„WIR SOLLTEN VIEL ÖFTER FRAGEN …“

„Wie war das eigentlich bei dir?“

Interview mit Romina Stawowy

von Sandra Strauß

Foto: Carina Sonntag

Sandra: Wir haben vor einiger Zeit ein gemeinsames Interview für unser #nichtgesellschaftsfähig-Buch über Körper und Psyche geführt, das momentan noch nicht erschienen ist. Dabei hast du sinngemäß gesagt: Frauen waren in der DDR für das System gleichberechtigt, während Frauen in der Bundesrepublik bis 1989 eher für das System zu Hause blieben. Wie war es?

Romina: Dazu muss ich zunächst sagen, dass ich die DDR als Erwachsene gar nicht erlebt habe. Ich war damals noch ein Kind. Meine Sicht basiert deshalb vor allem auf den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, meinen eigenen Erinnerungen und dem, womit ich mich später beschäftigt habe. Gerade mit meiner Mutter spreche ich bis heute sehr viel über diese Zeit. Wir diskutieren häufig über die Unterschiede zwischen damals und heute.

Meine damalige Aussage war bewusst zugespitzt und natürlich eine Verallgemeinerung. Selbstverständlich gab es auch in der Bundesrepublik berufstätige Frauen. Wenn wir jedoch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beider Systeme betrachten, würde ich die Aussage im Kern weiterhin vertreten. Frauen waren in der DDR für das System gleichberechtigt, weil das System sie brauchte. Ihre Erwerbstätigkeit war politisch gewollt und wirtschaftlich notwendig. Tatsächliche Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen folgte daraus allerdings nicht. Ein Blick auf die politische Führung oder die Zusammensetzung politischer Gremien zeigt das deutlich. Was die persönliche Unabhängigkeit betrifft, sehe ich dennoch wesentliche Unterschiede. Frauen konnten arbeiten, eigenes Geld verdienen und sich scheiden lassen. Sie waren dadurch in vielen Lebensentscheidungen unabhängiger als Frauen in der damaligen Bundesrepublik.

Sandra: Trotzdem blieb die Hausarbeit nach Feierabend doch häufig an den Frauen hängen. Waren die klassischen Rollenbilder auch in der DDR präsent?

Romina: Ja, zumindest in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Mutter und ich diskutieren darüber bis heute regelmäßig, weil wir uns an manche Dinge unterschiedlich erinnern und sie unterschiedlich bewerten. Dabei versuche ich ihr manchmal zu erklären, dass das, was wir selbst erlebt haben, nicht unbedingt für eine ganze Gesellschaft stehen muss. Schließlich war unser Blick damals vor allem auf das unmittelbare Umfeld begrenzt. Wir wussten wenig darüber, wie andere Familien ihren Alltag tatsächlich organisierten.

In meiner Erinnerung waren die Rollen jedenfalls ziemlich klassisch verteilt. Ich habe kaum erlebt, dass Männer selbstverständlich Windeln wechselten oder einen größeren Teil der Hausarbeit übernahmen. Sie kümmerten sich um das Haus, den Garten und handwerkliche Arbeiten, während Haushalt, Kinder und die tägliche Versorgung überwiegend Sache der Frauen waren. Und das, obwohl die Frauen genauso berufstätig waren wie die Männer. Zumindest in meinem Umfeld war die Erwerbstätigkeit von Frauen selbstverständlich, eine gleichberechtigte Aufteilung der Familienarbeit dagegen keineswegs.

Sandra: Du sprichst sehr häufig mit deiner Mutter über solche Themen?

Romina: Ja, wir telefonieren viel und kommen dabei immer wieder auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen zu sprechen. Häufig sagt meine Mutter dann: „So etwas gab es früher nicht.“ Und genau da beginnen unsere Diskussionen. Denn nur weil etwas im eigenen Umfeld nicht sichtbar war, heißt das ja nicht, dass es nicht existiert hat. 

Ein Beispiel war die Debatte über Krankheitstage. Mir fiel irgendwann auf, dass ich mich überhaupt nicht daran erinnern kann, meine Eltern während meiner Kindheit krank zu Hause erlebt zu haben. Also fragte ich meine Mutter, wie das damals eigentlich war. Sie holte sogar ihren alten Sozialversicherungsausweis hervor, in dem die Arztbesuche dokumentiert waren. Tatsächlich war sie vergleichsweise selten krank. Aber was sagt uns das? Haben sich die Lebensbedingungen verändert? Die Ernährung? Oder erinnern wir uns einfach unterschiedlich an bestimmte Dinge? Solche Gespräche finde ich unglaublich spannend, weil sie zeigen, wie sehr die eigene Wahrnehmung davon abhängt, was man selbst erlebt hat.

Meine Mutter hat den größten Teil ihres Lebens in der DDR verbracht und verbindet damit viele positive Erinnerungen. Ich hingegen beschäftige mich heute mit Dokumenten, Büchern und Filmen und erfahre dabei Dinge, die mich teilweise regelrecht erschüttern. Besonders deutlich wurde das bei einer Dokumentation über die geschlossene Venerologische Station in der DDR. Ich habe beim Anschauen so sehr geweint, weil ich vieles kaum ertragen konnte. Meine Mutter wollte sich den Film dagegen gar nicht erst ansehen. Ihre Reaktion war: „So etwas kenne ich nicht.“ Dabei gibt es Dokumente und Zeitzeugnisse, die genau das belegen. 

Mein Vater hat einmal zu mir gesagt, dass er sich seine schönen Erinnerungen nicht kaputt machen lassen möchte. Er wisse, dass es problematische Seiten gegeben habe, aber deshalb wolle er nicht sein gesamtes Leben negativ bewerten. Und das kann ich sogar verstehen. Schließlich geht es für meine Eltern um ihre eigene Biografie, um Jahrzehnte ihres Lebens. Und dennoch möchte ich für mich genauer wissen, wie diese Zeit tatsächlich war. Ich glaube, wir dürfen da noch lernen, beides voneinander zu trennen: die Bewertung eines politischen Systems und die Erinnerungen an das eigene Leben darin. Genau deshalb suche ich diese Gespräche mit meinen Eltern immer wieder. Ich möchte verstehen, was sie erlebt haben und warum wir heute teilweise so unterschiedlich auf dieselbe Vergangenheit schauen.

Sandra: Warum beschäftigst du dich so intensiv mit der DDR-Vergangenheit? Geht es dir dabei um Identität, um Ost und West und/oder um die Geschichte deiner Familie?

Romina: Ich glaube, ich möchte verstehen, wo ich herkomme. Dabei gibt es für mich zwei Ebenen. Die eine ist die DDR, in der ich aufgewachsen bin und die meine Kindheit geprägt hat. Die andere ist Polen, denn mein Vater stammt aus dem heutigen Polen und kam als Jugendlicher nach Berlin. Vor einigen Jahren war ich an der polnischen Ostsee und hatte plötzlich dieses eigenartige Gefühl von Vertrautheit. Die Landschaft, die Menschen, die Atmosphäre. Irgendetwas daran fühlte sich nach Heimat an, obwohl ich dort gar nicht aufgewachsen bin. Schon als Kind war ich mit meiner Familie in den Masuren, der Region, aus der mein Vater stammt. Vielleicht ist es tatsächlich eine Art Spurensuche nach den eigenen Wurzeln. Dazu gehören die polnischen Einflüsse meines Vaters und meiner Großeltern, das Essen, die Gespräche und die Erinnerungen an meine Großmutter mit ihrem starken ostpreußischen Akzent. Vielleicht spielt auch meine journalistische Neugier eine Rolle. Ich möchte verstehen, welche Geschichten und Erfahrungen mich geprägt haben, auch wenn ich sie selbst gar nicht bewusst erlebt habe.

Die DDR gehört ebenso zu meiner Geschichte, obwohl ich dort nur die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Und ich hatte immer das Gefühl, dass sie mit der Wiedervereinigung keineswegs einfach verschwunden war. Gerade auf dem Dorf wirkten viele Denkweisen und Gewohnheiten noch lange nach. Das lässt sich schwer beschreiben. Es war eher ein bestimmtes Lebensgefühl, das geblieben ist. Die Veränderungen kamen natürlich auch bei uns an, aber vielleicht langsamer als in den Städten. Ich glaube, dass mich genau das heute so interessiert: Wie lange prägt uns eigentlich die Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, selbst wenn sie längst nicht mehr existiert?

Sandra: Könnte das auch damit zusammenhängen, dass während der Umbruchszeit  viele junge Menschen weggezogen und ältere Generationen geblieben sind?

Romina: Das kann durchaus sein, aber für mein Dorf würde ich das nicht unbedingt so beschreiben. Natürlich sind einige Menschen für eine Ausbildung oder ein Studium weggegangen. Einen massiven Bevölkerungsschwund habe ich persönlich jedoch nicht wahrgenommen. Im Gegenteil, heute erleben wir sogar einen deutlichen Zuzug. Allerdings merke ich, dass ich selbst einen erstaunlich großen blinden Fleck habe, wenn es um die frühen 1990er Jahre geht. An vieles aus dieser Zeit kann ich mich kaum erinnern, und ich weiß nicht genau, warum das so ist.

Sandra: Du warst damals mitten in deiner Pubertät und Jugend. Warum glaubst du, dass diese Jahre für dich so verschwommen sind?

Romina: Das frage ich mich inzwischen selbst. Von den ersten Jahren nach der Wende habe ich erstaunlich wenig bewusst abgespeichert. Ich war damals zehn, elf, zwölf Jahre alt und wahrscheinlich vor allem mit Schule, Freundschaften und dem ganz normalen Alltag eines Kindes beschäftigt. Vielleicht habe ich die gesellschaftlichen Veränderungen deshalb gar nicht so bewusst wahrgenommen, wie ich heute manchmal denke. Meine Jugend ab Mitte der 1990er Jahre ist mir dagegen viel präsenter. Ein prägender Einschnitt war ein Todesfall in meiner Familie im Jahr 1996. In dieser Zeit bin ich auch in die Gothic-Szene eingetaucht. Ich habe dort eine Musik entdeckt, die mich bis heute begleitet, und Menschen gefunden, bei denen ich mich wohlfühlte und meinen eigenen Weg gehen konnte. Heute würden manche vielleicht sagen, ich sei damals in einer „linksgrünversifften Grufti Blase“ gelandet. Für mich war es vor allem ein Ort, an dem ich sein konnte, wie ich war.      

Sandra: Du warst in den 1990er-Jahren Teil der Gothic-Szene, bist auf dem Land in Sachsen aufgewachsen und hast damit eine Zeit erlebt, die später häufig als die „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet wurde. Hast du diese Entwicklung aus weiblicher Perspektive persönlich erlebt oder eher am Rand wahrgenommen?

Romina: Mitbekommen habe ich diese Entwicklung auf jeden Fall. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde sie auch in meinem unmittelbaren Umfeld immer sichtbarer. Bei uns im Dorf gab es damals endlich einen Jugendclub, eine alte Hütte, die wir gemeinsam ausgebaut hatten. Für uns Jugendliche war das etwas Besonderes, weil es vorher praktisch keine Angebote gab. Dort kamen ganz unterschiedliche Menschen und Szenen zusammen.

Anfangs war es einfach ein gemeinsamer Treffpunkt, aber irgendwann veränderte sich die Stimmung. Die ersten trugen Springerstiefel, rechte Einstellungen wurden zunehmend offen vertreten. In der Nähe, in Kamenz, gab es ein Asylbewerberheim. Ich erinnere mich daran, dass manche ankündigten, dorthin zu fahren und „Ärger zu machen“. Die tatsächliche Wortwahl war damals deutlich drastischer, aber die möchte ich heute nicht wiederholen.

Ich habe mich in diesem Umfeld zunehmend unwohl gefühlt. Rückblickend war das sicherlich einer der Gründe, weshalb ich nach der zehnten Klasse wusste, dass ich weg wollte. Ich stand vor der Entscheidung, mein Abitur in der Region zu machen oder nach Dresden zu gehen. Für mich war ziemlich schnell klar: Ich muss hier raus. Schließlich zog ich nach Dresden in die Neustadt, in eine WG mit Menschen, bei denen ich mich sofort wohlgefühlt habe. Rückblickend ein großes Glück.

Sandra: Bist du selbst direkt mit rechter Gewalt oder Bedrohungen konfrontiert worden?

Romina: Direkte körperliche Auseinandersetzungen habe ich nicht erlebt, aber die Angst war durchaus da. Ich kenne das vor allem aus den Jugendclubs oder von Stadtfesten der Region. Immer wieder hieß es, dass Gruppen aus Nachbarorten oder einem anderen Jugendclub kommen würden. Man wurde gewarnt, und meistens bin ich solchen Situationen aus dem Weg gegangen. Wenn angekündigt wurde, dass es Ärger geben könnte, bin ich oft gar nicht erst hingegangen. Aber dieses Gefühl der Unsicherheit war trotzdem ständig präsent. Man wusste nie genau, ob auf einem Stadtfest, in einer Diskothek oder bei einer Veranstaltung etwas passieren würde. 

Auch in Dresden habe ich solche Situationen erlebt, insbesondere während der Bunten Republik Neustadt Ende der 1990er. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem im Vorfeld massiv angekündigt wurde, dass Neonazis in die Neustadt kommen würden. Ich wohnte damals mittendrin und weiß noch, dass ich mich kaum aus dem Haus getraut habe. Aus meinem Fenster sah ich auf der einen Seite Polizeiketten und auf der anderen große Gruppen von Rechtsextremen. Meine Eltern riefen an und fragten, ob alles in Ordnung sei. Am nächsten Morgen sah es dort aus wie ein Schlachtfeld. Überall standen ausgebrannte Mülltonnen. Dieses Bild habe ich bis heute nicht vergessen.

Sandra: Wenn man heute zurückblickt, wirkt diese Zeit manchmal fast unwirklich. Wir sind noch ohne Internet und teilweise sogar ohne eigenes Telefon aufgewachsen.

Romina: Absolut. Informationen wurden damals ganz anders weitergegeben. Es gab Flyer für Partys, Stadtmagazine und natürlich die Szenetreffs, in denen man sich austauschte. In Dresden haben wir regelmäßig die Veranstaltungsmagazine durchgeblättert, um herauszufinden, wann die nächste Party stattfindet oder wo am Wochenende etwas los ist. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie viel anders das damals funktioniert hat. Man musste sich Informationen aktiv beschaffen, vieles erfuhr man einfach über andere Menschen. Und manchmal wusste man eben auch nicht, was irgendwo gerade passierte, weil nicht alles jederzeit verfügbar war. 

Sandra: Aktuell scheint das Interesse an DDR-Geschichte und ostdeutschen Erfahrungen deutlich zuzunehmen – auch bei jüngeren Menschen. Nimmst du das ebenfalls so wahr?

Romina: Ja, und ich finde das grundsätzlich gut. Ich habe den Eindruck, dass damit ein Bedürfnis aufgegriffen wird, das viele Menschen in Ostdeutschland bis heute haben. Viele fühlen sich nicht ausreichend gehört oder erleben ihre Biografien als abgewertet. Das kenne ich auch aus meiner eigenen Familie. Meine Eltern haben häufig das Gefühl, dass über die DDR vor allem kritisch gesprochen wird und ihre persönlichen Erfahrungen dabei kaum Platz finden. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir differenzierter über diese Zeit sprechen und auch die Lebensgeschichten der Menschen stärker berücksichtigen.

In meinem Magazin femMit hatten wir einmal einen Beitrag über Frauen in der Informatik in der DDR. Das Interesse daran war enorm und wir bekamen zahlreiche Rückmeldungen. Besonders spannend fand ich die Reaktionen von Menschen aus Westdeutschland, die sagten: „Das wusste ich gar nicht.“ Genau solche Momente finde ich wichtig, weil sie neue Perspektiven eröffnen und Verständnis füreinander schaffen. Deshalb halte ich auch euer Projekt für so wertvoll. Es gibt unterschiedlichen Erfahrungen Raum und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Und ich glaube, wir sollten damit nicht zu lange warten.

Sandra: Du suchst diesen Austausch auch ganz bewusst selbst.

Romina: Während der Coronazeit habe ich über eine Freundin in Hamburg viele Frauen kennengelernt. Wir haben uns digital getroffen und einfach miteinander gesprochen. Ein Großteil der Kontakte bestehen bis heute. Dabei gab es immer wieder diese wunderbaren Aha-Momente. Wir haben über unsere Kindheit gesprochen, über Familie und darüber, wie unterschiedlich wir aufgewachsen sind. Wie sah dein Alltag aus? Wie war meiner? Was hat dich geprägt, und welche Auswirkungen hat das möglicherweise bis heute? Auf beiden Seiten gab es immer wieder Überraschungen. Dieses gegenseitige „Das wusste ich gar nicht“ hat mich unglaublich fasziniert. Deshalb würde ich jedem empfehlen, solche Gespräche zu führen und einfach neugierig nachzufragen. Bei mir beispielsweise haben meine Eltern immer gearbeitet. Meine Mutter war im Schichtdienst tätig, mein Vater die ganze Woche auf Montage. Das prägt natürlich die eigene Vorstellung von Familie und davon, wie ein ganz normaler Alltag aussieht.

Gleichzeitig stelle ich fest, dass ich mit Frauen meines Alters, die ebenfalls in der DDR aufgewachsen sind, oft sofort eine Verbindung habe. Manchmal reichen wenige Minuten Gespräch und man versteht sich, ohne viel erklären zu müssen. Offenbar gibt es Erfahrungen und Erinnerungen, die uns verbinden. Woher dieses Gefühl genau kommt, kann ich gar nicht sagen, aber ich erlebe es immer wieder.

Sandra: Du hast den femMit-Beitrag über Frauen in der Informatik in der DDR erwähnt. Warum war dir dieses Thema wichtig?

Romina: Der Artikel entstand im Rahmen einer Ausgabe zum Thema MINT-Berufe. Bei der Recherche wurde deutlich, dass es in der DDR vergleichsweise viele Frauen gab, die Informatik studierten oder in technischen Berufen arbeiteten. Nach der Wiedervereinigung veränderte sich das deutlich. Viele Strukturen brachen weg, Berufsbilder und Ausbildungsmöglichkeiten veränderten sich und der Frauenanteil ging deutlich zurück. Mich interessieren solche Themen, weil sie Perspektiven auf unsere Geschichte eröffnen, die heute oft vergessen werden. Als mein Vater den Artikel gelesen hat, hat er sich unglaublich darüber gefreut. Er war schon immer technikbegeistert, und plötzlich hatten wir wieder einen Anlass, über seine Erinnerungen und Erfahrungen zu sprechen. Genau das finde ich so wertvoll an solchen Geschichten: Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch, auch über Generationen hinweg.

Wenn ich aus all diesen Erfahrungen eine Botschaft ableiten müsste, dann wäre es wahrscheinlich diese: Redet miteinander und hört einander zu. Wir müssen nicht immer derselben Meinung sein. Unterschiedliche Wahrnehmungen dürfen nebeneinander existieren, und manchmal müssen wir auch aushalten, dass andere Menschen dieselbe Zeit ganz anders erlebt haben. Erinnerungen verändern sich über die Jahre, werden manchmal weicher oder lückenhaft. Deshalb finde ich es wichtig, einander mit Offenheit und einer gewissen Milde zu begegnen.

Sandra: Du setzt dich heute intensiv mit Themen wie Gleichberechtigung, Demokratie, Freiheit und gesellschaftlicher Teilhabe auseinander. Glaubst du, dass das etwas mit deiner Prägung in der DDR oder mit deiner Familiengeschichte zu tun hat?

Romina: Keine Ahnung. Mein Vater hat früher oft scherzhaft zu mir gesagt: „Romina, du bist doch keine Sozialstation“, wenn ich stundenlang am Telefon hing. Ich habe schon als Jugendliche viel zugehört und mich für andere Menschen interessiert. Ursprünglich wollte ich sogar Sozialpädagogik studieren. Woher das kommt, kann ich gar nicht so genau sagen. Was ich allerdings merke: Meine Kinder haben ähnliche Eigenschaften. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob meine Haltung unmittelbar mit dem Aufwachsen in der DDR zusammenhängt. Vielleicht hat sie auch viel mit Neugier zu tun und mit dem Wunsch, Menschen und ihre Geschichten zu verstehen. 

Vielleicht spielt auch eine gewisse Sensibilität für die Erfahrungen und Gefühle anderer Menschen eine Rolle. Ich merke, dass ich mich damit oft sehr intensiv beschäftige. Das kann manchmal anstrengend sein, ist für mich aber auch bereichernd. Am Ende kann ich die Frage nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus Familie, Herkunft und persönlichen Erfahrungen. Und vielleicht muss ich darüber selbst noch ein bisschen länger nachdenken.

Sandra: Wenn man auf deinen beruflichen Weg schaut, hast du in den vergangenen Jahren sehr viel aufgebaut: das femMit-Magazin, Veranstaltungen, Konferenzen, Netzwerke. Du bist sichtbar geworden, hast Themen gesetzt und stehst heute öffentlich für bestimmte gesellschaftliche Fragen ein. Gleichzeitig hast du dich von deinem Ehemann getrennt, bist geschieden und lebst heute allein mit deinen Kindern. Hängt das alles für dich irgendwie zusammen?

Romina: Da stecken tatsächlich mehrere Themen drin. Natürlich hat mich mein eigenes Leben geprägt. Ich bin mit starken Frauen aufgewachsen und habe auch später viele Frauen kennengelernt, die ihren Weg gegangen sind, Verantwortung übernommen und schwierige Entscheidungen getroffen haben. Das hat mein Bild davon beeinflusst, was Frauen alles können und wie selbstbestimmt sie leben können. Gleichzeitig habe ich durch meine femMit-Arbeit Frauen getroffen, die mir gesagt haben: „Ich kann mich nicht trennen. Ich bin finanziell zu abhängig.“ Das habe ich wirklich oft gehört. Und irgendwann habe ich angefangen, auch mein eigenes Leben mit anderen Augen zu betrachten.

Bei mir selbst war die Situation anders. Ich möchte meine persönliche Trennungsgeschichte nicht ausführlich erzählen, aber die Entscheidung ging letztlich von mir aus. Es gab Entwicklungen und Ereignisse, bei denen ich irgendwann gemerkt habe: Ich möchte das so nicht mehr weiterführen. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Arbeit mit femMit und die intensive Beschäftigung mit Gleichstellungsthemen dabei auch eine wichtige Rolle gespielt haben. 2018 habe ich mich erstmals sehr intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt, 2019 folgte die Konferenz. Ich habe angefangen, vieles in meinem eigenen Leben zu hinterfragen. Und plötzlich habe ich festgestellt: Ich habe drei Kinder, einen Ehemann, wir arbeiten beide, und trotzdem bin ich in ein Rollenbild geraten, das ich selbst kritisch betrachte. Das ist ausdrücklich keine Schuldzuweisung. Wir sind beide in diese Aufteilung hineingerutscht. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich dieses Leben so nicht mehr führen möchte. Dass mir etwas fehlt und ich mich selbst darin nicht mehr richtig wiederfinde.

Die Arbeit in diesem Bereich hat mir damals unglaublich geholfen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum mir diese Themen bis heute so wichtig sind. Je mehr Informationen Frauen haben, desto mehr Möglichkeiten haben sie, eigene Entscheidungen zu treffen. Es geht mir darum, dass jede Frau für sich herausfinden kann: Möchte ich bleiben oder gehen? Was wünsche ich mir für mein Leben? Wo liegen meine Grenzen und welche Konsequenzen hätte eine Entscheidung? Ich erlebe immer wieder Frauen, die etwas verändern möchten, diesen Schritt aber nicht gehen können oder sich nicht trauen. Und ich begegne Frauen, die ihn gegangen sind und später sagen: „Es war schwer, aber heute fühlt es sich besser an.“

Ich möchte niemanden zu einer Trennung ermutigen. Aber ich finde, man sollte sich fragen dürfen: Welches Rollenbild lebe ich gerade? Habe ich mich bewusst dafür entschieden, oder bin ich einfach hineingeraten? Dazu gehören für mich auch ganz praktische Überlegungen. Wer hätte mir garantieren können, dass meine Ehe bis zur Rente hält? Was wäre passiert, wenn ich mein ganzes Leben auf eine bestimmte Rollenverteilung gesetzt hätte und dann mit 50 plötzlich allein dagestanden hätte? Deshalb finde ich es gut, dass heute so viele Informationen zugänglich sind. Man kann sich über Finanzen, Altersvorsorge und Rentenansprüche informieren, nachlesen und nachfragen. Dieses Wissen schafft Handlungsspielräume.

Sandra: Diese Themen und die Auseinandersetzung damit haben dich gestärkt.

Romina: Ja, absolut. Genau deshalb habe ich das Magazin gemacht und später die Netzwerk-Veranstaltungen organisiert. Ich habe selbst erlebt, wie viel es verändern kann, wenn man sich mit bestimmten Fragen auseinandersetzt und plötzlich auch das eigene Leben anders betrachtet. Ich glaube, dass Wissen stärkt. Je besser Frauen informiert sind, desto mehr Möglichkeiten haben sie, ihr Leben selbst zu gestalten und Entscheidungen bewusst zu treffen. Niemand sollte das Gefühl haben, in einer Situation festzustecken und einfach nur durchhalten zu müssen. Fakt ist: Wir haben alle nur dieses eine Leben.

Sandra: Vielleicht geht es auch darum, überhaupt zu sehen, dass es unterschiedliche Lebenswege gibt. Viele wachsen mit der Vorstellung auf: Man lernt jemanden kennen, gründet eine Familie, baut ein Haus oder hat eine gemeinsame Wohnung und bleibt sein Leben lang zusammen. Wenn dann jemand einen anderen Weg geht, zeigt das auch, dass es andere Möglichkeiten gibt.

Romina: Genau. Und das bedeutet ja nicht, dass der klassische Weg falsch ist. Wenn jemand sagt: „Das ist genau das Leben, das ich führen möchte“, dann ist das völlig in Ordnung. Entscheidend ist für mich, dass man die Wahl hat und sich bewusst für das eigene Leben entscheiden kann. Manchmal steckt man so tief im Alltag, dass man gar nicht mehr merkt, wie sehr man in bestimmte Strukturen hineingeraten ist. Man funktioniert, hält alles am Laufen und hinterfragt irgendwann kaum noch, ob man selbst eigentlich glücklich damit ist. Deshalb finde ich es wichtig, unterschiedliche Lebensentwürfe sichtbar zu machen. Manchmal braucht es einfach den Blick auf ein anderes Leben, um sich zu fragen: Wie möchte ich meines eigentlich führen? 

Sandra: Hattest du als Jugendliche weibliche Vorbilder?

Romina: Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, als Jugendliche bestimmte weibliche Vorbilder gehabt zu haben. Das kam erst viel später. Seit einigen Jahren kaufe ich beispielsweise bewusst Bücher von Frauen, höre gezielt Musik von Künstlerinnen und beschäftige mich stärker mit weiblichen Perspektiven. Dadurch verändert sich natürlich auch der eigene Blick auf die Welt. Ein toller Bonus: Irgendwann verändern sich die Empfehlungen, die man bekommt. Als Jugendliche hatte ich dieses Bewusstsein noch nicht.

Was mich rückblickend aber sehr geprägt hat, war der Sport. Ich habe Geräteturnen gemacht, war im Verein, hatte mehrmals pro Woche Training und an den Wochenenden Wettkämpfe. Irgendwann ist mir aufgefallen, wie viele Frauen meiner Generation, die heute Unternehmerinnen sind, Führungspositionen innehaben oder sich politisch engagieren, ebenfalls intensiv Sport gemacht haben. Vor einigen Jahren saß ich bei einer Veranstaltung mit mehreren Unternehmerinnen zusammen. Im Gespräch stellten wir fest, dass fast alle in ihrer Jugend Leistungs- oder Vereinssport betrieben hatten. Das fand ich unglaublich spannend. Vielleicht bin ich ja einer kleinen Verschwörungstheorie auf der Spur. Aber womöglich gibt es da tatsächlich einen Zusammenhang. Nein, im Ernst: Im Sport lernt man dranzubleiben, mit Rückschlägen umzugehen und auf etwas hinzuarbeiten. Ob das speziell etwas mit der DDR zu tun hat, weiß ich nicht. Aber möglicherweise ist es ein Aspekt, der viele Frauen meiner Generation geprägt hat. Das wäre auf jeden Fall ein Thema, bei dem es sich lohnen würde, noch einmal genauer hinzuschauen.

Sandra: Wie sind deine Erinnerungen an den Sportunterricht?

Romina: An den Schulsport selbst habe ich gar keine so schlechten Erinnerungen. Schrecklich fand ich eher das Training im Geräteturnen. Wenn ich heute daran zurückdenke, fallen mir zuerst die harten Trainingsmethoden ein. Wie ich damals den Spagat gelernt habe, kann ich hier gar nicht wiedergeben. Das war die Hölle. Ich möchte also ausdrücklich nicht behaupten, dass das eine schöne Zeit gewesen ist. Trotzdem glaube ich, dass der Sport meinen Kampfgeist und mein Durchhaltevermögen geprägt hat. Das ist für mich etwas anderes als die Frage, ob das Training gut oder angenehm war. Der normale Schulsport hat mich jedenfalls kaum gefordert, weil ich durch das Geräteturnen ganz andere Anforderungen gewohnt war. Dort ging es um Leistung, Leistung und noch mehr Leistung. Wenn du dich am Freitag verletzt hast und am Samstag ein Wettkampf anstand, wurde trotzdem erwartet, dass du antrittst. Dann gab es eben Eisspray oder irgendeine andere Lösung, und weiter ging es.

Wenn ich heute die Diskussionen über Kleidungsvorschriften für Frauen im Sport verfolge, muss ich oft an meine eigene Zeit im Geräteturnen denken. Wir trugen bei Wettkämpfen langärmelige Turnanzüge, die im Schnitt fast wie Badeanzüge waren. Meine Mutter hat mir als Kind natürlich keine Tangas gekauft, also hatte ich ganz normale Unterwäsche darunter an. Wenn davon beim Wettkampf etwas zu sehen war, gab es Punktabzug. Heute denke ich: Wie absurd ist das eigentlich? Es sollte um die sportliche Leistung gehen, um Körperspannung und Technik. Warum wurde bewertet, ob irgendwo ein Stück Unterwäsche zu sehen war? Deshalb fand ich es wichtig, dass diese Diskussionen irgendwann öffentlich geführt wurden und die Frage aufkam, warum der Körper von Frauen im Sport überhaupt auf diese Weise bewertet wird.

Sandra: Hast du dir irgendwann Gedanken darüber gemacht, ob sich der Sport in der DDR von dem in der Bundesrepublik unterschied? Ich selbst war in der Leichtathletik. Mir hat das Spaß gemacht, auch die Wettkämpfe. Ich persönlich habe dort wenig Druck erlebt. Trotzdem empfand ich manches im Schulsport als unangenehm. Allein dieses Aufstellen nach Größe in Reihen, die Kommandos, die Appell-Situation.

Romina: Ja, das würde ich unterschreiben.Dieser Drill war definitiv vorhanden. Leichtathletik mochte ich übrigens auch gern. Die klassischen Disziplinen wie Sprint oder Weitsprung haben mir Spaß gemacht. Beim Geräteturnen kamen allerdings noch andere Dinge hinzu. Ich erinnere mich an viele Wettkämpfe, aber auch daran, dass ich mich schon als Kind häufig zu dick gefühlt habe. In diesen engen Wettkampfanzügen wurde das natürlich nicht besser. Man fühlte sich beobachtet, verglich sich ständig mit anderen und schämte sich für den eigenen Körper. Das sind Erinnerungen, auf die ich heute mit ziemlich gemischten Gefühlen zurückblicke.

Sandra: Das Thema Körperwahrnehmung begleitet viele Frauen – unabhängig davon, ob sie in Ost- oder Westdeutschland aufgewachsen sind.

Romina: Ja, ich glaube auch. Interessanterweise habe ich noch alte Frauenzeitschriften aus dieser Zeit. Meine Mutter hat mir irgendwann einen ganzen Stapel aufgehoben. Wenn man heute darin blättert, fällt auf: Die Frauen sind alle dünn. Wirklich alle. Deshalb glaube ich nicht, dass man diese Erfahrungen eindeutig Ost oder West zuordnen kann. Ich selbst verbinde meine Unsicherheiten vor allem mit der Zeit nach der Wende. Da kamen neue Werbung und Schönheitsideale auf mich zu, und gleichzeitig war ich mitten in der Pubertät. Das ist ohnehin eine Phase, in der man anfängt, den eigenen Körper kritisch zu betrachten.

Wenn man dann noch in einem engen Wettkampfanzug neben anderen Mädchen steht und sich ständig vergleicht, verstärkt das solche Gefühle natürlich. Ähnlich war es beim Schwimmunterricht. Den fand ich furchtbar. Aber auch da würde ich sagen: Das hatte für mich wahrscheinlich weniger mit Ost oder West zu tun als damit, wie ich damals meinen eigenen Körper wahrgenommen habe.

Sandra: Thema Klischee, dass Frauen aus Ostdeutschland freizügiger seien – sowohl im Umgang mit ihrem Körper als auch mit ihrer Sexualität. Manche verbinden damit sogar die Vorstellung, Ostfrauen seien leichter zu haben. Hast du das auch wahrgenommen?

Romina: Das müsstest du wahrscheinlich Männer fragen. Was ich mir vorstellen kann, ist, dass Frauen im Osten vielleicht einen freieren Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität hatten. Wobei ich schon beim Aussprechen merke, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind. Ein freier Umgang mit dem eigenen Körper sagt schließlich nichts darüber aus, mit wem jemand Sex haben möchte.

Ich erinnere mich allerdings daran, dass mein geschiedener Mann, der aus Westdeutschland kam, mir erzählt hat, welche Klischees dort über Ostfrauen kursierten. Dazu gehörte auch der Spruch: „Herzlich willkommen im Peggy-Mandy-Land.“ Das sind ausdrücklich nicht meine Worte, sondern etwas, das ihm damals begegnet ist. Offenbar wurde dieses Bild weitergetragen. Ob es heute noch existiert, weiß ich nicht.

Sandra: Ostfrau und Westmann. War das in eurer Beziehung ein Thema? Habt ihr Unterschiede wahrgenommen, die sich aus euren jeweiligen Prägungen ergeben haben?

Romina: Natürlich haben wir darüber gesprochen. Über unsere Eltern zum Beispiel. Seine Mutter blieb mit den Kindern zu Hause, meine Mutter hat immer gearbeitet. Solche Unterschiede waren schon sichtbar. Später, insbesondere im Zusammenhang mit unserer Trennung, habe ich vieles noch einmal hinterfragt: Welche Vorstellungen von Familie habe ich übernommen? Welche Rollenbilder lebe ich eigentlich? Und entsprechen die überhaupt dem, was ich selbst möchte?

Ich habe immer gern gearbeitet. Gleichzeitig bin ich mit den Kindern beruflich natürlich auch einen Schritt zurückgetreten. Irgendwann fragt man sich dann: Waren das wirklich meine eigenen Entscheidungen, oder bin ich in ein Modell hineingeraten, das ich übernommen habe, ohne es bewusst zu hinterfragen? Dabei würde ich sagen, dass mein mittlerweile damaliger Mann und ich bei vielen grundlegenden Themen, etwa in der Erziehung, immer sehr ähnlich gedacht haben – und so ist es bis heute.

Sandra: Was möchtest du den Menschen mitgeben? Einerseits mit Blick auf Ost und West, andererseits mit Blick auf Frauen, Solidarität und Zusammenhalt.

Romina: Zum Ost-West-Thema habe ich einen zentralen Wunsch: Hört einander zu. Fragt nach. Lernt euch kennen. Ich habe irgendwann sogar einmal darüber nachgedacht, eine Art Tinder-App für Ost- und Westdeutsche zu entwickeln. Nicht zum Daten, sondern einfach zum Kennenlernen. Zwei Menschen werden einander zugelost, kennen sich vorher nicht und bekommen die Aufgabe, eine halbe Stunde miteinander zu telefonieren. Vielleicht gibt man ihnen noch drei Fragen mit, die sie sich gegenseitig stellen sollen. Ich finde die Idee bis heute großartig. Denn genau darum geht es doch: miteinander ins Gespräch kommen und erst einmal verstehen wollen, wie die andere Person aufgewachsen ist und warum sie bestimmte Dinge so sieht. Ohne sie sofort einzuordnen oder zu bewerten.

Und wenn wir über Frauen sprechen, dann gibt es noch etwas, das mir in den vergangenen Jahren unglaublich wichtig geworden ist: Frauenfreundschaften. Ich habe erlebt, wie viel mir echte Freundschaften mit anderen Frauen geben, emotional und überhaupt für mein Leben. Vielleicht sogar mehr, als es jemals ein Mann könnte. Das klingt jetzt härter, als ich es meine. Ich bin keine Männerhasserin, überhaupt nicht. Aber ich glaube, wir Frauen dürfen uns viel stärker gegenseitig unterstützen. Wir werden doch oft so sozialisiert, als könne es immer nur eine geben: die eine Erfolgreiche, die eine Schöne, die eine, zu der alle aufschauen. Dieses „Queen-Bee“-Prinzip. Ich wünsche mir, dass wir das durchbrechen. Dass wir „Frauenpower“ nicht nur als Schlagwort benutzen, sondern wirklich füreinander einstehen. Dass wir uns mögen, uns schätzen und einander Erfolg gönnen. Genau diesen Impuls möchte ich weitergeben, weil ich selbst erlebt habe, wie unglaublich wertvoll Frauenfreundschaften sein können.

Sandra: Wir wachsen häufig mit der Vorstellung auf, dass Frauen Konkurrentinnen sein müssen – das hängt natürlich mit patriarchalen Strukturen zusammen. Siehe Begriffe wie „Pick-me-Girl“. Wie siehst du das?

Romina: Auch das ist Sozialisation. Wenn ich Begriffe wie „Pick-me-Girl“ lese, empfinde ich sie oft selbst schon wieder als Abwertung. Und gleichzeitig denke ich: Ja, aber woher kommt dieses Verhalten denn? Viele Menschen haben bestimmte Vorstellungen so verinnerlicht, dass sie sie gar nicht bewusst hinterfragen. Deshalb finde ich es wichtig, auch bei sich selbst genauer hinzuschauen. Warum habe ich mich eigentlich mit dieser Frau gestritten? Woher kommt dieses Gefühl? Finde ich sie wirklich unsympathisch oder macht sie vielleicht etwas, das ich selbst gern machen würde? Vielleicht bin ich ja auch einfach neidisch. Und ich finde, das darf man ruhig mal aussprechen. Zu sagen: „Ich finde deinen Job toll. Ich bin ein bisschen neidisch auf das, was du machst. Das würde ich auch gern können.“ Was wäre denn schlimm daran? Ich glaube, wir würden uns vieles leichter machen, wenn wir solche Gefühle ehrlicher benennen könnten.

Ich verbringe inzwischen unglaublich gern Zeit mit Frauen, bei Theaterbesuchen, Konzerten oder einfach so. Und ich finde, wir dürfen auch die Vorstellungen hinterfragen, die uns über das Verhältnis von Frauen zueinander vermittelt wurden. Warum sollte ich beispielsweise nicht mit der neuen Partnerin meines Ex-Mannes befreundet sein? Oder mit der Ex meines neuen Partners? Warum eigentlich nicht? Uns wird oft vermittelt, dass Frauen sich in solchen Konstellationen automatisch bekriegen müssten. Aber wer hat das festgelegt? Und warum stellen wir dabei immer den Mann in die Mitte und definieren unser Verhältnis zueinander über ihn? Das ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Ich wünsche mir vielmehr, dass wir Frauen sagen können: Wir finden uns einfach gegenseitig großartig. Warum nicht? Ich habe für mich entdeckt, dass darin etwas unglaublich Schönes liegt. Frauenfreundschaften können eine ganz besondere Form von Liebe sein. Keine romantische, sondern eine tiefe, freundschaftliche Verbundenheit. Und die gibt mir persönlich im Moment sehr viel.

Romina Stawowy, Jahrgang 1982, ist Kommunikationsstrategin und Führungskraft aus Dresden. Heute verantwortet sie bei Deutschlands größter Arbeitsgebendeninitiative Charta der Vielfalt die Bereiche Kommunikation und Events und arbeitet an digitalen Transformations- und Organisationsprozessen. Zuvor gründete sie femMit, ein gesellschaftspolitisches Magazin mit eigenen Veranstaltungsformaten, leitete über viele Jahre eine Agentur für Politik- und Medienkommunikation und war zuvor Verlagsleiterin eines Stadtmagazins. Zur sächsischen Landtagswahl 2024 initiierte sie die Kampagne #SäxStreik, die unter anderem sichtbar machte, welche frauenpolitischen Positionen die Parteien in ihren Programmen vertraten. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf bei Pulsnitz in der sächsischen Lausitz, wohnte später in Dresden, Leipzig und Berlin.

Foto: Carina Sonntag