HONIGFRAUEN
Die Frau als funktionale Zelle der Gemeinschaft
von Mona Herdmann

„Wenn du mich schlagen willst, musst du mich totschlagen!“ (Solo Sunny)
Zum ersten Mal habe ich von den sexuell offenherzigen DDR-Frauen gehört, als mir ein Mann aus Schwaben in den Nullerjahren völlig unvermittelt an den Arsch gefasst hat, nachdem wir in einer Kneipe bei einigen spendierten Rotweinen über Rainald Götz und Fassbinder geredet hatten. Es war noch ein steiniges Stück Lebensweg, bis ich Fassbinders Übertragung faschistoider Machtverhältnisse auf individuelle Beziehungen anwenden konnte, weshalb sich der übergriffig grinsende schwäbische Neugrundbesitzer an dieser Stelle leider nicht seine hart verdiente Ohrfeige abholte.
Über „Honigfrauen“ wusste ich damals recht wenig. Über Patriarchat zu viel.
Als Tochter einer „Frau Oberstudienrätin“, wie mein Vater gerne abschätzig in die streitbare Runde warf, durfte ich meine Mutter einerseits nach einigen Überlegungen in der Schule weiterhin duzen, andererseits durfte ich nichts weniger als Zeuge häuslicher Übergriffe sein, weil ich „diese Sache noch nicht verstand“. Den weiblichen Spagat zwischen beruflicher Autorität und privater patriarchaler Hierarchie habe ich also nicht halb so symbolisch kennenlernen dürfen, wie es mir lieb gewesen wäre.
Fast noch mehr als „diese Sache“ hat mich immer das Verhalten der anderen verblüfft. Obwohl alle vom Drama wussten, hat niemand jemals irgendetwas dagegen gemacht. Wieviel Methode das hatte, war mir lange nicht bewusst, weil alles, was „dieser Sache“ zugehörig war, also der Umgang mit häuslicher Gewalt in der DDR, bis auf einige wenige Randnotizen wie als Wiederholung auf höherer Ebene bis zur heutigen Zeit nahezu unbesprochen geblieben ist.
Mit Christa Wolf, die in „Nachdenken über Christa T.“ an so ziemlich allen Frauen meiner Kindheit vorbeigeschrieben hat, könnte man sagen: „Da sie an der Welt nicht zweifeln konnte, blieb ihr nur der Zweifel an sich.“ Man könnte auch prosaischer formulieren: Gewalt an Frauen war in der DDR politisch geduldet, weil es sie offiziell nicht mehr gab, nachdem ihr von oberster Stelle die behauptete Grundlage entzogen worden war.
Die Gleichstellung der Frau ereignete sich im Dunstkreis ihrer kollektiven Funktionalität. Artikel 20, Absatz 2 der Verfassung der DDR erklärte die Diskriminierung der Frau (mit einer Ausnahme) als überwunden: „Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.“ Die Definition von Resten der Ungleichheit als ökonomische Abhängigkeit ermöglichte im Umkehrschluss die Abschaffung weiblicher Abwertung durch die Vollbeschäftigung der Frauen. Bis zum Ende der 1980er Jahre waren in der DDR etwa 83 Prozent der arbeitsfähigen Frauen überbeschäftigt – weil sie nach 40 Stunden Lohnarbeit in vielen Familien gleichzeitig Vollzeithausfrauen blieben. Ungeachtet dessen proklamierte die DDR offiziell die diskriminierungsfreie Zone. Das erklärt, warum meine Mutter bis heute darüber rätselt, warum die Direktorin den Tyrannen nicht verlassen konnte.
Es erklärt ebenso, warum es in der DDR keine institutionalisierte Hilfe für Frauen gab: keine Frauenhäuser und mit Ausnahme des DFD kaum Beratungseinrichtungen. Der Demokratische Frauenbund Deutschlands war aus den Frauenausschüssen der Nachkriegszeit hervorgegangen und wurde 1952 als überparteilicher und überkonfessioneller Frauenverband zur Massenorganisation der SED installiert. Dort wurde den 1,5 Millionen Mitgliederinnen (Potenzial war da!) innerhalb der Kommunen vor allem der Alltag verrüscht. Unterstützung fand Frau in der Ausgestaltung ihrer selbst als funktionale Zelle der Gemeinschaft: längere Öffnungszeiten der Kitas durchsetzen, Schnittbögen für die Nähzirkel austauschen und zweimal pro Woche Singlebörse. Eheberatungen verfolgten das Ziel der Bewahrung des Kollektiven, weswegen Frauen, die mit ihren individuellen Problemen (z. B. in „dieser Sache“) dort auftauchten, auch gerne mal zum Psychiater weitergeleitet wurden.
In meiner Erinnerung tritt der DFD durch Beitragsmarken in Erscheinung, die ich einmal im Jahr in ein Sammelheft einkleben durfte, als Unterstützer gegen gewalttätige Männer leider nicht. Häusliche Gewalt blieb in diesem Staat, der in operativen Personenkontrollen noch die letze Darmwindung seiner Bürger durchleuchtet hat, zuvorderst das Problem der Frau und – man höre und staune – „Privatsache“.
In der Zeit nach der Wende hätte aus der Fusion der Erfahrung ökonomischer Autonomie des Ostens und den feministischen Erkenntnissen über Diskurs und Sprache des Westens eine große Kraft generiert werden können. Stattdessen erinnere ich mich an Frauen, die, einander fremd, Angst vor der Stärke (und Schwäche) der anderen hatten.
Während sie noch damit beschäftigt waren, auf die richtige Weise (Richtig für wen eigentlich?) emanzipiert zu sein, wurde andererseits der wiedervereinte Kuchen verteilt, in dessen Form sie für viele als Zutat im Gedächtnis blieben – Honey.
„Solo Sunny“
DEFA 1980, Regie: Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase
Spielfilm über die Identitätsprobleme der Jugend (nicht nur) in der DDR als mutiges Plädoyer gegen gesellschaftliche Bevormundung, für Individualität und den eigenen Weg durchs Leben.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”
