UNSER HERZ DEM SPORT
von Heidrun Strauß

Bei diesem Thema fallen mir sofort die Turn- und Sportfeste der DDR in Leipzig ein. Strahlend junge Turnerinnen auf den Schultern von muskelbepackten Sportstudenten. Bildschön anzusehen und im Hintergrund prangten auf der sogenannten Osttribüne DDR-Slogans wie „Wir stärken unsere DDR“, „Sozialismus“ und „Immer bereit“.
Auf der Osttribüne saßen Schüler:innen ab einem bestimmten Alter, die nach einem Schema Fähnchen hochhalten mussten, damit genau die erwünschten Bilder zu sehen waren. Beliebt waren die Turn- und Sportfeste schon, es war eine bunte Zusammenkunft von Schüler:innen und Jugendlichen, die fernab von jeglichem Schulalltag in Zelten oder Turnhallen campierten und eher ein lockeres „Ferienlager-Ambiente“ zu spüren bekamen.
In Erinnerung sind mir aber eher die Sportler:innen geblieben, die einem harten Alltag ausgesetzt waren, und hier habe ich den Bezug zu meiner eigenen kleinen Familie. Unsere Tochter, gerade einmal zehn Jahre alt, fährt zwei bis drei Mal in der Woche nach dem Unterricht allein mit dem Bus in die Kreisstadt zum Leichtathletik-Training ins sogenannte „Trainingszentrum“. Hier durften nur Schüler:innen hin, die sehr gute schulische und sportliche Leistungen hatten und bereit waren, nicht für eine Schulauswahl, sondern für die Kreisauswahl bei Wettkämpfen zu starten. Nach dem Training kam unsere Tochter (wieder mit dem Bus) völlig erschöpft nach Hause. Für uns war das damals überhaupt kein Problem, das Training war hart, machte ihr aber trotzdem Spaß, und am Wochenende war Wettkampf.
Auf der ersten großen Zusammenkunft von Trainer:innen, Eltern und Sportler:innen wurde über die Kadersuche für die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) offen gesprochen. Mädchen und Jungen, die sich im Trainingszentrum durch besonders gute sportliche und schulische Leistungen hervorgetan haben, sollten an eine Sportschule in Leipzig delegiert werden, mit Internatsunterbringung, 24-Stunden-Betreuung durch fremde „Pädagog:innen“, Trainer:innen und Ärzt:innen. Nach dieser Zusammenkunft stand für uns fest, unsere Tochter wird niemals auf solch eine Schule gehen, mit Entzug von den Eltern. Das Trainingszentrum hatte sich danach auch erledigt, da eine sogenannte „Umstrukturierung“ stattfand und unsere Tochter in einer anderen Sportart trainieren sollte, was sie selbst und auch wir jedoch nicht wollten.

Ich selbst nahm während meiner Schulzeit an der Erweiteren Oberschule (EOS) bis zum Abitur nicht an großen, von der SED inszenierten Massensportveranstaltungen teil, da war ich wohl eher zu schlecht im Sport. Aber ich konnte sehr gut schießen und so wurde ich Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Militärischer Mehrkampf“ (MMK). Das war eine Sportart mit Biathlon vergleichbar, nur ohne Ski. Das Training bestand aus einem Mix aus Langstreckenlauf und Schießübungen mit dem Kleinkalibergewehr auf einem besonderen Schießplatz. Das Lauftraining war für mich der absolute Horror und irgendwann war ich zwar im Schießen sehr gut, aber meine Laufzeit wurde immer schlechter. Ich durfte dann nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen, verlor das Interesse am Training und aus der GST – der vormilitärischen Massenorganisation „Gesellschaft für Sport und Technik“ – bin ich dann auch ausgetreten.
Mein (negatives) Erlebnis hatte ich mit der GST dann nur kurze Zeit später. Ich musste zusammen mit allen frisch immatrikulierten Student:innen der Fachrichtung Außenwirtschaft vor dem offiziellen Studienbeginn für insgesamt drei Wochen ins GST-Lager an die Ostsee. Diese Zeit war die schlimmste während meines Studiums. Der Sinn des Lagers bestand darin, dass sich die neuen Student:innen besser kennenlernen und füreinander einstehen sollten.
Wir mussten während der gesamten Zeit hässliche graue Uniformen tragen, waren in riesigen Armeezelten untergebracht, durften das Lager nur mit Ausgangsschein und niemals allein verlassen. Vor dem Frühstück wurden unsere Betten kontrolliert, damit auch die Decken im richtigen Winkel lagen, dann war Frühsport und Appell.
Danach begann die eigentliche ideologische und sportliche Ausbildung. Ich kann mich an Seminare ähnlich wie der Staatsbürgerkunde-Unterricht in der Schule erinnern. Aber viel schlimmer war für mich der Drill, dem wir ausgesetzt waren. Wir mussten bei Hitze kilometerweit am Strand lang rennen und durch den Ostseesand kriechen. Wofür das gut sein sollte, hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Ein Teil der Ausbildung bestand auch darin, mit einer Maske über dem Kopf in einem mit Gas gefüllten Zelt unsere Mitstudent:innen zu retten. Bei so einer Aktion bin ich umgefallen und bekam vom Lagerarzt eine Befreiung vom Gaszelt. Wer in irgendeiner Weise gegen die Lagerordnung verstieß, bekam keinen Ausgang ins nahegelegene Dorf und musste irgendwelche „Strafarbeiten“ erledigen (z. B. Abwaschdienst in der Küche, Sanitäranlagen reinigen usw.)
Ich hatte mich auf das Kennenlernen meiner Kommiliton:innen und auf die Ostsee gefreut und denke, nicht nur ich hatte diese Vorfreude, die jäh zerstört wurde. Wir Student:innen haben dann während unserer Studienzeit noch oft über dieses negative Ereignis gesprochen und waren froh, dass wir nicht noch einmal in dieses Lager mussten.
Früher war ich mit meinen Eltern sehr oft im Urlaub auf dem Darß und hatte ein wohliges Gefühl der Familiengeborgenheit in mir. Das wurde durch das GST-Lager in jäher Weise zerstört. Ich wollte jahrelang nicht an die Ostsee in den Urlaub, und erst zusammen mit unserer kleinen Tochter hatte ich später wieder Freude am Ostseestrand.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.
