WISSENSFENSTER: DRUSHBA! – DIE BEZIEHUNG ZUR SOWJETUNION

von Jörg Augsburg

„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“ Der in der DDR allgegenwärtige Slogan stammt von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Sechs Millionen Mitglieder hat diese in den 1980er Jahren, das sind immerhin knapp 40 Prozent aller DDR-Bürger, es ist nach der Einheitsgewerkschaft die zweitgrößte Massenorganisation. Kein Wunder, schließlich verlangt die „DSF“ eigentlich keine Aktivität – ist aber gut für den Nachweis „gesellschaftlicher Tätigkeit“, die in der DDR in Beruf und Studium immer gern bohrend nachgefragt wird. Es ist für die Allermeisten eine reine Alibi-Mitgliedschaft.

Die DDR gehört seit ihrer Gründung zu den engsten Verbündeten der SU. Ein Großteil ihrer Führung ist während des Nazi-Regimes im Moskauer Exil. Schon vorher schult die Kommunistische Partei Deutschlands ihre Kader im ersten sozialistischen Land der Welt, das gilt auch später für nahezu alle Partei-Kader. Entsprechend Lenins Theorie der Weltrevolution und dem stalinistischen Unfehlbarkeits-Dogma übernimmt man mehr oder weniger unüberlegt alle Maßnahmen der SU. Auch im politischen Außenbild ist die DDR ihr besonders willfähriger Musterschüler. Außerdem sind große sowjetische Truppenverbände in der DDR stationiert.

Die Beschwörung der Freundschaft mit der Sowjetunion ist ein Zeit ihres Bestehens nicht wegdenkbarer Teil des DDR-Alltags. Ab der fünften Klasse lernt jeder DDR-Schüler Russisch, drei Jahre, bevor Englisch oder Französisch auf dem Lehrplan stehen. Im großen Stil werden Brieffreundschaften zwischen Schülern vermittelt. So richtig warm werden die Ostdeutschen mit der verordneten Freundschaft allerdings kaum. Nicht mal auf naheliegender Ebene. Der Kontakt mit den „Russkis“, den „Freunden“, dem „Großen Bruder“ – so nennt der Volksmund ironisch die stationierten Sowjetsoldaten – findet selten und nur unter strenger Aufsicht statt.

Nichtsdestotrotz hat die unermesslich große Sowjetunion für den DDR-Bürger tatsächlich einen riesigen Reiz: Tourismus. Auch, wenn ihm in der Regel gar nicht wirklich bewusst ist, dass die SU ein zum Großteil unter Zwang vereinigter Vielvölkerstaat mit unterschiedlichsten Kulturen und Religionen ist – nirgendwo im Ostblock konnte man „exotischere“ Gegenden und Leute bereisen, den Mittleren Osten, Asien beschnuppern. Sogar in der Szene der beinharten Tramper – in der Regel eher DDR-Verweigerer – macht die Legende von einer zwar eigentlich verbotenen, aber mit Passtricks möglichen Tramp- und Zug-Tour durch die SU die Runde.

Der Bruch beginnt, als Michail Gorbatschow 1985 Generalsekretär der KPdSU wird – und eine neue Politik beginnt. Was passiert, kann jeder in der DDR ausgerechnet im Neuen Deutschland nachlesen, der quasioffiziellen Verlautbarungs-Zeitung der DDR, die immer noch stur nachdruckt, was auf den Parteitagen der KPdSU gesagt wird. Mit „Glasnost“ und „Perestroika“ mag die DDR-Führung aber nichts anfangen. „Würden Sie …, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ lässt sich SED-Chefideologe Kurt Hager 1987 im Westmagazin Stern zitieren. Das kommt nicht mal bei den eigenen Genossen an der Basis besonders gut an. Die SED-Führung verpasst den Anschluss. Das sieht auch Gorbatschow so, als er 1989 die DDR besucht und mit „Gorbi! Gorbi!“-Rufen begeistert begrüßt wird. Obwohl er ihn so nie gesagt hat, geht er als sein Satz in die Geschichtsbücher ein: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”