BEATE UHSE
Pilotin im Krieg, Pionierin im Sexshop
von Tobias Prüwer

Mit dem Westen kamen die Sexshops. Legendär sind Bilder von Menschenschlangen auf dem Leipziger Markt, als vor der Währungsunion aus Bussen heraus Beate-Uhse-Kataloge verschenkt wurden. Die Neugierde der Menschen wurde erzeugt und gestillt. Zugleich erhielten potentielle ostdeutsche Unternehmerinnen und Unternehmer die Chance, mit Sexshops durch die Transformationszeiten zu kommen beziehungsweise die Umbruchszeit zu überleben. Beate Uhse erwies sich als starke Geschäftsfrau und wurde zum Symbol. Das etwaige Schmuddel-Image der Branche von Sex und Porno perlte seltsamerweise an ihr ab. An ihre Vergangenheit im Krieg wollte sie lieber nicht erinnert werden. Denn die erfolgreichste Unternehmerin Nachkriegsdeutschlands ist wegen ihrer Rolle als Pilotin im Nationalsozialismus umstritten – natürlich nehmen Menschen auch an der Erotikbranche Anstoß.
Bereits im November 1989 verschenkten Uhse-Mitarbeitende in der DDR 25.000 Kataloge. Mit Erfolg: Bis Jahresende sollen aus der DDR mehr als 7.000 Bestellungen in Flensburg eingegangen sein. Es gibt Akt-Fotografie, aber keine Erotik- oder Sexshop-Branche in Ostdeutschland. Striptease etwa wurde erst Ende der 1980er als Unterhaltungsform möglich. Der Erotikmarkt ist also Neuland für die baldigen Neubürgerinnen. Die Unternehmerin legt nach und schickt auf 16 Lkws 600.000 Extra-Kataloge auf den DDR-Markt, die für fünf Ostmark erworben werden können. Augenzeugen berichten von Menschentrauben um die Fahrzeuge. Der Fernsehsender NDR zitiert einen damaligen Verkäufer, der sich über das weniger schamhafte Verhalten der Ostdeutschen im Vergleich zu den Westdeutschen wundert: „Insbesondere die Frauen waren in der DDR sehr selbstbewusst. Sie hatten in beruflichen und auch sexuellen Dingen ein anderes Standing als im Westen.“ Die Menschen hätten gemeinsam in den Katalogen geblättert und darüber gesprochen. Uhse eröffnet Ende 1990 den ersten Sex-Shop in Ost-Berlin, andere Läden folgen.
Frühaufklärung und Reformpädagogik
Geboren wird sie als Beate Dorothea Köstlin am 25. Oktober 1919 im Oblast Kaliningrad/Ostpreußen. Sie ist das jüngste von drei Kindern, wächst in privilegierten Verhältnissen auf. Als Landwirt bewirtschaftet der Vater ein Gut, als eine der ersten Ärztinnen im Reich arbeitet die Mutter. Historiker beschreiben den Geist, der die Familie umweht, als weltoffen. Entsprechend darf Beate schon als Kleinkind auf einem Pferd sitzen, wird nicht gezwungen, mit Puppen zu spielen. Sie soll von den Eltern früh über Sexualität aufgeklärt worden sein.
Reformpädagogische Internate bilden ihre nächsten Bildungsstationen. Auf Juist lernt sie segeln, ist insgesamt sehr sportlich. Als 15-Jährige profiliert sie sich als hessische Meisterin im Speerwurf. Nach dem Schulabschluss jobbt sie als Au-pair in England. In den ostpreußischen Geburtsort Wargenau zurückgekehrt, absolviert sie eine hauswirtschaftliche Ausbildung auf dem Gut der Eltern.
Über den Wolken
Das klingt bereits nach einer selbstbewussten Frau, die ihren eigenen Erfolgsroman schreibt. Denn die spätere Uhse will mehr. Sie ist fasziniert vom Transatlantikflug Charles Lindberghs 1927. In ihr keimt die Berufung zur Pilotin. Das geht gegen alle gesellschaftlichen Konventionen der Zeit. Mit Unterstützung der Eltern nimmt sie erste Flugstunden in einer Berliner Fliegerschule. Nach wenigen Wochen startet sie ihren ersten Alleinflug. Als einzige Frau von 60 Flugschülern erhält sie an ihrem 18. Geburtstag den Pilotenschein. Damit hebt sie sich vom Gros der Frauen ihrer Generation ab und startet eine Karriere als Pilotin. Bei einem Kunstfluglehrgang lernt sie ihren späteren Ehemann Hans-Jürgen Uhse kennen – er ist ihr Fluglehrer. Sie nimmt an Luftrennen und Kunstflugwettbewerben teil, arbeitet als Testpilotin für eine Flugzeugfabrik und wirkt in einigen UFA-Filmen als Stuntpilotin mit. Unter anderem doubelte sie Hans Albers in „Wasser für Canitoga“.
Im Rahmen einer Kriegstrauung kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 heiratet die 19-jährige Beate den Fliegeroffizier Uhse. Sie bekommen einen Sohn, Hans-Jürgen verstirbt 1944 bei einem Flugzeugunfall im Kriegseinsatz. Im Rang eines Hauptmanns bringt Beate Uhse als Luftwaffenpilotin Jagdflugzeugeschwader von Berlin aus an die Front. Sie ist eine von ganz wenigen Pilotinnen, über welche die Deutsche Wehrmacht verfügt.
Vorm Einmarsch der Roten Armee in Berlin flieht Uhse zusammen mit ihrem Sohn nach Schleswig-Holstein. Mit dabei ist auch ein Kindermädchen, mit dem sich Beruf und Carearbeit offensichtlich besser vereinbaren lassen. Nach einer mehrwöchigen Kriegsgefangenschaft bleibt die junge Witwe im Norden. Nun mittellos schlägt sie sich mit mehren Jobs in der Landwirtschaft und im Einzelhandel durch – das Fliegen haben ihr die Alliierten verboten. Sie gibt auch Englischunterricht und berät nebenbei Frauen in Verhütungsfragen. Damit ist der Grundstein für ihr späteres Unternehmensmodell gelegt. Denn Uhse verspürt, wie viel Bedarf an Aufklärung vorhanden ist. In den Nachkriegsjahren mit persönlicher wirtschaftlicher Unsicherheit und Wohnungsmangel wollen viele Frauen kinderlos bleiben – nicht wenige werden dennoch ungewollt schwanger.
Von der Schwangerschaftsberatung zum Dildoverkauf
„Es sollte das selbstverständliche Recht jedes Menschen sein, die Größe seiner Familie je nach seinen sozialen Verhältnissen zu bestimmen“, schreibt Beate Uhse in einer Aufklärungsbroschüre. Diese besteht aus zwei Seiten im Postkartenformat und erklärt die Kalendermethode nach Knaus-Ogino: Verhütung funktioniert hier über das Tagezählen, also die Berechnung der fruchtbaren Tage. Uhse lässt 1.000 Exemplare drucken und nachdrucken und nachdrucken.
Sie lernt 1947 den Flensburger Kaufmann Ernst-Walter Rotermund kennen, einen Witwer mit zwei Kindern. Sie werden ein Paar und Eltern des gemeinsamen Sohnes Ulrich. Rotermund hilft Uhse beim Verkauf der Broschüre, von der schließlich über 30.000 Exemplare gedruckt werden. Der Erlös bildet das Startkapital für das Versandhaus Beate Uhse, dass die Unternehmerin 1951 gründet. Dessous zählen zum Angebot, aber auch Kondome und Dildos. Das bringt Uhse vor Gericht, denn diese Mittel zur Selbstbefriedigung gelten als unzüchtige Objekte, der Verkauf wird folglich als Beihilfe zur Unzucht interpretiert. Dieses Verfahren gewinnt Uhse, wie die meisten der 2.000, die im Laufe der nächsten Jahre gegen sie angestrengt werden. Besonders Uhses Spezialkondome mit luststeigenden Noppen erregen den juristischen Argwohn, bei der Käuferschaft sind sie beliebt und der Renner im Angebot.
Laut späterer Aussagen eines Sohnes habe sich Uhse immer schon stark um die Frauen bemüht, deren Rolle sie im Bett nicht als passiv betrachtet habe. Das sah der Zeitgeist noch anders. Doch Uhse setzt sich gegen alle Widrigkeiten durch, macht Flensburg zur bekannten Adresse auf neutraler Verpackung. Schon 1953 sind 14 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig, bald steigt der Jahresumsatz auf über eine Million. Mit einem Fachgeschäft für Ehehygiene eröffnet Beate Uhse 1962 in Flensburg den ersten Sexshop der Welt. Weitere Filialen folgen bald. Das ist erstaunlich in einer Zeit, in der außerehelicher Sex noch als unanständig gilt.
Die Geschäftsidee beinhaltet die Ermutigung zur freien Verfügung über den eigenen Köper, eine Botschaft, die Uhse unterschwellig transportiert, und ein emanzipatorischer Moment. Aber natürlich will die Unternehmerin vor allem Geld verdienen. „Orgas-Muse“ nennen die Medien Uhse, und „Beate Schweinkram“ und „Lustmacherin“. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will ihrem Verlag nicht die Mitgliedschaft ausstellen, wegen der sexuellen Inhalte. Der Flensburger Tennisclub nimmt sie ebenfalls nicht auf. Deshalb legt sie sich einen eigenen Platz an, kauft sich außerdem eine Cessna, um ihr fliegerisches Hobby auszuleben.
Steigender Erfolg und feministische Kritik
Uhse setzt sich durch und erzwingt auf der Frankfurter Buchmesse einen eigenen Stand. Sexualaufklärung wie Pornoprodukte sollen gesellschaftsfähig werden. Das neue Firmengebäude, im Volksmund „Sex-Eck“, steht heute unter Denkmalschutz. Darin befindet sich Europas modernstes Großraumbüro.
Beate Uhses Schreibtisch ist für die Mitarbeiter zugänglich, sie gilt als nahbar und jederzeit ansprechbar. Angeblich nennen sie alle „Beate“. Privat läuft es weniger erfolgreich. Uhse wie Rotermund haben zahlreiche Affären. Die Ehe wird 1972 geschieden. Rotermund klagte: „Ich halte Beates wahnsinnige Aktivität im Betrieb und im Bett nicht mehr aus.“ Wie viel davon Selbstinszenierung ist, lässt sich schwer belegen. Jedenfalls tut Uhse einiges für ihr Image in einer Zeit, in der das Pendel immer mehr Richtung Jugendwahn ausschlägt. Sie lässt sich das Gesicht liften, absolviert das Goldene Sportabzeichen, macht einen Fallschirmsprung aus 2.000 Meter Höhe und plaudert in Talkshows über Dildos & Co.
Ein Marktforschungsinstitut ermittelt, dass Beate Uhse 1980 so bekannt war wie der damalige Kanzlerkandidat: 87 Prozent aller Bundesbürger kennen sie. In Uhses Worten: „Uhse steht für Sex wie Weck fürs Einmachen.“ Der Spiegel schreibt zum 30-jährigen Firmenjubiläum: „Da gibt es viel zu entdecken – nicht nur in Magazinen (‚Scharfe Photos machen auch Frauen heiß und willig‘) und Büchern (‚Worauf Frauen wirklich anspringen‘). Der 17 Zentimeter lange Orgasmus-Reizer ‚Muschi-Bär’ soll ‚wilde, ekstatische Wonnen‘ bescheren wie der ‚Chinesische Lustfinger’ oder ein ‚Asiatischer Gefühls-Rubber’. Der ‚Dritte im Bunde‘ – aus Latex – ‚liegt ganz weich in Ihrer Hand‘. Durch das Angebot von Drops und Dessous, Salben und Tropfen, Gliedstützen wie ‚Doc Johnson‘s Liebeshelfer‘ und Spezialpräservativen mit so vielversprechenden Namen wie ‚Igel’, ‚Kamm’ und ‚Krone‘ zieht sich wie ein Refrain die Aufforderung zu vermehrtem Konsum: ‚Steigern Sie Ihr intimes Vergnügen!‘“
Als die Pornografie 1975 legalisiert wird, verkauft das Unternehmen auch Sexvideos. Damit erntet sie scharfe Kritik von Feministinnen. Diese sind vor allem für den männlichen Blick produziert, machen die Frauen zu Objekten, über die verfügt werden kann. Das passt nicht zum Image, dass es Uhse durch Hilfsmittel auch um Gleichberechtigung gegangen ist. Uhse wurde zur Zielscheibe unter anderem der PorNo-Kampagne der Emma. In der Die Zeit sagt sie einmal: „Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer.“
Und sportbegeisterte Lebefrau. Mit 75 Jahren macht Uhse ihren Tauchschein. Man verleiht ihr das Bundesverdienstkreuz 1989. Den Branchenpreis Venus Award erhält sie für ihr Lebenswerk: „Sie ist schlicht und einfach die Pionierin der gesamten Erotik-Branche“, heißt es in der Begründung.
Mit dem Mauerfall kommt der Ostmarkt
Von „Pionierzeit“ ist auch bei Mauerfall die Rede. Uhse wittert ein lukratives DDR-Geschäft. Unterm Decknamen „Sex auf Rädern“ schickt sie im März 1990 LKWs nach Leipzig, Halle, Dresden und Karl-Marx-Stadt, von denen aus Kataloge verteilt werden. Rund 45.000 Broschüren sollen es gewesen sein. Nach Mühlhausen geht die erste Lizenz für eine Uhse-Filiale. Im September 1990 verlost das Unternehmen – in Uhses Beisein – auf dem Berliner Alexanderplatz sieben VW-Golfs als iTüpfelchen seiner PR-Aktion, den Osten zu erobern. Das folgt ihrem alten Prinzip der Kundenbindung: Jeder sollte glauben, sie setzte sich höchstpersönlich für ihre Belange ein. Rasch eröffnen vielerorts auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Beate-Uhse-Shops. Für die Menschen der DDR, denen Studien mehr Offenheit in Sachen Sex attestieren, ist das Uhse-Universum eine unbekannte Welt. Sie wollen auch hier Nachholbedarf stillen. Von den vier Millionen Kunden, die Uhse 1993 bedient, stammt die Hälfte aus den neuen Bundesländern.
Die zahlreichen Briefe, die Uhse in der Wendezeit aus dem Osten erreichen, sind überliefert. Darin werden nicht nur Produkte geordert, sondern auch „spätere Bestellungen angekündigt, Lebensumstände thematisiert, Hoffnungen und Wünsche ausgedrückt, und Versuche der Selbstdarstellung gegenüber einer westdeutschen Firma und Person unternommen.“ So heißt es in einer Diplomarbeit, die die Briefe ausgewertet hat. „Die BriefschreiberInnen berichteten von ihren persönlichen Lebensumständen, skizzierten Situationen, die sie als DDR-spezifisch markierten, drückten Beate Uhse ihre Anerkennung aus, schlugen sich als GeschäftspartnerInnen vor und baten um Rat.“
„Ich denke, ich habe es sehr viel leichter gehabt“
Den Wind der nächsten Revolution kann das Unternehmen nicht nutzen: Das aufkommende Internet machte vieles Neue möglich, doch brauchte Uhse Geld, um ihre Ideen umzusetzen. Um dieses Wachstum zu finanzieren, erfolgt 1999 der Börsengang der Beate Uhse AG. Die Aktie wird vielfach überzeichnet, wohl auch, weil sie Uhse mit halbnackten Modells auf dem Frankfurter Parkett wieder gekonnt in Szene setzt. Doch scheitert das Unterfangen schließlich. Den Untergang ihres Unternehmens erlebt Beate Uhse nicht mehr. Sie stirbt am 16. Juli 2001 mit 81 Jahren an einer Lungenentzündung.
Sie bleibt auch nach ihrem Tod eine kontrovers diskutierte Persönlichkeit. Sie übte als clevere Unternehmerin den Grenzgang zwischen der Förderung offenerer Sexualität und der knallharten Businessfrau, die über den Sex der anderen Gewinne erzielen will. Gerade den Einstieg ins Pornogeschäft haben ihr Feministinnen nicht verziehen. Auch dass sie sich über ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus und ihre Rolle im Krieg ausschwieg, wird kritisiert. In dieser Hinsicht ist sie weder Pionierin noch unkonventionelle Einzelgängerin, sondern verhält sich wie so viele Deutsche, die mindestens mitgemacht haben.
Schaut man auf ihre Person, hat das Romanqualitäten, wie sie sich gegen alle Rollenzuschreibungen und gesellschaftlichen Vorstellungen durchbeißt. Sicher folgte sie kommerziellen Interessen, aber dass ab den 1960ern über Sexualität öffentlich und offener geredet wird, daran hat Beate Uhse ihren Anteil. Und damit indirekt auch ein Stück weit an der Emanzipation der Frauen.
„Ich denke, ich habe es sehr viel leichter gehabt“, sagt sie einige Jahre vor ihrem Tod in einem Interview mit dem Südwestfunk. „Einem Mann werden sehr viel leichter negative Gedanken und schweinische Vorstellungen unterstellt als einer Frau, die selber verheiratet ist und Kinder hat und der so eigentlich alles im Leben, was auf diesem Sektor so passiert, nicht fremd ist. Der glaubt man das eher.“
