WISSENSFENSTER: STAATSSICHERHEIT UND SUBKULTUR
Am Beispiel des Punkmusikers Bernd Stracke
von Tobias Prüwer

Anfang der 1980er hatte die Stasi gerade begonnen, die sich formierenden Subkulturen ins Visier zu nehmen, da erschienen mit Wutanfall und L’Attentat zwei Punkbands in Leipzig auf der Bildfläche. „Das war eher so eine Lebenseinstellung. Als Punk hast du es nicht nur deinen Alten gezeigt, sondern dem Hippie-Mainstream gleich mit“, sagt L’Attentat-Sänger Bernd Stracke, Jahrgang 1963, der auch bei Wutanfall beteiligt war. Die Instrumente waren improvisiert, es entstanden raue Songs mit räudigem Anstrich. Schnell waren Verbindungen in andere Städte hergestellt. Man spielte in Kirchenräumen, weil man da am ehesten staatlicher Kontrolle entzogen war. Allerdings hatte die Stasi sie schon am Haken – Gitarrist Imad war „Informeller Mitarbeiter“ (IM).
„Stasi an sich hast du ja gar nicht so richtig mitbekommen. Offiziell gabs das Innenministerium, Stasi war immer ein Mysterium. Keiner hat mit ihr zu tun gehabt, und wer das hatte, redete nicht darüber.“ Wahrscheinlich sind sie schon lange unbemerkt observiert worden. Die ersten Konfrontationen erfolgten mit der Polizei, die erste bewusste Stasi-Begegnung hatte Stracke, als er mit einer vorgedruckten Postkarte „Zur Klärung eines Sachverhalts“ zur Kriminalpolizei geladen wurde, aber die Stasi ihn vernahm. „Ich wusste nicht, worum es geht. Diese Schizophrenie und Kontrolle, die noch gar nichts mit der Stasi zu tun hat, die hat dich natürlich vorher schon im Kopf verfolgt.“ Stracke beschreibt das als flächendeckende, kleinräumliche Kontrolle. Da war der Abschnittsbevollmächtigte, der über den Wohnblock wachte, ein Hausbuchführer erfasste, wer zu Besuch kam. „Die ganze Gesellschaft war kontrolltechnisch durchwirkt, was man ein Stück weit immer spürte.“
Grund für die Stasi-Vorladung: Die Band sollte am 17. Juni in Magdeburg spielen. „Als naive Punks hatten wir Null Ahnung, was es mit 1953 auf sich hatte. In der Schule wurde das komplett ausgeblendet. Aber die glaubten uns nicht. Wir wurden einen Tag lang festgehalten, damit wir nicht mehr spielen konnten.“ Dann sind sie regelmäßig vorgeladen oder einfach von der Straße weggefangen worden. Die Stasi warb auch Szeneangehörige als IMs. „Das war Teil ihrer Zersetzungspolitik. Entweder man macht mit und sagt Ja, verdient Geld und hat den Rücken frei, Punk zu sein wie Imad. Oder man macht nicht mit und es wird gedroht: ‚Sie werden eh nicht lang auf freiem Fuß bleiben.‘ Und dann streuen sie trotzdem das Gerücht, man sei IM.“
Das erste Mal in Stasi-U-Haft kam Stracke 1983, weil er an einer Friedenskundgebung vorm Leipziger Vorzeige-Kino Capitol in der Petersstraße teilnahm. Mehrere Wochen saß er ein, wollte aber im Unterschied zu anderen Mitgefangenen, die bereits Ausreiseanträge gestellt hatten und nach einiger Zeit vom Westen freigekauft wurden, in Leipzig bleiben. „Ich wollte ja hier etwas verändern. Von da an hat mich die Stasi immer spüren lassen, dass sie da ist. Nicht nur versteckt. An irgendeinem Bierstand kamen so Typen mit Handgelenktasche auf dich zu und fragten: ‚Sind Sie sicher, dass sie keinen Ärger machen?‘ Was passiert dann mit deinen Freunden? Diese Zersetzungspolitik passierte auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Im Betrieb, beim Sport. Vorm Haus tauchten unbekannte Typen auf, machten Lärm, schrien meinen Namen. Du wirst unmöglich gemacht, und die, die solidarisch zu dir halten, werden immer weniger.“
Nun wurde die Band total trotzig, spielte das Lied „Jetzt erst recht!“ ein, das wesentlich aus ebendieser fortlaufenden Liedzeile bestand und machte nun explizit politische Texte. Die Vorladungen ließen nicht nach. „Mir fehlte irgendwann jegliche Unterstützung und ich stellte den Ausreiseantrag. Ich wusste ja, es wird mit meinem Punkdasein irgendwann eng, zur Armee wollte ich auch auf keinen Fall.“ Da erschien ihm dieser Weg rettender. Einige Zeit würde er ins Gefängnis gehen und dann freikommen. „So komisch das klingt, innerhalb des Riesengefängnisses DDR habe ich mich dann das erste Mal frei gefühlt. Ich musste mich nicht mehr verstecken.“
Wegen „Herabwürdigung der sozialistischen Ordnung“ wird Stracke erneut verhaftet und – sein Verteidiger war übrigens auch IM – zu einem Jahr und sieben Monaten verurteilt. Im Gefängnis in Naumburg musste er für einen Zulieferer von IKEA arbeiten. Strackes Frau wird wegen Mittäterschaft inhaftiert, nur einmal in der Haftzeit können sie sich sehen. „So brutal mit Schlägen wie in den 1960ern ging es nicht mehr zu. Aber du warst in einer Zelle mit 16 Männern, ihren Ausdünstungen, Streit und beschissenem Essen. Ständig war das Licht an. Kein Sport.“ Nach mehr als einem Jahr werden beide freigekauft. „Dann kommst du aus einer solch schwierigen Situation in eine Welt, wo alles anders ist, da fühlst du dich wie ‚Alice im Wunderland‘. Ehe man dann wieder fähig zur Sozialkritik wird, das dauert eine Weile.“
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
