WISSENSFENSTER: FREUNDSCHAFT! DIE DDR-JUGEND IM BLAUHEMD

von Jörg Augsburg

Das Leben ist vorgezeichnet: Schulabschluss, Lehre, Beruf oder vielleicht auch Abitur und Studium. Was auch immer man wird, eine Stelle ist sicher, das Geld wird gut zum Leben reichen und für einen Trabant. Keiner wird sich tot arbeiten, es geht alles seinen sozialistischen Gang. Und vorher kommt Freie Deutsche Jugend – FDJ. 

Für die Jugend der DDR greift im System alles Hand in Hand: In der Schule lernt man „Staatsbürgerkunde“. Bei der GST wird in Uniform marschiert und mit Kleinkaliber geschossen. Man schließt Patenschaften mit Schulklassen der Unterstufe oder Brigaden im Betrieb. Für alles gibt es irgendeinen Wettbewerb, irgendwelche Auszeichnungen, Abzeichen, Urkunden oder manchmal auch Prämien. Mit „Jugendtourist“ reist man für wenig Geld durch die Welt, zumindest durch deren sozialistischen Teil. Und abends geht es zur Disko in den FDJ-Klub. Zu offiziellen Anlässen wird das blaue Hemd der FDJ angezogen, man grüßt sich mit „Freundschaft!“.

Die staatliche Jugendorganisation ist omnipräsent. „Kampfreserve der Partei“ wird sie im Politbüro-Jargon genannt. Mitglied zu werden, ist keine Pflicht. Aber es wird erwartet. Wer sich dem verweigert, gerät sofort ins Blickfeld, wird automatisch verdächtigt, sich zum potenziellen Staatsfeind zu entwickeln. Der Zugang zu Abitur und Studium ist ohnehin schon strikt reglementiert, ohne FDJ-Ausweis hat man nur noch geringe Chancen, schon gar keine, wenn man nicht die Kirche-in-der-DDR-Karte ziehen und davon überzeugen kann, dass man auch als Christ ein wertvolles Mitglied der sozialistischen Gesellschaft sein will.

Die allermeisten scheuen die Konsequenz und lassen die FDJ-Rituale einfach über sich ergehen. Am Ende der DDR sind 88 Prozent aller Jugendlichen FDJ-Mitglied. Der Rest trifft sich in der Jungen Gemeinde und macht dort auch bloß, was alle machen: Tischtennis spielen, über Musik reden, Freunde treffen und die erste Liebe. Fast jeder hat einen Stern-Rekorder, viele ein Simson-Moped. Was der Staat oder die FDJ von einem erwarten, geht nur den ganz Überzeugten nicht zu einem Ohr rein und zum anderen raus. Warum auch nicht? Es ist schließlich sowieso alles durchgeregelt, Überraschungen erwartet niemand.

Anfang der 1980er merkt sogar die DDR-Führung, dass ihr die Jugend komplett zu entgleiten droht. Sie versucht eine Charme-Offensive. Das Angebot an „Jugendmode“ wird massiv ausgebaut. Fernsehen und Radio bieten mehr spezielle Sendungen mit Musik, bald gibt es mit DT64 gar ein eigenes Jugendradio. Außerdem holt man internationale Megastars zu Konzerten nach Berlin, es kommen sogar Bruce Springsteen und Bob Dylan. Auch die Zügel nach innen werden ein klitzekleines bisschen gelockert:„Die anderen Bands“ dürfen der seit Jahren angestaubt wirkenden etablierten Ostrock-Elite auch im Rundfunk und bei der staatlichen Plattenfirma Amiga Konkurrenz machen. Eine echte Chance hat die DDR damit nicht mehr. Der Großteil der Jugend schaut nach Westen. 

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”