„WIR KINDER VON HOY“

Interview mit Grit Lemke

von Sandra Strauß

Foto: Börres Weiffenbach

Sandra: Der Spiegel hat dich mal als „die wichtigste Stimme dieser Generation Ost“ bezeichnet. Wie kommt man dazu?

Grit: Das bezog sich damals auf mein Buch „Kinder von Hoy”. Dieser dokumentarische Roman hat sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, und ich bin bis heute damit unterwegs. Ich glaube, das lag unter anderem daran, dass sich meine Generation vergleichsweise wenig öffentlich zu Wort gemeldet hat. Es gibt viel Ostliteratur aus der Generation der Nachwende-Kinder oder von Autorinnen und Autoren, die die DDR aus der Perspektive der frühen 2000er reflektieren. Aber meine Generation – die, die noch zu den sogenannten Boomern gehört und zur Wende bereits Mitte 20 war – kam deutlich seltener vor.

Dazu kam, dass ich einen anderen Blick auf die ostdeutsche Geschichte erzähle. Mein Buch beschreibt Erfahrungen aus einer sozialistischen „Retortenstadt“, aus einer Arbeiterwelt, aber eben nicht entlang der klassischen Erzählung vom ausschließlich unterdrückten Ossi, der in der Diktatur nur gelitten hat. Ich wollte ein komplexeres Bild zeigen – eines mit Widersprüchen, verschiedenen Perspektiven und auch unterschiedlichen Erinnerungen. Deshalb kommen im Buch viele Stimmen zu Wort, ich habe zahlreiche Interviews eingearbeitet. Vielleicht war genau das neu, und deshalb hat das Buch diese Resonanz bekommen.

Sandra: Warum war es dir wichtig, „Kinder von Hoy” zu schreiben?

Grit: Es gab dafür zwei starke Gründe. Zum einen wollte ich meine eigenen Erfahrungen sichtbar machen. Ich bin in Hoyerswerda aufgewachsen – in diesem großen kollektiven Gefüge der DDR, mit einer glücklichen Kindheit und einer sehr kreativen Jugend. Dieses Gefühl von Behütetsein, auch im Plattenbau, habe ich in den Erzählungen über den Osten kaum wiedergefunden.

Oft wird vor allem über die Diktaturerfahrung gesprochen – und das gehört natürlich dazu, gar keine Frage. Aber das ist eben nicht das ganze Bild. Mir fehlte diese Alltagserfahrung, dieses normale Leben, das es ebenfalls gab.

Der zweite große Antrieb war meine Wut darüber, dass das Pogrom von Hoyerswerda 1991 bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurde – weder in der Stadt selbst noch gesellschaftlich insgesamt. Mir ging es darum, die Schuldfrage anders zu stellen. Es wird oft auf die Täter geschaut, auf die rechten Jugendlichen oder die sogenannte „Nazi-Generation“. Aber viel zu selten auf diejenigen, die zugesehen und nichts verhindert haben. Deshalb habe ich auch die Perspektive der Opfer stärker in den Mittelpunkt gerückt. Diese Beschäftigung mit dem Rassismus im Osten war ein sehr wesentlicher Motor für das Buch.

Sandra: Wie hast du selbst das Pogrom von 1991 in Hoyerswerda erlebt?

Grit: Ich war damals vor Ort, wir hatten gerade eine Kunstaktion organisiert. Ich gehörte zu dieser lebendigen Kultur- und Clubszene, die es damals in Hoyerswerda gab. Für mich war diese Zeit vor allem geprägt von Ohnmacht. Das ist auch etwas, das mich bis heute beschäftigt: Warum konnten wir das nicht verhindern? Wir verstanden uns als links, antifaschistisch und antirassistisch – und trotzdem ist es passiert. Ich erinnere mich an Hilflosigkeit, Entsetzen und Angst. Das Wort „Angst“ fiel übrigens auch in vielen der Interviews, die ich geführt habe. Diese Form der Gewalt war neu für uns. So etwas hatten wir vorher nicht erlebt.

Und dann kam der Strukturbruch nach der Wende hinzu. Für mich gehört das alles zusammen: das Pogrom, der wirtschaftliche Zusammenbruch der Lausitz, die Arbeitslosigkeit, das Weggehen der Menschen, der Abriss von Häusern. Die Stadt wurde immer leerer, Freundschaften lösten sich auf. Ich erinnere die ersten 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR als eine lange Zeit der Agonie. Selbst wenn man persönlich nicht arbeitslos war – wenn das gesamte Umfeld zerfällt, verändert das auch einen selbst.

Sandra: Wie hast du deine Kindheit in der DDR – auch aus weiblicher Perspektive – erlebt?

Grit: Die ersten Jahre meiner Kindheit habe ich in einem kleinen Dorf bei Spremberg verbracht, in einem klassischen Viergenerationenhaus. Dieser Haushalt war ganz eindeutig weiblich geprägt. Es gab viel mehr Frauen als Männer, die Großväter waren bereits gestorben. Es gab immer eine Art Matriarchin – erst meine Oma Anna, später meine „Ella-Mutti“. Dazu kamen meine Mutter, meine Tanten, viele Kinder. Wir waren unglaublich viele Menschen in diesem kleinen Haus, und bis heute frage ich mich manchmal, wie wir dort überhaupt alle Platz gefunden haben.

Es war ein sehr weiblich dominierter Kosmos. Und alle Frauen gingen arbeiten. Wirklich alle. Später, als wir nach Hoyerswerda zogen, kannte ich nur eine einzige Mutter, die Hausfrau war – und das galt fast schon als exotisch. Wir Kinder verstanden das überhaupt nicht. Uns tat ihre Tochter eher leid, weil sie nicht mit in den Hort durfte. Wir selbst sind alle gern in den Hort gegangen.

Meine Familie stammte ursprünglich aus einer sehr armen Landarbeiterfamilie. Meine Urgroßmutter war Landarbeiterin, meine Großmutter Dienstmädchen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie mir zeigte, wie man lautlos abwäscht oder Betten glattstreicht – Fähigkeiten aus ihrer Zeit als Dienstmädchen. Nach dem Krieg gelang ihr dann ein enormer sozialer Aufstieg: Sie wurde Buchhalterin. Mit dieser Geschichte bin ich aufgewachsen – mit dem Bewusstsein, dass die DDR Frauen wie meiner Großmutter überhaupt erst einen sozialen Aufstieg ermöglicht hat. Meine Mutter wurde später Bibliothekarin, ebenfalls über ein Fernstudium. Die Liebe zu Büchern und Literatur war immer da, aber aufgrund ihrer sozialen Herkunft hätten die Frauen meiner Familie diese Interessen früher kaum leben können. Deshalb war diese Dankbarkeit gegenüber den Bildungsmöglichkeiten der DDR in meiner Familie sehr präsent. Meine Cousine und ich waren die ersten Frauen der Familie mit Hochschulabschluss. Das war keineswegs selbstverständlich.

Gleichzeitig bin ich mit der völligen Selbstverständlichkeit groß geworden, dass Frauen arbeiten gehen und Kinder haben. Darüber wurde überhaupt nicht diskutiert. Das gehörte einfach zum Leben dazu.

Sandra: Gab es auch Schattenseiten?

Grit: Ja, die habe ich allerdings erst später wirklich verstanden – nämlich, als ich selbst Kinder bekam. Als mein erster Sohn zwölf Wochen alt war, wurde mir plötzlich bewusst, dass Frauen in der DDR ihre Kinder genau in diesem Alter in die Krippe geben mussten. Das war damals normal. Vorher hatte ich darüber nie kritisch nachgedacht, weil ich meine eigene Kindheit nicht als unglücklich erlebt habe. Aber als ich dann dieses winzige Baby im Arm hielt, fragte ich mich schon: Wie kann man ein so kleines Kind abgeben müssen? Themen wie Stillen oder frühkindliche Bindung wurden damals völlig anders gesehen. Viele Frauen stillten gar nicht oder nur sehr kurz.

Meine Mutter hat das bis zu ihrem Lebensende nie infrage gestellt. Für sie war klar: „Hat dir doch nicht geschadet.“ Und wahrscheinlich hat es mir tatsächlich nicht geschadet. Trotzdem sehe ich heute die Bedeutung einer engen Mutter-Kind-Bindung gerade in den ersten Monaten viel deutlicher. Auch viele meiner Gesprächspartner:innen haben später ein kleines Fragezeichen dahinter gesetzt – besonders jene, die selbst in Wochenkrippen waren. Ich sehe das heute differenzierter: Natürlich brauchen Kinder irgendwann andere Kinder und Gemeinschaft. Aber zwölf Wochen erscheinen mir rückblickend einfach zu früh.

Sandra: Welche Erfahrungen hast du in deiner Jugend gemacht? Du warst ja schon früh in der Kunst- und Kulturszene aktiv.

Grit: Ja, und auch das war geprägt von einem anderen Verständnis von Geschlechterrollen. Ich habe zum Beispiel einen klassischen Männerberuf gelernt: Baufacharbeiter mit Abitur. Und interessant ist, dass ich bis heute nicht sagen würde, ich sei „Baufacharbeiterin“ gewesen, weil das damals schlichtweg niemand gesagt hat. Ich empfinde es als Verfälschung, das im Nachhinein sprachlich umzudeuten.

Ich wurde dort auch nicht als Mädchen behandelt. Es hieß: Du musst dieselbe Leistung bringen wie alle anderen. Wenn dir etwas zu schwer war, hattest du Pech gehabt. Dadurch bin ich früh in einer rauen Männerwelt gelandet – auf Baustellen, im Arbeitsalltag, mit einer direkten Sprache. Das hat mich geprägt. Ich habe bis heute eher Probleme mit Milieus, in denen vieles unausgesprochen bleibt.

Gleichzeitig war meine Kindheit insgesamt weniger stark nach Geschlechtern getrennt, als ich das heute wahrnehme. Mein Cousin und ich sind praktisch wie Geschwister aufgewachsen. Wir haben zusammen gespielt, sind auf Bäume geklettert. Natürlich gab es Unterschiede – ich bekam zu Weihnachten eher „Aussteuer“ geschenkt, er nicht. Aber trotzdem bewegten wir uns viel selbstverständlicher in gemeinsamen Welten. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich zu Fasching nie als „Mädchenfigur“ verkleidet war. Ich ging als Cowboy, Pirat oder Koch – nie als Prinzessin oder Köchin. Das zeigt vielleicht ganz gut, wie anders die Geschlechterbilder damals waren.

Heute sehe ich oft sehr stark getrennte Jungen- und Mädchenwelten. Das irritiert mich eher. Meine eigenen Söhne haben ausschließlich männliche Freundeskreise. Das kannte ich früher überhaupt nicht. Meine Freundschaften waren immer gemischt – in der Schule, später in der Kulturszene, eigentlich überall.

Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, Männer und Frauen seien völlig gleichgestellt gewesen. Die Hauptverantwortung für Haushalt und Familie lag ganz klar bei den Frauen. Auch in Hoyerswerda war das selbstverständlich. Der berühmte Satz „Mein Mann hilft mir so toll im Haushalt“ existiert dort bis heute – und darin steckt ja schon die Vorstellung, dass der Haushalt eigentlich Sache der Frau ist.

Insofern gab es einerseits eine größere Selbstverständlichkeit von weiblicher Berufstätigkeit und mehr Gleichheit im Alltag. Andererseits bestanden traditionelle Rollenbilder durchaus fort.

Unsere Kulturszene versuchte damals bewusst, anders zu leben. Viele heirateten im Osten sehr früh, oft auch deshalb, weil man sonst keine Wohnung bekam. Dann kamen Kinder, und viele verschwanden aus dem öffentlichen Leben. Unsere kleine Community wollte das anders machen. Wir wollten unabhängiger leben, freier. Wie das langfristig ausgegangen wäre, kann man im Nachhinein schwer sagen – denn natürlich gab es reale Zwänge wie die Wohnungsfrage. Aber der Wunsch, andere Lebensformen auszuprobieren, war auf jeden Fall da.

Sandra: Und wie sah dieses andere Lebensmodell konkret aus?

Grit: Vor allem dadurch, dass wir in einer großen Community gelebt haben – eigentlich wie in einer Wahlfamilie. Wir hatten unsere Clubs und Kulturorte, die für uns Lebensmittelpunkte waren. Das unterscheidet sich stark von heute. Wenn ich heute Jugendliche in Hoyerswerda sehe, dann kämpfen die jahrelang um einen kleinen Jugendclub, der am Ende vielleicht einmal im Monat geöffnet hat. Das ist natürlich absurd.

Wir dagegen hatten damals den „Laden“, einen Club, in dem diese ganze avantgardistische Kunst- und Kulturszene stattfand. Der war praktisch rund um die Uhr offen. Ich konnte dort immer hingehen. Weil kaum jemand eine eigene Wohnung hatte, haben wir dieses Gemeinschaftsleben darüber kompensiert. Und wenn doch mal jemand durch irgendwelche besonderen Umstände eine Wohnung bekam, dann haben dort eben gleich zehn Leute mit gewohnt oder zumindest ständig campiert. Das war auch verbunden mit einer großen sexuellen Freiheit. Beziehungen waren weniger festgelegt, vieles war offener, beweglicher. Es fällt mir schwer, dafür heute das richtige Wort zu finden – aber vielleicht trifft „offen“ es am ehesten. Wir haben versucht, ein anderes Modell von Gemeinschaft zu leben.

Andreas Dresen hat einmal über die Brigade Feuerstein, also die erste Gruppe um Gerhard Gundermann, gesagt, sie seien die ersten Hippies der DDR gewesen. Und da ist tatsächlich etwas dran. Diese Leute arbeiteten im Dreischichtsystem, hatten Kinder und machten daneben Musik, Theater und Kunst – und zwar auf einem erstaunlich hohen Niveau. Sie waren eine bunte, freie Gemeinschaft, in der Beziehungen, Familien und Freundschaften sehr durchlässig waren. Die Kinder wuchsen gemeinsam auf, Menschen trennten sich und fanden neue Beziehungen – alles war viel weniger normiert.

Ein bisschen ähnlich haben wir später auch gelebt, nur dass wir nicht so früh Kinder bekamen wie die Generation davor. Dann kam ohnehin die Wendezeit, in der viele bewusst keine Kinder bekamen. Aber dieses leicht Hippiehafte, dieses gemeinschaftliche und freie Leben – das war schon da. Und gleichzeitig war es eben kein klassisches Bohème-Leben, wie man es oft mit dem Prenzlauer Berg verbindet: ausschlafen, Cappuccino trinken und über Kunst reden. Wir haben alle gearbeitet. Jede und jeder hatte irgendeinen Beruf, musste Geld verdienen. Und trotzdem haben wir gemeinsam Kunst gemacht, Theater gespielt und versucht, auch subversiv zu sein. Besonders die Frauen waren in dieser Szene sehr wild und frei. Das war wirklich ein anderes Lebensmodell.

Sandra: Kam mit dem Mauerfall dann ein harter Bruch und hast du diesen Umbruch unmittelbar gespürt?

Grit: Ja, allerdings sehr ambivalent. Wobei für mich gar nicht der Mauerfall selbst das Entscheidende ist. Viel wichtiger bleibt für mich bis heute das, was damals in Leipzig passiert ist: diese Selbstermächtigung der Menschen.

Ich war zu dieser Zeit in Leipzig und habe dort den größten Aufbruch meines Lebens erlebt. Zum ersten Mal hatte man das Gefühl: Wir können selbst gestalten. Gerade dieses Jahr zwischen Herbst 1989 und der eigentlichen Wiedervereinigung war voller Utopien. Viele glaubten wirklich, jetzt ließe sich eine andere Gesellschaft entwerfen.

In dieser Zeit entstand auch der Unabhängige Frauenverband. Gerade in Leipzig gab es Frauen wie Petra Lux, die diese gesellschaftlichen Veränderungen mitprägten und neue Vorstellungen von Frauenrollen formulierten. Ich habe das sehr nah erlebt und begleitet. Parallel dazu sah ich in Hoyerswerda jedoch den schnellen Zusammenbruch: Betriebe schlossen, Menschen wurden arbeitslos, die Stadt zerfiel, das Pogrom geschah. Und in einer solchen Situation hatte niemand mehr die Kraft, über Geschlechtergerechtigkeit nachzudenken. Wenn in fast jeder Familie mindestens eine Person arbeitslos ist – oft sogar alle –, dann kreisen die Gedanken nicht um feministische Fragen, sondern ums Überleben.

Interessanterweise waren es gerade die Frauen, die in dieser Zeit häufiger gingen. Sie waren oft die Aktiveren, die eher bereit waren, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen und die Region zu verlassen. Das sieht man bis heute im Osten – etwa an dem Männerüberschuss in vielen Regionen wie der Lausitz. Und dieser Männerüberschuss hat wiederum Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen und letztlich auch auf politische Wahlergebnisse.

Für mich war diese Zeit deshalb beides zugleich: der schönste Aufbruch meines Lebens und die tiefste Zusammenbruchserfahrung. Und beides geschah gleichzeitig.

Sandra: Warum sind vor allem Frauen gegangen und Männer geblieben?

Grit: Das wäre tatsächlich eine spannende soziologische Untersuchung. Es gibt dazu ja Forschungen, etwa von Steffen Mau. Und ich bin zutiefst überzeugt, dass der Osten vor allem ein demografisches Problem hat. Viele der Menschen, die eher liberale und demokratische Werte getragen haben, sind in großer Zahl abgewandert. Das hatte auch viel mit Bildung zu tun. Viele gut ausgebildete Menschen gingen weg – und darunter eben besonders viele Frauen. Wenn ich in meinen Freundinnenkreis von damals schaue: Fast alle sind gegangen, nur eine ist geblieben. Die Möglichkeiten vor Ort waren schlicht extrem begrenzt. Viele hatten Berufe gelernt, die nach der Wende plötzlich wertlos waren, weil ganze Industriezweige verschwanden. Es gab kaum Umschulungen oder Perspektiven. Wer Mitte 20 war, saß in Hoyerswerda und wusste: Hier wird die nächsten 20 Jahre kaum etwas passieren. Und genau so kam es ja zunächst auch.

Warum Frauen beweglicher oder mutiger waren? Vielleicht, weil sie weniger zu verlieren hatten. Vielleicht auch, weil sie eher bereit waren, neue Wege zu gehen. Ich weiß es nicht genau. Fakt ist aber: Frauen sind in deutlich größerer Zahl weggegangen.

Sandra: Ist dieses Bewusstsein dafür vorhanden? Oft hört man nur allgemein: „Die Jungen sind weggegangen.“ Dass es speziell auch Frauen waren, wird viel seltener thematisiert.

Grit: Das liegt auch daran, dass bestimmte empirische Erkenntnisse oft nicht wahrgenommen werden, wenn sie nicht ins dominante Narrativ passen.

Beim Thema AfD zum Beispiel wird schnell gesagt: Das liegt an der Ostsozialisation. Aber wenn man genauer hinschaut, zeigen Studien etwas anderes. Die AfD wird besonders stark in Regionen gewählt, in denen es Männer-

überschüsse gibt, in denen weniger Menschen Abitur haben und in denen wirtschaftliche Perspektiven fehlen. Diese Faktoren findet man in vielen ostdeutschen Regionen, aber eben auch in bestimmten westdeutschen Gebieten.

Das heißt: Es geht nicht einfach um „die Ostdeutschen“, die angeblich Demokratie nicht verstanden hätten. Dieses Bild halte ich für falsch. Vielmehr spielen soziale, demografische und bildungsbezogene Faktoren eine große Rolle. Und ja: Männer wählen häufiger AfD als Frauen. Frauen sind da offensichtlich klüger – aber das bleibt jetzt unter uns.

Sandra: In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass das Thema Ostidentität wieder stärker diskutiert wird – auch von jüngeren Menschen, die die DDR selbst gar nicht erlebt haben. Wurde diese Ostidentität jemals stärker aus weiblicher Perspektive betrachtet?

Grit: Das ist eine interessante Frage. Soziologisch gibt es dazu bestimmt Ansätze, aber ich kenne sie nicht im Detail. Dass es eine spezifische Ostidentität gibt, davon bin ich allerdings überzeugt. Nicht im Sinne einer politischen Haltung, sondern als gemeinsamer Erfahrungsraum. Man teilt bestimmte Prägungen und Erinnerungen. Mir ist das besonders klar geworden, als ich letztes Jahr sechs Wochen zur Reha im tiefsten Allgäu war – also wirklich weit im Westen. Ich war dort das erste Mal so lange allein unter Westdeutschen und habe relativ schnell gemerkt, dass ich mit vielen meiner Ansichten ziemlich allein war. Deshalb habe ich mich oft bewusst zurückgehalten. Ich wollte mich erholen und nicht ständig diskutieren.

Interessant war aber: Es gab dort auch ein paar andere Ostdeutsche – sogar unter den Mitarbeitenden. Und wir haben uns sofort gegenseitig erkannt, oft ganz wortlos. Etwa daran, dass wir an denselben Stellen gelacht haben, während die anderen gar nicht verstanden, was daran komisch war. Das klingt banal, aber daran merkt man plötzlich, wie tief solche Prägungen sitzen.

Besonders deutlich wurde mir dort aber der Unterschied bei den Geschlechterrollen. In den Gruppentherapien begegnete ich vielen Frauen, die berufstätig waren, kleine Kinder hatten und gleichzeitig das Gefühl vermittelt bekamen, mit ihnen stimme etwas nicht. Frauen, die Karriere machen wollten und deshalb in einer psychosomatischen Klinik landeten. Das hat mich wirklich schockiert. Ich dachte oft: „Du musst doch nicht in Therapie, weil du eine Professur willst. Mach deine Professur.“ Natürlich war das auch Süddeutschland, katholisch geprägt – das ist sicher nicht überall im Westen gleich. Aber ich kannte solche Selbstzweifel aus meinem ostdeutschen Umfeld kaum. In meinem Freundinnenkreis war berufstätige Mutterschaft immer selbstverständlich.

Und ich habe dort zum ersten Mal sehr deutlich erlebt, was man heute toxische Männlichkeit nennt – nicht bei irgendwelchen Extremisten, sondern bei ganz normalen, gut situierten Männern. Diese starke Orientierung an Statussymbolen, an Autos, Besitz, Rollenbildern. Dieses klassische „mein Haus, mein Auto, meine Frau“. Das war dort enorm präsent. Ich kenne das aus meinem ostdeutschen Umfeld so nicht. Natürlich gibt es auch hier patriarchale Strukturen, gerade auf dem Land. Aber insgesamt gehen ostdeutsche Männer aus meiner Erfahrung oft selbstverständlicher auf Augenhöhe mit Frauen um. Vielleicht auch, weil materieller Besitz historisch nie denselben Stellenwert hatte.

In der Klinik wurde ständig über Erbschaften gesprochen, über Eigentum, Vermögen, Status. Ich dachte irgendwann nur noch: „Worüber redet ihr eigentlich?“ Gleichzeitig habe ich aber auch gesehen, wie viel Druck dieses System auf Männer und Frauen gleichermaßen ausübt. Deshalb glaube ich schon, dass sich Ost- und Westprägungen bis heute auch in Geschlechterbildern unterscheiden. Und ehrlich gesagt: Ich hätte große Schwierigkeiten, dauerhaft in einem Umfeld zu leben, in dem diese traditionellen Rollenbilder so dominant sind. Das würde mir schwerfallen.   

Sandra: Baseballschlägerjahre und weibliche Perspektive. Gibt es dazu eigentlich schon eine Aufarbeitung?

Grit: Über die Baseballschlägerjahre ist inzwischen einiges geschrieben worden. Es gibt zum Beispiel das Buch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß” von Manja Präkels, das eine weibliche Perspektive einnimmt und auch zeigt, wie sich die Erfahrungen von Mädchen und jungen Frauen damals von männlichen unterschieden haben. Aber eine gezielte Aufarbeitung unter dem Aspekt der Rolle von Frauen in der rechten Szene gibt es vielleicht, kenne ich persönlich aber nicht.

Es gibt den Film „Kriegerin”, aber darüber hinaus kenne ich nichts zu dem Thema. Dabei gab es natürlich auch Frauen und Mädchen in diesen Milieus. Viele sind vermutlich über ihre Partnerschaften hineingeraten. Nachdem mein Buch erschienen war, haben sich überraschend viele Menschen bei mir gemeldet, die damals selbst zum Täterspektrum gehörten. Das war ausgesprochen interessant. Natürlich meldeten sich vor allem diejenigen, die ihre damaligen Handlungen heute bereuen. Andere wahrscheinlich nicht. Besonders viele Zuschriften kamen von Menschen, die die Ausschreitungen in Hoyerswerda miterlebt hatten. Einige schrieben mir: „Ich habe damals selbst Steine geworfen, und ich kann heute nicht mehr sagen, warum ich das getan habe.“ Viele sprachen von Scham.

Unter diesen Rückmeldungen waren auch zahlreiche Frauen. Eine Person bat mich sogar, ihre Entschuldigung an David weiterzugeben, einen ehemaligen Vertragsarbeiter, der in meinem Buch zu Wort kommt. Das habe ich getan. Andere schrieben, dass sie bis heute nicht mit ihren Kindern über ihre Rolle damals sprechen konnten. Durch das Buch hätten sie nun einen Anlass gefunden, diese Gespräche zu führen. Deshalb glaube ich durchaus, dass Frauen in der Szene eine größere Rolle gespielt haben, als heute sichtbar ist. Häufig hing ihre Zugehörigkeit jedoch mit Beziehungen zusammen. Viele hatten einen Freund, der bereits in der Szene war, und folgten ihm. Das hat sicherlich auch mit den Geschlechterrollen zu tun, mit denen wir aufgewachsen sind. Aber insgesamt ist dieser Aspekt bisher öffentlich kaum thematisiert worden.

Sandra: Wie hast du dich damals gefühlt? Du bist schließlich nach Leipzig gegangen.

Grit: Ja, ich war damals bereits in Leipzig. Bis zu den Ausschreitungen lebte ich sogar parallel in Leipzig und Hoyerswerda. In meinem Buch beschreibe ich, wie die rechte Gewalt zunehmend auch die alternative Kulturszene traf. Freunde von mir wurden krankenhausreif geschlagen. Zunächst betraf das vor allem Männer, doch irgendwann kamen die Angreifer auch in unsere Wohnungen. In einer Kleinstadt weiß jeder, wer wo wohnt. Deshalb musste ich schließlich regelrecht fliehen. Wir sind untergetaucht. Zeitweise wusste ich nicht einmal, wo meine Freunde waren. Wir lebten in einer Wohngemeinschaft, und nach und nach verschwanden alle. Am Ende war ich die Letzte und musste ebenfalls weg. Das konnte jederzeit eskalieren.

Sandra: Aus Angst?

Grit: Ja, absolut. Wir sind wirklich untergetaucht. In Leipzig fühlte ich mich dann sicher. Gleichzeitig begann dort eine völlig andere Phase meines Lebens. Die Universität befand sich im Umbruch, wir besetzten Institute, die abgewickelt werden sollten, und engagierten uns politisch. Ich arbeitete bald bei der Dokwoche, und dadurch eröffnete sich mir eine neue Welt.

Es bildete sich ein Freundeskreis aus Menschen, die die Universität und ihre Strukturen aktiv mitgestalten wollten. Wir gründeten Institute neu, führten politische Gespräche und verhandelten mit Ministerien. Viele der treibenden Kräfte waren Frauen. Eine Zeit lang gab es zwei männliche Sprecher des Studierendenrats, später zwei Sprecherinnen. Mit vielen Menschen aus dieser Zeit bin ich bis heute eng verbunden. Wir wurden damals förmlich ins politische Handeln hineingeworfen. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen. Aber wir sind alle daran gewachsen.

Auffällig ist, dass viele der politisch Aktiven von damals später promovierten. Vielleicht hat sich dort ein bestimmter Menschenschlag gefunden: Menschen, die gestalten wollten. Darunter waren viele Frauen. Viele bekamen auch erst spät Kinder – so wie ich. Das entsprach allerdings einem allgemeinen Trend in Ostdeutschland nach der Wende. Die Geburtenrate brach damals massiv ein. In meinem Umfeld stellte kaum jemand infrage, irgendwann Kinder haben zu wollen. Aber wir hatten schlicht keine Zeit dafür. Wir lebten in einem Strudel aus Veränderungen. Es gab keine langfristigen Karrierepläne. Stattdessen stand immer die nächste konkrete Aufgabe vor der Tür: ein Institut retten, etwas neu gründen, politische Ziele verfolgen. Gleichzeitig hatten wir auch Spaß. Es war eine intensive, aber erstaunlich leichte Zeit. Wir haben viel gefeiert.

Sandra: Du hast einmal gesagt, dass ihr euch mit der westdeutschen Frauenbewegung schwergetan habt.

Grit: Ja, das stimmt. Wir haben uns relativ schnell selbst als feministisch verstanden und begannen, entsprechende Literatur zu lesen und uns mit feministischen Themen auseinanderzusetzen. Wir besuchten Frauenkongresse und engagierten uns. Trotzdem hatten wir oft das Gefühl, mit der westdeutschen Frauenbewegung nicht wirklich zusammenzukommen.

Vielleicht lag es daran, dass unsere Erfahrungen andere waren. Für mich ist der Internationale Frauentag bis heute vor allem ein Feiertag. Ich treffe Freundinnen, wir trinken Sekt und feiern. Natürlich weiß ich, dass der Tag politisch ist und dass es wichtig bleibt, für Gleichberechtigung zu kämpfen. Aber emotional verbinde ich ihn immer noch mit dieser ostdeutschen Tradition.

Unsere Frauenbewegung war zudem immer eine Bewegung gemeinsam mit Männern. Reine Frauenzirkel spielten für uns kaum eine Rolle. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, bestimmte Räume grundsätzlich für Männer zu schließen. Schutzräume sind etwas anderes – die halte ich für wichtig. Aber darüber hinaus war unser Verständnis von Feminismus ein anderes.

Hinzu kam, dass wir oft das Gefühl hatten, unsere ostdeutschen Erfahrungen würden innerhalb der westdeutsch geprägten feministischen Debatten nicht als gleichwertig wahrgenommen. Das habe ich beispielsweise bei der Initiative Pro Quote Film erlebt, deren Gründungsmitglied ich war. Das Anliegen war und ist wichtig: mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche. Ich habe mich dort anfangs sehr engagiert. Mit der Zeit hatte ich jedoch das Gefühl, dass meine eigene Erfahrungswelt – als ostdeutsche, heterosexuelle Frau mit Kindern – kaum vorkam und wenig Interesse weckte. Vielleicht ist das ein subjektiver Eindruck. Aber ich bemerkte, dass die Führungsgremien überwiegend westdeutsch geprägt waren. Gleichzeitig kamen viele Debatten aus einem regiezentrierten Blickwinkel, während ich aus dem Festivalbereich kam. Ich hatte oft das Gefühl, dass meine Perspektive nicht wirklich gehört wurde.

Der westdeutsche Feminismus trat aus meiner Sicht häufig sehr kämpferisch auf. Vielleicht musste er das auch. Unsere ostdeutschen Erfahrungen passten jedoch nicht immer dazu. Das bedeutet keineswegs, dass daraus nicht auch Freundschaften und gegenseitige Wertschätzung entstanden wären. Und ich halte die Arbeit von Pro Quote Film nach wie vor für wichtig. Aber ich selbst habe dort keinen Platz für mich gefunden.

Sandra: Deine Flucht aus Hoyerswerda war  nicht einfach ein spontaner Ortswechsel. Es war dein Zuhause, der Ort, an dem du aufgewachsen bist – und die Menschen, vor denen du fliehen musstest, kanntest du teilweise von früher.

Grit: Ja. Diejenigen, die uns damals jagten, waren meist jünger als ich, oft Freunde meines Bruders. Natürlich kannte man sie. Was das mit mir gemacht hat? Vor allem eines: Es hat sehr lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, in diesem Land angekommen zu sein. Ich hatte erlebt, dass dieser Staat mich nicht schützt. Die Polizei schützte uns nicht, die Justiz schützte uns nicht. Erst später änderte sich das allmählich. Aber die Erfahrung der Schutzlosigkeit war bereits gemacht. Man wusste, dass es Unrecht war, Menschen in ihren Wohnungen anzugreifen. Man wusste, dass es Gesetze dagegen gab. Gleichzeitig sah man, dass diese Gesetze für manche Menschen offenbar nicht galten. Diese Erfahrung prägt einen. Deshalb fiel es mir über Jahre schwer, Vertrauen in Polizei, Justiz und staatliche Institutionen zu entwickeln. Heute sehe ich vieles anders – nicht zuletzt, weil mein Sohn Polizist ist. Aber dieses Misstrauen war lange da.

Interessanterweise habe ich erst vor Kurzem gemerkt, dass ich dieses Trauma der Nachwendezeit weitgehend überwunden hatte. Ich begleitete den Gerichtsprozess einer Freundin, die gegen die Vereinnahmung ihrer Leistungen durch einen Mann klagte – ein Phänomen, das als Matilda-Effekt bekannt ist. Sie verlor trotz aus ihrer Sicht eindeutiger Beweise. Die Richter und Beisitzer waren ausschließlich Männer. Dabei bemerkte ich, wie mein Vertrauen in die Gerechtigkeit des Systems erneut erschüttert wurde. Nicht so grundlegend wie damals, aber doch spürbar. Gerade im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit hat mich diese Erfahrung nachdenklich gemacht.

In den 1990er-Jahren allerdings war mein Verhältnis zum Staat noch viel grundsätzlicher beschädigt. Nachdem ich Bürgerin der Bundesrepublik geworden war, hatte ich innerlich lange Zeit mit diesem Staat abgeschlossen. Es war ein Gefühl von Heimatlosigkeit, von politischer Unbehaustheit. Wenn damals von Verfassung, Rechtsstaat oder von „auf dem Boden des Grundgesetzes“ die Rede war, konnte ich das nicht ernst nehmen. Es fühlte sich an, als hätte ich ein grundlegendes Vertrauen verloren. So etwas wie ein Urvertrauen. 

Sandra: Ich möchte gern noch auf deinen Film „Bei uns heißt sie Hanka” zu sprechen kommen. Der Film war sehr präsent, lief auf vielen Festivals und wurde im Fernsehen gezeigt. Mich hat beeindruckt, dass ein Film über sorbische Kultur, Tradition und Identität eine so große Aufmerksamkeit bekommen hat, obwohl das zunächst kein klassisches Mainstream-Thema ist.

Grit: Da würde ich direkt widersprechen. Der Film lief eben nicht überall. Es gab viele Festivals, die ihn nicht gezeigt haben – darunter auch Frauenfilmfestivals. Das hat mich besonders überrascht, weil ich den Film als eine sehr weibliche Erzählung verstehe. Die Hauptfigur ist Hanka, eine Frau, und ihre Perspektive steht im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang habe ich durchaus harte Erfahrungen gemacht. Es gab erhebliche Vorbehalte gegen den Film, vor allem aus Teilen eines westlich geprägten feministischen und linken Milieus. Dort wurde der Film teilweise als konservativ wahrgenommen. Solche Konflikte sind für mich allerdings nicht neu.

Ich habe mich beispielsweise schon früher mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch in der DDR beschäftigt und darüber geschrieben. Das Abtreibungsrecht war dort zweifellos fortschrittlicher als in der Bundesrepublik. Gleichzeitig finde ich, dass man auch die Schattenseiten benennen muss. Ich halte es für wichtig, dass es Beratung gibt und dass mit ungeborenem Leben verantwortungsvoll umgegangen wird. Sobald man so etwas sagt, gerät man schnell in Verdacht, konservative oder gar rechte Positionen zu vertreten. Dabei habe ich nie infrage gestellt, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen müssen oder dass Schwangerschaftsabbrüche legal und für Ärztinnen und Ärzte straffrei sein sollten. Ich sage lediglich, dass auch ungeborenes Leben eine ethische Dimension hat und dass man darüber sprechen können sollte.

In der DDR gab es teilweise einen vergleichsweise pragmatischen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen. Darüber ist viel geschrieben worden. Manche Frauen haben das selbst so erlebt. Wenn man solche Ambivalenzen anspricht, wird das oft sofort politisch eingeordnet, statt darüber zu diskutieren. Diese Tendenz, Menschen schnell in Schubladen zu stecken, begegnet uns heute häufiger. Das haben wir während der Corona-Pandemie erlebt, und viele Menschen im Osten empfinden genau das als problematisch: Es gibt oft wenig Raum für Zwischentöne, Differenzierungen und echten Dialog.

Ähnliche Erfahrungen habe ich mit „Bei uns heißt sie Hanka” gemacht. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus einer sorbischen Familie in der Niederlausitz. Dort wurde die sorbische Sprache und Kultur über Generationen hinweg abgewertet. Menschen wurde vermittelt, dass sie nur dann etwas gelten, wenn sie deutsch sprechen und ihre Herkunft hinter sich lassen. Diese Erfahrungen haben viele sorbische Familien gemacht.

Hanka stammt aus einem solchen Umfeld und heiratet später in eine stark sorbisch geprägte Familie in der Oberlausitz ein. Das ist eine katholische Familie, ein Bauernhof, ein Dorfleben mit bestimmten Traditionen und Rollenbildern. All das gehört zur Realität dieser Lebenswelt. Gleichzeitig ist Hanka eine hochgebildete Frau. Sie hat Jura studiert, ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen und bezeichnet sich selbst ausdrücklich als Feministin. Sie entscheidet sich jedoch bewusst dafür, auf dem Hof mitzuarbeiten, einen Betrieb mit aufzubauen, Kinder zu bekommen und diese zunächst dort aufwachsen zu lassen. Es sind ihre eigenen Entscheidungen. Im Film wird das nicht ausführlich erklärt, weil ein Dokumentarfilm mit vielen Protagonistinnen und Protagonisten dafür gar nicht die Zeit hat. Dennoch entzündete sich die Kritik an einer einzigen Szene: Hanka ist hochschwanger und deckt den Tisch.

Für manche Zuschauerinnen und Zuschauer war dieses Bild offenbar bereits der Beweis dafür, dass sie sich traditionellen Rollenbildern unterwirft und ihre beruflichen Ambitionen aufgegeben hat. Dabei sagt der Film das an keiner Stelle. Diese Interpretation wurde von außen hineingetragen. Interessanterweise hat bei unseren Probesichtungen niemand aus dem Osten diese Szene so gelesen. Niemand kam auf die Idee, darin einen Akt weiblicher Unterdrückung zu sehen. Für uns war es schlicht eine Frau, die einen Tisch deckt.

Trotzdem wurde Hanka mit Zuschreibungen versehen, die weder der Realität noch dem Film entsprachen. Das hatte konkrete Folgen. Viele Festivals, die sich als links oder feministisch verstehen, zeigten den Film nicht. Dabei wird Hanka im Film gerade nicht als unterwürfige Figur dargestellt. Selbst ihre Hochzeitstracht ist Ausdruck von Selbstbestimmung. Wer sich mit sorbischen Traditionen beschäftigt, weiß, dass solche Trachten heute bewusst getragen werden. Junge Frauen wählen die einzelnen Elemente gezielt aus und drücken damit ihre Haltung und Identität aus. Hanka trägt beispielsweise eine evangelische Tracht und macht damit sichtbar, dass sie nicht zum Katholizismus konvertiert ist. Solche Details erzählen viel über Selbstverständnis und Eigenständigkeit. Wer sich ernsthaft mit dem Film beschäftigt, könnte das erkennen.

Mich stört jedoch noch etwas Grundsätzlicheres: Selbst wenn Hanka tatsächlich eine sehr konservative Lebensentscheidung getroffen hätte – selbst wenn sie sich entschieden hätte, ausschließlich Hausfrau zu sein, viele Kinder zu bekommen und ein traditionelles Leben zu führen –, müsste Kunst das zeigen dürfen. Was wäre Kunst denn sonst? Kunst sollte doch nicht lediglich bestehende Überzeugungen bestätigen. Sie muss unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar machen können, auch solche, die uns nicht gefallen. Wenn bestimmte Figuren oder Erfahrungen gar nicht mehr gezeigt werden dürfen, weil sie nicht in ein bestimmtes Weltbild passen, dann halte ich das für problematisch. Das erinnert mich zu sehr an Vorgaben, die Kunst in der DDR erfüllen sollte. Damit habe ich große Schwierigkeiten.

Sandra: Wurde der Film aktiv kritisiert oder wurde er einfach nicht gezeigt?

Grit: Vor allem Letzteres. Normalerweise erfährt man als Filmemacherin gar nicht, warum ein Festival einen Film ablehnt. Ein Film wird angenommen oder nicht. Da ich selbst viele Jahre in der Festivalarbeit tätig war, respektiere ich diese Entscheidungen grundsätzlich. In meinem Fall kannte ich jedoch viele der Verantwortlichen persönlich. Deshalb wurde offen darüber gesprochen. Ich weiß also, dass die Ablehnungen häufig genau mit diesen Vorbehalten zu tun hatten. 

Teilweise reichte schon die Vermutung, der Film könne konservative oder rechte Positionen transportieren. Das begann bereits bei einzelnen Pressefotos, auf denen Trachten zu sehen waren. Der Verleih hat die Vermarktung zudem stark auf die Trachten fokussiert, obwohl das gar nicht das eigentliche Thema des Films ist.

Manche Menschen sahen eine Frau in Tracht und zogen daraus unmittelbar politische Schlussfolgerungen. Es wurde gar nicht mehr genauer hingeschaut. Dabei sind es gerade junge sorbische Frauen, die diese Traditionen heute weiterentwickeln und neu interpretieren. Man könnte sogar von einer feministischen Aneignung dieser Tradition sprechen. Doch oft genügte das äußere Bild, um den Film vorschnell einzuordnen. Das halte ich für gefährlich.

Gleichzeitig habe ich nichts gegen kontroverse Diskussionen. Im Gegenteil: Wenn Menschen den Film sehen und anschließend darüber streiten, ist das großartig. Genau dafür macht man Filme. Problematisch wird es erst, wenn eine Auseinandersetzung verhindert wird, indem ein Film gar nicht erst gezeigt wird.

Bemerkenswert fand ich, dass die Interpretation der Tischszene fast ausschließlich aus westdeutschen Kontexten kam. Ostdeutsche Frauen und Männer sahen darin in aller Regel keinen Widerspruch zum Feminismus. Inzwischen glaube ich, dass dahinter unterschiedliche Erfahrungswelten stehen. Wenn man in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem Frauen seltener berufstätig und traditionelle Rollenbilder stärker verbreitet waren, dann erzeugt das Bild einer schwangeren Frau, die den Tisch deckt, möglicherweise andere Assoziationen.Für Menschen mit ostdeutscher Sozialisation funktioniert dieses Bild oft anders. Vielleicht erklärt das einen Teil der Missverständnisse.Dass solche Unterschiede auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch bestehen, finde ich bemerkenswert.

Sandra: Wenn du auf diese (über) 35 Jahre nach dem Mauerfall blickst – was erscheint dir heute besonders wichtig, gerade mit Blick auf Ost-West-Erfahrungen und Feminismus?

Grit: Unser Gespräch hat eigentlich schon gezeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven bis heute sind. Für mich macht gerade dieses eine Bild der schwangeren Frau, die den Tisch deckt, deutlich, wie verschieden gesellschaftliche Erfahrungen gelesen werden. Und daran hängen nicht nur Debatten, sondern ganz konkrete Folgen. Ein Film wird gezeigt oder nicht gezeigt, erhält internationale Aufmerksamkeit oder eben nicht. Deshalb wünsche ich mir vor allem mehr Gespräche auf Augenhöhe.Formate wie eures sollten nicht nur im Osten wahrgenommen werden. Solche Diskussionen müssten genauso in Süddeutschland oder im Westen geführt werden. Gleichzeitig sollten wir uns auch mit den Lebenswelten der anderen beschäftigen.

Ich habe in den vergangenen Monaten noch einmal erlebt, wie unterschiedlich die Erfahrungen innerhalb dieses Landes sind. Wir sprechen dieselbe Sprache und leben im selben Staat – und trotzdem treffen teilweise sehr verschiedene Welten aufeinander. Deshalb halte ich es für wichtig, zunächst zu verstehen, woher wir kommen. Erst dann können wir gemeinsam überlegen, wohin wir wollen. Und ich wünsche mir, dass die jüngeren Generationen einen selbstverständlicheren Umgang miteinander finden.

Was mich tatsächlich beunruhigt, ist die zunehmende Trennung von Frauen- und Männerwelten. Das beobachte ich auch bei den Kindern meiner Generation. Natürlich begegnen sie sich. Aber oft habe ich den Eindruck, dass sie viel weniger selbstverständlich miteinander befreundet sind. Das finde ich problematisch. Wie soll eine Gesellschaft gemeinsam gestaltet werden, wenn die Geschlechter sich immer stärker als getrennte Gruppen verstehen? Vielleicht hat das auch mit der zunehmenden Zuspitzung vieler Debatten zu tun. Ich selbst streite und diskutiere gern. Aber man kann nicht ausschließlich im Kampfmodus leben.Eine Gesellschaft braucht auch Leichtigkeit. Man muss miteinander feiern können, einander vertrauen können und gemeinsam etwas aufbauen wollen. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft.   

Grit Lemke aka Gritka, geboren 1965 in Spremberg/Niederlausitz, aufgewachsen in Hoyerswerda. Nach einer Baufacharbeiterlehre und Arbeit im Theater- und Kulturbereich 1987-93 Studium der Kulturwissenschaft, Ethnologie und Literatur in Leipzig, 1999 Promotion in Europäischer Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1991 Arbeit für Filmfestivals in wechselnden Funktionen, langjährig für DOK Leipzig, bis 2017 dort Leiterin des Filmprogramms. Beim FilmFestival Cottbus bis 2022  Leitung der deutsch-sorbischen Sektion „Heimat | Domownja | Domizna“. Kuratierte zahlreiche Filmreihen, u. a. bei DOK Leipzig, der Akademie der Künste Berlin, goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films Wiesbaden und für Goethe Institute weltweit. Lehraufträge, Mentorin und Tutorin, Mitarbeit in Jurys (u. a. BKM, Filmfestivalkommission der Stadt Wien), Mitgründerin der AG Festivalarbeit in ver.di und des sorbisch-deutschen Filmnetzwerks Łužycafilm. Kulturaktivistin: Mitgründerin und -kuratorin des SubSorb Festiwal der sorbischen Subkultur sowie als GRITKANAWT in der SoSA – Sorbian Space Agency. Zwei Söhne, lebt in Berlin und zeitweilig Hoyerswerda. Werke (Auswahl): Mitarbeit an diversen Filmen als Dramaturgin und Ko-Autorin (u. a. „Lene und die Geister des Waldes“, 2020), „Gundermann Revier“ (Regie, 2019), „Unter hohen Himmeln. Das Universum Volker Koepp“ (Autorin, Bertz + Fischer Verlag, 2019), „Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror“ (Autorin, Suhrkamp Verlag, 2021), „Bei uns heißt sie Hanka/Pla nas gronje jej Hanka/Pola nas rěka wona Hanka“ (Regie, 2023).

Foto: Börres Weiffenbach