FRAUENGEFÄNGNIS HOHENECK

von Franziska Reif

Foto Frauengefägnis Hoheneck: Bundesstiftung Aufarbeitung, eastblockworld, EBW_PH_1101695

„Bei meiner Entlassung hatte ich fast nur noch Zahnwurzeln im Mund.“

Im Frauengefängnis Hoheneck saßen Verbrecherinnen ihre Strafe ab. Außerdem wurden in Hoheneck Frauen aus politischen Gründen eingesperrt – sie galten als Staatsfeindinnen. Die Haftbedingungen waren für sie besonders hart.

„Dort teilte ich mir mit 35 anderen Frauen, darunter 34 Mörderinnen, eine Zelle“, erzählt Regina Labahn. Mitte der Achtziger wurde die 1951 Geborene zu anderthalb Jahren Haft verurteilt, nachdem sie und ihr Mann beantragt hatten, aus der DDR ausreisen zu dürfen. Von 1984 bis 1986 war Regina Labahn im Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert. Ihre drei Kinder waren schon zuvor ins Heim gesteckt worden, ihr Mann saß in dieser Zeit ebenfalls in Haft.

GRÖSSTES FRAUENGEFÄNGNIS DER DDR

Hoheneck in Stollberg im Erzgebirge war ab 1950 das zentrale Frauengefängnis der DDR. Bis 1990 saßen hier insgesamt 24.000 Frauen ein. 16.000 von ihnen hatten Straftaten wie Betrug, schwere Körperverletzung, Diebstahl oder Mord begangen. Die anderen 8.000 waren politische Häftlinge, ihre Verurteilungen hatten politische Gründe. Deshalb wurde Hoheneck zu einem berüchtigten Sinnbild für Frauen, die aus politischen Gründen inhaftiert waren – das waren angebliche Verbrechen gegen den Staat oder Verhalten, das vermeintlich den Staat gefährdete. Sie wurden von der DDR-Justiz wegen versuchter Republikflucht oder angeblicher staatsfeindlicher Hetze verurteilt oder auch, weil sie einen unangepassten Lebensstil hatten, weil sie gegen die DDR-Führung waren oder weil sie beantragt hatten, aus der DDR ausreisen zu können. Derartige Dinge wären in einem Rechtsstaat keine Straftaten.

Das Gefängnis war für 650 Gefangene ausgelegt. Von den Fünfzigern bis in die Siebziger war es immer wieder krass überbelegt, erst in den Achtzigern blieb die Zahl der Strafgefangenen meist unter der maximalen Auslegung. Schon 1950 saßen hier über 1.000 Frauen ein, in den Siebzigern waren es eine Zeitlang 1.600. Häftlinge, die nicht mehr in die eng an eng stehenden Doppel- oder Dreierstockbetten passten – zwischenzeitlich gab es sogar Vierstockbetten –, mussten auf dem Boden schlafen. Es fehlte an Betten und Decken. Die hygienischen Bedingungen waren mangelhaft.

KATASTROPHALE HAFTBEDINGUNGEN: UNTERERNÄHRUNG, ÜBERBELEGUNG, MANGELHAFTE HYGIENE

In einer Zelle mussten sich etwa dreißig Frauen zwei Toiletten ohne Trennwände und sechs Waschbecken teilen, in einer anderen waren es sieben Waschbecken und zwei Toiletten, in einer weiteren sogar nur zwei Waschtröge und zwei Toiletten für bis zu fünfzig Frauen. Für ein bisschen Privatsphäre und Zugang zu einem Waschbecken standen manche Frauen extra früh auf – Arbeitsbeginn war um sechs Uhr, davor standen Bettenmachen, Zelle aufräumen und Frühstück auf dem Programm.

Auch ansonsten waren die Bedingungen der Haft katastrophal. Die Gefangenen waren unterernährt und bekamen nur einseitige Kost: kein frisches Obst oder Gemüse und keine Milchprodukte, dafür Eintöpfe aus Gemüseresten, Kartoffeln und Brot, im Essen konnte sich Ungeziefer befinden. Hinzu kamen Kälte, Feuchtigkeit, schlechte medizinische Versorgung, kaum Hygieneartikel. Regina Labahn konnte sich nur mit kaltem Wasser waschen. „Duschen war einmal in der Woche“, berichtet sie. „Die Zähne habe ich mit Kalkfarbe von der Toilettenwand geputzt. Bei meiner Entlassung hatte ich fast nur noch Zahnwurzeln im Mund.“

BESSERUNG DURCH ARBEIT

Zu Gefängnisstrafen schreibt die Verfassung der DDR in Paragraf 137: „Der Strafvollzug beruht auf dem Gedanken der Erziehung der Besserungsfähigen durch gemeinsame produktive Arbeit.“ Weil die Inhaftierten sich also durch Arbeit bessern sollten, waren sie zum Arbeitseinsatz gezwungen, für den sie sehr niedrig entlohnt wurden. Regina Labahn hatte 32 DDR-Mark auf ihrem Entlassungskonto – zuvor waren die Kosten für Unterkunft und Verpflegung abgezogen worden. Die Arbeitsleistung der Gefangenen war entscheidend für die Bewertung ihrer Führung während der Haft. Dem Leistungsdruck der Arbeit waren sie alle ausgesetzt, die aus politischen Gründen Inhaftierten ebenso wie die Kriminellen. Der Druck entstand durch sehr hoch angesetzte Arbeitsnormen, die auch Unfälle nach sich ziehen konnten, auch weil die Arbeitsmittel wie Maschinen in keinem guten Zustand waren. Auf gesundheitliche Belange oder Arbeitsschutz wurde kaum Rücksicht genommen. Die Häftlinge stellten Elektromotoren für Waschmaschinen her, außerdem Bettwäsche, Gefängnisbekleidung oder Strumpfhosen. Viele der Produkte, die im Frauengefängnis entstanden, verkaufte die DDR in den Westen, darunter auch an bekannte Unternehmen wie Quelle oder Aldi. Die „gemeinsame produktive Arbeit“ diente also nicht nur der „Besserung“ der Inhaftierten. Sie beschaffte der DDR-Wirtschaft dringend benötigte Devisen durch Westgeld.

Dass sie für den Westen produzierten – zum Beispiel Strumpfhosen, die in der Bundesrepublik im Supermarkt verkauft wurden –, wussten die Gefangenen nicht. Die Kundschaft im Westen kannte den Ursprung der Ware ebenfalls nicht. Regina Labahn arbeitete im Drei-Schicht-System, an sechs Tagen in der Woche, manchmal musste sie auch dreizehn Tage durcharbeiten. Ihre Aufgabe war das Heißformen: „Dafür musste der Rohling einer Strumpfhose für den Westen über ein sehr heißes Bügelbrett gezogen werden. Dass ich dabei sehr giftige Dämpfe einatmete, ist heute bewiesen.“

In der Freizeit war täglich eine Stunde Aufenthalt im Hof des Gefängnisses vorgesehen. In den Zellen gab es nur einen Tisch und wenige Stühle. Tagsüber war es verboten, auf den Betten zu sitzen oder zu liegen. Es musste also stehen, wer keinen Stuhl ergattert hatte. In ihrer Freizeit blieb Regina Labahn nicht viel Ablenkung: „Jeden Sonntag gab es das Neue Deutschland zu lesen und alle vier bis sechs Wochen Kino. Das musste man sich aber verdienen. Ich war nur ein Mal dort.“

Zu den Haftbedingungen kamen Schikanen durch Wärterinnen oder Mithäftlinge hinzu. Kleinste Vergehen wie Lachen konnten empfindliche Strafen nach sich ziehen, auch die Nichterfüllung der strengen Arbeitsnorm wurde bestraft: zum Beispiel mit Lohnkürzung oder mit Arrest in einer Einzel- oder in einer Dunkelzelle im Keller. In der Dunkelzelle mussten die Häftlinge jeden Tag stundenlang stehen. Regelmäßige Kontrollen überprüften, dass sie sich nicht auf den Boden oder das Bett setzten. In der Arrestzelle war ein kleiner Bereich durch ein Gitter vom restlichen Raum mit Liege und Toilette abgetrennt. Dort musste sich die Gefangene tagsüber aufhalten.

KNASTHIERARCHIE

Bei den Haftbedingungen wurde zwischen Kriminellen und politischen Häftlingen unterschieden. Damit entstand unter den Gefangenen eine Hierarchie, Regina Labahn formuliert es so: „Wir Politischen waren in der Rangordnung der letzte Dreck.“ Die Hierarchie war politisch gewollt und ergab sich auch aus den Bestimmungen zum Strafvollzug. Zum Beispiel konnte den politischen Häftlingen erleichterter Vollzug gewährt werden, bei den anderen Gefangenen war das prinzipiell möglich. Im erleichterten Vollzug waren die Arbeitsbedingungen teilweise etwas besser, die Zelle war nicht immer verschlossen und die Inhaftierten durften öfter Besuch empfangen. Die Regelung für den normalen Vollzug sah eigentlich vor, dass alle zwei Monate einmal Besuch von bis zu zwei Personen empfangen werden konnte, und zwar für die Dauer von einer Stunde. Im erleichterten Vollzug durften die Inhaftierten außerdem öfter Post verschicken und erhalten als im normalen Vollzug. 

Regina Labahn tauschte während ihrer Haft lediglich einige Briefe mit einem Pfarrer aus Berlin aus: „Mit meinem Mann hatte ich in der ganzen Zeit einmal Kontakt. Kontakt zu den Kindern war bei mir verboten.“ 1986, nach der Haft, gingen die Labahns in den Westen. Eines ihrer Kinder folgte ihnen ein Jahr später, die anderen beiden erst nach dem Mauerfall. Die beiden Jüngeren sollten in der DDR von staatlichen Stellen zur Adoption freigegeben werden: „Es hat Jahre gedauert, bis unsere Kinder wieder Vertrauen zu uns hatten. Unseren Jüngsten hat man sogar erzählt, dass wir tot sind.“

Ende 1989, nach dem Mauerfall, erließ die DDR-Regierung einige Strafen, die politischen Gefangenen in Hoheneck wurden entlassen. Das Gefängnis wurde 2001 geschlossen. Ein Investor plante zunächst eine Hotel- und Freizeitanlage, die nicht verwirklicht wurde. Der Komplex ging zurück an die Stadt Stollberg, die dort im Zellentrakt Westflügel eine Gedenkstätte für politische Haft einrichtete. Sie wurde 2024 eröffnet. Eine Ausstellung widmet sich den Schicksalen der Inhaftierten und dem Alltag im Gefängnis, Führungen durch das Zellenhaus verdeutlichen die Abläufe dort.