HANNAH ARENDT
Denken ohne Geländer
von Tobias Prüwer

Hannah Arendt? Was macht die Philosophin in einer deutsch-deutschen Frauengeschichte nach 1949, die sich insbesondere mit ostdeutschen Perspektiven und Transformationsprozessen beschäftigt? Zumal Arendt in der DDR ignoriert wurde und zur Zeit ihres größten Wirkens den US-amerikanischen Pass besaß.
Im politischen Denken des 20. Jahrhunderts kann man Hannah Arendt nicht übergehen, würde die dogmatische Antwort lauten. Das allerdings würde ihrem Charakter nicht gerecht. Die Philosophin empfahl ein „Denken ohne Geländer“, also outside the box. Mit einem solchen Ansatz fügt sich die Denkerin wunderbar in dieses Projekt. Ihre Auseinandersetzungen mit Terrorherrschaften, mit Shoa und Antisemitismus strahlten auch nach Deutschland ab. Ihre Erwähnung der „Banalität des Bösen“ löste eine heftige Kontroverse aus. Und gerade für die Gegenwart sind Arendts Gedanken extrem produktiv. Wie eine Gesellschaft ins Totalitäre abdriftet und warum Menschen zu Mördern werden, waren unter anderem ihre Fragen. Bei der Beschäftigung mit ihr lernt man ebenfalls etwas über historische Prozesse. Denn bei all ihren Verdiensten muss man Arendt ein rassistisches Weltbild attestieren, was schwarze Menschen betraf, das selbst lange nicht thematisiert wurde.
Zwei Gegenwartsspuren finden sich in Sachsen. So beschloss der Leipziger Stadtrat 2020, eine Straße nach Hannah Arendt umzubenennen; nur um den Beschluss nach Bürgerwidersprüchen wieder zurückzunehmen. So viel gelebte Demokratie hätte der Denkerin gut gefallen. An der Universität Dresden sitzt mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. ein wirkmächtiger Think Tank mit politischer Schlagseite. Hier wird die in der breiten Politikwissenschaft abgelehnte Extremismustheorie vertreten, die links und rechts gleichsetzt. Zudem führt die Totalitarismustheorie die deutschen Diktaturen eng, was ebenfalls problematisch ist. Das geschieht mit Bezug auf die Namensgeberin des Instituts, unabhängig der Tatsache, dass Arendt die DDR nach dem Tod Josef Stalins und dem Ende des Stalinismus wohl nicht mehr als totalitär erachtete.
In der DDR galt Arendt als unerwünschte Denkerin und zwar nicht nur wegen ihrer Auseinandersetzung mit den Totalitarismen. In ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ schälte sie die Strukturlosigkeit totalitärer Regierungen heraus. Terror erklärte sie zum entscheidenden Merkmal des Totalitarismus. Arendt wurde als bürgerlich und nicht fortschrittlich eingestuft und der vermeintlich irrationalistischen Existenzphilosophie zugeordnet. Dass einer ihrer Lehrer der NS-Anhänger Martin Heidegger war, belastete sie in Augen der DDR-Wissenschaft biografisch. Außerdem werden die Verantwortlichen Arendts Beschäftigung mit dem Holocaust-Logistiker Adolf Eichmann nicht begeistert zur Kenntnis genommen haben. Denn ihr Ausbuchstabieren der „Banalität des Bösen“ barg das Potenzial zur Kritik am vermeintlich besseren Deutschland, das mit der Nazi-Vergangenheit in keinem Zusammenhang stand. Die DDR gab sich einen antifaschistischen Anstrich und behauptete, Unterstützer und Täter im Nationalsozialismus hätten mit der Arbeiterschaft nichts zu tun, als dessen Vertreterin sich die DDR-Regierung inszenierte.
Königsberger Kindheit, Freiburger Philosophie
Als Johanna Arendt wird sie am 14. Oktober 1906 in Linden, heute ein Stadtteil von Hannover, geboren. Das Kind ist fast drei, da zieht die sozialdemokratisch geprägte, jüdische Familie ins ostpreußische Königsberg, der eigentlichen Heimat ihrer Eltern. Dort stirbt der Vater einige Jahre später; die Mutter heiratet neu. Arendt erklärte einmal, in einem „typisch deutsch-jüdischen assimilierten Milieu“ aufgewachsen zu sein. Schulzeit, teilweise Selbst- und Privatunterricht sowie der Besuch von Universitätsveranstaltungen pflastern Arendts Bildungsweg, die 1924 das Abitur in Königsberg ablegt. Es folgen vier Jahre Philosophiestudium in Marburg, Freiburg und Heidelberg. Diese prägende Zeit sind mit Lehrernamen wie Martin Heidegger, Endmund Husserl und Karl Jaspers verbunden. Arendt promoviert 1928 über den Liebesbegriff bei Augustin, während sie sich weiterhin heimlich mit Heidegger zum Tête-à-Tête trifft. An sein um den Verlust der existenziellen Heimat kreisendes Denken wird Arendt zeitlebens andocken, allerdings produktiv gewendet: Heidegger behauptet die Scholle, das Eigene. Arendt gelingt es, das Du, das Andere, anzuerkennen und sich als „Mädchen aus der Fremde“, wie sie in einem Brief an den ehemaligen Lehrer schreibt, in diese hineinzuversetzen. Heidegger verachtet die Öffentlichkeit als Ort des Geredes, Arendt ist sie als Forum der Demokratie heilig.
Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 wähnt sich Heidegger als der philosophische Führer dieser von ihm als heroisch imaginierten Bewegung. Die Jüdin Arendt flieht aus Deutschland. Erst in der Nachkriegszeit erneuert sie den Kontakt zu Heidegger, dem sie stets intellektuelle Treue hielt – natürlich keine politische. Für beide war ihre Liebesbeziehung ein entscheidendes, ja: existenzielles Erlebnis. Und für Arendt der Beginn ihres eigenen Denkens ohne Geländer.
Verhaftung durch, Fluchten vor den Nazis
Vor der Flucht hatte Arendt erste Schritte als freie Schriftstellerin getan und Günther Anders geehelicht, den sie während des Studiums kennengelernt hatte. Dieser wird als Technologie-Kritiker zum Vorgänger einer ökologischen Bewegung. Mit Verweis auf die Atombombe argumentiert Anders, die Menschheit könne sich die Folgen ihres technischen Fortschritts gar nicht vorstellen. Seine Warnung vor einer Apokalypse-Blindheit könnte angesichts der als „Künstliche Intelligenz“ überschätzten Großen Sprachmodelle wie ChatGPT nicht aktueller sein. Sein wie Arendts Denken ist untrennbar mit den Erfahrungen von Katastrophen verbunden, deren Schlagworte Hiroshima und Auschwitz lauten – ohne die damit verbundenen Ereignisse gleichzusetzen.
Nach der Verhaftung durch die Gestapo 1933 flieht das Paar nach Paris, wo sie sich bald wieder scheiden lassen. Arendt ist für zionistische Organisationen in der Flüchtlingsarbeit tätig – auch wenn sie der späteren Staatsgründung Israels immer ambivalent gegenüberstand. „Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen“, erklärt sie einmal.
Arendt heiratet den Ex-Kommunisten Heinrich Blücher, mit dem sie bis zu dessen Tod 1970 zusammenlebt. Sie ziehen 1941 weiter in die USA, wo sich die Denkerin mit Textarbeiten durchschlägt und an ihrer Analyse über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ arbeitet. Nach dessen Veröffentlichung 1951 lehrt sie an verschiedenen Universitäten, wird US-Staatsbürgerin. Arendt hatte sich über die Ziele der Nationalsozialisten keine Illusionen gemacht, deren Absicht der Judenvernichtung nicht als Rhetorik abgetan. So ist ihre Arbeit an der Geschichte des Antisemitismus und dem Charakter von Terrorherrschaften nur folgerichtig.
Von 1949–50 erfolgt ihr erster ausgedehnter Europabesuch, auf dem sie unter anderem Heidegger und Jaspers in der Bundesrepublik trifft. Auf letzteren hält sie einige Jahre darauf die Laudatio bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Immer wieder führen Arendt Vorlesungen und Vortragsreisen nach Europa. Während „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ 1955 auf Deutsch erscheint, arbeitet Arendt bereits am zweiten philosophischen Hauptwerk: „The Human Condition“ (1958), dt.: „Vita activa“ (1960). Darin entwirft sie eine Theorie des politischen Handelns.
Auseinandersetzungen: Totalitarismus und der Eichmann-Prozess
Rund 18 Jahre lang lebte Arendt als Staatenlose, bis sie US-Bürgerin wurde. Diese Exilerfahrung prägte sie wie das Jüdischsein. Ihre Philosophie ist von der Überzeugung getragen, dass das Leben ein Kampf um die Freiheit und Anerkennung von Andersartigkeit ist. Dem Gedanken tragen ihre Werke Rechnung.
Totalitarismus ist eine Herrschaftsform, in der alle Beherrschten einem politischen Ziel unterworfen sind. Über sie kann jederzeit uneingeschränkt verfügt werden. Es ist die absolute Diktatur, könnte man formulieren. Für Hannah Arendt stellte der Totalitarismus eine neue Form der Herrschaft dar. Die Individuen werden unterdrückt, ihnen wird die Individualität und Spontaneität genommen, also das, was sie zu Menschen macht. Jeder Einzelne wäre für sich überflüssig. Recht werde ebenso unter dieses Ziel gestellt, weshalb es von Unrecht nicht mehr zu unterscheiden sei, Wahrheit und Lüge wären keine gültigen Kategorien mehr. Eine Öffentlichkeit als Ort von Kritik und Debatte ist hier stillgestellt, ja: ausgelöscht. Als Beispiele dienen Arendt der Nationalsozialismus und die Sowjetunion, insbesondere die Stalin-Ära. In beiden entdeckt sie eine strukturelle Gleichheit.
Die Totalitarismen wurzeln in der Kolonialzeit, wo im Zuge der europäischen Expansionspolitik Völkermorde verübt wurden. Dieser Imperialismus folge der kapitalistischen Logik, also einer keine Grenzen kennenden Wachstumslogik, so Arendt. Das könne in den Totalitarismus umschlagen. Im Werk analysiert Arendt außerdem, wie die Entstehung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert mit der Bildung der Nationalstaaten verbunden ist. Im Nationalsozialismus gipfelte dieser im von Bürokratie und ideologisierter Masse ermöglichten Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden.
Allerdings widersprach Arendt einem Automatismus, also dass verführte Massen gar nicht anders konnten, als dem Führer zu folgen. Sie entschieden sich dafür – auch, weil man teilweise Hitler & Co. nicht beim Wort nahm. Und sich nicht vorstellen konnten, dass er an die Macht kommen könnte. Der Umbau des Regimes habe sich dann in aller Öffentlichkeit vollzogen, jeder konnte es sehen – das beinhaltet einen Risikohinweis für die Gegenwart.
Folgerichtig berichtet Arendt 1961 aus Jerusalem als Journalistin über den Eichmann-Prozess. Adolf Eichmann zeichnete im „Dritten Reich“ für die Organisation der Deportation der Juden verantwortlich. Ihn charakterisierte Arendt nicht als Monster, sondern als Staatsdiener – mittelmäßig, gedankenlos, unkritisch –, der eben seiner verordneten Aufgabe nachging und diese akribisch verfolgte. Das formte ihre Vorstellung von der „Banalität des Bösen“; womit Arendt ausdrücklich nicht die Dimension der Shoa meinte, sondern den Prozess, der die millionenfache Auslöschung realisierte. Arendt wurde für den Begriff kritisiert und angefeindet.
Tätiges Leben: „Vita activa“
Was macht den Menschen aus? Diese Frage begleitete Arendt zeitlebens. Er sei ein „politisches Tier“, war sie durch ihre Aristoteles-Lektüre überzeugt. Der Mensch ist auf das Leben in Gemeinschaft angewiesen, ist ein soziales Wesen, das in Gemeinschaft aktiv ist. In ihrem Buch „Vita activa“ unterscheidet sie drei Arten menschlicher Aktivität: Arbeit, Herstellen, Handeln. In modernen Gesellschaften habe sich die Arbeit zuungunsten der Handlungsfreiheit verschoben. Gezwungen Geld zu verdienen, haben die Menschen ihre lebensweltliche und politische Freiheit eingebüßt. Zudem sah sie in der Allmacht der Technologie eine Bedrohung der menschlichen Entfaltungssphäre. Sie prognostizierte mit dem Ende der Arbeitsgesellschaft einen einhergehenden Sinnverlust: Ohne ihren einzigen Sinn, nämlich die Arbeit, geht ihr die Bedeutung verloren. Sie warnte zwar vor negativen Folgen wie allgemeine Verunsicherung, hegte aber auch die Hoffnung, dass sich die Menschen vermehrt auf das Politische besinnen, ihre Kraft und Tätigkeit auf die gute und gerechte Gestaltung ihres Zusammenlebens konzentrieren. Solch schöner Traum vom tätigen Leben jenseits der Erwerbsarbeit scheint heute ganz weit weg, dabei schien er schon einmal nah.
Mehr Licht: Tod und Nachwirkungen
Mit der „Lex Arendt“ traf das Bundesverfassungsgericht 1971 die Entscheidung, dass Wiedergutmachungsansprüche erfolgreich durchgesetzt werden können. Arendt hatte geklagt, weil sie als Wissenschaftlerin zur Flucht gezwungen war. Noch einmal besucht sie 1975 in Freiburg Martin Heidegger. Am 4. Dezember dieses Jahres verstirbt sie an einem Herzinfarkt in der New Yorker Wohnung im Alter von 69 Jahren.
Arendts Werk ist vielfältig, mit ihrem Konzept vom tätigen Menschen kann man gegen ein schwarzmalendes Bild vom faulen Menschen argumentieren, dem vor allem konservative Positionen folgen. Gegenwärtig steht Hannah Arendt vor allem für eine Warnung: Autoritäre können mit demokratischen Mitteln zur Macht gelangen. Dort können sie die Demokratie aushöhlen. Befeuert würden autoritäre Führer durch Menschen, die sich innerhalb kapitalistischer Dynamik abgehängt fühlten. Sie würden anfällig für die Masse, wo das Individuum verschwindet. Dort lauere Arendt zufolge die gefährliche Sehnsucht nach Führung. Wenn Meinungen zu Fakten werden und Fakten auf den Status einer Meinungsäußerung zurechtgestutzt werden, wird Wahrheit zur Aushandlungssache. Hannah Arendt warnte vor solchen Verhältnissen.
Nach Arendt ist das politische Feld eines der Meinungen. Um die muss also diskutiert werden dürfen. Geschichte wiederholt sich nicht. Geschichte aber holt die Dinge ein. So geschehen im Fall der Hannah-Arendt-Straße in Leipzig. Ihr Name sollte den des glühenden Antisemiten Ernst Moritz Arndt ersetzen. Dass auch Hannah Arendt rassistische Schatten in ihrem Weltbild hatte, wussten die Antragsteller nicht. Ihre philosophischen und journalistischen Verdienste bleiben davon ungetrübt. Gut, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ befeuerte die Totalitarismustheorie und das Extremismus-Hufeisen-Modell.
Gruselig sind Arendts Äußerungen über die US-Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen „Rassentrennung“ und für Emanzipation der Afroamerikaner einsetzte. Diese seien nämlich selbst Schuld am Rassismus. Ihre primitiven Stammesgesellschaften hätten es den Kolonialisten schon unmöglich gemacht, sie nicht wie Kinder zu behandeln. Solche rassistischen Vorurteile projizierte sie auf die US-Gesellschaft. Die Vorwürfe wiegen immerhin so schwer, dass das Hannah Arendt Center (New York) 2019 eine ganze Konferenz dieser Frage widmete. Und daher kann man nur fordern: Benennt die Hannah-Arendt-Straße um! Wenn dieser Fall eines lehrt, dann dass historische Prozesse nicht aufhören, die Geschichte Dinge einholt. Immerhin forderte Hannah Arendt auf, „dahin zu denken, wo es wehtut.“ Es bleibt kompliziert.
