MEINE GESCHICHTE – MEINE FAMILIE
von Heidrun Strauß

Geboren und aufgewachsen bin ich Ende der fünfziger Jahre als Einzelkind in einem kleinen Ort im Leipziger Umland. Meine Eltern lebten mit mir und meinen Großeltern mütterlicherseits zusammen auf deren Bauernhof. Ich verlebte eine glückliche Kindheit, obwohl es immer sehr viel Arbeit gab. Umso mehr habe ich die Wintermonate geliebt, weil da nur die Tiere zu versorgen waren und ansonsten Zeit für das Zusammensein blieb. Wir saßen gemeinsam am Küchentisch in der großen Bauernküche und besonders meine Großeltern erzählten von früher. Das habe ich geliebt.
Meine Großeltern stammten aus dem Sudetenland (heute Tschechische Republik) und wurden 1945 von dort vertrieben. Mein Opa (*1902) war der Dorfschmied und im Ort anerkannt, meine Oma (*1905) kümmerte sich um die kleine Landwirtschaft und die drei gemeinsamen Kinder Gisela, *1926, Franz, *1927, und meine Mutti Ilse, *1934. Meine Oma erzählte mir sehr oft, dass sie gern in die Schule ging, eine Klasse übersprang, weil sie so klug war, und auf die höhere Mädchenschule gehen sollte und auch wollte. Leider verstarb ihr Vater, als sie zehn oder elf Jahre alt war, und die Mutter meiner Oma, meine Urgroßmutter, stand plötzlich als Witwe mit vier kleinen Kindern alleine da. Meine Oma konnte die Schule daher nur notdürftig zu Ende bringen. Es wurde also nichts mit der höheren Mädchenschule – zum einen, weil das Geld dafür nun fehlte, und zum anderen, weil sich meine Oma zusammen mit ihrer Mutter um das Haus, die kleine Landwirtschaft und ihre jüngeren Geschwister kümmern musste. Sie hat dann jung meinen Opa geheiratet, ist zu ihm in dessen Elternhaus gezogen und bekam selbst drei Kinder. Zeit für eine weiterführende Schule oder eine Ausbildung blieb da leider keine mehr. Meine Oma hat das immer sehr bedauert und meine Großeltern wollten immer, dass ihre drei Kinder die Schule absolvieren und eine Ausbildung machen.
Sehr zum Leidwesen meiner Oma hatte meine Mutti nicht so das große Interesse am Lernen. Anders mein Onkel Franz – auch er war sehr klug, machte nach dem Krieg eine Ausbildung zum Neulehrer und wurde Oberstudienrat. Meine Großeltern waren sehr stolz auf ihn und hatten sich immer gewünscht, dass die beiden Töchter es ihm gleichtun würden, was leider nicht so war. Tochter Gisela machte eine Ausbildung an einer Hauswirtschaftsschule in Eger (Cheb), die sie wegen des Ausbruchs des 2. Weltkrieges und der Vertreibung aus dem Sudetenland jedoch nicht beenden konnte. Später hat auch sie keine weitere Ausbildung absolviert. Sie hat sehr früh geheiratet, bekam zwei Töchter und ihr Mann hielt Schule und Ausbildung für überflüssig – auch für seine Töchter.
Ganz anders war da die Auffassung von meinem Vati. Meine Mutti absolvierte erst einmal auf Wunsch ihrer Eltern eine landwirtschaftliche Berufsschule und arbeitete auf dem elterlichen Bauernhof unentgeltlich mit. Meine Großeltern sind nach ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland in der Nähe von Grimma sesshaft geworden, mein Opa betrieb die Dorfschmiede und zusammen mit meiner Oma einen Bauernhof. Mein Vati drängte meine Mutti nach der Hochzeit, eine weitere Ausbildung zu machen, was sie dann auch tat. Im Ort gab es eine größere Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) und wer wollte, konnte dort eine Ausbildung zum Rinderzüchter bzw. zur Rinderzüchterin machen, was meine Mutti auch tat. Später, nachdem meine Großeltern in die LPG Typ I eingetreten waren, suchte sich meine Mutti eine Stelle bei der Post und machte dort auch noch ihren Facharbeiterabschluss.
Von einem schrecklichen Erlebnis erzählten meine Großeltern immer wieder. Während des Krieges kamen russische Soldaten auf den Hof meiner Großeltern im Sudetenland. Die Familie musste nach oben in die Wohnung, nur mein Opa sollte im Stall bleiben. Die Soldaten schlachteten ein Schwein. Damit mein Opa dagegen nicht vorgehen konnte (die Familie hatte selbst nicht mehr viel zu essen), haben sie ihn an die Wand gestellt und mit einem Gewehr bedroht. Meine Oma hatte sich in die Nähe des Stalles geschlichen und durch ein Astloch in der Brettertür geschaut. Als sie gesehen hat, dass ihr Mann von einem Soldaten bedroht wurde, hat sie einen Herzanfall erlitten und ist in Ohnmacht gefallen. Der ukrainische Knecht, der mit bei meinen Großeltern auf dem Hof lebte, bekam das Geschehen mit und brachte meine Oma ganz schnell nach oben in die Obhut ihrer Schwiegermutter, der 19-jährigen Tochter und der polnischen Magd. Vermutlich hat er ihr damit das Leben gerettet. Die Soldaten verschwanden irgendwann mit dem Schweinefleisch und ließen meinen Opa zum Glück unverletzt zurück.
Auch später, als ich älter war, wurde offen darüber gesprochen, dass die jungen Mädchen im Dorf während des Krieges einer großen Gefahr ausgesetzt waren: Es ging um Vergewaltigungen und Verschleppungen. Jeden Abend wurden deshalb die jungen Mädchen, darunter auch meine Tante Gisela, an sicheren Orten versteckt und durften erst am nächsten Tag wieder nach Hause. Die Mädchen und ihre Eltern lebten in ständiger Angst vor Soldaten, wobei egal war, ob es russische, tschechische oder deutsche waren.
Die Vertreibung aus dem Heimatort war für die ganze Familie ein traumatisches Erlebnis und ich bin heute sehr froh, dass meine Großeltern über das eine oder andere Erlebte auch mit mir gesprochen haben. Meine Mutti war damals elf Jahre alt, sie wollte nie so richtig über das Erlebte während des 2. Weltkrieges sprechen und hat immer gesagt: „Ich war ja erst elf Jahre alt und habe vieles gar nicht mitbekommen.“ Zum Glück war sie nie von ihren Eltern getrennt, und mein Opa, der ihren „Flüchtlingstreck“ als einer der wenigen Männer anführte, hat jederzeit seine schützende Hand über seine Familie und auch die vielen anderen Menschen gehalten und gefährliche Situationen sind immer glimpflich ausgegangen.
Ich verlebte eine glückliche und völlig unspektakuläre Kindheit – mit drei Jahren bin ich in den Kindergarten gekommen, vorher hat mich meine Mutti zu Hause betreut. Sie hat oft erzählt, dass ich im Kinderwagen liegend mit in den Stall oder mit aufs Feld genommen wurde. Irgendjemand hat sich immer um mich gekümmert, irgendwie war ja immer jemand da. Später dann, während der Schulzeit, bin ich stundenweise in den Hort gegangen. An landwirtschaftlicher Tätigkeit hatte ich Null Interesse. Ich wollte weder im Stall noch auf dem Feld mithelfen, das hat mich einfach nicht interessiert. Meine Eltern haben mich auch nie dazu gezwungen, obwohl ich kleinere Tätigkeiten mit verrichten musste – dann eben in der Küche oder im Garten. Meine Mutti hatte auch ihre kleinen „Tricks“, damit ich doch mal mit auf’s Feld zum Mitarbeiten gekommen bin. Sie sagte dann beispielsweise: „Wir gehen zusammen auf’s Feld, hacken nebeneinander Rüben und können so richtig schwatzen, ohne dass uns jemand stört.“ Da bin ich dann doch mitgegangen. Ich wurde von meinen Eltern und Großeltern nie in Watte gepackt, indem ich nur sogenannte Mädchentätigkeiten verrichten durfte oder sollte. Mein Opa hat mich z. B. Traktor fahren lassen oder ich durfte unter seiner Anleitung das Pferdegespann führen. Ich durfte machen, was ich am liebsten tun wollte, aber mithelfen musste ich schon.
Bis zur 8. Klasse bin ich auf die Polytechnische Oberschule (POS) in unserem Ort gegangen. Das Lernen hat mir Spaß gemacht und ich hatte sehr gute Noten. Meine Eltern freuten sich darüber und haben mich immer unterstützt und getröstet, auch als ich die erste schlechte Zensur in der achten Klasse bekommen habe. Ab der neunten Klasse bin ich dann in Grimma auf die Erweiterte Oberschule (EOS) mit Internatsunterbringung gegangen. Dort hatte ich riesige Eingewöhnungsprobleme, zehn Mädchen in einem Wohnraum, acht in einem Schlafraum. Man war nie allein, ich fand das als wohlbehütetes Einzelkind ganz, ganz schrecklich. Meine Noten verschlechterten sich und meine Mutti wollte mich nach Abschluss der zehnten Klasse aus der Schule nehmen. Mein Vati war strikt dagegen, denn er war der festen Auffassung, dass ich das Abi schaffe – heute bin ich dankbar, dass er so fest an mich geglaubt hat. Damals fiel mir das alles recht schwer, aber ich habe es geschafft und mein Abitur mit „Gut“ bestanden.
In der elften Klasse stand mein Berufswunsch fest. Ich wollte zum Zoll, wahrscheinlich beeinflusst durch die Fernfahrertätigkeit (auch ins Ausland) von meinem Vati. Voraussetzung für eine Zolltätigkeit war eine abgeschlossene Berufsausbildung, egal in welchem Beruf. Das hatte und wollte ich aber nicht, also wurde aus diesem Berufswunsch nichts. Ich habe schon immer gern und viel gelesen und so fasste ich ein Studium Fachrichtung Bibliothekswesen ins Auge, entschied mich dann aber doch für ein Studium der Außenwirtschaft in Berlin. So richtig konnte ich mir zwar nicht vorstellen, was ich einmal beruflich tun würde, aber ich dachte mir, das hat bestimmt was mit „um die Welt reisen“ zu tun und der Gedanke gefiel mir. Als ich mein Studium antrat, war ich sehr verwundert. In meiner Seminargruppe gab es nur drei männliche Mitstudierende und mehr als 20 weibliche Studierende. Vorher, in meiner Abiturklasse war das Verhältnis von Schülerinnen und Schülern etwa 50:50. Auch in den anderen Seminargruppen, ganz gleich welches Studienjahr, überwogen die Studentinnen ganz gravierend und auch der Lehrkörper bestand überwiegend aus Frauen.
Als ich nach dem Studium an den Aussenhandelsbetrieb Interpelz in Leipzig vermittelt wurde, war ich also nicht sonderlich erstaunt, dass der überwiegende Teil weibliche Mitarbeitende waren. Es gab sehr viele Kontor-, Abteilungs- und Gruppenleiterinnen – also die mittlere und höhere Führungsebene. Allerdings waren der Generaldirektor, der Parteisekretär, der Betriebsgewerkschaftsleiter und die an den Botschaften weltweit tätigen „Beauftragten des Generaldirektors“ durchweg Männer. Ich habe nie hinterfragt, warum die absolut entscheidenden Stellen von Männern (meist im fortgeschrittenen Alter – also Ü50) besetzt waren, ich habe das einfach als gegeben hingenommen. Anders war es bei den Reisekadern, also bei den Mitarbeitenden, die ins Ausland reisten (auch in das sog. „Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW)“), um Verträge abzuschließen und Akquise zu betreiben. Hier gab es in den Achtzigern genauso viele männliche wie weibliche Reisekader, auch in Länder wie die Bundesrepublik, Frankreich, Österreich, Schweden …
Auch ich sollte Reisekader werden und als Exportkaufmann Verträge im westlichen Ausland zum Verkauf von Hausschuhen, Kunstleder oder Rauchwaren abschließen. Offensichtlich erfüllte ich sämtliche Voraussetzungen, die dafür erforderlich waren – gute Ausbildung, verheiratet, kleines Kind, neu gebautes Haus und was weiß ich sonst noch. Ich habe nicht lange überlegt und diese Tätigkeit abgelehnt. Ich wollte das zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, vielleicht später einmal. Ich wollte damals unsere kleine Tochter betreuen, mit ihr täglich zusammen sein, sie aufwachsen sehen und nicht ständig in der Weltgeschichte herumreisen. Obwohl es ja eigentlich genau das war, was ich tun wollte, als ich mich für ein Außenwirtschaftsstudium entschieden hatte. Damals war das für mich kein Widerspruch, die Gegebenheiten hatten sich halt geändert. Doch niemand meiner damaligen Kolleginnen und Kollegen konnte oder wollte die Entscheidung verstehen, dass ich eben nicht ins Ausland reisen wollte. Man lehnte Anfang der 1980er Jahre eine Tätigkeit als NSW-Reisekader nicht ab – aus welchen Gründen auch immer. Das war eine einmalige Chance, die Welt zu sehen. Punkt. Um Diskussionen oder weiteren Nachfragen aus dem Weg zu gehen, trat ich die Flucht nach vorn an und begann 1983 eine Tätigkeit in der Ökonomie des VEB Sachsenpelz Naunhof. Das war mit meiner Arbeit bei Interpelz überhaupt nicht zu vergleichen und sonderlich viel Spaß machte es mir auch nicht, aber das war mir egal. Hauptsache, ich konnte mit unserer Tochter zusammen sein. Meine Eltern, insbesondere mein Vati, haben meine alleinige Entscheidung, von einer interessanten Tätigkeit im Außenhandelsbetrieb Interpelz zu einem Produktionsbetrieb in der Provinz zu wechseln, nie verstanden. Aber so richtig darüber gesprochen oder es ausdiskutiert haben wir auch nicht.
Ein halbes Jahr später wurde dann mein Mann „NSW-Reisekader“ und bereiste als Fernfahrer viele europäische Länder, in die ich eigentlich auch fahren sollte. Für mich war das alles überhaupt kein Problem oder ein Widerspruch. Ich dachte damals: „Wenn ich nicht die große weite Welt bereisen kann, warum soll er das dann nicht machen?“ Ich habe meine Entscheidung nie bereut und würde es wahrscheinlich wieder so machen, obwohl ich aus heutiger Sicht denke, dass das eben die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war. Andererseits waren wir nicht die typische Familie, in der der Mann der Hauptverdiener, mit einem höheren Schul- oder Studienabschluss als die Frau ist. Ich habe Abitur und einen Studienabschluss, mein Mann hat zwei Facharbeiterabschlüsse als Maurer und Berufskraftfahrer. Für uns war das nie ein Problem, auch für meine Eltern nicht.
Ganz anders sah das jedoch die Familie meines Mannes. Seine Mutter war der Auffassung, dass wir überhaupt nicht zusammen passten: Ich bin Einzelkind mit Abi und Studium, er ist das vierte von insgesamt sechs Kindern und „nur“ Facharbeiter. Sie hatte auch schon eine „passende“ Frau für ihren Sohn ausgesucht, doch mein Mann hat sich davon überhaupt nicht beeinflussen lassen. Also haben wir 1978 geheiratet und kurz darauf kam unser Töchterchen zur Welt. Der Zeitpunkt war nicht sonderlich gut gewählt, mein Mann hat an unserem Häuschen gebaut und ich habe weiterstudiert, einen Abschluss gemacht und zusammen mit unserer Tochter bei meinen Eltern gewohnt, die uns in jeder nur erdenklichen Weise unterstützt haben. Große Unterstützung bekam ich auch von meiner damaligen Studieneinrichtung. Für mich wurde ein extra zusammengefasster Studienplan erstellt und ich konnte, obwohl ich zwanzig Wochen nach der Geburt unserer Tochter zu Hause und teilweise freigestellt war, zusammen mit den anderen Studierenden den Abschluss machen. Es war eine sehr intensive und oft auch harte Zeit, aber ich möchte sie nicht missen und ich bin stolz auf meine Familie und mich.
Bis zum Mauerfall war ich in Vollzeit bei Sachsenpelz tätig. Die Arbeit lastete mich nicht sonderlich aus, doch sie wurde zumindest ein wenig interessanter, als ich in die Absatzabteilung wechselte, in der ich dann bis zum absehbaren Ende von Sachsenpelz gearbeitet habe. Ein westdeutscher vormaliger Kunde des Betriebes kaufte 1990 das Unternehmen, doch es dauerte nicht allzu lange, bis es abgewickelt wurde und die gesamte Belegschaft ihre Arbeit verlor. Bis dahin war Sachsenpelz neben der Baumwollspinnerei und dem Betonwerk einer der größten Arbeitgeber der Region. Doch bevor das Aus für das Unternehmen kam, habe ich selbst gekündigt und damit auf eine Abfindung verzichtet, da ich mich stattdessen beim Finanzamt beworben und eine Zusage erhalten hatte.
Unser Leben in der DDR war nicht so trist, wie es mitunter dargestellt wird. Wir haben in sehr jungen Jahren ein Haus gebaut mit einem vergleichsweise sehr niedrigen Kredit, den wir Anfang der Neunzigerjahre zurückgezahlt haben. Wir haben unseren Alltag gelebt, waren am Wochenende mit Freunden im Klubhaus tanzen oder haben zusammen gefeiert. Natürlich haben wir gemerkt, dass irgendetwas mit dem System nicht stimmt. Und ich fühlte mich als Frau eines „Westfahrers“ immerzu beobachtet. Zu meinem Mann sagte ich deshalb: „Wenn ich irgendetwas falsch mache, dann weißt du es, bevor du nach Hause kommst.“ Dieses Gefühl wurde auch dadurch bestätigt, dass Menschen aus unserem nahen Umfeld plötzlich und unangemeldet abends bei mir vor der Tür standen und sich nach meinem Befinden erkundigten. Ich hatte da immer ein komisches, für mich nicht so richtig greifbares ungutes Gefühl. Wir wussten ja, dass Frauen von „NSW-Fernfahrern“ unter ständiger Beobachtung durch die Stasi und ihre inoffiziellen Mitarbeiter standen. Dennoch wollte ich meine Stasi-Akte nie einsehen. Warum, kann ich gar nicht so richtig sagen. Vielleicht hatte ich Angst, darin etwas zu finden, was mir sehr weh tun würde. Heute überlege ich tatsächlich, ob ich nicht doch einen Antrag auf Akteneinsicht stellen sollte. Ganz einfach aus dem Grund, ob sich meine Vermutungen hinsichtlich der Bespitzelungen vielleicht bestätigen.
Nach dem Aus bei Sachsenpelz begann ich im Juni 1991 eine Tätigkeit beim Finanzamt in Grimma, was für mich ein absoluter Glückstreffer war, denn unsere Tochter wurde gleichzeitig im Auswahlverfahren am Gymnasium in Grimma angenommen. Anfangs freute ich mich riesig, dass sie in derselben Schule wie ich lernen und das Abitur machen konnte. Sie wurde teilweise von denselben Lehrkräften wie ich damals unterrichtet. Jedoch gingen unsere Meinungen über diese Lehrer weit auseinander. Schließlich war ich froh, dass manche wenig später in den Ruhestand traten. Ich hatte immer ein sehr eigenartiges und beklemmendes Gefühl, wenn ich die Schule – jetzt als Mutti – betreten habe. Irgendwie fühlte ich mich in den altehrwürdigen Mauern dieser Schule immer eingeengt, besonders als Schülerin mit nicht dem allerbesten Notendurchschnitt. In diesem Jahr habe ich 50-jähriges Schuljubiläum und ich bin sehr gespannt, wie der geplante Rundgang durch die Penne auf mich wirkt.
Bis zu meinem Ruhestand war Ich war fast 30 Jahre in der Finanzverwaltung des Freistaates Sachsen tätig, wurde im sogenannten gehobenen Dienst verbeamtet und habe, wie man so schön sagt, Karriere gemacht. Eingestellt wurde ich im Juni 1991 als 1. Mitarbeiter und verabschiedet im Oktober 2020 als Sachgebietsleiterin mit dem Dienstgrad Regierungsrätin.
Anfang der 1990er Jahre unterstützten uns Berater aus Partnerfinanzämtern der alten Bundesländer, um uns „Neueinsteigern“ das bundesdeutsche Steuerrecht beizubringen. Ich habe an viele der Berater – meist waren es männliche Kollegen – nicht so die allerbeste Erinnerung. Sie kamen Montagmittag (in aller Ruhe) im Amt an und verließen es meist am frühen Donnerstag wieder, um nach Hause zu fliegen. Für ihre Tätigkeit in den Ämtern bekamen sie eine hohe Zulage, die sogenannte „Buschzulage“. Ich fand und finde das Wort damals und heute diskriminierend und schlicht als Unverschämtheit gegenüber den ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen. Die westdeutschen Kollegen begegneten uns auch eher weniger auf Augenhöhe und ich hatte immer wieder das Gefühl, von ihnen nicht so richtig ernst genommen zu werden. Das hat sich dann, zumindest bei mir, mit zunehmendem Wissen geändert.
In den Ämtern gab es anfangs überwiegend weibliche Mitarbeitende, die von den Räten des Kreises übernommen wurden oder auch (wie ich) aus anderen Betrieben eingestellt wurden. Jedoch waren die Führungspositionen zu dieser Zeit fast ausschließlich von Männern aus den alten Bundesländern besetzt. Das hat sich erst später geändert. In den Nullerjahren bestand die obere Führungsebene der beiden Finanzämter, in denen ich tätig war, jeweils etwa zur Hälfte aus männlichen und weiblichen Führungskräften. Jedoch waren und sind die Amtsleiter weiterhin überwiegend Männer.
Eine Episode ist mir aus den frühen 1990er Jahren in Erinnerung geblieben. Zusammen mit drei weiteren Kolleginnen saß ich einem älteren Steuerberater aus den alten Bundesländern gegenüber, der sichtlich „angesäuert“ darauf reagierte, dass kein männlicher Finanzamtsmitarbeiter in Führungsposition an der Besprechung teilnahm. Sinngemäß meinte er, dass er in seinen vielen Berufsjahren noch nie mit so vielen weiblichen Mitarbeitenden, auch in Führungspositionen, habe zusammenarbeiten müssen, daran könne er sich nach wie vor nicht gewöhnen.
