SOZIALISTISCHES GESUNDHEITSWESEN MIT FACHARZT-LENKUNG

Arbeiterkind vor Akademikerkind

von Renate Meitsch

Panel aus der Graphic Novel „Gevatter” © Schwarwel und Glücklicher Montag

Wenn ich über das Arztsein in der DDR berichte, ist das natürlich subjektiv. Ich weiß aus eigenem Erleben nur, wie es im Krankenhaus angestellten Ärzten erging. Über die Probleme der Poliklinikärzte und wenigen privaten Arztpraxen habe ich kaum Kenntnisse.

Als meine Eltern nach der Flucht aus Ostpreußen am Kriegsende 1945 in Thüringen strandeten, bestand großer Ärztemangel, sodass mein Vater rasch eine allgemeinärztliche Praxis eröffnen konnte. Diese lief gut, zumal meine Mutter in Königsberg (heute Kaliningrad) schon zwei Jahre lang ein Medizinstudium absolviert hatte und als Sprechstundenhilfe fungieren konnte bzw. musste. Nach unserem Umzug nach Leipzig arbeitete mein Vater an der Universität Leipzig und später in einer Poliklinik. Als Kinder hatten wir nie den Eindruck, dass es berufliche Probleme gäbe. 

Meine Mutter, die nie den Wunsch aufgegeben hatte, Ärztin zu werden, zu arbeiten und unabhängig zu sein, bewarb sich an der Uni und durfte ihr Medizinstudium ab 1955 auch als 33-Jährige noch fortsetzen. Und sie konnte dies in der DDR tun, ohne wie in Westdeutschland die Erlaubnis des Ehemannes vorzulegen – mein erzkonservativer Vater hätte niemals seine Zustimmung gegeben. Meiner willensstarken und hochmotivierten Mutter ermöglichte eine hochqualifizierte Arbeit die Ehescheidung und Unabhängigkeit als Alleinerziehende von drei Töchtern. Aber nur mit extrem viel Fleiß, Hartnäckigkeit und Können gelang es ihr, auch in eine leitende Position aufzusteigen. Die Chefetagen gehörten in der frühen bis mittleren DDR noch den Männern.

Es bestand in den 1960/1970ern weiterhin Ärztemangel, da viele Mediziner nach Westdeutschland gingen: Es lockten höherer Verdienst, besseres Ansehen, modernere Behandlungsmöglichkeiten und freie Auswahl des Tätigkeitsfeldes.

Als ich vom begonnenen Sport- zum Medizinstudium wechseln wollte, gelang dies jedoch nur, weil ich Bestnoten hatte und meine ehemaligen Lehrer sich einsetzten, denn es galt Quoten einzuhalten: Arbeiterkinder wurden bevorzugt vor Akademikerkindern immatrikuliert, unabhängig von Eignung und Zeugnissen, das Geschlecht spielte keine Rolle. Ich erhielt kein Stipendium, da ich aus einer „Intelligenzlerfamilie“ kam. Trotzdem hörte ich oft von „politisch Engagierten“, dass ich auf Kosten des Staates studiere. Als ich während des Studiums zwei Kinder bekam und nicht pausieren wollte, musste ich die Tageskrippenplätze beharrlich erkämpfen und eine „Streberin“ werden, um ein Leistungsstipendium zu erhalten. Als mein Mann 25-jährig zur Armee eingezogen wurde, stapfte ich zum Sozialamt. Da war nichts von großartiger Frauenförderung zu spüren.

Die Facharztausbildung konnte man nicht frei wählen, die Absolventen wurden „gelenkt“ nach dem Bedarf des sozialistischen Gesundheitswesens. So landete ich nicht in der erwünschten Sportmedizin, sondern im Röntgeninstitut, später in der Strahlentherapie und Onkologie. Mein Vorstellungsgespräch im Röntgeninstitut wäre heute ein #metoo-Erlebnis und in der Dunkelkammer war auch viel los – Begrapschen der Assistentinnen ohne deren Einverständnis galt unter manchen älteren Ärzten als normal.

Gleichberechtigung der Frauen – hochgepriesen in der DDR – war im Gehalt gegeben, im Arbeitsalltag dominierten bis in die 1980er noch deutlich Männer die leitenden Positionen. Standesdünkel gab es in meiner Generation jedoch wenig. Wir fühlten uns gleich.

Politisch ließ man die Ärzteschaft weitgehend in Ruhe, da weitere Abwanderungen durch Flucht in den Westen befürchtet wurden. Meine Chefärzte standen dem Regime kritisch gegenüber und äußerten dies auch frei. Ansonsten schwieg man und half sich. Es gab nur zwei Parteimitglieder in unserer Abteilung. Wer war wohl von der Stasi beauftragt? Jedenfalls gab mir mein Chef heimlich Bescheid, nachdem sich zwei Graumäntel nach mir erkundigt hatten.

Absurde Entwicklungen ergaben sich im sozialistischen Gesundheitswesen aus der Mangelwirtschaft: Die „Zahlungsmittel“ der Ärzteschaft für „Bückware“, Handwerker-Schwarzarbeit und Mangelartikel wurden großzügige Verordnungen von Erholungskuren und kostenfreien, aber rezeptpflichtigen Rezepten. Am begehrtesten waren die Gefälligkeitskrankschreibungen: Da wurde dann fleißig im Garten gearbeitet, an der Wohnungseinrichtung gebastelt oder der Frühjahrsputz erledigt. Manche Bürger glaubten fast, einen Anspruch auf das „Kasse machen“ zu haben (sechs Wochen pro Jahr Krankschreibung bei vollem Lohn).

Dem allgemeinen Personalmangel begegneten wir in unserer Klinik, indem wir Ärztinnen bei Schwesternmangel diese Tätigkeiten selbstverständlich mit übernahmen. Bei Mangel an qualifizierten Schreibkräften tippten wir in unbezahlten Überstunden an selbst organisierten Schreibmaschinen unsere Befunde, wegen Mangel an Reinigungskräften säuberten wir unsere Kellerzimmer und Toiletten ohne Murren. Hilfe von der Personalabteilung war nicht zu erwarten trotz ständiger Anfragen. 

Ein ganz anderes Problem des Mangels erlebte ich mit hochwirksamen Importmedikamenten, die nicht regelmäßig zur Verfügung standen und behördlich beantragt werden mussten. Ich hatte ein krebswirksames Mittel mengenmäßig für zwei Patienten, aber drei Kranke benötigten es. Wie sollte man da entscheiden? Also riet ich der ältesten Patientin, die als Rentnerin in die BRD reisen durfte, sich dort das Medikament über Verwandte zu besorgen – solche Aktionen waren natürlich streng verboten, doch niemand verriet mich.

Mit der allgemeinen Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung stieg in den 1980ern auch die Zahl der Flucht von Ärzt:innen in die BRD trotz Mauer wieder an. Bewerber für ein Medizinstudium mit guten Abiturnoten waren gern gesehen, man schaute jetzt mehr auf Eignung als auf Herkunft aus Arbeiterfamilien.

In dritter Generation entschloss sich auch unsere Tochter zum Medizinstudium, das sie in der DDR begann – und im wiedervereinten Deutschland beendete. Sie konnte ihre Praktika selbst aussuchen, Auslandserfahrungen in Ghana, Großbritannien und Kanada sammeln, hatte freie Facharztwahl und konnte mit Fleiß und viel Eigeninitiative ihre eigene Vorstellung vom Arztsein verwirklichen – inzwischen sogar in ihrer eigenen Praxis.

Heute gibt es viele Ärztehäuser in Deutschland, die das Positive der DDR-Polikliniken („Alles unter einem Dach“) wieder aufnehmen, nachdem diese Kliniken nach der Wiedervereinigung zuerst eilig zerschlagen wurden. Es scheint also nicht alles schlecht gewesen zu sein.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”

Seite 16 aus der Graphic Novel „Gevatter” von Schwarwel, Glücklicher Montag