WISSENSFENSTER: JUGENDKULTUR IN DER DDR
„Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“
von Jörg Augsburg

„Jugend – die Zukunft des Sozialismus“: Das ist eine immer wieder gehörte Propaganda-Parole der DDR. Nachdem sie sich in den 1960er Jahren vergeblich darum bemüht, westliche Jugendkultur komplett fernzuhalten, macht sie ab den 1970ern deutliche Zugeständnisse. Rockmusik wird offiziell geduldet – natürlich unter strengen Zensur-Bedingungen. Im Verlauf weniger Jahre entwickelt sich ein ganz spezieller „Ostrock“: Die gut ausgebildeten Musiker spielen handwerklich hochklassig und bevorzugen unverfänglich-lyrische Texte, bei denen Kritisches nur ganz leise zwischen den Zeilen steht. Das System der Einstufungen von Bands zementiert den Status Quo bis in die 1980er Jahre. Erst danach bröckelt es.
Am Ende gibt es in der DDR-Musikszene ein Dreiklassensystem: Die voll akzeptierten Ostrockbands alter Schule: Puhdys, City, Karat. Die mehr oder weniger zähneknirschend geduldeten „Anderen Bands“: Die Art, Die Vision, Feeling B. Und einen harten Underground an System-Totalverweigerern, vor allem aus dem Umfeld von Punk: Freygang, Die Firma, L’Attentat. Die Grenzen dazwischen sind fließend. Schließlich kann ein bis dato akzeptierter Musiker schnell mal in Ungnade fallen. Oder man bemüht sich doch um eine Einstufung und macht dafür zum Teil drastische Zugeständnisse in Sachen Texte und Benehmen.
Die verschiedenen Subkultur-Szenen des Westens finden sich im Osten wieder. Allerdings sind auch hier die Grenzen fließend. Metaller, Blueser, Popper, Punks – man schlägt sich und verträgt sich unter dem Druck von oben. Egal, ob man Nietenjacke und Iro, lange Haare und Kutte oder blondierte Tolle und Pluderhosen trägt: Verdächtig ist prinzipiell jeder, der sich um Abgrenzung zum Rest der DDR-Bevölkerung bemüht. Gerade die als besonders „destruktiv“ geltenden Punks stehen allerdings unter besonderer Beobachtung und werden nicht selten schwer drangsaliert und für geringste Vergehen mit harten Strafen belegt.
Auch sonst hat die Szene schwer zu kämpfen. Viele Protagonisten stellen sofort einen Ausreiseantrag, wenn sie volljährig sind. Beliebtes staatliches Mittel gegen missliebige Künstler ist die Einberufung zum Wehrdienst, etliche Bands werden so gesprengt. Exzessive Anwendung findet der „Assi-Paragraph“ – und einer geregelten Tätigkeit gehen gerade in der Musik- und Kunstszene die allerwenigsten nach. Hoch im Kurs stehen deshalb Pseudo-Jobs: Sagenumwoben sind die Tätigkeiten als Friedhofswärter, Bibliothekar in der Deutschen Bibliothek oder Kulissenschieber im Theater. Wer nicht selbst in einer Band spielt, trifft sich zu deren Konzerten in Kirchenkellern, bei Volksfesten auf dem Dorf oder in illegalen Wohnungsclubs.
Aber auch der hartnäckigste Teil der Rebellen ist nie wirklich eine direkte Gefahr für die DDR. Denn die Staatssicherheit weiß genauestens Bescheid. In nahezu allen wichtigen Bands gehört ein „Informeller Mitarbeiter“, ein Stasi-Spitzel, zum innersten Kreis.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”

