WISSENSFENSTER: GEGENBEWEGUNG IM OSTBLOCK
Opposition in der DDR und den Bruderländern
von Rolf Sprink

Am Ende des Zweiten Weltkrieges liegen weite Teile Europas in Trümmern, rund 50 Millionen Tote hatte er gefordert. Geopolitisch sind die Würfel gefallen: Europas Osten wird unter sowjetische Hegemonie geraten, wofür der Westen das politische Schlagwort „Ostblock“ prägt. Die westlichen Länder erhalten die Chance, freiheitlich-demokratische Grundordnungen zu errichten.
Voll Tatendrang macht man sich im Osten an den Wiederaufbau. Eine gerechte Gesellschaft soll entstehen! Schon bald aber offenbaren die neu etablierten politischen Systeme ihr wahres Gesicht: das einer Diktatur. In der DDR folgt auf die faschistische Diktatur die der Kommunisten. In weiten Teilen der Bevölkerung – vor allem unter den Arbeitern – wächst der Widerstand dagegen.
Am 17. Juni 1953 bricht er sich in einem Volksaufstand Bahn. Rigoros wird dieser niedergeschlagen.
Ungarn, Oktober/November 1956: Auch hier entlädt sich die Ablehnung kommunistischer Bevormundung und der Präsenz sowjetischer Truppen in einer Volkserhebung.
1968: Der „Prager Frühling“, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm, verhilft der Hoffnung auf einen reformierten, demokratischen Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“ zu neuem Auftrieb. Ostblock-Panzer walzen das Hoffnungspflänzchen blutig nieder.
In Polen 1980: Die Solidarnosc-Bewegung. Wieder geht der Protest von den Arbeitern aus.
Zunehmend bringen sich Künstler und Intellektuelle in die politische Opposition ein: in Wort und Schrift, in der DDR u. a. Wolf Biermann mit seinen Liedern. Die Reaktion: Ausbürgerung im November 1976. Was nicht systemkonform funktioniert, muss mundtot gemacht werden, wird abgetrieben. Bleierne Zeiten … Aber: Die Fanale und die Signale des Widerstands lassen sich nicht mehr unterdrücken. Zu frustrierend sind die Zustände, mit denen sich der „reale Sozialismus“ präsentiert – und immer noch brüstet.
Die DDR befand sich in den 1980er Jahren im Verfall. „Ruinen schaffen ohne Waffen“, so nennt es der grimmige Volksmund. Und als sich die restriktiven Reisebeschränkungen in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre lockern, ist alsbald kein Halten mehr: Zehntausenden gehen im vermeintlich „goldenen Westen“ buchstäblich die Augen über. Eine immer weiter anschwellende Ausreisewelle setzt ein.
Zwischenzeitlich haben sich atemberaubende Erneuerungen Bahn gebrochen. Ausgerechnet im Kernland des Kommunismus, in der Sowjetunion, strahlt das Licht von Glasnost und Perestroika auf und reicht tief in die verkrusteten östlichen Systeme. „Gorbi hilf!“ wird zum Hoffnungsruf der Oppositionellen in der DDR. Der Damm ist gebrochen. Europäischen Verständigungsprozessen wie der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit kann sich die DDR nicht länger entziehen. Unter dem Dach der Kirchen sammelt sich die Opposition. Kein Mensch hat im Sommer 1989 eine Ahnung davon, in welchem Zustand sich die DDR und der „Ostblock“ zum Ende des Jahres wiederfinden werden. Eine große Angst geht jedoch um: die vor einer „chinesischen Lösung“.

Ein guter Geist hat mir 1986 eingegeben, Tagebuch zu führen.
Eintrag 1. Oktober 1989: „Flüchtlinge in den Botschaften lt. Tagesschau vom 30. September: Prag 3.500, Warschau: 800. Letzte Nacht 653 über Ungarn/Österreich; insges. seit 11.9. jetzt 23.697 … Witz: Wer ist der größte Feldherr aller Zeiten? Erich Honecker: 30 Tausend in die Flucht geschlagen, 17 Millionen Gefangene“.
Eintrag Montag, 9. Oktober: „18:30 Uhr. Unbeschreiblich, diese Menge … Ich höre diese Rufe noch ganz genau: ‚Wir sind keine Rowdies!‘ Und dann die einfach-grandiose, positive Umkehrung und Auflösung davon, der Ruf, der der Friedlichen Revolution Wucht und Gemeinschaft verlieh: ‚Wir sind das Volk!‘, ‚Wir sind das Volk!‘“
Eintrag 10. Oktober: „Gestern: der Tag der Entscheidung … Aus Wut wurde Mut. Es ging ein Stück Himmel auf an diesem Nachmittag und Abend. Ich habe ein Wunder erlebt …“
Ohne den 9. Oktober kein Mauerfall am 9. November 1989. Und auch in Berlin: Die Mauer wird von den „kleinen Leuten“ aufgedrückt, von Osten. Die den Herbst 89 miterlebten, vergessen es nie: Die Friedliche Revolution in der DDR hat viele Mütter und Väter, auch in Polen, der Tschechoslowakei, in Ungarn, in der Sowjetunion – in der Gegenbewegung im Ostblock.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”


