SELBSTBEWUSST: FRAUEN IN DER DDR

von Dr. Anna Kaminsky

Filmstill aus „1989 – Lieder unserer Heimat” von Schwarwel

Als das Leben in der DDR nach 1990 betrachtet und kritisch hinterfragt wurde, hatte kaum noch etwas Bestand. In einem war man sich in Ost wie West jedoch einig: Auch wenn vieles nicht gut gewesen war – immerhin waren die Frauen gleichberechtigt gewesen. So mancher kam sogar zu dem Schluss, dass das „Beste an der DDR“ die Frauen gewesen seien.(1)

Auch 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR und der deutschen Einheit sorgt das Thema Frauen – Frauenrechte –, Gleichberechtigung und Emanzipation für Zündstoff und Kontroversen. Dabei wird auch immer wieder auf die Frauenpolitik der DDR als Beispiel für eine GUTE Politik verwiesen. Oft heißt es dabei, im Unterschied zu den Frauen in der damaligen und auch heutigen Bundesrepublik hätten Frauen in der DDR gute Voraussetzungen gehabt, um Beruf, Familie und Haushalt unter einen Hut zu bringen. Das würde man schon daran sehen, dass in den 1980er Jahren über 90 Prozent der Frauen in der DDR berufstätig waren und 50 Prozent der Studenten weiblich. Dies sei möglich gewesen, weil Frauen – im Unterschied zur Bundesrepublik – auf eine gute Infrastruktur zur Kinderbetreuung zurückgreifen konnten, die dazu geführt habe, dass 70 Prozent der unter dreijährigen und über 90 Prozent der über dreijährigen Kinder in staatlichen Kindereinrichtungen betreut wurden. Frauen hätten viele Wege beispielsweise auch in sogenannte Männerberufe offengestanden, weil – so die offizielle Lesart – der Staat vorbildlich für „seine Frauen” gesorgt habe. 

Und in der Tat hat die DDR viele Gesetze erlassen, die es Frauen ermöglichen sollte, berufstätig zu sein. Die Regelungen zeigen aber auch: Die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit, Haushalt und Familie wurde als Problem von Frauen, nicht von Männern und Frauen gemeinsam angesehen. Und trotz der gesetzlich verankerten gleichen Bezahlung verdienten Frauen durchschnittlich 30 Prozent weniger als Männer, da als typische Frauenberufe angesehene Tätigkeiten schlechter bezahlt wurden als Männerberufe. Zudem erreichten Frauen weit seltener Leitungspositionen als Männer.

Auch wenn die Bezeichnung „Frauen in der DDR“ eine Art Geschlossenheit suggeriert, so gehörten diese mindestens vier verschiedenen Generationen mit sehr unterschiedlichen Sozialisationen und Wertvorstellungen an. Frauen, die bei Gründung der DDR 1949 bereits erwachsen waren, hatten ihre Sozialisation im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder im Nazi-Reich erfahren. Für sie prägten vor allem traditionelle Geschlechter- und Familienbilder die Vorstellungen von Frauenleben, die sie wiederum an ihre Töchter und Söhne weitergaben. Frauen, die zu Kriegsende noch junge Mädchen waren und in der Nachkriegszeit erwachsen wurden, hatten vor allem die Sozialisierung im NS-Staat erfahren. Sie hatten mit ihren Müttern und Großmüttern die Kriegsjahre durchstanden und die schweren Nachkriegsjahre bewältigt: mit Hunger, Angst vor Vergewaltigungen und der Ungewissheit des Neubeginns. Sie teilten viele Erfahrungen und Wertvorstellungen mit Frauen im Westen. Die Töchter und Enkelinnen dieser Frauengenerationen wurden in das System der DDR hineingeboren. Sie kannten nur die Bedingungen der SED-Diktatur und die damit verbundenen Einschränkungen und Erwartungen, in denen sie versuchten, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. Die jüngste Generation an DDR-Frauen wurde in den 1960/1970er Jahren geboren. Sie wuchsen mit der Kollektiverfahrung von Krippe und Kindergarten und selbstverständlich berufstätigen Müttern auf. Zugleich erlebten viele von ihnen den täglichen Spagat, den ihre Mütter bewältigen mussten. 

Die Unterschiede bezogen sich nicht nur auf die verschiedenen Generationen. Frauen auf dem Land waren oft traditioneller als Frauen in Städten eingestellt – was sich an der Zahl der Scheidungen, Abtreibungen und der geringeren Zahl an Ausreiseanträgen zeigte. Hinzu kamen die Unterschiede, ob die Menschen kirchlich gebunden und damit in einiger Distanz zum SED-Staat waren oder ob sie als Funktionäre und Mitglieder der Staatspartei dem System nahe standen. Unterschiede finden sich auch dort, wo Frauen arbeiteten: ob sie Schichtarbeiterin in einem Betrieb, Büroangestellte oder Künstlerin waren. 

Die gesellschaftliche und politische Wertschätzung der und des Einzelnen war in der DDR an die volle Berufstätigkeit gebunden. Frauen, die einen anderen Weg wählten und zu Hause blieben und die Kinder betreuten, wurden als „rückständige Heimchen am Herd“, „Spießerinnen“ oder „bourgeoise Dämchen“ diskreditiert. 

Die Eingliederung von Frauen in die Arbeitswelt brachte nicht nur für die Frauen massive Veränderungen mit sich. Auch die Männer mussten hergebrachte Denkweisen hinterfragen. Viele fühlten sich von der Emanzipation ihrer Frauen und den an sie gestellten Anforderungen überfordert. Dies äußerte sich unter anderem in der steigenden Zahl von Scheidungen. Als häufigster Scheidungsgrund wurde von Frauen „die mangelnde Bereitschaft [der Männer] für häusliche Aufgaben“ angegeben.(2)

Im Westen genoss die DDR-Frau einen fast legendären Ruf: „Zieht man Vergleiche, so scheinen uns die Frauen Mitteldeutschlands in ihrer Gesamtheit viel aktiver, selbständiger, selbstbewusster, politisch interessierter, geistig aufgeschlossener zu sein.“(3) Frauen im Osten galten als qualifizierter, ihre selbstverständliche Berufstätigkeit wurde bewundert. Trotz aller Gleichberechtigung und Berufstätigkeit seien Ostfrauen aber weiblich geblieben. Den Haushalt meisterten sie quasi nebenher, sie würden Männer nicht als ihre Feinde ansehen und seien umgänglich. Das gelungene Bild für eine schmerzlose Emanzipation also.

Anders sah dies teilweise bei westdeutschen Frauen aus. Gerade jene, die sich als Feministinnen und Frauenrechtlerinnen verstanden, sahen Frauen aus Ostdeutschland kritisch. Nicht nur, dass diese für ihre Berufsbezeichnung die männliche Form wählten und ganz selbstverständlich davon sprachen, dass sie „Arzt“, „Lehrer“ oder „Ingenieur“ seien. Frauen aus der DDR galten als autoritätshörig, gestresst, entscheidungsschwach, unsicher und unselbstständig.

Zudem erschienen sie als ungelenk, ihr Modegeschmack altbacken.

Für alle Menschen aus der DDR bedeutete 1989/1990, sich neu zu orientieren, oftmals neu anzufangen. Für die meisten ostdeutschen Frauen stellten sich Fragen nach ihrer Emanzipation 1989/1990 nicht. Sie fanden sich nun zwischen verschiedenen ideologischen Fronten wieder. Für sie bedeutete der Untergang der DDR, dass sie sich Vorwürfen zu ihrem Selbstbild und ihrem Rollenverständnis ausgesetzt sahen. All dies hatte mit den Erfahrungen und Herausforderungen der Umbruchszeit nach 1989 nur wenig gemein. Es kommt nicht von ungefähr, dass Frauen vor dem Hintergrund ihrer individuellen Umbruchserfahrungen unmittelbar nach 1990 an der DDR vor allem die Möglichkeiten der beruflichen Teilhabe als besonders positiv erinnerten.(4)

Nach fast 30 Jahren Leben im vereinten Deutschland sind viele der Fragen, die 1990 Unverständnis zwischen Ost und West hervorriefen, geklärt. Kaum jemand käme noch auf die Idee, arbeitende Mütter als „Rabenmütter“ zu verunglimpfen. Vielmehr wird darum geworben, dass Frauen auch nach der Geburt ihrer Kinder weiterarbeiten sollten. Vielfältige Maßnahmen, die sich 1990 wohl kaum ein westdeutscher Politiker als Leitbild für eine modere Familie hätte träumen lassen, wurden gesetzlich verankert. Dazu gehört auch, dass Familien einen rechtlich garantierten Anspruch auf die Betreuung ihrer Kinder haben, was für die Berufstätigkeit aller Frauen förderlich ist. Die Bundesrepublik hat sich seit 1990 massiv verändert. Und einen guten Teil davon haben Frauen aus der DDR mitbewirkt, für die ihre Berufstätigkeit und die damit verbundene Selbständigkeit selbstverständlich war.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”

Fußnoten

1) Schubert, Helga: DDR-Frauen. 1989. In: Die Andersdenkende, hrsg. von ders. München 1994, S. 152.

2) Pinther, Arnold: Familien- und Eheforschungen. Jugendliche in ihren Herkunftsfamilien, in: Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966–1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse, hrsg. von Walter Friedrich/Peter Förster/Kurt Starke. Berlin 1999, S. 427

3) Zitiert nach Hübner, Irene/Schäfer, Heinz: Frauen in der DDR, Frankfurt am Main 1986, S. 13

4) Schlegel, Uta: Gleichberechtigung der Geschlechter in der DDR – Mythos und Realität, in: Ansichten zur Geschichte der DDR. Bonn/Berlin 1996, S. 206