WISSENSFENSTER: JUGENDKULTUREN UND STAATSMACHT

von Ronald Galenza

Wenn ein Mensch lebt – Die Gesellschaft

Punk und Sozialismus? Eine Subkultur in der Diktatur der Arbeiter und Angepassten, das sollte nicht gut gehen. Wenn man im Osten etwas über Punk erfahren wollte, musste man schon selbst Punk sein oder gute Freunde haben. Die Punk-Explosion schwappte 1976/77 nach Deutschland. Punk war Rebellion gegen das gesellschaftliche und politische Umfeld. Punk definierte sich als Antithese, war anarchistischer Bürgerschreck und Sammelbecken für zornige Jugendliche, die sich gegen Normen und Regeln auflehnten. Im Westen war Punk nie eine Herausforderung für den Staat, dort verkaufte man damit ganz gut Platten, kam in die Hitparaden oder sorgte für Schlagzeilen. Im Osten kam man dafür in den Knast.

Als Punk Ende der 1970er via Äther westlicher Radiostationen durch die Mauer diffundierte, reagierte die SED-Führung gewohnt restriktiv. Die Moskauer Genossen hatten immer nur stalinistische Angst. Punk in der DDR wurde zu einem Drama, gezeichnet vom kollektiven Ausbruch aus einem erstarrten Leben, ein mutiges Aufbäumen gegen die allumfassende Leere. Es war der Aufbruch einer neuen, unangepassten Generation, die fernab von staatlich verordnetem DDR-Rock und etabliertem FDJ-Kulturbetrieb gegen die Lethargie aufstand. Punk in der DDR zu sein, ging sofort einher mit Politisierung und Kriminalisierung. Punks galten schnell als Feinde der Gesellschaft. Der Staat griff hart durch. Es gab Zuführungen durch die VP, Entführungen und Verhöre durch die Staatssicherheit, Hausdurchsuchungen, Bedrohungen, Ordnungsstrafen, Einweisungen in Jugendwerkhöfe, Verhaftungen und anschließende Verurteilungen zu Haftstrafen.

Ungeachtet der offiziellen Einschätzung und Abwertung von Punk verbreitete sich die unbequeme Subkultur in der kleinen Republik weiter, die Zahl der Punks und Eigensinnigen stieg an. 1984 hatte die Stasi ca. 900 Punks DDR-weit registriert: Berlin ca. 400, Leipzig 95, Magdeburg und Cottbus je 60, Halle, Dresden 50 usw. Sie sahen sich in ihrer ablehnenden Haltung gegen den Staat bestätigt, von dem sie sich innerlich längst verabschiedet hatten. Ihr Traum einer freien Gesellschaft basierte auf Idealen, die sich in der Realität der DDR in keiner Weise wiederfanden oder leben ließen.

Beim Barte von Karl Marx, war das alles öde, langweilig und verlogen. Soviel Leere, Enttäuschung, Bitternis und Lähmung. So wenig Güte. Die verplanten Biografien legten sich wie Bleiwesten um die jungen Seelen. Die Bands probten ihre ersten drei Griffe in Kellern, Gärten und Bruchbuden. Hier wollte Musik wieder etwas vom Leben; Punk hier noch als Lebenshaltung zwischen leerstehenden, verfallen Mietskasernen und vergifteten Städten. Punk als moralischer Aufstand gegen alles Etablierte und als lärmender Protest gegen die erstarrte, demütigende Gesellschaft!

Als 15- bis 18-Jährige anfingen, aus Klamotten, Frisuren und Musik eine auffallend eigene Lebensart zu kreieren, schritt der Staat massiv dagegen ein. Aber Jugend muss agieren, sie bekannte sich mit ihren Körpern zu ihrer anderen Lebenshaltung. Die Motivation vieler Punks war am Anfang eher unpolitisch, sie setzten auf Spaß und Abgrenzung gegen die Normalbürger. Der real-sozialistische Alltag war ihnen öde und unerträglich geworden. Schließlich begannen sie die Arbeit zu verweigern, Regeln und Gesetze zu missachten, mit drastischen Folgen. Punk zu sein, war zugleich das Ende irgendeiner Bildungskarriere in der DDR. Doch ihre Wut war groß, größer als die Angst. Der szenebekannte Thomas „Almö“ Bautzer rekapituliert für sich: „Wie kam ich zum Punk? Die wichtigsten Gründe waren die Suche nach Anerkennung, Freundschaft und Nähe. Ich bekam trotz vieler Schwierigkeiten mit den Eltern, der Stasi und der Polizei genau das, wonach ich gesucht hatte: eine Riesenfamilie, und jeden Tag kamen neue Leute, Eindrücke und auch Wissen dazu.“

Junge Leute wurden durch das rigide Eingreifen des Staates politisiert. Ein ganzer Staat mit all seinen Strukturen nahm sich einem randständigen Jugendproblem an und reagierte drastisch. Das System produzierte sich seine Feinde also selbst. Die provokante Symbolik der Äußerlichkeiten der ersten Punks diente als Statement in eigener Sache. Aber auch zur Abgrenzung von anderen Jugendgruppen. Das Altersspektrum dieser Szene war weit gefasst. Es reichte von 14-, 15-jährigen Kinder-Punks, Schülern, Lehrlingen und Facharbeitern bis zu Studenten und Künstlern. Ihre Auflehnung gegen den Staat spiegelte sich auch in den Namen der subversiven Bands wider: Sie hießen Planlos, Unerwünscht, Müllstation, Wutanfall, Probealarm, Rosa Beton, Der Schwarze Kanal, Schleim-Keim, Jähzorn, Der Demokratische Konsum, Zerfall, Aufruhr zur Liebe, Paranoia, Ornament & Verbrechen oder Kaltfront.

Dabei besetzten Punks aus privater Not oft leerstehende Wohnungen in den verfallenden Altstadtquartieren wie in Berlin-Prenzlauer Berg, Dresden-Neustadt oder im Leipziger Osten oder Connewitz. Aber auch in Halle, Jena, Erfurt, Potsdam, Rostock und Schwerin kam es zu Wohnungsbesetzungen. Die Jugendlichen brauchten einfach Rückzugsräume von der Straße weg. Sie kümmerten sich durch Erhalt und Abdichtung um die kaputten Wohnungen und abbruchreifen Häuser. Die Stadt war froh, dass da irgendjemand heizte. Viele der neuen Bewohner nutzten den Leerstand als Gestaltungsspielraum, sie durchbrachen Wände, begrünten Innenhöfe oder bemalten die Treppenhäuser. Und schleppten den noch verbliebenen Omis und Kriegswitwen den Nylonbeutel oder die Einkaufsnetze hoch. So traf man sich manchmal auch auf einen guten Westkaffee oder ein, zwei, drei Likörchen. Und natürlich gab es bald auch Punk-Familien mit kleinen Kindern und Blümchentapete. Es musste ja weitergehen, irgendwie. So entstanden auch einige illegale Schwarzcafés oder Barlöcher und fast 40 inoffizielle Privatgalerien.

Seit Mitte der 1980er Jahre fächerte sich die Punkszene zunehmend in verschiedene Lager auf. Man grenzte sich nun verstärkt via Dress-Code voneinander ab oder wurde abgegrenzt. Ein klar definiertes Outfit für Hardcore-, Anarcho-, Mode-, Alk-, Schmuddel-, Kid-, Nazi-Punks oder Skinheads gelangte zur Aufführung. Aber der Einfluss des Staates blieb subtil und vielgestaltig. Er reichte in alle Bereiche der Zivilgesellschaft hinein.

Sag mir wo du stehst – Die Staatsicherheit

Die politische Lage zwischen den beiden Systemblöcken NATO und Warschauer Pakt spitzte sich weiter zu. 1979: Einmarsch der Russen in Afghanistan und der NATO-Doppelbeschluss: Pershing gegen SS 20-Raketen in Europa. 1981: Verhängung des Kriegsrechts in Polen. Die Zeiten waren kälter geworden.

Mit dem Aufkommen von Punk ab Ende der 1970er Jahre verschärften sich die Maßnahmen gegen renitente Jugendliche. So sprühten Punkanhänger in den Morgenstunden des 13. August 1981 nicht ungestraft an einen Zaun in Berlin die Losung: „Langsam werden wir sauer – 20 Jahre Mauer”. Das MfS erkannte die politische Brisanz der Subkultur, Punks wurden zu Freiwild erklärt, der Minister für Staatsicherheit Mielke befahl „Härte gegen Punk“! Repressionen sollten zur Auflösung der Szene führen. Mielke wollte die Straße von „negativem Unrat” säubern. Als Punks massiv in größeren Städten der DDR auftauchten, bekämpfte sie der Staat mit seinem ganzen Arsenal an Mitteln. Das Ministerium für Staatssicherheit wollte die Punk-Szene vollständig zerschlagen. „Negativ-dekadent”, „politisch labil”, „asozial”, „provokatorisch”, „fehlentwickelt” und „radaumäßig”: Das waren die Beschreibungen der aufmüpfigen Jugend durch die Stasi.

1983 setzte die erste Verhaftungswelle ein, von nun an waren die Punks Gejagte. Sie wurden zur Nationalen Volksarmee eingezogen, eingeschüchtert, gezielt kriminalisiert, inhaftiert oder in Nervenheilanstalten ein- oder in den Westen ausgewiesen. Das Abnehmen von Fingerabdrücken, gewaltsames Abrasieren der Frisuren, Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen gehörten zu ihrem Alltag. Für sie galten Arbeitsplatzbindung, schikanöse Meldepflichten oder Gaststätten- und Berlin-Verbote. Verstieß man gegen die Auflagen, ging man in den Knast. Die Berliner Punk-Szene wurde so bis Ende 1984 fast komplett „zersetzt“. Von 17 Punkbands wurden sechs aufgelöst, die Musiker verhaftet.

Der Sänger Jürgen „Chaos“ Gutjahr der Punkband Wutanfall wurde von drei Stasi-Offizieren 17 Stunden lang verhört, in ein Waldstück verschleppt und mit Sack überm Kopf brutal misshandelt. Gutjahr: „Bei dem Verhör haben sie mir gesagt: Wenn du so weiter machst, können wir dir versprechen, dass dein Leben in der DDR vorüber ist.“ Staatssicherheit und Polizei verhängten drakonische Strafen gegen Jugendliche wie das gefürchtete Berlin-Verbot. Diese erhielten also ein staatliches Einreiseverbot in die Hauptstadt der DDR, weil man sie in der Provinz demütigen und kontrollieren wollte. Es gab Innenstadt-Verbote, Stadtbezirks-Verbote, Feiertags-Verbote (um offizielle Feierlichkeiten nicht zu stören) und sogar bestimmte Disko-Verbote.

Das Ministerium für Staatssicherheit erstellte einen internen Erkennungsschlüssel, der zwischen Punks, Skinheads, Heavys und New Romantics als dominante Jugendgruppen der DDR unterschied. Dieser ging auch an Gaststätten, Sportvereine und Berufsschulen. Was sie alle gemein hatten: Das MfS hielt sie für gefährlich. Noch im Sommer 1988 wurde für Punks in Dresden ein Innenstadtverbot ausgesprochen.

Bei der Platzierung von IM in der Szene war die Stasi recht erfolgreich, sie hatte es dabei zumeist auf die Zentralfiguren der Szene abgesehen. Die Basis dafür bildete ein IM neuen Typus, der nicht nur aus der Beobachterposition heraus berichtete, sondern innerhalb des Geschehens stand, Ansehen und Autorität in der Szene genoss und selbst aktiv war. Wurden einige wenige Spitzel nach der Wende enttarnt, zogen es andere Involvierte vor, dauerhaft zu schweigen, um ihren Verrat nicht offenbaren zu müssen. Davon betroffen waren nicht nur etablierte Formationen wie die Puhdys, Pankow, Karussell, sondern auch Bands aus dem subkulturellen Umfeld wie Die Firma, Freygang, Expander des Fortschritts, Die Vision oder Müllstation, in denen Bandmitglieder selbst als IM der Stasi aktiv waren.

Im Jahr 1989 verfügte das MfS über ca. 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter und zwischen 110.000 und 189.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM). Es gab über 300 Todesfälle an der innerdeutschen Grenze. Insgesamt hat die DDR 33.755 politische Häftlinge für mehr als 3,4 Milliarden DM an die BRD verhökert und verkauft. Wer war hier eigentlich Punk?

Zwischen Liebe und Zorn – Punk und Kirche

Die Evangelische Kirche bildete in vielerlei Hinsicht die Basis der Oppositionsarbeit in der DDR. Die Kirche bot eine vom Staat unabhängige Organisationsstruktur, die landesweit präsent war. Hier fanden unabhängige Kreise die nötigen Freiräume, um abseits vom staatlichen Diktat arbeiten, Veranstaltungen organisieren und landesweit kommunizieren zu können. In einigen Städten waren es kirchliche Sozialarbeiter, die den Punks eine Heimstatt gaben. In Halle fand am 30. April 1983 in der Christus-Kirche mit den Bands Wutanfall (Leipzig), Schleim-Keim (Erfurt) und Größenwahn (Halle) ein erstes Punk-Festival statt. 250 Leute aus der ganzen Republik kamen zu diesem offiziell als „evangelischen Jugendabend” titulierten Ereignis. Am 11. Juni 1983 stieg auf dem Gelände der Michaeliskirche in Karl-Marx-Stadt das zweite Punk-Fest mit den Bands Namenlos, Planlos und Wutanfall. Wieder erschienen hunderte unangepasste Jugendliche. In Berlin wurde die Friedrichshainer Pfingstkirche zu einem geschützten Raum für Punks, die dort Konzerte machen konnten. Legendärstes Punkzentrum wurde dann der Leichenkeller in der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg. Ein Stasibericht zählte 1986 bereits 16 kirchliche Einrichtungen, in denen illegale Punk-Gruppen auftraten.

Hallelujah! – Parka, Jeans, Gott und Rotwein. Die Bluesmessen in Berlin von 1979 bis 1987 waren kirchliche Veranstaltungen, zu denen zeitweilig 8.000 bis 9.000 Jugendliche aus der gesamten DDR strömten. Im Frühsommer 1979 schlug der Bluesmusiker Günther Holwas ein Benefizkonzert in der Samariterkirche im Berliner Stadtteil Friedrichshain vor. Dieser Jugendgottesdienst mit Hollys Blues-Band fand am 1. Juni 1979 statt. Die Kirche war so voll wie sonst nur zu Weihnachten. Nur dass sich die Besucherschar ganz überwiegend aus langhaarigen Freaks mit Parka und Jeans zusammensetzte. Viele von ihnen waren zum allerersten Mal in einer Kirche – und benahmen sich auch so. Sie reichten Rotweinflaschen rum und qualmten. Als allerdings auch erste Punkbands bei diesen Veranstaltungen auftraten, wurden sie anfangs von den zotteligen Kunden und Bluesern mit Bockwürsten und Steinen beworfen. Die neuen, tabulosen Texte der Punks passten nicht in ihr Weltbild.

Gottesdienste unterlagen nicht der staatlichen Anmeldepflicht und galten als geschützte innerkirchliche Veranstaltungen. So wurden diese Blueskonzerte mit unkonventionellen Predigten, mit Gebeten und Sketchen gestaltet. Diese Mischung hatte großen Erfolg, wurden doch Themen wie „Freiheit, die wir meinen“, „Überwindung der Angst“ oder „Rückgrat gefragt“ aufgegriffen. Dem Staat waren die Messen viel zu politisch und provokant. Die Bekämpfung der Bluesmessen übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Mit Hilfe eines dichten Netzes von Inoffiziellen Mitarbeitern war die Stasi relativ früh über Veranstaltungspläne informiert, ab Juli 1980 schnitt sie zudem sämtliche Veranstaltungen mit. In zwanzig sogenannten Bluesmessen mit 48 Gottesdiensten wurden nicht weniger als 50.000 Teilnehmer gezählt.

Die Kirche organisierte auch Gesprächskreise wie „Hoffnung für Ausreisewillige“. Denn das Thema Ausreise blieb ein permanent zentrales. Die erste große Ausreisewelle fand 1984 statt, viele Kreative aus der Subkultur wechselten die Systeme. Dieser Trend verstärkte sich mit den Jahren noch drastisch. Hatten 1987 bereits 18.958 Menschen die DDR verlassen, waren es nur ein Jahr später schon 39.832 Personen. Und sie hinterließen spürbare Lücken in dem kleinen Land. Wie weh das tat für die Zurückgebliebenen.

Oi! Oi! Oi! – Kahlköpfe und Bomberjacken

Neonazis und Rechtsextreme waren in der antifaschistisch deklinierten DDR eigentlich undenkbar. Es gab trotzdem Hakenkreuzschmierereien, Flugblätter oder Sprechchöre bei Konzerten, Fußballspielen oder Volksfesten. Es gab offene rassistische Gewalt gegen Ausländer wie auch gegen Menschen, die nach Nazi-Meinung als „undeutsch” galten. Dazu gehörten Punks, Grufties, Linke oder Homosexuelle.

Einige Punks lebten ihr einst provozierendes Anderssein als Skinhead weiter. Sie wollten stärker auffallen und forcierten die Radikalisierung der Provokation. Bomberjacken und DocMartens galten als neue Statussymbole. Dabei kostete eine Bomberjacke bis zu 800 DDR-Mark. Zu Beginn der 1980er lebten die beiden unterschiedlichen Subkulturen relativ akzeptiert nebeneinander. Zuerst sind solche rechten Gruppen in den Fußballstadien in Erscheinung getreten, 1984 gab es bereits acht gewalttätige BFC-Fanclubs. Rechte Ideologien hielten Einzug in die Stadien der Republik, besonders in Berlin, Leipzig, Rostock oder Magdeburg.

Ab Hälfte der 1980er Jahre stieg das rechtsextreme Potential in der DDR stark an, was die drastisch steigende Zahl der An- und Übergriffe belegt. Viele Rechtsradikale waren weniger in Gruppen organisiert. Sie erhielten großen Zulauf auch von Hooligans, Rockern oder Strafgefangenen. Sie lebten ihr rassistisches Deutschtum im Alltag durch das Zeigen des Hitlergrußes, das Absingen faschistischer Lieder in der Öffentlichkeit oder das Tragen von Nazi-Symbolen aus. Es gab abschätzige Bemerkungen und Hass-Sprüche gegen Juden, Russen und Polen. Gastarbeiter wie Kubaner, Angolaner und Mosambikaner wurden als „Briketts” verhöhnt. Dabei erlitten sie oft Gewalt, die jedoch von DDR-Medien konsequent verschwiegen wurde.

Der endgültige Bruch folgte unmittelbar. Am 17. Oktober 1987 überfielen ca. 30 Skinheads mit unglaublicher Brutalität ein Konzert in der Berliner Zionskirche. Dort spielten die Bands Die Firma und Element of Crime aus Westberlin. Dieser Überfall auf die Zionskirche wurde eine Zäsur, weil die Problematik der Rechtsradikalen nun erstmals in den DDR-Medien auftauchte. Erste Antifa-Gruppen entstanden. Über die Prozesse gegen die Skins wurde in diversen Zeitungen berichtet, allerdings war dort oft nur verharmlosend von Rowdys die Rede. In der Folgezeit wurden Skinheads deutlich härter verurteilt. Im Zuge dieses Angriffs nahm sich das MfS massiv dem Skinhead-Problem an. Bis zum Oktober 1988 hatte man republikweit 1.067 Skinheads erfasst, 156 kamen in Haft. Die Ostberliner Skinhead-Szene mit 267 Aktivisten war schließlich mit 33 IM komplett infiltriert. Etliche Neonazis wurden anschließend als Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi geführt. Sie kamen besonders im Kampf gegen die Jugendopposition zum Einsatz.

Von den rechtsorientierten Skins differenzierten sich ab 1987 die Faschos, sie waren die eigentlichen Träger neofaschistischer Anschauungen wie Ausländerfeindlichkeit, Faschismus und Rassismus. Unauffällig und äußerlich angepasst, operierten sie in geschlossenen Zirkeln streng konspirativ nach innen. Monatlich wurden 1988 bis zu 500 Taten aus diesem Milieu registriert. 1989 existierten in allen DDR-Bezirken Skin-Gruppen, es wurden 1.000 gewalttätige Nazis erfasst, zudem 6.000 organisierte. Insgesamt bezifferte das MfS das rechte Milieu auf mehr als 15.000 Personen. Dabei kamen die meisten Neonazis aus der jungen Arbeiterklasse, waren gut in Schule, Lehre und Arbeit und stammten aus stabilem, ja parteitreuem DDR-Elternhaus. Diese Jung-Nazis waren alle unter sozialistischen Verhältnissen aufgewachsen. Die Stasi unternahm alles, um das Nazitum in der DDR nicht öffentlich werden zu lassen.

Die rechte und rechtsradikale Szene hat seit der Wende einen drastischen Aufschwung genommen und hatte schnell ihre eigenen Heimatlieder.

Zeit die nie vergeht – Soundtrack einer Jugend

Fast alle Kinder und Jugendlichen mussten bestimmte Lieder lernen und auch singen. „Das Leben im Kindergarten bereitet die Erziehung sozialistischer Menschen vielfältig vor. So steht das Singen im Dienste der sozialistischen Erziehung unserer Kinder.“ (Vorwort des Liederbuchs „Sputnik, Sputnik, kreise …“) Bei den Pionieren waren das etwa „Unsere Heimat“, „Kleine weiße Friedenstaube“, „Blaue Wimpel im Sommerwind“, „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ und „Immer lebe die Sonne“.

Bei der zentralen Jugendorganisation FDJ (Reserve der Partei SED) ging es deutlich politischer zu: „Vorwärts, Freie Deutsche Jugend“, „Jugend erwach“ (Bau auf, bau auf…), „Du hast ja ein Ziel vor den Augen“, „Lied von der blauen Fahne“. Die jungen Männer, die fast alle zum staatlich verordneten Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee eingezogen wurden, mussten martialisches Liedgut pauken. Bald tönte es auf hunderten Kasernenhöfen dann: „Immer gefechtsbereit“, „Wann wir schreiten Seit an Seit“, „Wir schützen unseren Staat“, „Auf, auf zum Kampf“ und „Wir sind des Friedens Soldaten“.

Aber auch die Melodie „Unser Sandmännchen“ zum täglichen Abendgruß im DDR-Fernsehen wurde für fast alle Kleinen und unzählige Eltern ein veritabler Smash-Hit republikweit. Für die, die noch Ost-Fernsehen geschaut haben, brannten sich die Erkennungsmelodien der Sendungen „Meister Nadelöhr“ und „Professor Flimmerich“ tief ins Gedächtnis ein. Der anderen Jugend war anderes wichtig, sie hörte grundsätzlich andere Songs.

Schleim-Keim war eine sehr proletarische Punkband aus der Nähe von Erfurt. Der Fleischersohn und Sänger „Otze“, Stahlbauschlosser und Hilfsarbeiter, brüllte über pessimistische Lebenshaltungen, Unzufriedenheit, Eingesperrt-Sein, in grundsätzlicher Opposition gegen die staatliche Ordnung. In einem Lied hieß es schon 1986: 

„Wir wollen nicht mehr, wie ihr wollt / Wir wollen unsere Freiheit / Wir sind das Volk, wir sind die Macht / Wir fordern Gerechtigkeit / Wir sind das Volk, wir sind die Macht / Es ist zu spät, wenn es erstmal kracht …“  (Schleim-Keim – „Prügelknaben“)

Dieser derbe Punk-Singsang sollte sich später bei den Leipziger Montagsdemos zu ungeahnter Wirkung entfalten. Schleim-Keim haben wirklich mit dem Hammer aus der DDR-Flagge die Sichel zerhauen. 

In der DDR herrschte durch den SED-Parteiapparat eine strenge Kontrolle und Zensur über Medien, Bücher, Filme und natürlich auch über die Musik. Die einzigen, die es wagten, dagegen anzusingen, waren nur die Punks.

Ihre Texte drehten sich um die Staatsgrenze, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), SED-Bonzen, die überall sichtbaren Umweltschäden oder die neuen Nazis. 

Wutanfall aus Leipzig entstand im Sommer 1981 als eine der ersten Punk-Bands der DDR, voll im Visier der Stasi. Fast alle Auftritte fanden unter dem Schutz der evangelischen Kirche oder in Abrisshäusern statt.

„Wenn die Kampfgruppe vor deinem Haus marschiert / Und das Kind in der Schule für den Krieg trainiert / Der Landesvater bei Fackellicht zur deutschen Jugend von Freiheit spricht / Die Bullen dich kaum in Ruhe lassen / Und nach Feierabend ihr Geld verprassen (Refrain:) Leipzig in Trümmern, Leipzig in Trümmern“ (Wutanfall – „Leipzig in Trümmern“)

Im August 1983 wurden alle Musiker der Berliner Band Namenlos aufgrund ihrer Texte im Rahmen einer gezielten Zersetzungsaktion des Ministeriums für Staatssicherheit verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

„Dann endlich geh ich durch die Tür, bis jetzt lief einer hinter mir
Refrain: Aufgepasst, du wirst bewacht vom MM-ff-SS
Dann ruf ich meine Kumpels an, da hängt noch wer an der Leitung dran
(Refrain:) Aufgepasst, du wirst bewacht vom Mf-MfS“
(Namenlos – „MfS“)

Ein Sonderfall war die Combo Feeling B. Eher eine agile Live-Band irgendwo zwischen Fun- und Polka-Punk. Zur Bandkultur gehörte ungehemmter Alkoholkonsum. Die Band schlug aber viele DDR-Jugendliche durch ihre unangepasste und wilde Lebensweise in ihren Bann. Sie sang auch die lustigeren Lieder:

„Wir wollen immer artig sein / Denn nur so hat man uns gerne
Jeder lebt sein Leben ganz allein / Und darum spalten wir die Sterne …“
(Feeling B – „Wir wollen immer artig sein“)

Sandow ist ein alternatives und experimentelles Lärm-Orchester, 1982 in Cottbus gegründet. Und die landeten einen echten Indie-Hit: „Born in the GDR“. 

„Jetzt, jetzt lebe ich / Jetzt, jetzt trinke ich
Jetzt, jetzt stinke ich / Jetzt, jetzt rauche ich
Jetzt, jetzt brauch ich dich
Wir bauen auf und tapezieren nicht mit
Wir sind sehr stolz auf Katarina Witt
Born in the G.D.R.
Wir können bis an unsere Grenzen gehen
Hast du schon mal drüber hinweggesehen?
Ich habe 160.000 Menschen gesehen
Die sangen so schön, die sangen so schön:
Born in the G.D.R.“
(Sandow –„Born in the GDR“)

Mit seinem Refrain ist das Lied auch als trotzige Annäherung an die verfluchte Heimat zu verstehen. 

Herbst in Peking wurde 1987 in Neubrandenburg unter dem irrwitzigen Namen Amnestie für Mecklenburg gegründet. Auf der Bühne bot diese Formation um Sänger Rex Joswig eine groteske Persiflage auf den Personenkult russischer, chinesischer und rumänischer Prägung. Auch H.I.P. landete in den Wendewirren eine neue genuine Volksweise. 

Als Single erschien ihre „Bakschischrepublik“ als allererster offiziell in der DDR vertriebener Independent-Tonträger im Frühjahr 1990 auf dem bandeigenen Plattenlabel Peking Records.

„Man wird die roten Götter schleifen / Viele werden es nicht begreifen
Das Volk, es wird in Trance verfallen / Und eine alte Hymne lallen
Wir leben in der Bakschischrepublik / Und es gibt keinen Sieg.
Schwarz-Rot-Gold ist das System / Morgen wird es untergehn.“
(Herbst in Peking – „Bakschischrepublik“ (Auszüge))

Diese Songs und Texte wurden konstruktiv im Sinne eines selbstbestimmten Lebens verstanden und gelebt. Subversive Selbstbehauptungen vieler Jugendlicher im Alltag.

Wenn der Doppelte Erich (Mielke & Honecker) nicht alles bekämpft und verboten hätte, was er nicht verstand. Filme. Frisuren. Bücher. Musikstile. Klamotten. Und das Lachen. Alles war erstarrt unter dieser Angst und der fast parodistischen, paranoiden Überwachung. Wenn diese Art Heimat nicht so oft so peinlich und lächerlich gewesen wäre, wer weiß. So aber musste man sich wehren. Jeder mag sich da seine eigenen Erinnerungen bewahren. Es gibt ja immer eine Sehnsucht nach dem Soundtrack der eigenen Jugend.

Er will anders sein – Die anderen Bands

Nach all den Restriktionen und Verboten – von Ulbrichts „Yeah Yeah Yeah“, dem Leipziger Beataufstand 1965, der Auflösung einzelner Bands wie Renft oder Magdeburg – versuchten es Partei und FDJ nun mit Vereinnahmung. Mitte der 1980er setzte ein staatlicher Mix von Repression und dosierter Öffnung ein. Auf der Ebene der Ideologie blieb die Ablehnung von Punk konsequent, was die Punkszene weiterhin einte. Auf der Ebene der Musikpraxis hingegen begann eine gelenkte und gefilterte Lockerung, die die Szene teilweise spaltete. Wo die Integration der anderen Bands gelang, wurde ihnen sowohl ein Stück Andersartigkeit als auch ein Stück Bedrohungspotential genommen. Der Begriff „Die anderen Bands” war Teil der Strategie zur Vermeidung westlich geprägter Begriffe und wurde zur Kollektivbezeichnung all dieser Gruppen gemacht. Der Begriff Punk hingegen fand in den DDR-Medien weiterhin keine Erwähnung.

Wollte man im kleineren Deutschland Berufsmusiker werden, hatte man ein Studium zu absolvieren. Wollten Kapellen in öffentlichen Räumen auftreten, waren sie gezwungen, eine staatliche Einstufung zu machen. Die Bands mussten dazu vor einem Gremium aus Funktionären der SED, Musikjournalisten, Musikwissenschaftlern und prominenten Musikern vorspielen, die die Musiker und den Auftritt bewerteten. Zuvor mussten allerdings auch die Texte für die Kontrolle und Zensur der Gruppe eingereicht werden. Dazu kam, dass jeder Musiker eine Arbeitsstelle nachweisen musste, wobei der Arbeitgeber schriftlich sein Einverständnis geben musste. Desweiteren war jedes Bandmitglied genötigt, ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen.

Ab 1986 waren sogenannte Einstufungen leichter zu kriegen. Es gab vier Stufen: Grundstufe, Mittelstufe, Sonderstufe und Sonderstufe mit Konzertberechtigung. Danach wurden die Bands bezahlt. Für die Mittelstufe gab es 1,50 Mark pro Stunde, das reichte für drei Bier. Da zu dieser Gage noch Zuschläge kamen, die sich entsprechend der Entfernungskilometer und dem Gewicht der angekarrten PA berechneten, entwickelte sich in der DDR eine Boxenbauer-Szene, die sich auf extrem schwere Anlagen spezialisierte: Musikanlage 2,5 Tonnen – damit wurde Geld verdient! Nicht aber mit dem eigentlichen kreativen Schaffen, der Musik, den Liedern und Texten. Manchmal wurde diesem Einstufungsgebaren der Bandname geopfert. So wurde Rosa Extra zu Hard Pop, aus Die Zucht wurde Die Art. Ein Teil der Fangemeinde wandte sich allerdings rigoros ab, ihnen war ein Stück Subversivität genommen.

Partiell tauchten die unter dem Label „Die anderen Bands” einsortierten Bands in den staatlichen Medien auf. Jugendradio DT 64 leistete sich seit März 1986 mit dem „Parocktikum“ tief in der Nacht eine Spielwiese für diese Musik. 1987 wurden mehrere Konzerte der neuen Bands für den DDR-Rundfunk mitgeschnitten, ab 1988 durften einige wenige ausgewählte Bands professionelle Aufnahmen in den Rundfunk-Studios produzieren. Das DEFA-Dokumentar-Filmstudio drehte mit „flüstern & SCHREIEN“ einen pseudo-subversiven Rock-Report, in dem junge Punks ihren Frust über die herrschenden Zustände von der Leinwand aus verbreiten durften. Selbst die FDJ köderte nun schräge Kapellen mit Proberäumen, Auftrittsmöglichkeiten und Finanzen. Beim VEB Amiga, der einzigen staatlichen Plattenfirma, begann man notgedrungen die regressive Veröffentlichungspolitik zu überdenken und brachte, aus der Not geboren, einige wenige Platten mit jungen, schrägen Bands heraus.

Viele der Bands des musikalischen Undergrounds verweigerten sich den neuen Vereinnahmungsstrategien. Sie pfiffen auf die scheinheiligen Offerten eines Systems, von dem sie sich innerlich längst abgewandt hatten. Die Szene begann sich zu spalten: Die einen wollten ins Radio und auf die großen Bühnen. Die FDJ vergab Förderverträge. Manche Kapelle schaffte es bis in den Palast der Republik (Sitz der Volkskammer, das Parlament der DDR). Andere blieben lieber lichtlose Kellerkinder. Aber nicht nur die Bands und ihre musikalischen Stile differenzierten sich, auch ihre ungezählten Fans bildeten längst kleine Sub-Szenen. Die nachwachsenden Punks, New Waver, Popper bis hin zu den Gothics, Heavy Metal-Jüngern, Skinheads, Ska- und Reggae-Rastas und Hip-Hoppern suchten sich längst ihren eigenen Weg.

Von 1985 bis 1990 existierte eine kleine Szene, die sich mit Breakdance, Rap, Graffiti und dem Auflegen von Platten verlustierte. Ab dem 14. Juni 1985 lief der US-amerikanischen Hip Hop-Film „Beat Street” in den Kinos. Der Streifen wurde sofort eine praktische Anleitung und Blaupause für Graffiti und Breakdance auf sozialistischem Boden. Neben privaten Aktivitäten in vielen Städten wie Dessau, Görlitz, Wolgast oder Rostock wurden bald auch offizielle Hip-Hop-Veranstaltungen organisiert; so zum Beispiel die Rap-Contests in Radebeul oder der Leipziger Breakdance-Workshop. Hip-Hop war für viele jüngere Jugendliche eine Lebenswelt, in der sie imaginär aus der DDR ausbrechen konnten.

Ketten werden knapper – Das Leben wird bunter

Kassetten

Musik-Kassetten vom VEB ORWO Wolfen konnte man ganz legal im Laden kaufen. Eine normale DDR-Kassette kostete 20, eine Chrom-Kassette 30 Mark. Das war zugleich die Miete für eine Einraumwohnung im Altbau. Aber seit Mitte der 1980er wurden sie von findigen Bands im Eigenvertrieb unter die Leute gebracht. Sie wurden heimlich weitergereicht und mit dem Mythos des Verbotenen umgeben. Diese illegalen Kassetten funktionierten als klingende Kassiber: Proben- und Konzertmitschnitte, Sampler, Demo-Produktionen. Die Kosten für einen Recorder und Kassetten waren erschwinglich, wenn auch für DDR-Verhältnisse einigermaßen hoch. So kursierten Aufnahmen von Bands und anderen gegenkulturellen Musikgruppen unter den Eingeweihten. Zigfach überspielt und weitergereicht von einer Person zur nächsten.

Die so entstandenen Tapes waren zumeist nur in lokalen Zusammenhängen oder durch Bekanntschaften zugänglich. Sie wurden weder vertrieben noch vermarktet. Eigentlich gab es sie gar nicht. Das Vervielfältigungsmonopol des Staates konnte so umgangen werden, auch wenn die Auflagenzahlen der einzelnen Editionen meist nicht sehr hoch waren. Ab 1986 galt offenbar eine nicht definierte Toleranz. Staatliches Einschreiten erschien so lange nicht notwendig, wenn die Produktion von Kassetten oder Schriftstücken nicht als politische Opposition ausgelegt oder von westlichen Medien gegen die DDR verwandt wurde. Diese Kassettenproduktionen führte in mindestens 15 Fällen zu Label-Gründungen, rein privaten Home-Labeln von mutigen Einzelpersonen, Bands oder fortlaufende Editionen von Samplern.

Es entwickelte sich eine eigenständige Tapecover-Kultur. Waren die ersten Kassetten meist nur mit schlichten Fotos ausgestattet, entwickelte sich bald eine vielfältige Bildsprache aus Siebdruck, farbigen und übermalten Fotos, Originalzeichnungen, fototechnischen Reproduktionen oder Collagen und Montagen. Verteilten die Bands ihre Produktionen anfangs vollkommen unentgeltlich, nahmen einige andere später dafür Geld, in der Regel um die 20 DDR-Mark. Einige Ost-Kassetten gelangten auf Umwegen auch an den legendären englischen Radio-DJ John Peel oder westdeutsche Radiostationen. Das galt allerdings als „illegale Verbindungsaufnahme zum Klassenfeind“. An öffentliche Schallplatten-Produktionen der unangepassten Bands war nicht zu denken. Von 1984 bis 1989 erschienen nur wenige Platten von DDR-Bands lediglich in der Bundesrepublik: Sampler „eNDe / DDR von unten“ mit Schleim-Keim und Zwitschermaschine, der Sampler „Live in Paradise“ (1985), KG Rest „Panem et circensis” (1986), L‘Attentat „Made in GDR” (1987), eine Local Moon-7“-EP (1988). Die kamen entweder durch bestehende Kontakte in die BRD zustande oder Ausreisende und Diplomaten schmuggelten die Aufnahmen in den Westen. Die in der DDR-lebenden Musiker bekamen anschließend enorme Schwierigkeiten durch die Staatssicherheit. Und hielten die aus.

Filme

Jahrelang schien die Welt auf dem Bildschirm des DDR-Fernsehens stillzustehen. Dass es in der Spätphase der DDR neben den offiziellen Bilderfabriken von Babelsberg (DEFA) und Adlershof (Fernsehen) auch eine lebendige filmische Subkultur gegeben hat, ist noch immer weithin unbekannt. Es waren zunächst Maler, die Ende der 1970er Jahre das brachliegende Medium des Super-8-Films für sich entdeckten. Mittels der eigentlich für Urlaubsaufnahmen vorgesehenen sowjetischen Quartz-Kamera machten sie sich daran, ihre Ausdrucksskalen zu erweitern und das Dogma des statischen Tafelbilds aufzubrechen. In der DDR gab es etwa zweihundert Amateurfilmzirkel, die mit Super-8- und 16mm-Film gesellschaftlich aktiv waren. Jenseits dieser Arbeitsgemeinschaften, die an Betriebe, Schulen und Kulturhäuser angegliedert waren, entdeckten auch Freigeister die Super-8-Kamera für sich. In der DDR entstanden und zirkulierten autonome Künstlerfilme auf Schmalfilm in einer Grauzone am Rande des offiziellen Kunstbetriebs. Von der jungen, unorganisierten Super 8-Szene wurde die scheintote Wirklichkeit längst avantgardistisch auseinander geschnitten und neu verklebt. Maler, Aktionskünstler, Literaten, Musiker oder Laien griffen bei der Suche nach neuen Provokationen und Bildern zur Schmalfilmkamera. Diese Filme wurden zu Lesungen, Ausstellungseröffnungen oder Konzerten gezeigt. Oft liefen sie in völlig überfüllten Wohnungen. Die Filmleute praktizierten ästhetischen und zivilen Ungehorsam. Sie dokumentieren fast sozial-historisch ein verschwundenes Lebensgefühl. Die unter sehr provisorischen Bedingungen entstandenen Filme haben bis heute nichts von ihrer Faszination und Wucht eingebüßt und zeigen eine ganz andere DDR-Wirklichkeit.

Schallplattenunterhalter

Diskjockeys, also DJs, hat es in der DDR nie gegeben. Jockeys gab es nur auf der Pferderennbahn. Um sich vom Westen abzuheben, hießen DJs in der DDR: SPU–Schallplattenunterhalter. Ein SPU musste einen staatlichen Einstufungstest machen. Sie sollten Quizze können, Rätselrunden, Modeschauen, es ging um kulturellen Anspruch – statt saufen, tanzen, aufreißen, wofür Disko ja eigentlich stand. In diesen Einstufungs-Diskotheken wurde geprüft, ob und wie der Bewerber in der Lage war, sein Publikum zwei Stunden lang niveauvoll zu unterhalten und wie er aktuell richtig auf politische Höhepunkte reagierte. Zuerst wurde ein Eignungsgespräch geführt, dabei wurden die Persönlichkeit, die weltanschauliche Haltung, Allgemeinbildung und die Fähigkeiten zur Kommunikation des Bewerbers eingeschätzt. Sprachunterricht, Musik und Musikdramaturgie gehörten ebenfalls zu dieser Ausbildung wie der Umgang mit der Technik. Es war die Pflicht eines DDR-SPU, 60 Prozent der gesamten Musik aus der DDR oder aus dem sozialistischen Ausland einzusetzen. Die restlichen 40 Prozent waren sogenannte nichtsozialistische Titel aus dem westlichen Ausland. Das war die Pflicht, das reale Leben sah komplett anders aus.

Am Abend mancher Tage – Das Ende vom Lied

Sehr vital agierten nach der Wende noch die sogenannten anderen Bands. Combos wie Die Art, Die Vision, Die Skeptiker, die anderen, Feeling B, Sandow oder AG. Geige füllten nun die Säle und Open-Airs, denn sie spielten aktuelle Sounds und hatten sich längst von der üblichen „liedhaften Rockmusik“ verabschiedet. Das Problem der Ostkapellen war immer, dass man sie auf ihre internationalen Vorbilder zurückführen konnte. Auch wussten diese Bands wenig über Marktstrukturen oder das neue, geldwerte Musikgeschäft. Die zu DDR-Zeiten gelebten und ausprobierten Stile, Haltungen und Lebensformen veränderten sich nach der Wende drastisch. Die Bands mussten sich nun dem internationalen Wettbewerb stellen. Der obsolete Osten war komplett zusammengebrochen. Wer aber nach der Wende 1989 eine große gegenseitige Neugier oder künstlerisches Interesse am jeweils anderen vermutet hätte, wurde schwer enttäuscht. Denn es kam zu keinerlei wesentlicher, überdauernder Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westbands. Man beäugte sich auf einigen Festivals, hatte sich aber schlicht nichts zu sagen. Die Ostler kannten fast alle Hits aus dem Westen, umgekehrt war dem nicht so. Offenbar gab es doch irgendwie zwei verschiedene Heimaten.

Aber die Zeit blieb nicht stehen: Techno begann seinen Siegeszug, Grunge war explodiert. Viele ehemalige Punks und Aktivisten der DDR-Subkultur gehen heute normalen Berufen nach, suchen spirituelle Wege oder machen weiter Musik. Einige wenige Bands haben sich aus der alten Szene längst in die neue Zeit transformiert, wie Rammstein, Knorkator, Tarwater oder Rummelsnuff. Zwei Söhne zweier ehemaliger AG Geige-Mitglieder musizieren in der Chemnitzer Band Kraftklub. Und natürlich sind neue Bands aus dem Osten nachgewachsen wie Tokio Hotel aus Magdeburg, Clueso aus Erfurt oder Silbermond aus Bautzen und feiern gesamtdeutsche Erfolge.

Die irrwitzigen Zuckungen nachwachsender Jugendlicher haben die alttestamentarischen Herrscher nie verstanden. Die Darreichungen eines unlustigen Kostümfilms; ach, alte Heimat. Die wilden Trommel-Tänze der Punks warfen Risse in den Boden der morschen Strukturen. Ein einziger grell geschminkter Pogo-Clown verlachte ein ganzes System. Jugend gärt und will leben. Will frische Eindrücke und Horizonte. Die Risse wurden tiefer, die Musik war zu laut. Komplett verwirrt hoben die Genossen die Schlagbäume hoch, für alle ihre Gefangenen. Es gibt einen ewigen Beat. Und Flucht ist keine Freiheit.

Was also ist Heimat? Wir mussten an diesem Ort leben, wo wir doch an so vielen anderen Orten sein wollten. Von denen wir träumten. Vergesst politischen Popanz. Agitation und Propaganda. Schlechte Lügen. Denn um was geht es wirklich? Um Wahrhaftigkeit. Um unverratbare Ideale. Um Zusammenhalt. Um Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Eine versunkene Heimat. Es gab keine neue. Ein paradoxes Paradox; ödipussiert. Ein Loch in der Zeit. Alle Heimatlieder waren verstummt und ausgesummt. Wir lauschten ergriffen dem Wind der Gezeiten. Dem Wind der Vergängnis. Immerhin unser Wind. Zurück blieben: tätowierte Herzen.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.