WISSENSFENSTER: STAATSSICHERHEIT UND ÜBERWACHUNG IN DER SED-DIKTATUR

von Prof. Dr. Rainer Eckert

Filmbild aus „1989 – Lieder unserer Heimat“ von Schwarwel

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war als Geheimpolizei ein entscheidendes Herrschaftsinstrument der Staatspartei SED, als deren „Schild und Schwert“ es sich stets verstand. 

Bei der Staatssicherheit vereinigte sich die Aufgabe der Unterdrückung und Bespitzelung der Bevölkerung im eigenen Land mit Spionage im Ausland, besonders in der Bundesrepublik. Das MfS hatte sowohl die Befugnisse eines „Untersuchungsorgans“ mit eigenen Untersuchungshaftanstalten als auch die eines geheimen Nachrichtendienstes über alle wichtigen Vorgänge in der Diktatur. Seine Zuständigkeiten wurden niemals – etwa durch eine entsprechende Gesetzgebung – präzise geregelt, so dass es unkontrolliert repressiv nach innen und aggressiv nach außen eingesetzt werden konnte. Nach ihrer Gründung 1950 verfolgte die Geheimpolizei die Strategie eines aggressiven Terrors mit physischer Folter in ihren Gefängnissen. Dies ändert sich in den 80er Jahren unter dem Einfluss der internationalen Entspannungspolitik zum Versuch einer „flächendeckenden Überwachung“ der Bevölkerung und der „systematischen Zersetzung“ der Opposition mit den Methoden einer „operativen Psychologie“.

Die Mitarbeiterzahl der Staatssicherheit erhöhte sich ständig. 1989 waren es ca. 91.000 hauptamtlich für sie arbeitende Personen, zu denen „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM), also Spitzel, kamen. Deren Zahl ist umstritten und schwankt für die Endphase der DDR zwischen 110.000 und 189.000. In der Regel arbeiteten die IM auf der Basis „politischer Überzeugung“, es gab aber auch erpresste Mitarbeit und solche, bei der es um Bezahlung und Karriere ging.

In den Fokus der Geheimpolizei gerieten in der DDR Menschen, die sich oppositionell engagierten, oder solche, bei denen der Verdacht auf Spionage oder „Republikflucht“ bestand. Für das „politische Untersuchungsorgan“ der Staatssicherheit arbeiteten 1989 1.244 Vernehmungsoffiziere. Sie waren zuständig für Ermittlungen bei Spionage und Landesverrat, bei „politischer Untergrundtätigkeit“, bei „Republikflucht“ und Ausreise, schweren Wirtschaftsvergehen und Eigentumsdelikten, aber auch für die Verbindung zur Justiz und für die Arbeit mit den Spitzeln in den MfS-Haftanstalten. 40 bis 50 Prozent der Ermittlungsverfahren bezogen sich auf „Grenz- und Ausreisedelikte“, die Zahl der Ermittlungsverfahren aus rein politischen Gründen war erheblich niedriger. Zum MfS gehörte auch das Wachregiment Feliks Dzierzynski als militärisch-operative Truppe mit einer Stärke von 11.000 Mann.

Im Zuge der Friedlichen Revolution wurde das MfS im November 1989 in „Amt für Nationale Sicherheit“ umbenannt. Das konnte die Geheimpolizei jedoch nicht retten, die unter dem Druck der Besetzung ihrer Dienststellen und der Arbeit von Bürgerkomitees im März 1990 aufgelöst wurde.  

Unter der Mehrzahl der Ostdeutschen war die Staatssicherheit verhasst und gleichzeitig gefürchtet. Die Menschen wussten um ihre Überwachung und viele gingen davon aus, dass sich in jedem beruflichen oder sonstigen Zusammenschluss auch ein Spitzel befand. Das wahre Ausmaß des organisierten Denunziantentums, auch über die SED und andere Parteien sowie über gesellschaftliche Organisationen, war jedoch unbekannt. 

Ich selbst geriet Anfang der 70er Jahre mit meinen Potsdamer Freunden als „Operativer Vorgang Demagoge“ (OV) wegen „staatsfeindlicher Gruppenbildung“ und „staatsfeindlicher Hetze“ ins Visier der Geheimpolizei. Insgesamt konnte ich nach Akteneinsicht die Tarnnamen (und teilweise auch die Klarnamen) von zwei Dutzend IM ermitteln, von denen vier hauptsächlich, einer davon sogar hauptberuflich, mit unserer Bespitzelung beauftragt waren. Vor der Haft rettete uns wohl nur, dass zu unserer Gruppe der Neffe eines Spitzenfunktionärs der SED gehörte und das MfS einen „politischen Skandal“ verhindern wollte.  

Trotzdem wurde ich unter einem Vorwand zu einem stundenlangen Verhör vorgeladen, in dem zwei Offiziere der Staatssicherheit mir zu beweisen suchten, dass sie über jedes intime Detail meines Lebens umfassend informiert waren, während ich versuchte, niemanden zu belasten. Schließlich wurde mir eröffnet, dass meine Lage hoffnungslos sei und drei Jahre Haft wegen Spionage bereits beschlossen wären. Als Rettung bliebe mir nur, mit der Geheimpolizei zu kooperieren, also für sie zu spitzeln. Dies nannten die Mitarbeiter des MfS „Wiedergutmachung“ und versprachen mir, damals von der Universität relegiert, arbeitslos und in einer „illegalen“ Wohnung sitzend, einen schnellen beruflichen Aufstieg bis zum Professor und den begehrten Status eines Reisekaders für den Westen. Um dies zurückzuweisen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und lehnte das Angebot aus „moralischen Gründen“ ab und hielt dies auch schriftlich fest. So kam meine Verweigerung in die Akten des MfS. Als Reaktion drohten mir die Offiziere, dass ich nie wieder beruflich Boden unter die Füße bekommen würde. Daran hielten sie sich bis zum Ende der DDR und erst die Friedliche Revolution ermöglichte mir eine neue Lebensperspektive. 

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.