DIE MAUER FIEL – MANCHE GRENZEN BLIEBEN

Interview mit kahweh und Christian Kümmel

von Sandra Strauß

Foto: privat

Sandra: Ihr seid ein West-Ost-Ehepaar. Wie hat das Thema Ost und West eure Beziehung geprägt?

kahweh: Tatsächlich hatte ich früher kaum Berührungspunkte mit dem Thema DDR. In der Schule haben wir zwar gelernt, dass es die Grenze gab, den Schießbefehl und die Stasi – aber das war es im Grunde auch schon. Ein wirkliches Hintergrundwissen hatten wir nicht. Über meinen Vater, der regelmäßig auf der Leipziger Messe war, kannte ich eher die kleinen Geschichten am Rande. Mein Opa war dort Packmeister und erzählte zum Beispiel, wie Waren in Kisten versteckt oder hin und her geschmuggelt wurden. Solche Anekdoten kannte ich – mehr aber auch nicht. Erst als ich Christian kennenlernte, änderte sich das. Über ihn und auch über unseren gemeinsamen Freundeskreis, in dem viele Menschen aus Ostdeutschland waren, hörte ich plötzlich ganz andere Geschichten. Da ging es um Überwachung, Fluchtgedanken oder die Stasi. Anfangs dachte ich oft: „Was erzählen die denn da?“ Aber nach und nach habe ich verstanden, wie groß dieser Apparat tatsächlich war. Als ich dann Teil von Christians Familie wurde, kamen bei Familienfeiern immer wieder Erinnerungen und Erlebnisse zur Sprache – über Fluchtpläne, Beschattung oder darüber, wer in der Stasi war. Da hat sich für mich ein völlig neues Kapitel geöffnet.

Christian: Ich war schon vor der Wende im Westen, weil wir aus der DDR ausgereist sind. Dadurch kannte ich beide Seiten und hatte das Thema Ost und West für mich eigentlich längst hinter mir gelassen. Deshalb irritiert es mich bis heute, wenn Menschen sich gegenseitig als „Ossis“ oder „Wessis“ beschimpfen. Das Einzige, das für mich damals wirklich neu war, war Franken.

Sandra: Eine Ausreise war in der DDR kein einfacher Schritt. Man stellte nicht einfach einen Antrag und zog dann in den Westen. Wie ist das bei euch abgelaufen?

Christian: Der Ausreiseantrag lief insgesamt zwei Jahre. Die Entscheidung kam von meinen Eltern. Sie hatten mehrere Konflikte mit dem DDR-System. Meine Familie war ursprünglich selbstständig. Das Unternehmen meines Großvaters wurde enteignet. Später versuchten meine Eltern, sich erneut eine Existenz aufzubauen und betrieben eine Gaststätte. Dann kam die Stasi und wollte sie zur Zusammenarbeit bewegen. Meine Eltern lehnten das ab. Daraufhin wurden ihnen nach und nach alle Dinge entzogen, die für den Betrieb wichtig waren. Irgendwann fiel die Entscheidung: Wir gehen.

Während der zwei Jahre des Ausreiseverfahrens waren meine Eltern praktisch ohne Arbeit. Trotzdem haben sie sich irgendwie durchgeschlagen. Kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR wollte die Staatsführung offenbar viele kritische Menschen noch loswerden. Deshalb durften damals zahlreiche Ausreisewillige das Land verlassen. Wir sind am 5. Oktober 1989 ausgereist – nur zwei Tage vor dem 40. Jahrestag und wenige Wochen vor dem Mauerfall.

Für mich war das einerseits ein großes Abenteuer, weil es in den Westen ging. Andererseits ließen wir alles zurück: Freunde, Verwandte und das gesamte bisherige Leben. Meine Eltern mussten ihre Eltern zurücklassen. Im Westen warteten keine Wohnung, keine Arbeit und für mich eine völlig neue Schule. Das war schon eine enorme Herausforderung.

Sandra: Wie alt warst du damals?

Christian: Ich war 13 Jahre alt.

Sandra: Kannst du dich erinnern, wie deine Eltern diese Zeit erlebt haben?

Christian: Für meine Mutter war das Schwerste, ihre eigene Mutter zurückzulassen. Sie war zwar Rentnerin und hätte grundsätzlich reisen dürfen, aber trotzdem war klar, dass wir uns nicht einfach wiedersehen würden. Das war emotional unglaublich belastend. Für meinen Vater war es ebenfalls schwer, alles aufzugeben. Aber als die Entscheidung einmal gefallen war, zog er sie konsequent durch. Ich glaube, beide hatten vor allem mit den familiären Bindungen zu kämpfen.

Sandra: Wie ging es nach eurer Ankunft in der Bundesrepublik weiter?

Christian: Die ersten Nächte verbrachten wir bei Freunden meiner Eltern. Anschließend fuhren wir nach Gießen in das damalige Aufnahmelager. Dort wurden innerhalb weniger Tage alle Formalitäten erledigt. Man wurde allerdings auch noch einmal intensiv überprüft – unter anderem vom Bundesnachrichtendienst. Es wurde zum Beispiel gefragt, warum meine Eltern in der DDR zeitweise ohne Arbeit gewesen waren. Das war aus westlicher Sicht zunächst verdächtig, weil es im sozialistischen Staat offiziell keine Arbeitslosigkeit gab. Nachdem man gerade die Stasi hinter sich gelassen hatte, wurde man also erneut durchleuchtet. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl.

Nach diesen drei Tagen kehrten wir zunächst nach Düren zurück. Später zogen wir nach München, wo wir bei den Schwiegereltern meines Bruders unterkommen konnten. Eine eigene Wohnung hatten wir aber noch immer nicht. Das größte Problem war dieser klassische Teufelskreis: Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit. Das mussten wir erst einmal durchbrechen.

Mit der Wende änderte sich dann vieles sehr schnell. Es entstand die Hoffnung, den enteigneten Familienbetrieb zurückzubekommen. Durch das Treuhandgesetz eröffnete sich tatsächlich eine Möglichkeit dazu. Kaum waren wir im Westen angekommen, dachten wir schon wieder darüber nach, zurückzugehen.

Sandra: kahweh, wie war das für dich, als du all diese Geschichten von Christian erfahren hast? Wenn man selbst nie in einer Diktatur gelebt hat, kann man sich die Überwachung, die Ausreise oder die ständige Angst vor Verhaftung sicherlich kaum vorstellen.

kahweh: Es war tatsächlich wie eine völlig andere Welt. Zuerst war ich einfach erschrocken, was dort alles passiert ist – und gleichzeitig darüber, wie wenig wir im Westen davon wussten. Das ist im Nachhinein schon beschämend. Andererseits hatte ich vorher schlicht keine Berührungspunkte mit diesem Thema. Je mehr ich über Christians Familie und ihre Erfahrungen erfahren habe, desto deutlicher wurde mir, wie tief diese Eingriffe in das Leben der Menschen gingen. Das Ausmaß ist viel größer, als man zunächst vermutet. Gerade in den vergangenen Jahren haben wir uns intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt. Wir haben zum Beispiel das ehemalige Stasi-Gefängnis in Erfurt besucht. Das war eine unglaublich eindrückliche Erfahrung. Dort wird einem erst richtig bewusst, mit welchen Methoden gearbeitet wurde. Wenn ich heute höre, wie Menschen sagen: „Ach, die DDR war doch gar nicht so schlimm“, macht mich das wütend. Natürlich gab es Menschen, die persönlich weniger mit Repression oder Überwachung zu tun hatten. Aber wenn man die Geschichten kennt, die ich inzwischen kenne, versteht man nicht, wie man sich dieses System zurückwünschen kann.

Sandra: Vor allem nach über 35 Jahren, in denen wir wissen, dass die DDR eine Diktatur war und welches Leid viele Menschen erfahren haben. Jede und jeder hatte zwar ihren und seinen eigenen Lebensweg, aber die historischen Fakten kennen wir. Wenn man dann selbst oder in der Familie betroffen war, bekommt das noch einmal eine ganz andere Dimension. Wurde das Thema DDR wirklich so wenig bei euch in der Schule behandelt?

kahweh: Ja, zumindest bei uns. Wir wussten, dass es die Grenze gab. Im Atlas war die DDR grau eingezeichnet – das war es eigentlich schon. Ich hatte auch niemanden im Freundeskreis oder in der Familie, der Verwandte im Osten hatte. Deshalb gab es keine Westpakete oder ähnliche Berührungspunkte. All das wurde für mich erst durch Christian lebendig. Plötzlich bekam dieses Thema unzählige Seiten, während es vorher nur ein paar wenige Informationen gewesen waren.

In der zehnten Klasse sollte es eigentlich eine Berlinfahrt geben, bei der auch ein Tag im Ostteil der Stadt vorgesehen war. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem ich in der zehnten Klasse war, fiel das wegen der politischen Umbrüche aus. Dabei fand ich gerade diese Zeit besonders spannend. Warum die Fahrt gestrichen wurde, weiß ich bis heute nicht.

Sandra: Ihr habt euch gemeinsam intensiv mit Christians Vergangenheit beschäftigt?

Christian: Ja, vor allem in den vergangenen Jahren. Mir ist erst nach und nach bewusst geworden, dass vieles von damals gar nicht verarbeitet war. In Krisenzeiten funktioniert man einfach. Und die Ausreise war eine riesige Krise. Man lässt sein ganzes Leben hinter sich und beginnt bei null. Damals dachte ich, das wäre alles kein Problem gewesen. Aber ich merke heute, dass ich vieles verdrängt habe.

Seit ungefähr acht Jahren kommt das immer stärker zurück. Wenn ich bestimmte Berichte oder Videos sehe – zum Beispiel „Sommer ’89“ von Kettcar –, löst das sofort etwas in mir aus. Dann merke ich, wie belastend das alles damals eigentlich war.

Als Kind hatte ich ständig Angst, dass meine Eltern verhaftet werden könnten. In unserem Ort gab es viele Menschen, die ausreisen wollten oder Fluchtversuche hinter sich hatten. Manche Freunde meiner Eltern saßen im Gefängnis. Ich wusste sogar, was meine Mutter immer in ihrer Handtasche dabeihatte: etwas Westgeld, Zahnpasta oder Zigaretten – Dinge, mit denen man im Gefängnis hätte tauschen können. Das gehörte damals zu den Ratschlägen für den Fall einer Verhaftung. Als Kind bedeutete das für mich: Wenn ich von der Schule nach Hause komme, kann es sein, dass meine Eltern nicht mehr da sind. Damals habe ich einfach funktioniert. Nach außen war alles in Ordnung. Aber heute wird mir klar, wie groß diese Belastung tatsächlich war. Die Angst war lange verdrängt – und kommt jetzt Stück für Stück wieder an die Oberfläche.    

Sandra: Du kanntest damals Menschen, die im Gefängnis waren?

Christian: Ja. Die meisten von ihnen wären heute über 80 Jahre alt, viele leben inzwischen nicht mehr. In unserer Region rund um Mühlhausen gab es etliche solcher Fälle. Auffällig war, dass darunter viele Ärzte waren. Einige hatten versucht zu fliehen, etwa versteckt im Kofferraum oder unter einer Rückbank. Wurden sie erwischt, kamen sie ins Gefängnis. Es gab aber auch ganz andere Schicksale. Ich erinnere mich an eine Familie, in der ein Bruder im Westen beim Sender Freies Berlin arbeitete, ein anderer bei der Stasi war. Der dritte Bruder hatte eigentlich nichts getan und wurde trotzdem wegen angeblicher Spionage verhaftet. Solche Geschichten bekam man als Jugendlicher mit – das war etwa 1984. Da wurde einem klar, dass dieser Staat eben nicht nur aus Parolen bestand, sondern dass Menschen tatsächlich ins Gefängnis kamen. Deshalb war auch bei meinen Eltern immer die Sorge präsent, dass sie eines Tages vielleicht nicht mehr nach Hause kommen würden.

Sandra: Hast du damals mit deinen Eltern über diese Ängste gesprochen – oder vielleicht erst viele Jahre später?

Christian: Eigentlich nicht. Mein Vater ist inzwischen verstorben. Mit meiner Mutter habe ich darüber bislang auch kaum gesprochen. Sie weiß natürlich, dass diese Zeit schwierig war, und manchmal merkt man zwischen den Zeilen, wie belastend sie gewesen ist. Damals habe ich meine Angst allerdings gar nicht als Angst wahrgenommen. Es war eher ein Gefühl von Beklommenheit. Ich wusste einfach: Ich muss tapfer sein, die Zähne zusammenbeißen und funktionieren. Man hat sich selbst gar nicht erlaubt, Angst zu haben.

kahweh: Das erleben wir bei meiner Schwiegermutter ganz ähnlich. Sie sagt oft: „Da mussten wir eben durch. Wir wollten es schließlich so.“ Aber ich glaube, auch sie gesteht sich bis heute nicht wirklich ein, wie groß die Angst und die Sorge damals gewesen sein müssen. Das ist auch ein Generationenthema. Christians Mutter wurde 1943 geboren und gehört zu einer Generation, die gelernt hat zu funktionieren. Gefühle hatten damals keinen Platz. Man machte weiter, egal wie schwer es war. Der Gedanke, sich therapeutische Hilfe zu holen, wäre für viele aus dieser Generation völlig undenkbar gewesen.

Sandra: Ihr geht sehr offen mit diesen Themen um – auch miteinander. Warum gelingt euch das, obwohl ihr das von euren Eltern eigentlich nicht vorgelebt bekommen habt?

Christian: Es gab für mich einen Schlüsselmoment. Wir saßen gemeinsam mit Schwarwel in einem Interview und anschließend kamen wir auf die Wendezeit zu sprechen. Ich sagte damals eher beiläufig: „Ich habe vielleicht so ein kleines Trauma.“ Darauf antwortete er: „Nein, du hast ein Trauma.“ Dieser Satz hat etwas in mir ausgelöst. Danach begegnete mir das Thema Trauma und Traumaverarbeitung immer wieder – aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Gleichzeitig merkte ich selbst, dass bestimmte Dinge in mir eine enorme Reaktion auslösen. Zum Beispiel das Lied von Kettcar, das den Sommer 1989 thematisiert. Jedes Mal, wenn ich es höre, kommen mir die Tränen. Das kannte ich vorher überhaupt nicht. Ich wusste gar nicht, warum mich das so trifft. Erst dadurch wurde mir bewusst, dass diese Zeit in mir viel tiefere Spuren hinterlassen hat, als ich lange geglaubt hatte.

Heute weiß ich, dass da etwas ist. Das hilft mir, manche Reaktionen besser zu verstehen. Verarbeitet ist das aber noch lange nicht. Ich glaube, das ist ein längerer Prozess. Bei mir war das keine einzelne belastende Situation, sondern etwas, das sich über Jahre aufgebaut hat. Mit der Wende war ja nicht plötzlich alles vorbei. Danach kamen der Schulwechsel, der Neuanfang und ständig neue Umgebungen. Innerhalb kurzer Zeit war ich auf drei oder vier verschiedenen Schulen. Irgendwann konnte ich mir kaum noch die Namen meiner Mitschüler merken, weil ich so viele neue Menschen kennengelernt hatte. Deshalb glaube ich nicht, dass man so etwas in einer einzigen Therapiestunde aufarbeitet. Das braucht Zeit. Aber ich bin froh, dass ich heute weiß, woher vieles kommt.

Sandra: Wann habt ihr beide euch kennengelernt?

Christian: 1999. Zusammengekommen sind wir dann im Jahr 2000.

Sandra: War das Thema Ost und West in eurem Freundeskreis und Umfeld präsent?

kahweh: Das Lustige ist: Es ist bis heute immer mal wieder Thema. Oft fällt den Leuten zunächst gar nicht auf, dass ich keine Ostdeutsche bin. Aber wenn man etwas länger zusammensitzt und die Gespräche in diese Richtung gehen, tauchen die Unterschiede plötzlich wieder auf.

Christian: Mein Standardspruch ist dann immer: „Ihr braucht mir nichts über Westfrauen zu erzählen – ich bin mit einer verheiratet.“

kahweh: Und dann heißt es meistens sofort: „Nein, bei dir ist das etwas ganz anderes. Du bist ja nicht typisch.“ Das ist eigentlich ganz spannend. Im Familienkreis war das nie ein Problem. Im Freundeskreis schon eher. Mein Vater hat damals sogar gefragt: „Wie kannst du nur aus Franken weggehen? Bist du verrückt?“ Dabei war ich selbst immer überzeugt, dass ich meine Heimat nie verlassen würde. Als wir Abitur gemacht haben, wollten viele nach Berlin oder Hamburg ziehen. Ich dachte nur: „Warum? Hier ist es doch schön.“ Am Ende kam es dann ganz anders.

Ich glaube allerdings, dass vieles gar nicht ausschließlich mit Ost und West zu tun hat. Wer in eine neue Region zieht, muss sich überall erst einleben. Trotzdem habe ich erlebt, dass es hier in Thüringen sehr gewachsene Strukturen gibt. Viele Freundeskreise bestehen seit Kindergarten- oder Schulzeiten. Man trifft sich privat und bleibt unter sich. Als Außenstehende hineinzukommen, ist nicht einfach. Wenn man dann noch aus dem Westen kommt, den Unternehmer des Ortes heiratet, anders aussieht, keine Kinder hat und auch sonst nicht ganz in das klassische Bild passt, fällt man natürlich zusätzlich auf. Deshalb habe ich irgendwann beschlossen, hartnäckig zu bleiben. Ich dachte mir: Sport verbindet Menschen. Also bin ich immer wieder zum Training gegangen, auch wenn anfangs außer einem kurzen „Hallo“ und „Tschüss“ kaum jemand mit mir gesprochen hat. Das war mir irgendwann egal. Mit der Zeit wurde es besser. Aber es hat tatsächlich Jahre gedauert.

Christian: Man darf auch nicht vergessen: Wir leben zwar in einer Stadt, aber vom Gefühl her ist es eher dörflich. Thüringer und Franken sind sich in mancher Hinsicht sogar ähnlich – beide können ziemlich eigensinnig sein. Neue Menschen haben es da grundsätzlich nicht leicht. Selbst ich, obwohl ich von hier komme, merke das manchmal. Für kahweh war es natürlich noch einmal schwieriger.

kahweh: Am Ende hilft nur, mitzumachen. Sich zu engagieren, vielleicht auch ehrenamtlich. Irgendwann kann man einen dann nicht mehr ignorieren.

Sandra: In eurem Umfeld wird auch heute noch über Ost und West gesprochen,  manchmal sogar gelästert. Worum geht es dabei?

Christian: Ich bekomme das vor allem in der Firma mit. Da hört man schon noch Vorurteile gegenüber „den Wessis“. Zum Beispiel, dass sie von oben herab auftreten, alles besser wissen und Forderungen stellen würden, obwohl sie keine Ahnung hätten. Für mich ist das schwer nachvollziehbar, weil ich diese Trennung längst nicht mehr mache. Ich kenne beide Seiten. Trotzdem begegnet einem diese Haltung immer wieder.

kahweh: Mir ist das erst vor Kurzem bei einer Weihnachtsfeier im Sportverein wieder aufgefallen. Da wurde von den Brigadefeiern in der DDR erzählt und davon, wie groß der Zusammenhalt damals gewesen sei. Gleichzeitig hieß es, so etwas habe es im Westen gar nicht gegeben. Da habe ich gefragt: „Woher wollt ihr das eigentlich wissen?“ Natürlich gab es auch bei uns enge Gemeinschaften und Freundeskreise. Sie waren nur nicht staatlich organisiert. Wir haben uns eben privat getroffen. Ein Unterschied war sicherlich, dass Beziehungen in der DDR oft existenziell wichtig waren. Meine Schwiegermutter erzählt bis heute, wie wichtig es war, jemanden beim Arzt oder im Handwerk zu kennen, weil vieles nur über persönliche Kontakte funktionierte. Manchmal entsteht daraus noch heute das Gefühl, wir Westdeutschen hätten all das nicht verstanden oder sogar kaputtgemacht. Ich finde diese Gegenüberstellung inzwischen einfach ermüdend. Ost und West existieren als politische Systeme seit über 35 Jahren nicht mehr. Deshalb wünsche ich mir, dass wir aufhören, diese alten Schubladen immer wieder aufzumachen. 

Sandra: Sprecht ihr in solchen Situationen mit den Menschen darüber und versucht es aufzubrechen?

Christian: Ja, das versuchen wir schon. Ich sage immer: Für mich gibt es nette Menschen und weniger nette Menschen – und die sind überall gleichmäßig verteilt. Es gibt keine Grenze, auf der die Guten auf der einen und die Schlechten auf der anderen Seite stehen. Manchmal sage ich dann auch scherzhaft: „Ich weiß, die Wessis sind furchtbar. Ich bin schließlich mit einer verheiratet.“ Das bringt die Leute oft zum Lachen und sorgt dafür, dass sie ihre eigenen Vorurteile kurz hinterfragen.

Sandra: kahweh, du bist auch Chefin. Hast du in dieser Funktion erlebt, dass dir Widerstände begegnet sind – vielleicht weniger, weil du aus dem Westen kommst, sondern weil du eine Frau bist? Zumal ihr beide gemeinsam das Unternehmen führt.

kahweh: Ich glaube tatsächlich nicht, dass das etwas mit Ost oder West zu tun hat. Eher mit traditionellen Rollenbildern. Vor allem bei älteren Kollegen habe ich schon erlebt, dass es manchen schwerfällt, wenn eine Frau klare Entscheidungen trifft oder bestimmt auftritt. Solche Erfahrungen habe ich allerdings genauso schon im Westen gemacht. Bevor ich hier angefangen habe, war ich in einem Unternehmen mit einem sehr hohen Männeranteil tätig. Frauen, die dort Führungsverantwortung übernehmen wollten, hatten es wirklich schwer. Ich habe erlebt, dass zwei sehr kompetente Frauen, die Abteilungen geleitet haben, schließlich mit Burnout ausgeschieden sind, weil sie permanent infrage gestellt und nicht ernst genommen wurden. Deshalb würde ich dieses Thema eher mit Geschlechterrollen verbinden als mit Ost und West.

Christian: Unsere Firma war von Anfang an ohnehin eine Ausnahme. Als kahweh zu uns kam, arbeiteten hier fast ausschließlich Frauen. Ich habe damals immer scherzhaft gesagt, wir bräuchten eigentlich eine Männerquote, weil ich mich langsam allein fühle. Deshalb kennen wir viele Diskussionen, die heute geführt werden – etwa über Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen –, aus unserem eigenen Unternehmen gar nicht. Bei uns wurde nie danach unterschieden, ob jemand Mann oder Frau ist. Für mich war das selbstverständlich. Ich habe nie gelernt, Menschen danach unterschiedlich zu behandeln.

Das hat übrigens auch mit unserer Unternehmensgeschichte zu tun. Nach der Wende haben wir den Betrieb praktisch neu aufgebaut. Vorher war es ein volkseigener Betrieb mit rund 80 bis 100 Beschäftigten. Mein Vater startete mit gerade einmal neun Personen – und die meisten davon waren Frauen. Wir arbeiteten im handwerklichen Bereich, unter anderem mit Näharbeiten. Dafür fanden sich damals viele qualifizierte Frauen. Auch in der Verwaltung waren nahezu alle Stellen weiblich besetzt. Die Männer arbeiteten in unserer Region häufig auf Montage oder in anderen technischen Berufen. Deshalb gab es bei uns nie dieses klassische Gefälle. Ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, wie man unterschiedliche Gehälter allein aufgrund des Geschlechts rechtfertigen sollte.

Sandra: Das ist gut. Gleichzeitig ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass sowohl das Lohngefälle zwischen Ost und West als auch zwischen Männern und Frauen nach wie vor Realität ist. Gerade wenn man beides zusammendenkt, sind Frauen in Ostdeutschland häufig doppelt betroffen. kahweh, du hast vorhin von deinem früheren Arbeitgeber erzählt. Wie hat sich diese Ungleichbehandlung dort konkret gezeigt?

kahweh: Es waren oft Kleinigkeiten, die sich summiert haben. Frauen wurden zum Beispiel als „Mädchen“ bezeichnet oder schlicht nicht auf Augenhöhe behandelt. Das liegt inzwischen rund 30 Jahre zurück, aber mich hat das damals unglaublich geärgert. Ich war schon immer sehr emanzipiert und konnte mit solchen Rollenbildern überhaupt nichts anfangen. Ich habe erlebt, dass Frauen in Führungspositionen ständig beweisen mussten, dass sie kompetent sind. Ihre Entscheidungen wurden viel häufiger infrage gestellt als die ihrer männlichen Kollegen.

Ich selbst bin ebenfalls immer wieder angeeckt, weil ich das nicht einfach akzeptiert habe. Ich arbeitete damals in einem Zeitungsverlag mit vielen männlichen Redakteuren. Manche hatten das Gefühl, sie könnten sich alles erlauben. Irgendwann habe ich klar gesagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Wenn zusätzliche Aufgaben verteilt werden sollten, habe ich gefragt, warum ausgerechnet ich sie übernehmen soll, obwohl noch mehrere männliche Kollegen da waren. Ich hatte meinen Arbeitstag genauso hinter mir und wollte – wie alle anderen auch – pünktlich nach Hause. Ich war damals eine der Jüngsten in der Abteilung. Wahrscheinlich dachte man, man könne es bei mir einfach versuchen. Aber ich habe deutlich widersprochen. Am Ende hat mein Chef die Aufgabe selbst übernommen – allerdings nicht, weil er meine Argumentation teilte, sondern eher, damit die anderen Kollegen ihre Komfortzone nicht verlassen mussten. Mit etwas Abstand betrachtet war das eigentlich ziemlich absurd.

Sandra: Woher kam es, dass du schon früh sehr emanzipiert warst?

kahweh: Ich glaube, das hatte viel mit meinem Freundeskreis zu tun. Ich hatte mehrere Freundinnen, die ganz ähnlich dachten wie ich. Für uns war völlig klar: Warum sollte es zwischen Männern und Frauen Unterschiede geben? Außerdem war ich damals 16 oder 17 Jahre alt, als Alice Schwarzer sehr präsent war. Viele ihrer Themen haben uns beschäftigt. Damals erschien mir das ein wichtiger und richtiger Weg, um Gleichberechtigung öffentlich einzufordern. Ich denke zum Beispiel an die Debatten über das Recht auf Selbstbestimmung oder die Kampagnen, in denen Frauen offen über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen haben. Für uns stand fest: Jede Frau muss selbst über ihren Körper entscheiden dürfen. Diese Haltung haben wir ganz selbstverständlich gelebt. Deshalb hätte ich mich wahrscheinlich auch in einem Freundeskreis mit klassischen Macho-Rollen nie wohlgefühlt. Ich hatte zwar immer viele männliche Freunde, aber wir begegneten uns auf Augenhöhe. Genau so sollte es für mich sein.

Sandra: Das heißt, dir war schon in deiner Jugend bewusst, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist?

kahweh: Absolut. Uns war sehr klar, dass das keine Selbstverständlichkeit war. Wir haben das damals auch ganz bewusst gezeigt. Ich trug zum Beispiel das Venus-Symbol als Kette und wir haben ganz offen für Frauenrechte und Gleichberechtigung eingestanden. Für uns war das eine bewusste Haltung: Frauen können genauso viel wie Männer – und sie sollten dieselben Chancen bekommen. 

Sandra: Alice Schwarzer war damals für dich wichtig. Viele haben den Eindruck, dass sie sich im Laufe der Jahre verändert hat. Vielleicht war manches bei ihr einfach auch schon früher da und wurde nur anders wahrgenommen. Magst du noch konkreter erläutern, welche Bedeutung sie für dich hatte?

kahweh: Als ich etwa 15 oder 16 Jahre alt war, habe ich ihre ersten Bücher gelesen. Damals hat sie für mich eine wichtige Grundlage geschaffen. Sie hat mir bewusst gemacht, dass Gleichberechtigung nicht von allein entsteht, sondern dass man sich aktiv dafür einsetzen muss. Natürlich schwang dabei auch Wut mit – darüber, dass man überhaupt dafür kämpfen muss, als Frau gleichberechtigt behandelt zu werden. Später habe ich Alice Schwarzer ehrlich gesagt aus den Augen verloren. Vielleicht auch deshalb, weil Gleichberechtigung in meiner eigenen Beziehung mit Christian so selbstverständlich geworden ist. Für uns war nie die Frage, dass bestimmte Aufgaben automatisch der Frau zufallen. Ich würde zum Beispiel niemals akzeptieren, dass allein die Frau dafür verantwortlich sein soll, dass das Essen auf dem Tisch steht, die Wäsche gemacht wird oder die Fenster geputzt sind. Wir teilen uns solche Aufgaben danach auf, wer gerade Zeit hat.

Irgendwann tauchte Alice Schwarzer dann wieder in den Medien auf – allerdings mit Positionen, bei denen ich oft dachte: In welche Richtung ist sie eigentlich abgebogen? Ich kann gar nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht haben sich ihre Ansichten verändert, vielleicht wurden bestimmte Haltungen erst später sichtbarer. Das kann ich nicht beurteilen.

Mir war nur wichtig zu sagen: Für mich war sie damals tatsächlich wegweisend. Das schmälert nicht, dass ich manche ihrer heutigen Positionen kritisch sehe.

Sandra: Man kann anerkennen, welche Bedeutung jemand früher hatte, und gleichzeitig kritisch auf das schauen, was heute gesagt wird. Das eine schließt das andere nicht aus. Christian, wie war das bei dir? Warum war für dich eine gleichberechtigte Partnerschaft selbstverständlich?

Christian: Ehrlich gesagt habe ich darüber nie besonders nachgedacht. Für mich gab es da einfach keinen Unterschied. Als Kind habe ich überwiegend mit Mädchen gespielt – schlicht deshalb, weil es in meinem Alter bei uns kaum Jungen gab. Später, im Betrieb, war es ähnlich. Deshalb habe ich Menschen nie nach ihrem Geschlecht unterschieden. Das versuche ich bis heute. Natürlich merkt man manchmal, dass im Kopf noch Schubladen existieren. Mein Ziel ist, Menschen möglichst nicht zu kategorisieren – weder nach Geschlecht noch nach Herkunft oder anderen Merkmalen.

Was mir in diesem Zusammenhang immer wieder auffällt, ist etwas anderes: In der DDR wurde Gleichberechtigung offiziell sehr stark propagiert. Frauen arbeiteten in allen möglichen Berufen, auch in klassischen Männerberufen. Nach außen wirkte das oft sehr fortschrittlich. Und trotzdem erleben wir heute etwas Interessantes. Wir haben Mitarbeiterinnen, die ganz selbstverständlich Führungsverantwortung übernehmen, sich aber selbst ausschließlich mit männlichen Berufsbezeichnungen vorstellen. Sie sagen beispielsweise: „Ich bin Meister“, obwohl sie natürlich Meisterin sind. Darüber machen sie sich oft gar keine Gedanken. Eigentlich müsste gerade diese Generation das Thema Gleichberechtigung besonders verinnerlicht haben. Gleichzeitig erleben wir aber häufig etwas ganz anderes. Nach außen treten viele Frauen sehr selbstbewusst auf. Sie sagen: „Wir Frauen schaffen das.“ Zu Hause übernehmen sie dann aber oft trotzdem den größten Teil der Hausarbeit, während der Mann fragt, ob das Essen schon fertig ist. Das finde ich spannend. Es wirkt manchmal wie eine Form von Gleichberechtigung, die im Beruf sichtbar war, im privaten Alltag aber nicht vollständig angekommen ist.

Sandra: Wir kennen uns aus dem Die Ärzte-Kosmos. Wie habt ihr die Musik- und Subkultur erlebt? Gerade mit Blick auf Gleichberechtigung – war das dort selbstverständlich oder gab es auch da klassische Rollenbilder und Sexismus?

kahweh: Das ist tatsächlich eine spannende Frage – darüber habe ich vorher noch nie so bewusst nachgedacht. Wenn ich an die Anfangszeit zurückdenke, gab es durchaus noch dieses klassische Groupie-Thema. Manche Frauen hatten das Gefühl, sich besonders schick machen zu müssen – kurzer Rock, viel Make-up –, wenn es auf Konzerte ging.Für mich persönlich war das allerdings nie besonders wichtig. Es gab zwar eine kurze Phase, als ich etwa 15 oder 16 war, in der ich dachte, ich müsste mich schminken, lackierte Fingernägel haben und all das. Irgendwann habe ich aber gemerkt: Das bin ich gar nicht.Mich hat eher genervt, nach einem Konzert noch daran denken zu müssen, das ganze Make-up wieder abzuschminken. Ich wollte einfach ich selbst sein. Deshalb habe ich mich von solchen Erwartungen schnell verabschiedet.

Wenn ich heute auf diese Zeit schaue, habe ich allerdings schon den Eindruck, dass Anfang der 2000er viele Frauen noch stärker das Bild des „Frauchens“ gelebt haben als heute. Inzwischen hat sich das aus meiner Sicht deutlich verändert.

Christian: Ich glaube, in der Musikszene kam noch etwas anderes hinzu: dieser Fanatismus. Gerade in den ersten Reihen ging es oft darum, von den Lieblingsbands wahrgenommen zu werden. Manche Menschen haben sich völlig darauf konzentriert, gesehen zu werden. Da entstanden manchmal ganz eigene Dynamiken. kahweh ist bei Konzerten tatsächlich sogar einmal gebissen worden, weil jemand unbedingt nach vorne wollte. Dieser Wunsch, den Stars möglichst nah zu sein, hat vieles andere überlagert. Da spielte Gleichberechtigung oft gar keine große Rolle mehr. In unserem engeren Freundeskreis habe ich die Frauen dagegen immer als sehr selbstbewusst erlebt. Niemand hat sich klein gemacht oder zurückgenommen. Wobei unser Freundeskreis damals überwiegend aus Westdeutschland kam.

Interessant war etwas anderes: Als wir anfingen, gemeinsame Geburtstage oder Partys zu feiern, trafen zum ersten Mal meine alten Freunde aus Thüringen auf unsere neuen Freunde aus dem Westen. Und das war tatsächlich erstaunlich. Die beiden Gruppen verhielten sich wie zwei Magnete mit gleicher Polung – sie gingen sich regelrecht aus dem Weg. Das war wirklich kurios. Wir versuchten ständig, die Gruppen zusammenzubringen. Wenn alle Thüringer gerade in der Küche standen, gingen wir mit den Westdeutschen dorthin. Bis wir ankamen, war die Küche leer. Dann standen plötzlich wieder alle im Wohnzimmer. Das wiederholte sich über mehrere Feiern hinweg.

kahweh: Wir dachten irgendwann wirklich: Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein.

Christian: Ich bin den ganzen Abend zwischen beiden Gruppen hin- und hergelaufen. Es gab einen Freund, der von Anfang an mit allen offen gesprochen hat. Aber viele meiner alten Freunde begegneten den neuen Bekannten aus dem Westen zunächst mit großer Skepsis. Das war Ende der 1990er beziehungsweise Anfang der 2000er Jahre, also rund zehn Jahre nach der Wiedervereinigung. Trotzdem waren diese Vorbehalte noch deutlich spürbar.

Sandra: Habt ihr euch erklären können, warum das so war?

kahweh: Ich glaube, das waren vor allem Vorurteile. Da kamen plötzlich „die Westdeutschen“ dazu, und manche dachten offenbar: Was wollen die eigentlich hier? Dabei waren wir wirklich keine Menschen, die Schwierigkeiten hatten, auf andere zuzugehen. Trotzdem hatten wir zeitweise das Gefühl, als wären wir Außenseiter. Zum Glück hat sich das mit der Zeit verändert. Manchmal braucht es einfach Geduld.

Sandra: Eigentlich ist das erstaunlich. Musik verbindet Menschen doch normalerweise. Gerade in einer gemeinsamen Szene würde man erwarten, dass Herkunft keine Rolle spielt. Ich selbst habe  das zum Beispiel damals in der Gothic-Szene gar  nicht bewusst erlebt. Vielleicht war ich dafür auch einfach nicht sensibel genug. Aber interessant ist, dass ihr diese Erfahrung gemacht habt.

Christian: Ich glaube tatsächlich, dass die Musikszene selbst offener war. Die Vorbehalte kamen eher aus meinem alten Freundeskreis hier in Thüringen. Die neuen Freunde kamen fast alle aus dem Westen – und genau das war zunächst das Problem. Zum Glück haben sich diese Grenzen irgendwann aufgelöst.

Sandra: Ihr engagiert euch sehr deutlich für Demokratie, Freiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Warum ist euch das wichtig?

Christian: Für mich hängt das unmittelbar mit meiner eigenen Geschichte zusammen. Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen. Das möchte ich nie wieder erleben. Ich möchte in einem Land leben, in dem wir unsere Meinung frei sagen dürfen. Solange das möglich ist, werde ich dieses Recht auch nutzen. Gerade wenn wir uns öffentlich kritisch über die AfD äußern, erleben wir in sozialen Netzwerken oder Onlineforen immer wieder heftige Reaktionen. Das zeigt, wie angespannt das gesellschaftliche Klima inzwischen geworden ist.

Hinzu kommt unsere ganz konkrete Situation vor Ort. In unserem Ort gibt es eine große Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Gleichzeitig arbeiten inzwischen rund 20 Prozent unserer Beschäftigten mit Flucht- oder Migrationsgeschichte bei uns im Unternehmen. Für uns ist das längst nicht nur eine politische und menschliche Frage, sondern auch eine wirtschaftliche. Wir finden schlicht nicht genügend Fachkräfte. Deshalb sind wir auf diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, wie schwierig es ist, Aufenthaltsgenehmigungen zu verlängern oder bürokratische Hürden zu überwinden. Wenn sich die politischen Rahmenbedingungen weiter verschärfen würden, hätte das ganz konkrete Auswirkungen auf unseren Betrieb. Vor allem aber sprechen wir hier über Menschen. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag mit uns arbeiten. Deshalb setzen wir alles daran, dass sie hier Fuß fassen können. Wir unterstützen sie bei Deutschkursen, bei der Wohnungssuche und bei vielen Fragen des Alltags. Gerade in einem kleinen Ort ist das oft nicht einfach. Wenn man dann hört, es gebe zwar leer stehende Wohnungen, diese sollten aber nicht an Geflüchtete vermietet werden, dann frage ich mich schon: Warum? Diese Menschen arbeiten hier. Sie zahlen Steuern, verdienen ihr eigenes Geld und sind Teil unserer Gesellschaft. Ich verstehe nicht, warum man ihnen diese Chancen verwehren sollte.

Sandra: Wie funktioniert dieses Miteinander bei euch im Betrieb konkret? Wie reagieren die Mitarbeitenden? Gibt es Vorbehalte?

Christian: Die gibt es am Anfang tatsächlich oft. Wenn jemand Neues ins Team kommt, hört man manchmal zunächst Aussagen, bei denen ich jedes Mal denke: Das kann man eigentlich gar nicht laut sagen. Da fällt dann zum Beispiel der Satz: „Wenn hier ein Schwarzer anfängt, dann bin ich weg.“ Und dann kommt der erste dunkelhäutige Kollege, und nach zwei oder drei Tagen mögen ihn plötzlich alle. Er war freundlich, offen, herzlich und wurde ganz schnell einer von uns. Das zeigt für mich, dass die größte Hürde oft das Unbekannte ist. Solange Menschen keine persönlichen Erfahrungen haben, entstehen Vorbehalte. Sobald man sich kennt, lösen sich viele davon ganz von allein auf.

Ich erinnere mich auch an die erste Spätschicht, in der Kolleginnen gemeinsam mit Männern arbeiteten, die nicht aus Thüringen stammten. Manche hatten zunächst ein ungutes Gefühl und wollten diese Schicht nicht übernehmen. Ich habe damals gesagt: „Hier ist meine Telefonnummer. Wenn irgendetwas sein sollte, ruft mich jederzeit an.“ Nach einer Woche habe ich selbst nachgefragt, wie es gelaufen sei. Die Antwort war: „Alles gut. Ganz normale, nette Kollegen.“ Natürlich gibt es im Arbeitsalltag immer wieder kleinere Konflikte oder Vorurteile – etwa darüber, wer zu spät kommt oder Pausen überzieht. Aber solche Dinge gibt es bei allen Beschäftigten. Trotzdem werden sie oft zuerst der Gruppe zugeschrieben, die neu ist. Das ist wahrscheinlich ein sehr menschlicher Mechanismus. Entscheidend ist, dass man dranbleibt und Menschen die Chance gibt, sich kennenzulernen.

Sandra: Gibt es an dieser Stelle noch etwas, das euch besonders wichtig ist?

Christian: Ja, tatsächlich. Vor zwei Wochen waren wir bei der Lesung einer Autorin, die sich intensiv mit der Geschichte der innerdeutschen Grenze beschäftigt. Dabei ging es um Menschen, die im Sperrgebiet lebten, und darum, was es bedeutete, dort zu Hause zu sein. Sie hatte viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen interviewt und erzählte von deren Erfahrungen. Obwohl ich selbst in der DDR aufgewachsen bin, gab es vieles, das ich bis dahin nicht wusste. Besonders bewegt hat mich die Schilderung einer Frau, deren Familie ihr Haus verlassen musste. Die Behörden kamen und erklärten, sie habe nur kurze Zeit, um ihre Sachen zu packen. Während sie bereits im Bus saß, fiel ihr ein, dass sie ihr Familienfoto vergessen hatte. Das Haus stand noch direkt vor ihr. Es hätte nur einen Moment gedauert, hineinzugehen und das Foto zu holen. Trotzdem wurde es ihr verboten. Diese Willkür hat mich tief berührt. Nicht nur die Maßnahme selbst, sondern die Art, wie Macht damals ausgeübt wurde.

Solche Geschichten zeigen, wie wichtig historische Aufarbeitung auch heute noch ist. Gerade weil gegenwärtig manches verklärt oder romantisiert wird, dürfen wir nicht vergessen, dass die DDR eine Diktatur war. Bei dieser Lesung hat der Vertreter der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur diesen Begriff immer wieder bewusst verwendet. Das fand ich wichtig. Es geht nicht darum, Menschen ihre persönlichen Erinnerungen abzusprechen. Aber wir sollten uns immer wieder bewusst machen, unter welchen politischen Bedingungen dieses Leben stattgefunden hat. Deshalb wünsche ich mir, dass die Aufarbeitung nicht aufhört. Dass diese Geschichten weitererzählt werden – auch für die Generationen, die das alles selbst nicht mehr erlebt haben.

Biografien:

kahweh Kümmel wurde 1974 in Erlangen geboren und lebte dort bis 2002. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Schriftsetzerin und qualifizierte sich anschließend zur Industriemeisterin Druck mit Fachrichtung Satz. 2002 führte sie die Liebe nach Schlotheim – und damit in einen völlig neuen Lebensabschnitt. In den folgenden Jahren betrieb sie einen Online-Shop für Scherzartikel und kümmerte sich um eine eigene Alpakaherde. 2020 stieg kahweh in das Familienunternehmen ein und übernahm dort die Bereiche interne Kommunikation und Organisationsentwicklung. Inzwischen ist sie zudem Prokuristin des Unternehmens. 2023 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Schulungsunternehmen für Führung und persönliche Entwicklung.

Christian Kümmel wurde 1975 in Bad Langensalza geboren und wuchs in Schlotheim auf – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Familienbetrieb, der 1972 in der DDR enteignet worden war. 1987 stellten seine Eltern einen Ausreiseantrag. 1989 verließ die Familie die DDR, um sich im Westen ein neues Leben aufzubauen. Der Fall der Mauer veränderte alles: Es entstand die Möglichkeit, den früheren Familienbetrieb zurückzuerlangen. Die Familie kehrte nach Schlotheim zurück und wagte dort einen Neuanfang. Nach Abitur und BWL-Studium stieg Christian 2000 in das Familienunternehmen ein, das er seit 2019 allein führt. Heute arbeitet er dort gemeinsam mit seiner Frau. 2023 gründeten beide zusätzlich ein Schulungsunternehmen für Führung und persönliche Entwicklung.