ULRIKE MEINHOF
Zwischen Kritik, Protest, Revolution und Terror
von Schwarwel

Ulrike Meinhof gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie war Journalistin, Publizistin, Mutter, politische Aktivistin – und wurde schließlich zu einer der zentralen Figuren der Roten Armee Fraktion (RAF), einer linksextremistischen terroristischen Organisation, die mit Morden, Entführungen, Sprengstoffanschlägen und Banküberfällen die politische Ordnung der Bundesrepublik von den 1970ern bis hinein in die ersten Jahre der deutschen Einheit bekämpfte.
Meinhofs Geschichte erzählt nicht nur von einer Frau, die sich radikalisierte. Sie erzählt auch davon, welche politischen Räume Frauen in den 1960er und 1970er Jahren suchten, wie aus kritischer Berichterstattung und gesellschaftlichem Protest bewaffneter Kampf werden konnte und wie eng die Geschichte der westdeutschen RAF schließlich mit der DDR verbunden war.
Eine Frau, die sich einmischte
Ulrike Meinhof wurde 1934 in Oldenburg geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Wienke unter der Vormundschaft der Historikerin Renate Riemeck auf, einer Studienfreundin und engen Vertrauten ihrer Mutter, die ab 1949 ihre Pflegemutter wurde. Meinhof studierte Publizistik und engagierte sich bereits in jungen Jahren politisch. Sie protestierte gegen die atomare Aufrüstung, gegen den Vietnamkrieg und gegen die Notstandsgesetze. Als Journalistin und später als Chefredakteurin der aus einer Studentenzeitschrift hervorgegangenen Zeitschrift konkret, die bis 1964 durch die DDR finanziell unterstützt wurde, schrieb sie über soziale Ungleichheit, politische Repression und gesellschaftliche Missstände. Auch Fragen zur Rolle der Frau gehörten zu ihren Themen.
Für ihre Zeit war Meinhof eine ungewöhnliche Person: Sie war berufstätig, politisch aktiv und Mutter von Zwillingen. Als alleinerziehende, intellektuell arbeitende Frau bewegte sie sich dabei in einer Gesellschaft, in der traditionelle Geschlechterrollen noch weitgehend als selbstverständlich erachtet wurden. Auch als sich Meinhof mehr und mehr radikalisierte, war sie nicht einfach eine „Frau an der Seite“ männlicher Revolutionäre. Sie entwickelte selbst politische Positionen und wurde später zu einer der theoretischen Stimmen der RAF.
Vom Protest zur Gewalt
Gegen Ende der 1960er Jahre radikalisierte sich Meinhofs politische Haltung zunehmend. Enttäuscht vom Journalismus näherte sie sich den Positionen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin an, die sie 1968 als Journalistin während des Prozesses wegen der Frankfurter Kaufhausbrandstiftungen kennenlernte. Als im Februar 1970 nach einer kurzen Haft Baaders dessen und Ensslins Revisionen und Gnadengesuche abgelehnt wurden und ihnen der Haftantritt drohte, tauchten sie in West-Berlin unter, wo Meinhof sie einige Wochen in ihre Wohnung aufnahm. Im April 1970 wurde Baader erneut verhaftet.
Im Mai 1970 beteiligte sich Meinhof schließlich an der gewaltsamen Befreiung Baaders aus der Haft, was als der eigentliche Gründungsmoment der Rote Armee Fraktion gilt. Bei dieser gewaltsamen Aktion wurden drei Menschen verletzt.
Danach ging Meinhof gemeinsam mit Baader, Ensslin und weiteren Unterstützern in den Untergrund. Aus ihrer zunächst politischen und gesellschaftskritischen Haltung wurde bewaffneter Kampf. 1971 verfasste Meinhof das programmatische „Konzept Stadtguerilla“, das die Strategie der RAF theoretisch begründete. Die Gruppe verstand sich als eine revolutionäre Organisation und erklärte den Kampf gegen den Staat zu ihrem politischen Auftrag.
Damit vollzog sich bei Meinhof ein fundamentaler Bruch: Aus der Journalistin, die gesellschaftliche Zustände aufdeckte und kritisierte, wurde eine Akteurin einer Organisation, die Gewalt als politisches Mittel einsetzte. Die RAF verübte in den folgenden Jahren zahlreiche Anschläge. Bei den Taten der RAF kamen zwischen 1971 und 1993 insgesamt 34 Menschen ums Leben und über 200 wurden verletzt – darunter Polizisten, Soldaten, Begleitpersonen und prominente Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik.
Frauen in der RAF
Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und später Brigitte Mohnhaupt gehörten zu den zentralen Figuren der RAF. Frauen übernahmen innerhalb dieser Organisation nicht lediglich unterstützende Aufgaben. Sie waren in Planung, Theorie, Logistik und Durchführung involviert. So wurde Brigitte Mohnhaupt nach ihrer Haftentlassung 1977 neben Christian Klar zu einer der führenden Figuren der zweiten RAF-Generation.
Das widerspricht einem verbreiteten Bild von Frauen in politischen Gewaltbewegungen: Frauen sind nicht nur Mitläuferinnen, Betroffene oder Helferinnen männlicher Täter. Dabei verstanden sich die Frauen der RAF selbst offenbar gar nicht primär als Frauen, die einen feministischen Befreiungskampf führten. Die frühere RAF-Aktivistin Inge Viett erklärte später, in der Illegalität habe für sie das Geschlechterverhältnis keine entscheidende Rolle gespielt. Die Beteiligten verstanden sich vielmehr als Revolutionärinnen und Revolutionäre. Während die Frauenbewegungen, Frauenrechtlerinnen und Feministinnen in dieser Zeit nach Selbstbestimmung, körperlicher Autonomie und neuen Formen des Zusammenlebens suchten, entschieden sich hier einige Frauen für eine politische Organisation, in der eine Befreiung der Gesellschaft über den bewaffneten Kampf gedacht wurde.
Die DDR als möglicher Zufluchtsort
Für die RAF war die DDR kein ideologischer Gegner wie die Bundesrepublik. Im Gegenteil: Teile der RAF hofften auf Unterstützung durch den sozialistischen Staat.
Im August 1970 versuchte Ulrike Meinhof unter falschem Namen, in Ost-Berlin mit führenden Funktionären der SED Kontakt aufzunehmen. Sie wollte ausloten, ob die DDR als politischer Rückzugsraum für den bewaffneten Kampf in West-Berlin infrage kommen könnte. Die Staatssicherheit ließ sie jedoch nicht einreisen und stellte eine Bildfahndung nach ihr an. Das Verhältnis war also zunächst keineswegs von Vertrauen geprägt.
Gleichzeitig ließ die DDR bereits 1970 RAF-Mitglieder, darunter Baader, Ensslin, Meinhof und Horst Mahler, über den Flughafen Berlin-Schönefeld in den Nahen Osten reisen, wo diese sich in palästinensischen Trainingscamps militärisch ausbilden ließen. SED-Kader und das Ministerium für Staatssicherheit wussten davon und ermöglichten entsprechende Reisen. Später wurde die Verbindung sogar noch enger.
Die „RAF-Stasi-Connection“
Für die Geschichte der Frauen in der RAF ist Inge Viett besonders wichtig. Sie gehörte zunächst zur Bewegung 2. Juni und später zur RAF. Über ihre Kontakte entstand Ende der 1970er-Jahre eine intensivere Zusammenarbeit mit dem MfS.
In den 1980er Jahren bot die Staatssicherheit zehn gesuchten RAF-Mitgliedern unter falschen Identitäten Schutz in der DDR. Inge Viett spielte eine wichtige Rolle bei der Vermittlung dieser Übersiedlungen. Andere RAF-Mitglieder wurden dort durch das MfS militärisch ausgebildet. Somit gewährte ein Staat, der sich selbst als antifaschistisch und friedliebend verstand, sowohl bundes- als auch weltweit gesuchten Mitgliedern einer terroristischen Organisation Schutz und unterstützte Teile ihrer Infrastruktur.
Die RAF wiederum konnte die DDR als „strategisches Hinterland“ nutzen, ohne dass die dort lebenden Menschen von dieser Zusammenarbeit wussten. Die unter falschen Identitäten lebenden RAF-Mitglieder lebten und arbeiteten ganz normal, gründeten Familien und führten ein scheinbar unauffälliges Leben. Erst nach dem Ende der DDR wurden sie enttarnt.
Was hat das mit Frauen zu tun?
Sehr viel. Die Geschichte der RAF zeigt, dass Frauen auch dort politische Macht und Handlungsmacht entwickeln können, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinhin von Männern geprägt wurden. Meinhof, Ensslin, Mohnhaupt und Viett waren keine Randfiguren in der Geschichte der RAF. Sie waren Akteurinnen.
Frauen dürfen nicht nur dort sichtbar gemacht werden, wo sie Betroffene sind, Widerstand leisten oder für Emanzipation einstehen. Frauen können ebenso politische Gewalt oder Terror ausüben, extremistische Ideologien vertreten oder schädliche Entscheidungen für sich und andere treffen. Und sie können für deren Folgen in der Verantwortung stehen.
Ulrike Meinhofs Geschichte ist kein Heldinnenepos und sie ist nicht die Geschichte einer „verführten“ Frau. Die politische Entwicklung, die zu ihrer Mitbegründung der RAF führte, war ihre eigene Entscheidung innerhalb eines historischen Umfelds, das diese Radikalisierung mitprägte – was sie nicht aus ihrer Verantwortung entlässt.
Revolutionärin, Täterin, Gefangene und Mutter
Eine weitere Ebene bildet Meinhofs Rolle als alleinerziehende Mutter. Sie hatte zwei Töchter. Als sie in den Untergrund ging, wurden ihre Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und mussten von da an bei anderen Menschen leben. Meinhofs politischer Weg bedeutete deshalb nicht nur eine radikale Veränderung ihres eigenen Lebens, sondern auch massive Konsequenzen für ihre Familie.
Nach ihrer Festnahme 1972 wurde Meinhof inhaftiert und später gemeinsam mit anderen RAF-Mitgliedern (Baader, Ensslin, Jan-Carl Raspe und Holger Meins, welcher vor Prozessbeginn im Hungerstreik verstarb) im Stammheim-Prozess angeklagt. Ihnen wurde unter anderem vierfacher Mord und versuchter Mord in 54 Fällen im Rahmen der sogenannten Mai-Offensive 1972 vorgeworfen.
Der Prozess selbst war von Konflikten, Unterbrechungen, Hungerstreiks der Angeklagten, scharfen Auseinandersetzungen zwischen Verteidigung und Gericht sowie einer Änderung der Strafprozessordnung geprägt.
Noch während des Prozessverlaufes wurde Meinhof tot in ihrer Zelle aufgefunden. Als Todesursache wurde in einer ersten Obduktion „Strangulation ohne Fremdeinwirkung“ festgestellt. Eine zweite Obduktion auf Antrag von Meinhofs Schwester bestätigte die Todesursache durch Strangulation: „Nach den bisher vorliegenden Untersuchungsbefunden besteht kein Anhalt für Fremdeinwirkung“.
Um die Frage, wie es zu diesem Suizid kam, entwickelten sich später zahlreiche Spekulationen. Historisch gesichert ist, dass Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim starb. Sie wurde 41 Jahre alt.
