WISSENSFENSTER: MANGELWIRTSCHAFT IN DER DDR

von Tobias Prüwer

Bankrott war die DDR im Jahr des Mauerfalls nicht. Allerdings kann man auch nicht behaupten, sie wäre prosperiert. Man hatte, wie das so schön heißt, über die Verhältnisse gelebt. Und ein ökonomischer Zusammenbruch war dicht in den Horizont des Möglichen gerückt. Das Wort „Mangelwirtschaft“ machte im Westen ohnehin schon lange die Runde, um die Wirtschaftsordnung der realsozialistischen Staaten zu beschreiben. Die Banane wurde zum Symbol dieses Schlagworts.

In der DDR herrschte eine Zentralverwaltungswirtschaft, deren Grundprinzip bildeten die zentrale Planung und Lenkung von Produktion und Verteilung der Güter, wobei die Produktionsmittel weitgehend und das Bankwesen komplett in Staatshand lagen. Wirtschaftspläne der staatlichen Planungsbehörde dienten als Steuerungsinstrument. Dieses starre System ließ ein flexibles Reagieren auf Weltmarktveränderungen und dergleichen nicht zu, zumal Abstimmungsprobleme die Regel waren. Das führte immer wieder zu Verzögerungen in der Produktion, etwa weil ein Betrieb einen anderen nicht beliefern konnte. Ein reibungsloser Ablauf, essentiell für eine funktionierende Planwirtschaft, fand nicht statt.

Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker wurde auch eine neue Wirtschaftspolitik etabliert. Diese sehen manche Historiker bereits als Anfang des ruinösen Endes an. Die Leitlinie dieser ökonomischen Ausrichtung nannte sich „Einheit von Wirtschafts-und Sozialpolitik“. Ohne zunächst eine leistungsfähigere Wirtschaft anzustreben, sollten Versorgung und Lebensstandard der Bevölkerung angehoben werden. Daraus – so das Kalkül – würden sich Anreize ausbilden, die zu Produktivitätsgewinnen führten. Dieses Pokern auf die Zukunft erfüllte das erhoffte Ziel nicht. Notwendige Investitionen in die Betriebe blieben auf der Strecke. Die Erdölkrisen der 1970er taten das ihrige und zwangen die Regierung, wieder auf die ineffizientere Braunkohle als Energiequelle zurückzugreifen. Die Sowjetunion kürzte die Lieferungen von Öl, was die DDR-Wirtschaft in eine tiefe Krise stürzte: Teile dieses Öls verkaufte sie veredelt an den Westen. Und war auf die daraus gewonnenen Valuta (westliche Währungen) angewiesen.

Anders als vorgesehen, konnte die Versorgung ganz und gar nicht verbessert werden. Außer Grundnahrungsmitteln und anderen Alltagsprodukten war die Güterknappheit in allen Bereichen zu spüren. Die fehlenden Südfrüchte – Banane! – und die Wartezeit auf einen Neuwagenkauf – mehr als zehn Jahre – sind nur die bekanntesten Beispiele. Es mangelte an vielem, von Ersatzteilen über Heimelektronik bis zu Damenstrümpfen und Jeans. Um die Haushaltslage zu entschärfen, wurde weniger importiert, dafür alle teuren Produkte „Made in GDR“ in den Westen exportiert. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung stieg aufgrund dessen und die Staatssicherheit musste feststellen, dass das mangelhafte Konsumangebot den Glauben der Bürger in den Staat erschütterte.

Glücklich war, wer über BRD-Verwandtschaft verfügte, die durch herübergeschickte „Westpakete“ Versorgungsengpässe kompensierte. Dramatisch wirkte sich die ökonomische Situation auch auf die Industrieanlagen aus, deren Verschleiß von 47 Prozent im Jahre 1975 auf 54 Prozent im Jahre 1988 stieg. In anderen Bereichen sah es nicht besser aus. Das erklärt auch, warum der Anteil der ineffizienteren manuellen Tätigkeiten in der Produktion gleich hoch blieb.

Eine bis heute verbreitete Einschätzung ist jedoch ein Mythos: Bankrott war die DDR noch nicht. Das machte aber die Lage und die Stimmung in der Bevölkerung nicht besser. Natürlich scheiterte die DDR nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen. Die unerfüllte Bedürfnisbefriedigung des Bürgerkonsumenten trug aber zu ihrem Ende bei.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”