WISSENSFENSTER: DER WEG DER MONTAGSDEMONSTRATION AM 9. OKTOBER 1989
von Schwarwel

An diesem Montag, dem 9. Oktober 1989, kommen die Menschen in den frühen Abendstunden von der Straßenbahn-Zentralhaltestelle am Leipziger Hauptbahnhof über die Goethestraße oder aus der Innenstadt vom Friedensgebet in der Nikolaikirche bzw. dem überfüllten Nikolaikirchhof davor über die Grimmaische Straße oder sie kommen ganz von außerhalb des Stadtzentrums, um sich einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen auf dem Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) einzufinden.
„Appell“-Flugblätter mit einem Aufruf zur Gewaltfreiheit machen die Runde, später kommt aus den Lautsprechern des Stadtfunks die Stimme von Kurt Masur, der den „Aufruf der 6“ verliest.
Der Platz ist übervoll und irgendwann bildet sich ein Demonstrationszug, als langsam Menschen beginnen, den Georgiring hinunter in Richtung Wintergarten-Hochhaus mit dem rotierenden Doppel-M der Messestadt auf seinem Dach zu laufen. Von dort gehen sie nach links über den Platz der Republik am Hauptbahnhof vorbei auf den Tröndlinring, wo sich weitere Menschen, zum Beispiel aus anderen Kirchen kommend, anschließen.
Der Zug der Massen läuft weiter in Richtung Konsument-Kaufhaus (heute Höfe am Brühl), hinter dem eine Fußgängerbrücke aus Stahl und Beton die Fahrbahn überquert. „Schließt euch an! Schließt euch an!“ Die Brücke ist voller Menschen, die die unter ihnen Entlanglaufenden betrachten und den Blick bis zurück zum Bahnhof schweifen lassen. Von dort kommen immer weiter Tausende mit Kerzen in der Hand oder den Händen in den Taschen. Ein endlos scheinender Zug.
Unter der Brücke hindurch laufen die Menschen auf den Gördelerring, der in den Dittrichring übergeht: die „Runde Ecke“, wo die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit untergebracht ist. Hier bilden Mitglieder des Neuen Forums eine Menschenkette und bitten die Demonstranten, einfach weiterzugehen. Jeder Anlass zur Eskalation soll vermieden werden.
Der Menschenzug folgt dem Dittrichring zum Martin-Luther-Ring, der um das Neue Rathaus herum zum Wilhem-Leuschner-Platz und weiter zum Roßplatz hinaufführt. Am Ringcafé vorbei beendet der Demonstrationszug seinen Weg zurück am Ausgangspunkt, dem Karl-Marx-Platz. Manche bleiben stehen, andere gehen. Erstmals gelingt es den Menschen, den Ring, der das Leipziger Stadtzentrum umschließt, vollständig zu umrunden. „Ein Sieg der Straße.“ (Björn Menzel)
Statt der 70.000 Demonstranten werden es eine Woche später 120.000 sein und am 23. Oktober etwa 300.000. Die Friedliche Revolution. Auch in Leipzig.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”
Filmbilder aus „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer” von Schwarwel



