ZWISCHEN DEN ZEITEN – THEATER IN DER DDR
„Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“ („Don Carlos“, Schiller)
von Cosima Stracke-Nawka
Die Kunst hatte auch in der DDR kreative Facetten und die Künstler fanden viele Ausdrucksformen, um sich mitzuteilen. Ich kann diese Zeit nicht nur schwarz oder weiß sehen.
Jede einzelne Geschichte ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, um Maxie Wander sinngemäß zu zitieren, als sie ihre Frauenprotokolle „Guten Morgen, du Schöne“ gegen den Angriff verteidigte, diese seien doch einfach nur banale Alltagsgeschichten. Ich denke aber, dass die Theaterleute in der DDR dennoch eine besondere Rolle spielten. Indem sie nämlich genau das taten, was sie können: spielen. Schauspiel lebt von Geschichten, von der Art der Darstellung und davon, wie es die anderen empfinden und was sie sehen können und wollen.
In der DDR gab es zwei große Schulen, um das Schauspielen zu erlernen. Die Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und die „Ernst Busch“ in Berlin. Wer es geschafft hatte, dort angenommen worden zu sein, und da spielte nicht in erster Linie die politische Zuverlässigkeit eine Rolle, der war sehr stolz darauf, und wer aus diesen Schulen an die Theater zurückkam, hatte eines gelernt: Alles, was ich auf der Bühne tue, hat eine tiefere Bedeutung und erzählt etwas. Denn so haben sie es gelehrt bekommen, vom großen Bert Brecht, das „Kleine Organon“ war die Bibel aller Schauspielstudenten. Oder, du kannst nur das zeigen, was du auch fühlst. Das lernten sie von dem großen Russen Stanislawski, mit seinen Theorien über das künstlerische und private Ich. Wir stritten heftig darüber, welche Methode besser sei. Aber am Ende wollte jeder Schauspieler eigentlich nur, dass sein Spiel verstanden wird. Und das Publikum wollte auch nicht nur unterhalten werden.
So war die Zeit in den 1980-ern eine sehr spannende Zeit für jeden Theatermenschen.
Das Publikum wartete auf Botschaften, die nur in dieser Theateröffentlichkeit verbreitet werden konnten. Es lernte schnell, dass auch aus den verordneten sozialistischen Gegenwartsstücken durchaus kritische Botschaften zu entnehmen waren. Was natürlich nicht ausschloss, dass Theaterschreiber, Spieler und Intendanten die Bühne für sozialistische Propaganda nutzten. Oft genügte eine kleine Geste oder eine Tonfarbe in der Stimme, die an einen bestimmten Funktionär erinnerte, um aus dem Publikum eine Reaktion zu bekommen, die signalisierte, wir verstehen, was ihr meint. Mit Kostümen und Bühnenbildern wurden verblüffende Rahmen geschaffen, in denen Phrasen als solche wahrgenommen und Zwischentexte entdeckt wurden, wo man sich nach der Vorstellung fragte: Haben die das jetzt wirklich so gesagt – und wenn ja, wieso dürfen die das?! Die Theater wurden immer voller, denn es machte Mut, hautnah zu erleben, wenn jemand das aussprach, was alle (?) dachten.
Programmhefte wurden ebenfalls in diese „Zeichensetzung“ einbezogen, Texte zum Stück wurden so zusammengestellt, dass sie, zwischen den Zeilen, ziemlich klare Aussagen gegen die herrschenden sozialistischen Missstände enthielten.
Immer häufiger spielte man an den Theatern zeitgenössische sowjetische Dramatiker, die in der UdSSR nicht immer gut gelitten waren. Schukschin, Schatrow, Aitmatow, das war unverfänglich. Die Probleme, die die sowjetischen Genossen mit ihren Bürgern in diesen Stücken hatten, waren ja nicht die unseren, begründeten wir Dramaturgen die Auswahl vor der SED-Bezirksleitung. Waren in der aktuellen Inszenierung dann doch offensichtliche Parallelen zu entdecken, dann wurde diskutiert. Ich denke mit großer Freude an die langen Publikumsgespräche nach den Aufführungen des Stückes „Die Diktatur des Gewissens“, damals war ja schon allein der Titel eine Provokation.
Höhepunkt und Endpunkt dieser Entwicklung war das Jahr 1989. Da traten nicht nur die Schauspieler aus ihren Rollen heraus, auch die Publikumsdiskussionen, die sich an die Aufführungen anschlossen, wurden mehr und mehr zu Orten, wo sich die Menschen trauten, laut zu sagen, was für sie nicht stimmte, am real existierenden Sozialismus. Ja, es ging auch mir – damals war ich Chefdramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen – um einen besseren Sozialismus. Ich glaube, es wird immer mehr vergessen, was Theater konnte und kann, denn es waren die Theaterleute, die die erste große und genehmigte Demonstration, die am 04.11.1989 in Berlin stattfand, ermöglichten. Es waren Schauspieler und Schriftsteller, die mit zitternder Stimme und schlackernden Knien vor 500.000 Menschen sprachen. Dass diese Demonstration sogar im DDR Fernsehen übertragen wurde, hatte sicher nicht nur mit der „neuen“ Krenzschen Offenheit zu tun, denn Bilder kann man bekanntlich dauerhaft aufzeichnen. Ich bewunderte den Mut der Leute und hatte die Hoffnung, dass nun tatsächlich Gedankenfreiheit herrsche. Oder zumindest der aufrechte Gang von allen wieder erlernt werden kann. Nun hatten wir „ein Ziel vor den Augen“.
Heute meine ich, wir glaubten bis 1989, einen „gemeinsamen Gegner“ zu haben, den man trefflich dazu nutzen konnte, mit dem Publikum dagegen zu rebellieren und zu glauben, wir wollen doch alle das Gleiche. Jedenfalls ging es vielen damals nicht um die deutsche Einheit. Jene, die mehr wollten, gingen dann auch bald weg oder wurden doch noch weggesperrt und dem Rest ging langsam ein Licht auf. Man ging nicht mehr ins Theater. Man wollte raus, reisen, speisen, in echt leben. Da war Theater überflüssig und sehr bald auch zu teuer!
Mein erstes Theatererlebnis im neuen Deutschland war das Stück „Nachtasyl“ von Maxim Gorki, das er 1901 geschrieben hatte. Ich stolperte beim Hineingehen in ein großes Staatstheater im Süden der Republik fast über die Menschen, um die es in diesem Stück geht. Das waren keine Schauspieler, die lagen real im Dreck. Die anderen saßen drin und amüsierten sich. Da habe ich begonnen, wieder Brecht zu lesen und daran zu zweifeln, dass die Menschen zwischen den Zeilen lesen zu können.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
