HEIMAT IM FLÜSTERTON

Sudetendeutsche Frauen und ihre Erinnerungen in der DDR

von Christina Meinusch und Jana Paulina Lobe

Filmbild aus „Geschwister – Ein letzter Wunsch“ © Schwarwel, Glücklicher Montag und MDR. Alle Rechte vorbehalten.

„Vorstellung in der Schule: ‚Ich bin ein vertriebenen Kind.‘ (sic!)
Berichtigung Lehrerin: ‚Nein, du bist ein Umsiedlerkind.‘“
(Zeitzeugin 7, Jahrgang 1944)

Diese kurze Szene ist beinahe programmatisch für das, was viele Sudetendeutsche in der SBZ/DDR erlebten. Der Kindermund verkündet arglos, was die eigene Familie erlitten hat. Die Lehrerin korrigiert nicht nur ein Wort, sondern negiert die gesamte Erfahrung: Aus einer erinnerten Familiengeschichte wird ein politisch zu berichtigender Satz.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren rund drei Millionen Sudetendeutsche ihre Heimat. Unter den Vertriebenen waren besonders viele Frauen, Kinder und ältere Menschen. Sie wurden per Zug, oft in Güterwaggons, in die sowjetisch besetzte Zone transportiert. Vor der Reise ins Ungewisse lagen oft Wochen oder sogar Monate im Lager, auf engstem Raum ohne ausreichend Nahrung oder sanitäre Einrichtungen.

Der Hintergrund dieser Vertreibung lag in der Gewaltgeschichte der Jahre zuvor: Nach dem Münchner Abkommen von 1938 war das mehrheitlich deutschsprachige Sudetengebiet dem Deutschen Reich zugeschlagen worden; 1939 folgten die Besetzung Böhmens und Mährens und die nationalsozialistische Herrschaft über die zerschlagene Tschechoslowakei. Die Sudetendeutsche Partei entwickelte sich unter Konrad Henlein in den 1930er-Jahren zunehmend zu einem Bündnispartner Hitlers und wurde zu einem wichtigen Instrument der nationalsozialistischen Politik gegenüber der Tschechoslowakei. Diese politische Entwicklung darf jedoch nicht in einer pauschalen Zuschreibung an alle Sudetendeutschen münden: Unter ihnen gab es ebenso demokratische Kräfte und Gegnerinnen und Gegner des NS-Regimes. Nach Kriegsende wurde die deutsche Bevölkerung dort jedoch kollektiv für Besatzung, Terror und Zerstörung mitverantwortlich gemacht.

Die Hauptlast der Vertreibung lag auf den Schultern der Frauen. Sie waren es, die mit 25 bis 50 Kilogramm Gepäck pro Person ihre Wohnung verlassen mussten. Sie waren es, die den Rucksack auf dem Rücken trugen, den Handwagen mit Vertreibungskiste hinter sich zogen und den Kinderwagen vor sich herschoben. Sie waren es, die die Kinder an der Hand und die alten Eltern und Schwiegereltern im Blick hatten. Sie waren oft über Jahre die Versorgerinnen der ganzen Familie und konnten sich doch kaum selbst versorgen.

Angekommen in der sowjetisch besetzten Zone, standen die elementaren Bedürfnisse der Familie im Vordergrund. Wo wohnen in der kriegszerstörten „neuen Heimat“? Was essen? Wie sich mit den Einheimischen arrangieren? 

„Wir hatten nichts zum Anziehen und nichts zum Essen und lebten mit drei Personen in einem Zimmer“.
(Zeitzeugin 6, Jahrgang 1935)

Zur existentiellen Not kam die große Sehnsucht nach der Heimat. Im Gegensatz zu den westlichen Besatzungszonen durfte diese jedoch in der SBZ schon bald im öffentlichen Raum kaum noch sichtbar werden. Ankommen bedeutete nicht nur, irgendwo unterzukommen, Arbeit zu finden und die Kinder in die Schule zu schicken. Es verlangte auch eine innere Richtungsänderung: den Blick nach vorn und damit die Bereitschaft, die eigene Verlustgeschichte der Gegenwart unterzuordnen. Heimatverlust und Heimweh waren Integrationshemmnisse, die es in der politischen Erzählung eines totalitären Staats nicht geben durfte. 

Aber: Wie hat man sich an die Heimat erinnert, wenn man sich nicht an die Heimat erinnern durfte? Wie hält man die Verbindung zu einem Ort, den man verloren hat und der nun in einem offiziell befreundeten sozialistischen Staat liegt? Wie konnten Besuche in die Heimat realisiert werden?

Nach der politischen Wende 1989/90 zeigt sich, dass diese Fragen nicht rein theoretisch sind. Trotz aller Versuche des DDR-Regimes, die Themen Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem öffentlichen Gedächtnis zu drängen, bildeten sich schon 1990 erste sudetendeutsche Ortsgruppen in den Vertriebenenverbänden. Das ist ein deutliches Zeichen für eine sudetendeutsche Identität, die über Jahrzehnte fortbestanden hatte – nicht laut, sondern im Flüsterton.

Historischer Rahmen

Bis Oktober 1948 kamen rund vier Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone an, ungefähr 16% von ihnen waren Sudetendeutsche. Die Vertriebenen insgesamt stellten knapp ein Viertel der dortigen Gesamtbevölkerung. 

Die Probleme unmittelbar nach Kriegsende bis zum Ende der 1940er Jahre, die durch die Ankunft der mittellosen „Neubürger“ aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten entstanden, waren in allen vier Besatzungszonen ähnlich. Wohnraummangel in den zerstörten Städten, Nahrungsmittelmangel, Spannungen zwischen den Bewohnern und den „Neuen“. Während es jedoch in den westlichen Besatzungszonen schnell erste Konzepte zum Umgang mit der Flut an Flüchtlingen und Vertriebenen gab, galt das nicht für die sowjetische Militäradministration.

Zwar wurde im September 1945 auf sowjetischen Befehl hin die „Zentralverwaltung für Flüchtlingswesen und Heimkehrer“ eingerichtet; diese wurde aber bereits wenige Tage später in „Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler“ umbenannt. Der Begriff „Umsiedler” vermeidet bewusst jede Konnotation zum Zwangscharakter der Flucht und verdeutlichte schon Ende 1945 den folgenden Umgang mit der Flüchtlings- und später Vertriebenenproblematik: Es gibt sie nicht. Ziel war es, die „Neubürger“ möglichst schnell in die sozialistische Gesellschaft einzugliedern.

Die spätere Rede von „ehemaligen Umsiedlern“ verengte den Sagbarkeitsraum weiter. Wer als „ehemalig“ bezeichnet wurde, sollte das Übergangsstadium bereits hinter sich gelassen haben. Nach dem „Gesetz zur weiteren Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik“ von 1950 sollten Flüchtlinge und Vertriebene nicht dauerhaft als besondere Gruppe erkennbar bleiben, auch um kein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Die Sprachpolitik erklärte eine Integration für vollzogen, die materiell, sozial und emotional oft noch lange nicht abgeschlossen war.

Auch der Terminus „Neuverwurzelung“ gehört in diesen Zusammenhang.1 Sie gab der Entwurzelung ein versöhnlicheres Bild, als sei der erzwungene Umzug nur eine Frage neuen Bodens. Dort, wo Vertriebene über die Bodenreform und Neubauernstellen Grund erhielten, bekam diese Metapher zeitweise eine reale Seite. Doch diese Grundstücke waren kein zurückgewonnener Heimatboden, sondern mussten im Zeichen einer Ordnung bestellt werden, die Zugehörigkeit zum „Arbeiter- und Bauernstaat“ über Aufopferung und Einfügung dachte. 

Während 1950 in Westdeutschland die bundesweite Sudetendeutsche Landsmannschaft als Interessenvertretung der sudetendeutschen Vertriebenen gegründet wurde, wurde zwischen der DDR und Polen der Görlitzer Vertrag, in dem die Oder-Neiße-Linie offiziell als Grenze anerkannt wird, unterschrieben. Diese Entscheidung erstickte in der DDR jede noch vorhandene Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat und sorgte für großen Unmut unter den Vertriebenen. 

Auf die Proteste gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie wurde mit zwei Maßnahmen reagiert. Zum einen mit einer Kampagne für den Görlitzer Vertrag, zum anderen mit einem harten Kurs gegen die Kritiker. „Wer noch immer von Heimatrecht redete oder die Grenzfrage weiterhin heraufbeschwor, machte sich als Gegner von Staat und Partei verdächtig. Verfolgung und Gerichtsverfahren drohten.“2

In der Verfassung der DDR von 1968 wurden „militaristische und revanchistische Propaganda in jeder Form“ als Verbrechen bezeichnet. Spätestens jetzt war öffentliche Erinnerung an die alte Heimat im sozialistischen Bruderstaat Tschechoslowakei nicht mehr möglich. Die Familiengeschichte wurde per Gesetz ins Private verbannt. 

Aber was bleibt von Heimat, wenn nicht nur der Ort verloren ist, sondern auch das Andenken nicht aktiv weitergetragen werden darf?

Diese Frage stellt sich auch ein Projekt der Sudetendeutschen Heimatpflege, welches seit 2022 Erinnerungen der Erlebnisgeneration in Form von Fragebögen und Interviews sammelt. Es betrachtet die Lebenswelten sudetendeutscher Vertriebener nach 1946 in Bayern, der SBZ/DDR und der Heimatverbliebenen in der Tschechoslowakei. Obwohl Frauen die Folgen von Flucht und Vertreibung am stärksten zu spüren bekamen, basieren die insgesamt 27 ausgefüllten Fragebögen für die Situation in der SBZ und später DDR hauptsächlich auf den Erinnerungen von Männern. Lediglich sieben Fragebögen wurden von Frauen ausgefüllt. Deshalb sind diese Stimmen für die Frage nach weiblichen Alltagswelten derart aufschlussreich. Sie zeigen nicht die eine sudetendeutsche weibliche Erfahrung in der DDR, aber sie geben einen Eindruck davon, wo Erinnerungen an die Heimat im täglichen Leben Niederschlag fanden: in einzelnen Speisen, Glaubens- oder Festpraktiken, in Musik oder Erzählungen. Auf diesen Erinnerungen basieren die im Text verwendeten Zitate.

Das Nicht-Erzählen-Dürfen

Während den Vertriebenen in der Bundesrepublik ab den 1950er Jahren eine regelrechte Erinnerungsindustrie zur Verfügung stand, sich Orts-, Trachten- und Singgruppen trafen und überregionale Heimattreffen organisiert wurden, war in der sowjetisch besetzten Zone an diese Form von Erinnerungskultur nicht zu denken. Im öffentlichen Raum wurde, aus Angst vor Repressalien und später Strafverfolgung, geschwiegen.

„Offizielle Bezeichnung für uns war Umsiedler nicht Flüchtlinge. Offiziell durfte die alte Heimat in der Öffentlichkeit – auch in der Schule – nicht erwähnt werden. Aber man freute sich, wenn man einen Landsmann am Dialekt, Kleidung oder Brauchtum erkannte.“
(Zeitzeugin 3, Jahrgang 1941)

Erinnerungen wurden durch erkennende Blicke aufgefrischt. Die charakteristischen Elemente waren für Eingeweihte lesbar: Dialekt, Kleidung und Brauchtum stifteten Zugehörigkeit auf eine Weise, die keiner Erklärung bedurfte. Wer im öffentlichen Raum durch ein anderes Narrativ auffiel, wurde schnell zurechtgewiesen, wenn nicht sogar bestraft. Das Gebot, nach vorn zu blicken, endete nicht an der Wohnungstür – Manche Familien übernahmen auch zuhause die Verordnung des Nicht-Sagens. So kam es vor, dass über die ehemalige Heimat nicht vor den Kindern gesprochen wurde. Dies konnte mehrere Gründe haben: Zwar konnte das gemeinsame Erinnern Trost spenden, zugleich die notdürftig verpflasterten Wunden wieder aufreißen. Manche Zeitzeuginnen sprechen gar von einer familiären Zweiteilung. Es gab die Familie vor der Vertreibung, mit der man sich, oft im Dialekt, über die „alte Heimat“ austauschte und die in der neuen Heimat geborenen Kinder, die nicht Teil dieser Lebenswelt waren. Schweigen hatte auf der anderen Seite auch eine Schutzfunktion, um mögliche negative Erfahrungen in der Schulzeit für die Kinder zu vermeiden. Dies gelang, wie in der Eingangsszene deutlich wurde, nicht immer.

Mit der Familie und auch ehemaligen engen Freunden und Nachbarn, die wieder in der Nähe wohnten, traf man sich am Abend und an den Wochenenden und schwelgte in Erinnerungen an die Heimat. Familienfeiern waren Anlässe, um auch die weiter entfernt wohnende Verwandtschaft zu treffen, wobei unter Umständen auch Besuch aus oder in der Bundesrepublik möglich war.

Größere Heimattreffen konnten nur im Verborgenen und unter umsichtiger Organisation stattfinden. Zeitzeuginnen berichteten von Klassentreffen, Treffen in der Kirchengemeinde und auch von den beinahe schon legendär gewordenen Zusammenkünften im Leipziger Zoo:

„Offiziell gab es in der DDR keine Treffen. Ich wusste von Heimattreffen des Kreises Dux in Miltenberg (?). Seit den siebziger Jahren Treffen Sudetendeutscher am Sonntag nach Pfingsten im Leipziger Zoo mit böhmischer Blasmusik.“ 
(Zeitzeugin 3, Jahrgang 1941)

Der Leipziger oder auch der Hallenser Zoo eigneten sich, weil sie keinerlei naheliegende Verbindungen zu den Sudetendeutschen hatten und auf den ersten Blick nicht als Erinnerungsorte entschlüsselbar waren. Die Staatssicherheit hatte die wiederkehrenden Treffen als verdächtige „Zusammenrottung“ dennoch auf dem Schirm; ihr Freizeitcharakter machte sie jedoch schwer greifbar. Eine MfS-Aufnahme vom 9. Juni 1963 dokumentiert ein solches Treffen; beobachtet wurden Namen, Westkontakte, Paketempfang, verwandtschaftliche Beziehungen und mögliche Organisatoren.3

Kulturelle Praxis im Verborgenen

Viele kulturelle Praktiken waren jedoch problemlos ohne oder mit wenigen Worten erleb- und vermittelbar. Nahezu alle Zeitzeuginnen berichten davon, dass in ihrer Familie traditionell gekocht wurde. Sie schreiben von Mohnbuchteln, Strietzeln, böhmischen Knödeln, rohen Klößen, Streusel- oder Klekselkuchen und selbstgemachten Nudeln. Wer Knödel kochte oder Buchteln buk, musste nicht über Heimat sprechen, damit etwas davon vergegenwärtigt wurde.

Christliche Bräuche werden zum Beispiel von der Großmutter tradiert:

„Erzählung der Großmutter: Maiandachten, Schmeckostern, Weihwasser zu Ostern von der Quelle holen, Wallfahrten zum Brünnel in Neuketzelsdorf!“
(Zeitzeugin 7, Jahrgang 1944)

Viele sudetendeutsche Familien kamen aus katholisch geprägten Regionen Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens. Der Glaube bestimmte oftmals das tägliche Leben, hielt Ankerpunkte im Jahreslauf bereit. In der DDR traf diese Ordnung auf einen säkularen Staat, der Religion zunehmend aus pädagogischen Zusammenhängen und der Kultur herausdrängte. Für die Enkelgeneration konnten die Bräuche der Großmutter dadurch doppelt fremd wirken: als Symbole einer verlorenen Herkunftslandschaft und als Reste einer Frömmigkeit, die im sozialistischen Alltag nicht mehr selbstverständlich war. So zum Beispiel die Maiandacht, die im Mai oft mehrfach wöchentlich gefeiert wurde, häufig mit regionalen Wallfahrten verbunden. Nach 1945 setzten viele Vertriebene diese Praxis in der neuen Heimat fort – wobei sie mit mitgebrachten Gebetbüchern auch behelfsmäßig im privaten Wohnzimmer vollzogen wurde. Beim ‚Schmeckostern‘ (dialektal für ‚schlagen‘), ziehen junge Männer am zweiten Ostertag mit Weidenruten von Haus zu Haus, um junge Frauen leicht auf Beine oder Rücken zu schlagen, um Gesundheit und Fruchtbarkeit fürs kommende Jahr zu übertragen. Als Dank erhielten die Jungen Ostereier, Süßigkeiten oder kleine Geldgeschenke. Dieser Heischebrauch ließ sich in der neuen Heimat natürlich nicht mehr durchführen; gleichzeitig wurden manche der österlichen Bräuche beibehalten:

„Gründonnerstag bekamen wir ein kleines Geschenk, und nur am Ostersonntag wurden Ostereier gesucht, wenn wir welche bekamen.“ 
(Zeitzeugin 5, Jahrgang 1939)

Der Festzyklus, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht vollzogen werden konnte, wurde zumindest durch Erzählungen aktualisiert:

„1945/46 konnten keine Feste gefeiert werden, erzählt wurde vom Rosenkranzfest und von Faschingsumzügen in Klostergrab. In Sachsen-Anhalt wurde im Nachbarort (…) in den fünfziger Jahren regelmäßig an einem Sonntag im August in der evangelischen Kirche und Umgebung das „Philomenafest“ gefeiert, dazu reisten viele ehemalige Kekelsdorfer (?) an, es war ihr Kirchweihfest.“
(Zeitzeugin 3, Jahrgang 1941)

Das protestantische Philomenafest in Sachsen-Anhalt wurde als Ersatz aufgesucht und erscheint dabei fast wie eine verpflanzte Kirchweih. Auch beschreiben die meisten Zeitzeuginnen, dass gerade alte Menschen noch die heimatlichen Mundarten sprachen und Heimatlieder sangen. Auf die Frage „Haben Sie weiterhin Musik aus der Heimat gehört oder vielleicht traditionelle Instrumente gespielt?“ hatten die meisten der Frauen eine Antwort:

Eine Befragte erinnert sich an „das Riesengebirgslied, sowie Hochzeitslieder und Gedichte, die meine Mutter vortrug“ (Zeitzeugin 4, Jahrgang 1945). Eine andere nennt das Böhmerlied, das „hin und wieder“ gesungen wurde, etwa auf der goldenen Hochzeit der Eltern (Zeitzeugin 5, Jahrgang 1939). Wieder eine andere hält das Riesengebirgslied mit der Zeile „Blaue Berge, grüne Täler“ fest, gesungen bei Treffen“ (Zeitzeugin 7, Jahrgang 1944).

Das Riesengebirgslied rief eine Landschaft zwischen Böhmen und Schlesien auf und machte das verlorene Gebirge für die Dauer des Singens wieder begehbar. Das Böhmerlied, vermutlich das bekannte Böhmerwaldlied „Tief drin im Böhmerwald“, verwies auf eine andere Herkunftslandschaft. Bei besonderen Anlässen konnten sie erklingen und wieder verschwinden. Sie bildeten ein akustisches Gedächtnis: flüchtig genug, um unauffällig zu bleiben, einprägsam genug, um Zugehörigkeit über Jahrzehnte fortzutragen. Wer mitsang, kannte nicht nur die Melodie, sondern auch die assoziative Verknüpfung zu den besungenen Orten, die für Außenstehende nur Klänge blieben.

In literarischen Texten wurde der Umgang mit der Zumutung des verordneten Vergessens artikuliert. Anna Seghers’ Erzählung „Die Umsiedlerin“ und Heiner Müllers Bearbeitung „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ führen Frauenfiguren vor, die nicht in der Vergangenheit bleiben dürfen, weil sie beim Aufbau gebraucht werden. In ihnen verdichtet sich die Erwartungshaltung: ‚Die Umsiedlerin‘ muss stark sein und funktionieren. Literatur konnte damit das Tabuisierte ansprechen, was der Verwaltungsbegriff „Umsiedler“ verdecken wollte: dass das Ankommen auch Selbstdisziplinierung und die Kontrolle über eigene Gefühle bedeutete. Zwar bot künstlerische Überarbeitung keine ungeschützte Gegenöffentlichkeit, aber sie hielt den Widerspruch aus, den die politische Sprache schließen wollte.

Heimat nach der Heimat

Nach der politischen Wende schlossen sich die noch lebenden Vertriebenen in Windeseile, auch mit Unterstützung der Vertriebenenverbände, in den „alten Bundesländern” zu Gruppen und Vereinen zusammen. Viele gliederten sich in die bereits etablierten Strukturen in Westdeutschland ein:

„Nach der Wende Teilnahme an Veranstaltungen der Landsmannschaft, Mitglied Ackermann-Gemeinde, Mitglied im Heimatkreisverein Dux, Teilnahme am Treffen in Miltenberg“.
(Zeitzeugin 3, Jahrgang 1941)

Bis heute fühlen sich auch die Generationen der Nachkommen noch der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Während in den ehemaligen westlichen Besatzungszonen auch heute noch die Identifikation in Organisationen wie der Sudetendeutschen Jugend, Trachten-, Sing- und Tanzgruppen stattfindet, ist Tracht bei den befragten Zeitzeuginnen, die in der DDR lebten, gar kein Thema. Sie identifizieren sich eher über Heimatreisen, die schon zu sozialistischer Zeit relativ unkompliziert möglich waren, und über das Essen mit den Herkunftsregionen ihrer Familien.

Flüstern hieß für sie nicht verstummen. Weil öffentliche Artikulation politisch gefährlich war, musste die Lautstärke gedrosselt werden. Das Gedenken an die Heimat wurde indirekter, verlagert in häusliche Praktiken: Sie wurde am Küchentisch erzählt und auf Tellern serviert, bei Feiern beiläufig aufgerufen, in Liedern hör- und in Bräuchen erlebbar. Frauen erscheinen in den Interviews als diejenigen, die diese leisen Formen an die nächste Generation vermittelten, sie fungierten als „Erinnerungsarbeiterinnen“ und damit als Kulturträgerinnen unter erschwerten Bedingungen. 

Die Redebereitschaft und Offenheit der Interviewpartnerinnen zeugen auch davon, wie groß der Wunsch ist, über das zu sprechen, was Jahrzehnte nur unter der Hand weitergetragen wurde. Dies wird gerade im Vergleich zu den Befragungen in Bayern und der Heimatverbliebenen in Tschechien deutlich. So sind der Rücklauf der Fragebögen und die Bereitschaft für ein längeres, persönliches Interview dort sehr viel höher. Viele der Vertriebenen in der SBZ fühlen sich im Narrativ der Vertriebenenverbände, in Ausstellungen und Publikationen bis heute unsichtbar. Das ist für sie besonders schmerzhaft nach den Jahrzehnten der Marginalisierung in dem totalitären System der DDR.

Die Funktion dieser Forschung ist damit auch die eines Lautstärkereglers: um die Schallweite des Flüstertons so zu amplifizieren, dass er endlich öffentlich vernehmbar wird.

Fußnoten

1) Bretschneider, Uta: „Umsiedler (SBZ/DDR)“. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32669, Stand: 09.08.2021.    

2) Franzen, Erik: Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer. München, Berlin 2001, S. 251f.

3) Heike Amos: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1990. München: R. Oldenbourg 2009, S. 32–41, bes. S.