WISSENSFENSTER: DOPING IN DER DDR

Größenwahn auf Kosten der Gesundheit vieler Sportler

von Thomas Purschke

Filmbild aus „1989 – Lieder unserer Heimat“ von Schwarwel

Die Medaillenbilanz des DDR-Leistungssports fällt auf den ersten Blick atemberaubend aus. 203 olympische Goldmedaillen, 768 Welt- und 747 Europa-Meistertitel konnten die DDR-Sportler:innen in nahezu vier Jahrzehnten bis zum Untergang 1990 sammeln. Bei olympischen Spielen gelang es der DDR mehrfach, sich unter den besten Drei im Medaillenspiegel zu behaupten. Für ein solch kleines Land mit 16,7 Millionen Menschen (1988) waren das zunächst beeindruckende Zahlen. Der olympische Spitzensport hatte für die DDR-Staatsführung eine sehr große Bedeutung, die Propaganda der staatlich gelenkten und zensierten DDR-Medien unterstützten dies nach Kräften. Die sogenannte Überlegenheit des Sozialismus und deren Menschen, auch in der kleinen DDR, gegenüber dem westlichen Kapitalismus, sollte in den Arenen der Welt manifestiert werden. Dieser absolute Größenwahn erfolgte auch auf Kosten der Gesundheit vieler Sportler.

Denn neben all dem Trainingsfleiß sowie den Qualen der Athleten und der einseitigen staatlichen Förderung bestimmter Sportarten, neben den vielen Sportclubs sowie der Einrichtung von Kinder- und Jugendsportschulen und der trainingswissenschaftlichen Betreuung gab es auch eine besonders dunkle Seite. Es war der 1974 vom Zentralkomitee der DDR-Regierungspartei SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) beschlossene, streng geheime Staatsplan 14.25. Damit wurde ein weltweit einmaliges, perfides Staats-Dopingsystem geschaffen, das bis 1990 maßgeblich für den Medaillenglanz der DDR auf dem internationalen Parkett mitverantwortlich war. Bereits in den 60er Jahren waren DDR-Athleten schon zielgerichtet mit männlichen Sexualhormonen gedopt worden. Doch ab 1974 erfolgte in allen olympischen Disziplinen ein umfassender und systematisch geplanter Einsatz von gesundheitsschädlichen Dopingmitteln im Leistungssport. Dazu wurden eine Vielzahl staatlicher Behörden, wissenschaftlicher Institute und medizinischer Einrichtungen aus der gesamten DDR in die Erforschung und Anwendung dieser Präparate eingebunden.

Hauptproduzent der Hormonpräparate für den Elitesport war die Firma VEB Jenapharm in Jena (Thüringen). Neben dem dort hergestellten Anabolikum mit dem Namen „Oral-Turinabol“ – ursprünglich ein rezeptpflichtiges Medikament für schwerkranke Menschen –, das über zwei Jahrzehnte in großen Mengen ohne medizinische Indikation an Spitzensportlern eingesetzt wurde, produzierte Jenapharm auch zahlreiche Steroidsubstanzen, die nach dem DDR-Arzneimittelgesetz nicht zugelassen waren, aber dennoch von Medizinern und Trainern verabreicht wurden. Über die gravierenden Nebenwirkungen dieser Präparate wurden die Athleten kaum aufgeklärt. Viele sind heute geschädigt, leiden unter Hormon- und Stoffwechselstörungen, Krebs, starker Vermännlichung, gynäkologischen Schäden, Suchterkrankungen, Depressionen, schweren Organ- und orthopädischen Schäden. 

Filmbild aus „1989 – Lieder unserer Heimat“ von Schwarwel

Durch diese Doping-Betrugsmittel waren die Sportler in der Lage, zum Beispiel in der Leichtathletik in kraftintensiven Disziplinen, ihre Bestleistungen innerhalb von wenigen Jahren erheblich zu steigern. Im Speerwurf der Frauen konnten es acht bis 15 Meter mehr sein, im Diskuswerfen der Männer um die zehn bis zwölf Meter.

Die DDR-Geheimpolizei Stasi mit ihren vielen Spitzeln, darunter auch zahlreiche Wissenschaftler, hatte für die strikte Geheimhaltung zu sorgen, dass diese kriminellen Sportmanipulationen auch geheim blieben.

Bereits 1969 machte in der Bundesrepublik der Heidelberger Zellwissenschaftler Werner Franke mit seiner Frau Brigitte Berendonk auf den perfiden Sport-Betrug durch Doping öffentlich aufmerksam. Doch erst nach dem Untergang der DDR gelang es ihnen, auch die schriftlichen Belege in den Tresoren der DDR-Institute für die Nachwelt zu sichern. Der couragierte Aufklärer Werner Franke brachte diese kriminellen Menschenversuche vor Gericht. Dabei stellte sich heraus, dass im Schwimmen bereits zehnjährige Mädchen und kaum ältere Jungen mit männlichen Sexualhormonen gedopt wurden, was ein medizinisches Verbrechen ist. Warum viele Eltern, denen ja die in Teilen erheblichen körperlichen und muskulären Veränderungen ihrer Kinder in der DDR nicht verborgen geblieben sein dürften, damals dennoch nicht eingriffen und ihre Nachkommen nicht vor Schlimmerem schützten, dies ist bis heute weitestgehend ein Tabuthema geblieben.

Bei den im Sommer 2000 abgeschlossenen Verfahren zum Staatsdoping wurden lediglich wenige Spitzenfunktionäre, wie der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald sowie der Vize-Chef der Sportmedizin Manfred Höppner, zu Freiheitsstrafen auf Bewährung sowie Vize-Sportchef Thomas Köhler und mehrere Ärzte und Trainer zu Geldstrafen verurteilt. Die zahlreichen DDR-Wissenschaftler hingegen, die die Dopingforschung betrieben und die Substanzen und Psychopharmaka ausschließlich für den gezielten Einsatz an Sportlern entwickelt und produziert haben, gingen komplett straffrei aus.

Im Jahr 2018 gestand der DDR-Zehnkampf-Olympiasieger von 1988 in der Leichtathletik Christian Schenk, dass er als erwachsener Athlet wusste, dass er Doping-Pillen bekam. Mit dem Betrug hatten sich besonders in den 1980er Jahren, viele mündige DDR-Sportler arrangiert.

Auch dies gehört zur Wahrheit über den DDR-Sport.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.