#danke_ddr – *ironieoff*
von Vic Vais

Als ich den Fragenkatalog zum Leben und Fühlen in der DDR für das Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden“ zugeschickt bekam, fiel mir erst einmal nur ein, dass ich dazu eigentlich gar nichts sagen kann. Ich wurde schließlich erst 1988 geboren. Wir sind aufgewachsen mit Bravo, Haribo und MTV, mit Tamagotchis, ICQ und Snake auf dem Nokia-Handy. Konsum volle Kanne! Plastik, Reality Soaps, Castingshow-Pop. Ich sah das World Trade Center in Dauerschleife auf n-tv einstürzen und erlebte die Umstellung von D-Mark auf Euro.
Als mein Grundschulfreund mit seinen Eltern nach München und wenig später meine beste Freundin nach Jülich zogen, fand ich daran scheiße, dass sie weg waren, und nicht, dass sie „in den Westen“ gingen. Zehn Jahre vorher hätte sich das entweder so gar nicht ereignen können oder es wäre ein ganz anderes Ding gewesen.
Wie auch immer. DDR, das war für mich vor allem eins: Geschichte. Aus „dem Osten“ zu kommen, war einfach kein Teil meiner Identität. „Haha!“ kann ich da rückblickend nur sagen – denkste!
#habtihrdabananen?
In Berührung mit dem „Ossi-Label“, in Bezug auf mich selbst, kam ich erstmals gehäuft, als wir im Teenager-Alter mit unserer Band zu touren anfingen: Bei Interviews und im Backstage wurde unser Dialekt belächelt und wir wurden nicht selten behandelt wie Exoten: „Und? Wie ist es, im Osten zu leben? Gibts da überhaupt ordentliches Equipment? Habt ihr inzwischen Bananen?“
Und dann sind da diese Leute, die erst mit – frühestens – drei Jahren in die Kita gehen mussten. („Wie? Du bist in der Grundschule alleine nach Hause gegangen? Wo war denn deine Mutter?“) Leute, deren Eltern Auslandsaufenthalte, das Studium, das erste eigene Auto finanzierten. („Ach, die drei Monate Asien! Das kostet doch fast nichts!“) Leute, die geerbt haben. („Und dann hat mein Opa mir eben dieses Haus geschenkt.“) Leute, die in den Ferien ins Domizil der Familie nach Südfrankreich fahren. („Nee, keinen Bock, da schon wieder hinzufahren. Ich mach diesen Sommer Backpacking in Thailand.“) Leute mit – Achtung! Unwort – „Rücklagen“.
Lange dachte ich: Okay, meine Familie ist einfach nicht besonders wohlhabend. Aber zunehmend verhärtete sich der Eindruck, dass da wohl schon – nach wie vor – ein gewisses „Ost-West-Gefälle“ besteht. Die Statistiken zu Einkommens- und Vermögensunterschieden oder auch Kinderbetreuungsquoten bestätigen das.
#guckmaleinossi!
Vor gar nicht allzu langer Zeit zeigte mir ein Bekannter aus Düsseldorf ein Bild von einem Typen auf Tinder und erklärte dazu feixend: „Guck mal! Sieht der nicht aus wie so ein typischer Ossi?“ (Was auch immer das heißen soll.) Und wenn die BWL-Jungs aus den süddeutschen Großstädten mit ihren Schals und Lackschuhen auf dem Leipziger Campus auflaufen, rollen die Ossis in der Raucherecke schon mal gern verächtlich mit den Augen. („Haste den Wessi-Schnösel gesehen?“)
#auaweh
Die „Zone“ ist Geschichte? Pustekuchen! Die Teilung dieses Landes wirkt(e) ganz offensichtlich auch noch 1999 und 2009 und ist ebenso 2019 noch spürbar. Klar, denn sie prägte das (Innen-)Leben unserer Großeltern und Eltern, Tanten, Onkel massiv. Die Teilung zog sich nicht nur durch ein abstraktes „Land“, sondern – ganz praktisch – durch Familien-, Liebes-, Menschenleben. DDR, das sind für mich eben auch: traurige Familiengeschichten.
Da ist zum Beispiel die Geschichte meiner Oma, die als Baby – so erzählt man sichs – in der Wohnung von ihrer Mutter allein zurückgelassen wurde, um sich bei Nacht und Nebel in den Westen abzusetzen. Tage später sei das Kleinkind gefunden worden, verwahrlost, aufgebracht, allein im Gitterbettchen. Die Mutter sei dann jahrelang verschollen gewesen, meine Oma wuchs bei ihren Großeltern auf … Zeitsprung. Wenn ich als Kind bei meiner Oma war und das Telefon klingelte, sie abnahm und ihr Gesicht sich versteinerte, wusste ich, dass ihre Mutter dran war, die sich – wieder einmal – „nur erkundigen will, ob sie noch eine Tochter hat“.
Eine andere Geschichte einer anderen Oma geht in etwa so: Sie hatte einen Freund, aber sie sahen sich nur selten, weil er „drüben“ was aus sich machen, richtig Geld verdienen wollte. Ab und zu gab es romantische Treffen in Prag. Freunde fragten, wann er denn endlich zurückkommen würde. Als dann die Grenze offen war, erwartete meine Großmutter ihn sehnsüchtig. Aber er kam nicht. Die Mär ist, dass er bei seinem letzten Arbeitsauftrag, quasi am Tag der Rückreise, das Auto schon gepackt, vom Dach gefallen sei.
In der riesigen Wohnung dieser Oma lebten übrigens für einige Jahre die jugendlichen Kinder ihrer Bekannten, die sich aufgrund eines kritischen Briefs in politischer Gefangenschaft befanden.
Wieder eine andere Oma – es gibt viele Omas in unserer Patchworkfamilie – berichtete, dass ihre große Schwester bei den Großeltern im Westen aufgewachsen sei, während die anderen beiden Kinder bei ihrer alleinerziehenden Mutter im Osten blieben.
Das sind Familiengeschichten, die die Zone geschrieben hat – oder besser: die ihr zuzuschreiben sind. Es sind diese Geschichten, die mir das, was damals abging, so weit weg erscheinen lassen. Weils so absurd unmenschlich ist.
Ähnliche Geschichten höre ich von Freundinnen. Wir erzählten sie uns in Bars, auf Schulhöfen, bei Bahnfahrten und wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Omas, Opas und Eltern ziemlich … „gebrochen“ wirken: Haufenweise Bezugspersonen mit zonenbedingten Knacksen. Das macht natürlich was. Das wirkt(e) auch auf uns – heute Mitte 20, Anfang 30 -, auf unsere Kinder und wahrscheinlich auch noch auf unsere Enkel. Stichwort: kollektives Trauma.
Danke dafür, DDR! War scheiße. Merkste selber, ne?!
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.
