WISSENSFENSTER: FRÜHE JUGEND IN DER SPÄTEN DDR
Die Russischschule, Judo und die Thälmannpioniere
von Tobias Prüwer

Die flache rechte Hand wandert zum Kopf, der Daumen zeigt zum Scheitel mit dem Käppi, der kleine Finger ragt gen Himmel: „Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!“, „Immer bereit!“. Seit der 4. Klasse machte ich den Pioniergruß im roten Halstuch, denn nun war ich Thälmannpionier. Über den Farbenwechsel meines Judogürtels freute ich mich aber mehr, Thälmannpioniere gab es viele.
Mit der dritten Klasse bin ich auf die Russischschule gekommen, wo der Sprachunterricht früher als in der sonst üblichen fünften Klasse stattfand. Das war so eine Art „Begabtenförderung“: Auf Lehrervorschlag und Elternzustimmung wurden Schüler mit guten Noten hierher geschickt. Weil mich besonders die Vorstellung lockte, russische Trickfilme verstehen zu können, willigte ich ein. Dass diese Schulen als „Kaderschmiede“ galten, bemerkte ich nicht. Obwohl in der Klasse auch Kinder von Polizei-, Militär- und wahrscheinlich noch Staatssicherheitsorganen saßen, fiel die Schulzeit weder stramm noch uniformiert aus. Wöchentliche oder gar tägliche Appelle, die andere Zeitzeugen anführen, gab es nicht. Wir liefen auch nicht die ganze Zeit in Pionierkluft herum; es existierten offensichtlich Ermessensspielräume. Klar, Honecker-Bilder und andere Devotionalien des Staats- und Personenkults hingen überall herum, wahrscheinlich so häufig wie das Kruzifix in bayrischen Klassenzimmern zu dieser Zeit.
Zweimal war ich stellvertretender Gruppenratsvorsitzender – so etwas wie ein Klassensprecher auf Pionierkollektiv getrimmt –, einmal Agitator (Wie das heute klingt!): Das heißt, ich hatte die Wandzeitung zu bestimmten Ereignissen der aktuellen Weltpolitik zu gestalten, über die die Klasse dann diskutierte. Seltsamerweise waren wir uns dabei immer einig, nur über das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens im Sommer 1989 stritten wir. Und die Lehrerin konnte nicht alle von uns überzeugen, dass man für die Bewahrung des sozialistischen Friedens in China Menschen mit Panzern überrollt. Ansonsten herrschte Konsens. Selbst im Deutschunterricht lernten wir, dass eine Diskussion nach dem Austausch von Argumenten einmütig in der gleichen, weil richtigen Meinung endet. Das verstand ich nicht und auch, warum die geschichtliche Abfolge von Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus notwendiger Fortschritt sein soll, leuchtete mir nie ein. Ich fand den Historischen Materialismus unplausibel, dachte aber, ich bin zu blöd.
Freiheiten gab es, weil sich Lehrer diese nahmen. Im Musikunterricht hörten wir Tangerine Dream und Gerhard Schönes Spatzenhirn-Kritik: „Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog, / hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein, / denn er sang wohl etwas anders / und war nicht so grau wie sie“. Punks imponierten mir in ihrer Andersartigkeit, wohl auch, weil die Eltern meinten, so solle ich einmal nicht aussehen. Dabei war ich schon Ärzte-„Fan“: Mein bester Freund hatte eine Kassette am Baggersee gefunden, die ich kopierte. Von Repressionen gegen Subkulturen wusste ich nichts. Im Bereich Musik erfuhr ich erstmals die DDR-Ausleseprozesse bewusst. Gut, dass man mich eine Altersklasse früher beim Judo nahm, weil ich große Füße hätte … leuchtete mir in puncto Standfestigkeit noch ein. Warum ich aber an der Musikschule nicht Gitarre lernen durfte, sondern wegen meiner langer Finger viel besser für Trompete und Geige geeignet sei? Dann ließ ich es bleiben. Wie die Christenlehre, in die mich meine Mutter gern gegeben hätte, damit ich als Getaufter mal mehr darüber erfahre. Als Kind fand ich das Alte Testament immer spannend, auf Grund der martialisch-märchenhaften Geschichten. Die in der Gemeinde hatten nur einen Termin zur Trainingszeit – Judo siegte. Die anderen Nachmittage verbrachte ich weiterhin im Hort und in schulischen AGs. Auch hier traf ich meine eigene Wahl: Während alle anderen Jungs meiner Klasse in die AG NVA stürmten, machte ich lieber Handarbeiten; Häkeln statt Haubitze. Lust auf Armee hatte ich gar keine, sondern sogar Angst vor Drill und Dressur. Dieser Kelch ging an mir durchs Glück der späten Geburt genauso vorbei wie vormilitärische Ausbildung und Staatsbürgerkunde.
Im Ferienlager war ich nur einmal. Sommer 89 war da schon eine merkwürdige Freiheitsstimmung. Wir schauten „Dirty Dancing“ im Dorfkino, tanzten zu Michael Jackson. Nur mit den Mädchen liefs nicht – wie das so ist beim Frühlingserwachen. Meine erste platonische Freundin verlor ich schon zuvor an die deutsch-deutschen Zustände. Eines Tages erklärte Konstanze, wir könnten uns nicht mehr sehen. Sie würden in den Westen ziehen – ihre Eltern waren dort begehrte Mediziner. Ja, die Winde des Wechsels waren nicht greifbar, aber da, jenen Sommer. Ich war 12 und er 59: Und dann kam Helmut Kohl.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
