WISSENSFENSTER: AUF KOSTEN DER NATUR
Ökologische Fragen standen hinter der Wirtschaft zurück
von Tobias Prüwer

„… Unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsere Heimat ist das Gras auf der Wiese,
Das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft
Und die Tiere der Erde
Und die Fische im Fluß sind die Heimat“
(Aus „Unsere Heimat“, Lied der Pionierorganisation Ernst Thälmann von Herbert Keller und Hans Naumilkat)
Im sozialistischen Liedgut wird der Schutz der Umwelt groß geschrieben. Auch auf dem Papier zeigt sich die DDR-Umweltpolitik als fortschrittlich. Im globalen Maßstab früh richtete das Land schon 1972 ein Ministerium für Umweltschutz ein. Aber in dieser Hinsicht war das System kapitalistischer als man annahm: Ökonomische Fragen drängten hier alle ökologischen Überlegungen zurück. Die Industrieproduktion hatte Vorrang – mit verheerenden Auswirkungen auf Natur und Umwelt.
Staatlicherseits nahm man das natürlich wahr, aber die Umweltpolitik war auf Schadensbegrenzung ausgelegt. Und vor allem durfte niemand das wahre Ausmaß der Vergiftung und Zerstörung wissen.
So käscherte man tote Fische aus der Elbe, damit sie nicht hinter der Grenze ein Negativbild erzeugen. Dabei galt sie ohnehin als der am höchsten vergiftete europäische Fluss. Die Bundesregierung registrierte eine jährliche Verschmutzung unter anderem von ca. 23 Tonnen Quecksilber, 120 Tonnen Blei und 3,5 Millionen Tonnen Chlorid. „Rio Phenole“ nannte der Volksmund die Pleiße in Leipzig.
Berüchtigt war auch der sogenannte „Silbersee“ in der Nähe von Bitterfeld-Wolfen, in den bereits seit den 30er Jahren Abwässer aus der Chemieproduktion geleitet wurden. Bei Mauerfall war der Schwermetallschlamm zwölf Meter dick. Die Direkteinleitung von Industrieabwässern und die zu geringe Anzahl von Kläranlagen führte dazu, dass im DDR-Gesamtgebiet nur ein Prozent der stehenden und drei Prozent der Fließgewässer ökologisch unbedenklich waren.
Als viertgrößter Uran-Produzent der Welt hinterließ die DDR verstrahlte Landschaften. Flugasche, Rauch- und Nebelschwaden waren in manchen Regionen an der Tagesordnung. In der Nähe von Espenhain bei Leipzig sah man an manchen Tagen die Hand vor Augen nicht. Motor der Luftverschmutzung war Schwefeldioxid. Ein Drittel der Bevölkerung lebte in Gebieten mit Emissionen über den Grenzwerten. Die Prokopfbelastung durch diese Emission war zwölf mal höher als in der Bundesrepublik. In den südlichen Bezirken litt jedes zweite Kind an Atemwegserkrankungen.
Offenkundig zeigte sich die Umweltzerstörung besonders an der aufgerissenen Erde: Braunkohletagebaue fraßen Narben in die Landschaft. Aufgrund der Knappheit an Rohstoffen und Devisen setzte die DDR insbesondere auf heimische Braunkohle als Energieträger. Zu rund 70 Prozent schöpfte sie Energie daher.
Die wichtigsten Braunkohlevorkommen sind Helmstedt und Halle-Leipzig – das Mitteldeutsche Revier – und das Lausitzer Revier in der Niederlausitz. Seit 150 Jahren wird sie hier im großen Stil gefördert. An ihren Fördergebieten bildeten sich Industrien wie das Chemiedreieck Bitterfeld. Die DDR war durch Armut an anderen Rohstoffen besonders auf diese fossilen Stoffe angewiesen. Aufgrund der Braunkohleförderung verloren seit 1924 in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier mehr als 80.000 Menschen ihre Heimat. Rund 250 Orte waren davon ganz oder zum Teil betroffen. Diese Industrie fand nach der Wende schlagartig ihr Aus. Nur wenige Standorte blieben übrig. 11.000 Jobs sind hier noch mit der Braunkohle verbunden. Spätestens 2045 werden die letzten Tagbaue ihre Tätigkeit eingestellt haben.
Bis heute sind die Länder mit der Beseitigung der Umweltschäden beschäftigt. Die mit der Vereinigung eintretende Deindustrialisierung erwies sich für die Natur als Glücksfall. Schlagartig fielen viele Quellen der Neu- und Weiterbelastung weg. Vom plötzlichen Emissionsschwund profitierte ganz Deutschland beim Bemühen, Grenzwerte einzuhalten. Renaturierungsprojekte wie das Neuseenland südlich von Leipzig sind heute Plantschbecken der Naherholung, unter denen alle Wunden verschwunden sind. Mancherorts wurden die beschworenen blühenden Landschaften Realität, zumindest im ökologischen Sinne.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.
