WISSENSFENSTER: DER ZWEITE WELTKRIEG IST BEENDET, DEUTSCHLAND IST IN TRÜMMERN
Stunde Null
von Jörg Augsburg

8. Mai 1945, Stunde Null: bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Damit ist der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Sieger sind die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition. Das sind viele der von Nazi-Deutschland seit 1939 besetzten und später wieder befreiten Staaten wie Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Norwegen, Dänemark, Griechenland, Belgien oder die Niederlande. Die Hauptsiegermächte sind jedoch die Sowjetunion, deren Rote Armee die Hauptlast des Krieges getragen hatte und die nach vielen erbitterten und verlustreichen Kämpfen 1945 Berlin einnimmt, sowie die Westalliierten USA, Großbritannien und Frankreich. Deren Landung an der Atlantikküste der französischen Normandie und die Eröffnung einer Westfront 1944 bringt die endgültige militärische Entscheidung. Sowjetische und amerikanische Soldaten begegnen sich im April 1945 an der Elbe bei Torgau.
Deutschland liegt in Trümmern. Gerade Großstädte und industrielle Zentren sind betroffen, ein Viertel aller Wohnungen, die Hälfte aller Schulen durch Bombenangriffe und Kämpfe zerstört. Der Wiederaufbau beginnt mit einer gigantischen Trümmerräumung. Neben Kriegsgefangenen und als Zwangsarbeiter eingesetzten ehemaligen Nazis spielen dabei vor allem sogenannte Trümmerfrauen eine entscheidende Rolle. Sie tragen baufällige Gebäude Stein für Stein ab, die Ziegel werden systematisch gesammelt, um sie später wiederzuverwenden. Zur Arbeit sind sie per Gesetz verpflichtet, gebraucht werden sie schon, weil viele Männer gefallen oder verkrüppelt sind. Lohn sind ein paar Lebensmittelmarken mehr für Brot, Wurst und Fett – in Ost und West.
Schon 1944 fassen die Alliierten den Beschluss, Deutschland ebenso wie Österreich nach dem Sieg in Besatzungszonen aufzuteilen. Großbritannien erhält die Hoheit über den Nordwesten, die USA über den Südwesten, Frankreich über einige Gebiete an der Westgrenze und die Sowjetunion über den Ostteil des Landes.

Die Amerikaner ziehen sich aus Thüringen und Sachsen, also auch aus Leipzig, zurück, wo der legendäre Kriegsfotograf Robert Capa für das Magazin Life noch im April seine berühmte Fotoserie vom „Letzten Toten des Krieges“ aufgenommen hatte. Es gibt jetzt eine „Ostzone“.
So heißt das sowjetische Besatzungsgebiet im Volksmund. Die Siegermächte misstrauen sich. Die West-Alliierten und die Sowjetunion haben auch während des Krieges nie ganz aus den Augen verloren, dass sie grundsätzlich verschiedene, erklärtermaßen verfeindete politische Systeme vertreten: Kapitalismus und Kommunismus. Nach dem Sieg über den gemeinsamen Feind Faschismus treten die Differenzen wieder in den Vordergrund. Allerdings ist das Einflussgebiet der Sowjetunion durch die Befreiung der osteuropäischen Staaten von den Nazis jetzt enorm gewachsen. Schaltstellen in Politik und Verwaltung werden im Osten vorwiegend mit kommunistisch geprägten Widerständlern besetzt, die oftmals in Moskau geschult sind.
Dass in westlichen Besatzungszonen weniger ideologisch gesiebt wird, viele Nazis und Mitläufer im Rahmen der offiziellen Entnazifizierung einen „Persilschein“ bekommen, zählt zu den Gründungsmythen der späteren DDR – und des „antifaschistischen Schutzwalls“. Der Kalte Krieg beginnt.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
