KLISCHEE: DIE OSTFRAU

von Sandra Strauß und Schwarwel

Cartoons: Schwarwel

„Ostfrauen stehen ihren Mann.“
„Ostfrauen sind emanzipiert.“
„Ostfrauen sind ständig nackt.“
„Ostfrauen sind Rabenmütter.“

Sie sind pragmatisch, direkt, stark und berufstätig, gut organisiert, durchsetzungsfähig, zupackend und krisenfest. Selbstbewusster und belastbarer als ihre westdeutschen Pendants sitzen sie in ihren Dederon-Kittelschürzen und mit ihren frischen Dauerwellen in ihren geblümten Campingstühlen am Ostseestrand, eine Hand fest am Einkaufsbeutel (ebenfalls Dederon), mit der anderen das Abendbrot vorbereitend. So sind sie eben, diese perfekten Karriere-, Haushalts- und Krisenmanagerinnen, die unverwüstlichen Superheldinnen, die unkomplizierten und pflegeleichten Partnerinnen, auch wenn sie später zu Wendeverliererinnen und schließlich zu Jammerossis verkommen …

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. So trieben Ostfrauen häufiger ab, denn Ostfrauen waren auch freizügiger (lies: sexuell besonders offen) und daher auch „schneller zu haben“. Doch Obacht: Ostfrauen ließen sich auch schneller scheiden, weil  sie es konnten. Von Staats wegen. Genau wie das Abtreiben.

Du kannst sehr gern ergänzen, was dir selbst noch zu Klischees über Ostfrauen einfällt oder mit welcher Zuschreibung du selbst schon konfrontiert wurdest.

Was stimmt? Was stimmt nicht? Oder sollten wir nicht diese Fragen stellen, sondern lieber fragen: Woher kommen diese Zuschreibungen und was sind denn eigentlich Klischees?

Doch zuerst möchten wir damit beginnen, dass es – Achtung: Spoiler! – DIE Ostfrau gar nicht gibt, weil die Lebenswirklichkeiten und Alltagswelten bei Weitem vielfältiger waren und sind als diese starren Schablonen. Und damit wäre dieser Text eigentlich auch schon zu Ende.

Ende

Doch Halt!

Sie existieren aber, diese Klischees und Stereotypisierungen von Frauen aus der (ehemaligen) DDR. Und das hat Auswirkungen. Denn viele dieser Bilder wirken bis heute nach und haben weiterhin Einfluss – in den Medien, im Alltag und selbst in wissenschaftlichen Debatten. Sie erscheinen auf den ersten Blick vielleicht harmlos, sind aber Ausdruck eines Framings, das ostdeutsche Frauen häufig nicht als Individuen, sondern als Vertreterinnen eines vermeintlich homogenen „Ostens“ betrachtet. Dabei erzählen diese Klischees oft weniger über die Frauen selbst als über den Blick, mit dem auf sie geschaut wird.

Sprache schafft Wirklichkeit. Sie beschreibt Wirklichkeit nicht nur , sondern formt sie. Framing bedeutet, dass eine Information durch eine bestimmte sprachliche oder gedankliche Deutungsrahmung (Rahmen im englischen „Frame“) dargestellt wird. Dadurch kann beeinflusst werden, wie wir eine Situation wahrnehmen, bewerten und einordnen – obwohl die zugrunde liegenden Fakten gleich bleiben. Frames entscheiden darüber, welche Aspekte sichtbar und welche ausgeblendet werden.  

Die Verwendung von Klischees vereinfacht komplexe Lebensrealitäten, wodurch Millionen individueller Biografien auf wenige vermeintlich typische Eigenschaften reduziert werden. 

Gleichzeitig entstehen diese Klischees nicht aus dem Nichts. Zumeist beruhen sie auf tatsächlichen Unterschieden zwischen den Sozialisationen der DDR und der Bundesrepublik bis zum Mauerfall 1989 und enthalten gleichzeitig einzelne historische Wahrheiten – wobei sie jedoch verallgemeinert, überzeichnet oder aus dem historischen Zusammenhang gerissen werden. 

Nach 1990 dominierten in Deutschland westdeutsche Deutungsmuster, die auch den Blick auf ostdeutsche Frauen prägten. Ostdeutsche Erfahrungen wurden dabei häufig nicht als gleichwertige Lebenswirklichkeiten verstanden, sondern an westdeutschen Normen gemessen. Viele Unterschiede zwischen Ost und West haben historische Ursachen. Sie erklären gesellschaftliche Entwicklungen, dürfen aber nicht dazu führen, Menschen auf stereotype Eigenschaften zu reduzieren. 

Mehr als 36 Jahre nach der deutschen Einheit wirken viele dieser Bilder noch immer nach. Heute wächst mit den „Nachwendekindern“ bzw. der „Generation Einheit“ eine Generation heran, die die DDR nicht mehr selbst erlebt hat. Dennoch leben viele Bilder fort und auch diese neue Generation wird noch mit den überkommenen Ost-Klischees konfrontiert.

Es gibt unterschiedliche Biografien, Erfahrungen und Lebensentwürfe. „Die ostdeutsche Frau“ gibt es ebenso wenig wie „die westdeutsche Frau“. Doch Klischees existierten in beide Richtungen.

So wurde in der DDR das Bild der westdeutschen Hausfrau als „Heimchen am Herd“ gepflegt: (Finanziell) abhängig vom Ehemann, unpolitisch, konsumorientiert und kaum berufstätig verbringt sie ihr Leben zwischen Küche, Kindern und Kaffeekränzchen. Oder sie ist das genaue Gegenteil: die knallharte Karrierefrau, die über Leichen geht.

Daher lass uns einfach tiefer in diese Materie einsteigen und herausfinden, woher das alles kommt und worum es dabei eigentlich geht.  Auch hier gibt es nicht nur die eine Antwort, weil eben alles vielschichtiger ist und verschiedene Kräfte wirken.

In diesem Buch sowie auf unserem Portal „Die anderen 50 Prozent“ machen wir uns gemeinsam mit vielen Portagonistinnen und Protagonisten auf die Suche. Wir wollen durch Recherche und Gespräche neue Informationen gewinnen und Ursachen herausfinden. Dabei werden wir zugleich auf eine doppelte Form der Zuschreibung stoßen, denn Geschlecht und Ost-West-Zugehörigkeit überschneiden sich. 

Ostdeutsche Frauen wurden und werden vor und nach 1990 nicht nur als Frauen, sondern zugleich als „Ostdeutsche“ bewertet. Die Soziologie spricht hier von einer intersektionalen Benachteiligung, weil sich verschiedene Kategorien – Geschlecht, Herkunft und soziale Transformation – gegenseitig verstärken können.

Also los, lass uns aufbrechen und gegen alte Klischees angehen, denn „es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, „wir sind ja nicht aus Zucker“ und „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“!