschreibe, meldet sich mein Widerspruchsgeist: Mir macht es nicht viel aus, ob ich körperlich verfalle. Aber wird es auch meinem Mann egal sein? Die Augen der Männer sind auf Äußerlichkeiten fixiert!“11
In der Aussage des Arztes wird ihr weiblicher Körper sozial zurückgerufen: Er soll weiter funktionieren, weiter für andere da sein. Wanders Empörung richtet sich gegen diese Objektifizierung, doch noch im Widerspruch meldet sich die Sorge, was der versehrte und damit womöglich nicht mehr begehrenswerte Körper für ihre Ehe bedeuten könnte. Die Sorge um die Zukunft ihres Mannes und ihrer Kinder ohne sie bildet ein Leitmotiv.
Maxie kennt schmerzhafte Verluste, die sich auf die Familie auswirken. 1968 stirbt ihre Tochter Kathrin, genannt Kitty, im Alter von zehn Jahren durch einen Unfall in einer Baugrube; in der biografischen Überlieferung erscheint dieser Tod als ein tiefer Einschnitt, den sie durch Arbeit zu verdrängen versuchte.12 „So hat Kitty dagelegen, genauso, mit Sauerstoffmaske und Flaschen, mit all diesen weißen Kitteln (für die du anonym bist, weil sie nicht mehr können, nicht mehr können, ach, ich versteh’s ja) und mit ihrer Angst. Und auch sie war allein …“13 Vielleicht speist sich auch daraus ihre Ungeduld mit allem Falschen, die ihre Aufzeichnungen durchzieht: mit zu schnellem Trost, mit dem scheibchenweisen Enthüllen der Ärzt:innen, mit schlecht geheuchelter Zuversicht. Ihre Notizen begannen nicht erst zur Zeit der Krankheit, Fred Wander nahm auch Passagen aus hellen, gesünderen Tagen in die Bücher auf. Schreiben war für Maxie eine lebensnotwendige Ausdrucksform; neben dem Tagebuch verfasste sie Briefe an ihre in Österreich zurückgebliebenen Verwandten und hielt den Kontakt zu ihren Eltern in nahezu täglicher Korrespondenz. Das, was „Leben wär’ eine prima Alternative“ zugrunde liegt, ist nicht aus dem plötzlichen Bedürfnis einer Sterbenden entstanden, sich noch einmal zu erklären, sondern aus einer schon eingeübten Kultur der Selbstmitteilung.
Darin berühren sich „Guten Morgen, du Schöne“ und „Leben wär’ eine prima Alternative“ und „Ein Leben ist nicht genug“ enger, als die äußere Form es vermuten lässt. Dort erzählen Frauen, weil ihnen jemand Zeit schenkt und zuhört, wie sie von den Zumutungen des täglichen Lebens berichten; hier schreibt eine Frau, der die Zeit davonläuft und die sich selbst und anderen die Zumutung dieser Erkenntnis nicht erspart.
Sie holt ihr Empfinden aus der sprachlichen Schonzone, möchte selbst nicht geschont werden. Ihre Briefe geben Zeugnis davon, wie ein weiblicher Körper behandelt wird, während die Person, der dieser Körper gehört, um ehrliche Auskunft ringen muss: „Eine Patientin, die Bescheid wissen will, die alles beobachtet und registriert und Fragen stellt – darauf sind die Ärzte sehr wenig vorbereitet“14, schreibt sie in einem Brief vom
27. Oktober 1976. Das Gesundheitssystem, das heilen soll, erscheint bei Wander zuweilen als verletzende Institution. Ihr Selbstbewusstsein als Frau und Patientin kollidiert mit der paternalistischen Informationspraxis der DDR-Krankenhäuser.15 Wie bleibt frau Subjekt, wenn Ärzte über ihre Organe sprechen, als gehörten sie dem Behandlungsplan? Was heißt Autonomie, wenn die Schwestern mehr über das Schicksal zu wissen scheinen als man selbst?16
Während Maxie die Korrekturfahnen im Krankenbett liest, darum kämpft, dass zwei Porträts nicht aus der Westausgabe gekürzt werden17, ist es nun ihr kranker Körper, der Protest erhebt. Der Morgen gehörte den Frauen, die im Sprechen eine Form für sich fanden; der Abend einer Frau, die weiß, dass Sprache den Tod nicht abwendet, aber einfordert, den Ton zu verändern, in dem von Krankheit und Abschied gesprochen wird.
DER NACHHALL
Die Resonanz auf „Guten Morgen, du Schöne“ erreichte Maxie Wander noch in ihren letzten Lebensmonaten, im Krankenhauszimmer las sie die noch immer eintrudelnden Leserinnenbriefe, zeitweise sollen es bis zu fünfzig täglich gewesen sein. Kultursendungen luden sie ein, ihr Buch rückte auf Bestenlisten. Sie arbeitete bereits an einem neuen Projekt, an den „Männerporträts“, den anderen fünfzig Prozent, die nicht mehr geschrieben werden konnten. Der Erfolg habe sie „verblüfft“, so Fred Wander in seinem Vorwort;18 die Öffentlichkeit aber war ihr nicht geheuer. So schreibt sie am 9. Juni 1977 in einem Brief: „Der Gedanke, vor fremden Leuten eine öffentliche Show abzuziehen, mit Autogrammstündchen hinterher und so, das läßt mich erschauern. Und öffentliche Blamage hat mir der Doktor nun wirklich nicht verschrieben.“19 Wander konnte Stimmen freisetzen; ihre eigene Vorführung scheute sie.
Fred Wander, dessen eigenes Ansehen auch vom Nachruhm Maxies berührt wurde, gab ihr nach dem Tod etwas zurück, das sie ihm zu Lebzeiten immer wieder gegeben hatte: Aufmerksamkeit und die Arbeit am Text. Heute liegen die Nachlässe von Fred und Maxie Wander, die intellektuellen Spuren ihrer Existenz, im Archiv der Akademie der Künste in Berlin: Briefe, Fotos, Lebensdokumente, Notizkalender, Reiseunterlagen.20 Ungeordnete wie edierte Dokumente – Verweis auf ein Leben, das sich nicht in einem einzigen Kultbuch erschöpft, auch wenn dieses Buch ihr zu literarischer Anerkennung verhalf. Es verweist außerdem auf eine Form von gemeinsamer Publikationstätigkeit, die auch der Tod nicht beenden konnte. Fred wurde nach seinem Tod 2006 im Grab von Maxie Wander beigesetzt. Die körperlichen Spuren ihrer Existenz ruhen nun gemeinsam auf dem Waldfriedhof in Kleinmachnow. In Wien wurde eine Straße nach ihr benannt; eine Gedenkplakette an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Ernst-Thälmann-Straße 22 in Kleinmachnow gibt es nicht.21
Maxie Wanders Lebenswerk bleibt nicht erinnerungswürdig, weil ihr früher Tod es beglaubigt hätte. Es bleibt, weil sie dem Leben anderer Frauen und dem eigenen keine falsche Größe verleihen musste, um es bedeutend zu finden. Wander, die über Jahre in den Studios fremder oder gemeinsamer Produktion stand, baute ein Buch aus dem Material, das die Literaturgeschichte lange wie Hintergrundrauschen behandelt hatte. „Guten Morgen, du Schöne“ lässt sich nicht nur als späte Emanzipation aus unsichtbarer Mitarbeit lesen – das würde dem gemeinsamen Leben und Arbeiten mit ihrem Mann nicht gerecht. Zwar erreichen ihre Gedanken uns großteils durch editorische Auswahl, ihre Stimme kommt vermittelt zu uns. Doch vielleicht passt das zu einer Autorin, die mit der naturbelassenen Stimme haderte und daran festhielt, dass Resonanz in einer konkreten Situation entsteht: in einem Gespräch, einer Beziehung, einem Du im Brief.
Es ist eine unschöne Volte: Sie, die Lebensgeschichten literarisierte, um sie authentischer zu machen,22 erhielt durch die Biografie „Das Leben, dieser Augenblick“ 2001 von Susanne Zurmühl eine Lebensbeschreibung, die von vielen, darunter auch Fred Wander, als unpassend – durch fiktionalisierte Passagen mitunter anmaßend – empfunden wird.23 Hinter der Kritik an Zurmühls Vorgehensweise und in der Diskussion um das Verhältnis von Autorisierung/Autor:innenschaft und biografischer Wahrheit steht gewiss auch die Überlegung, dass man nicht für Maxie Wander sprechen muss, um sie zu hören.
Am Ende also wieder dieses Gerät auf dem Tisch. Das Tonbandgerät, der Apparat für fremde Stimmen. Daneben liegen Tagebuch und Briefpapier, für Maxie Wander die Mittel der Wahl, ihre Stimme zum Ausdruck zu bringen. Zwischen beiden spannt sich Maxie Wanders Poetik: zuhören und beobachten, um zuzuspitzen.
Guten Abend, du Sterbliche. Wir lesen dich weiter.
FUSSNOTEN
1 Wander, Maxie (2024/1977): Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband. Mit einem Vorwort von Christa Wolf. Berlin: Suhrkamp, I
2 Wolf, Christa: Vorwort, in: Wander 2024, S. 15.
3 Schröder, Hans Joachim (1996): Zwei Klassikerinnen der Interviewliteratur: Sarah Kirsch und Maxie Wander. Materialien und Ergebnisse aus Forschungsprojekten des Instituts für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien, Heft 9. Bremen: Universität Bremen.
4 BLZ / o. A.: „Vor dreißig Jahren erschien Maxie Wanders ‚Guten Morgen, du Schöne‘: Anbruch der Wirklichkeit“. Berliner Zeitung, 22.08.2007.https://www.berliner-zeitung.de/article/vor-dreissig-jahren-erschien-maxie-wanders-guten-morgen-du-schoene-anbruch-der-wirklichkeit-16651
5 Schönian, Valerie: „‚Wir wollten dieses Buch‘“. DIE ZEIT, Interview mit Hans Altenhein, 08.01.2018.https://www.zeit.de/2018/02/guten-morgen-du-schoene-buch-ddr-hans-altenhein-luchterhand-verlag
6 Schwarzer, Alice: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen: Frauen über sich ; Beginn einer Befreiung. Frankfurt am Main, 1975.
7 Mayer, Anneliese: „Maxie Wander (1933–1977). Schriftstellerin“. In: WeiberZeit Nr. 12, Dezember 2006; online im Archiv Behindertenbewegung, https://archiv-behindertenbewegung.org/weitere-themen/beruehmte-behinderte-frauen/maxie-wander1933-1977/.
8 Wiemers, Carola: „Guten Morgen, Du Schöne“. Deutschlandfunk, 19.04.2014. https://www.deutschlandfunk.de/guten-morgen-du-schoene-100.html
9 Schneider, Ulrike: „‚Ein Farbfilm von Gesichtern …‘. Die ehrliche Kunst des einfachen Erzählens. Zur Poetologie Fred Wanders“. In: Sprachkunst XLI/2010, 1. Halbband, S. 43–61, hier S. 60.
10 Wander, Fred: Das gute Leben. Erinnerungen. München: Carl Hanser 1996, S. 332.
11 Wander: Leben wär’ eine prima Alternative, S. 63f.
12 Grünzweig, Walter: „Wander, Maxie“. In: Neue Deutsche Biographie 27, Onlinefassung Deutsche Biographie, 2020. https://www.deutsche-biographie.de/gnd118629050.html#ndbcontent
13 Wander, Maxie (2023): Leben wär eine prima Alternative, S. 24.
14 Wander, Maxie (2023): Leben wär eine prima Alternative, S. 60.
15 Klocke, Sonja E.: „‚Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus‘. Krankheit und medizinisches System in Schriften von Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf“. In: Angela Gencarelli (Hg.): Die DDR-Literatur und die Wissenschaften. Berlin/Boston: De Gruyter 2022, S. 171–196, hier S. 193ff.
16 Vergleiche für eine eindringliche Analyse der Bedingungen für Patientinnen im Krankenhaussystem der DDR: Klatt, Andrea: „Das Erzählen des eigenen Todes. Narrative Spezifika“. In: Mein Tod. Fiktionales und faktuales Erzählen des eigenen Todes. Berlin/Heidelberg: Springer, 2025, S. 95ff.
17 Leider war dieses Bemühen vergeblich, die Westausgabe ist um die Porträts der jüngsten (Susanne) und der ältesten Frau (Julia) gekürzt.
18 Wander, Maxie (2023): Leben wär eine prima Alternative S. 6.
19 Wander, Maxie (2023): Leben wär eine prima Alternative S. 226.
20 Akademie der Künste, Berlin: „Maxie-Wander-Archiv“. In: Archivdatenbank der Akademie der Künste, Bestand / Objekt-ID 33154. https://archiv.adk.de/bigobjekt/33154
21 o. A.: „Das fast vergessene Haus der Maxie Wander“. Berliner Morgenpost, 30.11.2003.
22 Vgl. für diesen Diskurs: Mildner, Doreen: Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“. Protokolle oder Porträts? Magisterarbeit. Universität Potsdam, 2009.
23 Vgl. Dahlke, Birgit: „Die Autorität der Autorin. Im Maxie-Sound“. der Freitag, 20.07.2001. https://www.freitag.de/autoren/birgit-dahlke/die-autoritat-der-autorin
