GESUNDHEITLICHE LANGZEITFOLGEN VON DDR-UNRECHT
Interview mit Anne Weiß
von Sandra Strauß

Sandra: Das Verbundprojekt „Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht“, an dem du beteiligt warst, war eine Kooperation der Universitätskliniken Jena, Leipzig, Magdeburg und Rostock. Magst du erzählen, worum es bei diesem Projekt ging und womit ihr euch beschäftigt habt?
Anne: Das Verbundprojekt lief von 2021 bis 2025 und umfasste zwei Förderperioden an den von dir genannten Standorten, die inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte hatten. Ich war in Leipzig tätig. Wir haben uns mit anhaltenden Stigmatisierungsprozessen von politisch Verfolgten in der DDR beschäftigt. In Jena ging es beispielsweise um Zersetzungsmaßnahmen und die Frage, inwieweit sich deren Folgen bis heute bei den Betroffenen zeigen, etwa durch anhaltendes Stresserleben oder auf immunologischer Ebene. In Rostock haben sich die Kolleginnen und Kollegen mit dem Thema Zwangsdoping beschäftigt und dessen Folgen auf die körperliche und auch psychische Gesundheit, insbesondere bei jugendlichen Sportlern und Sportlerinnen. In Magdeburg ging es um die Beratung und Begutachtung von Betroffenen. Aufgrund ihrer Schädigungen haben sie unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf eine Opferrente und auch andere Leistungen. Ein Kollege hat sich intensiv mit diesen Begutachtungsverfahren beschäftigt.
Außerdem gab es einen großen Medizinskandal in der DDR, der geheim gehalten wurde und auch heute kaum bekannt ist. Frauen wurde nach der Entbindung, einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch eine mit Hepatitis-C kontaminierte Impfung, die sogenannte Anti-D-Prophylaxe, verabreicht. In der Folge entwickelten die betroffenen Frauen eine Hepatitis C, die zu dieser Zeit allerdings noch gar nicht erforscht war, und man also nicht wusste, worum es sich handelte. Die Frauen wussten lange nicht, was überhaupt mit ihnen passiert war.
Zurück zu unserem Forschungsthema: Unter der Leitung von Professor Dr. Georg Schomerus haben wir uns – wie gesagt – mit dem Thema Stigmatisierung beschäftigt. Stigmatisierung war in der DDR auch ein politisches Instrument. Es wurde gesagt: Da ist jemand, der entspricht nicht der Norm, der stellt sich gegen die vorherrschenden – beziehungsweise von der SED und dem Ministerium für Staatssicherheit vorgegebenen – Normen und passt sich nicht an. Es gab dafür teilweise auch gesetzliche Grundlagen. Menschen konnten beispielsweise über den sogenannten „Asozialen“-Paragrafen stigmatisiert werden. Das repressive System der DDR bot demnach Strukturen, über die Menschen bewusst ausgegrenzt werden konnten. Und dabei fanden wir es spannend zu schauen, ob es vielleicht eine Kontinuität in ihren Erfahrungen gibt und sich bestimmte Zuschreibungen oder Erfahrungen von Ausgrenzung möglicherweise bis in die Gegenwart fortsetzen.
Wir waren zu dritt im Team. Meine Kollegin hat sich unter anderem damit beschäftigt, wie die Öffentlichkeit auf die Betroffenen schaut. Da spielt natürlich auch das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. Ein weiterer Schwerpunkt war die Gesundheitsversorgung: Mein Kollege hat sich damit befasst, welche Rolle das Gesundheitssystem im Umgang mit den Betroffenen spielt. Ich bin von Haus aus Psychologin, deshalb war für mich insbesondere die psychische Gesundheit relevant und der Blick darauf, wie Betroffene das Gesundheitssystem erleben. Ich selbst durfte 20 Personen interviewen. Das war für mich etwas ganz Besonderes, weil dadurch ein persönlicher Kontakt entstand und ich ihre Geschichten unmittelbar kennenlernen durfte.
Sandra: Wie habt ihr diese Menschen ausgewählt? Und wie seid ihr überhaupt an sie herangekommen?
Anne: Das war gar nicht so einfach. Es gibt zwar viele Initiativen von Betroffenen: Menschen, die zum Beispiel in politischer Haft waren, organisieren sich in Opferverbänden. Dort wird auch Beratung angeboten. Wir haben unter anderem mit der UOKG (Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.) und weiteren Initiativen kooperiert. Außerdem gab es einen Forschungsbeirat, in dem ebenfalls Menschen aus solchen Initiativen vertreten waren. Das war uns wichtig. Von Unrecht Betroffene sind zum Teil auch selbst in der Forschung aktiv. Über diese Netzwerke konnten wir Menschen erreichen. Wir haben beispielsweise in Verbandszeitschriften kleine Studienaufrufe geschaltet. Menschen, die diese gelesen haben, konnten sich dann bei mir melden. Grundsätzlich ist es schwierig, an Betroffene heranzukommen, die nie nach außen gegangen sind. Menschen, die Repression erlebt haben, vielleicht in Haft waren, aber nicht vernetzt sind und nie darüber gesprochen haben, haben wir möglicherweise gar nicht erreicht.
Das ist auch etwas, das wir herausgefunden haben: Wenn in einer Familie beispielsweise gesagt wird: „Jetzt komm nicht mit den alten Kamellen, das liegt in der Vergangenheit“, dann öffnet man sich vielleicht nicht. Erreicht haben wir eher diejenigen, die sich schon aktiv mit ihrer eigenen Geschichte und vielleicht auch mit ihrer jeweiligen Opfergruppe auseinandergesetzt haben und sich engagieren.
Es gab aber auch Menschen, die sich zum ersten Mal überhaupt getraut haben, darüber zu sprechen. Sie haben gesagt: „Ich bin jetzt so weit. Ich bin stabil genug. Ich möchte jetzt auch einmal mit jemandem darüber reden. Es ist wichtig, dass jemand weiß, was mir widerfahren ist.“ Ich glaube, auch das kann ein Teil der Auseinandersetzung mit dem Erlebten sein.
Einige Personen haben mir wirklich sehr schlimme Schicksale berichtet. Das war sehr bewegend und hatte auch viel mit Vertrauensaufbau zu tun. Mir begegnete zunächst häufig eine vorsichtige Haltung. Gerade im Zusammenhang mit Anträgen und Begutachtungen spielt das eine große Rolle. Die Menschen müssen sich häufig rechtfertigen und nachweisen, was ihnen passiert ist und warum es ihnen heute so schlecht geht. Mir wurden manchmal Gutachten oder andere Materialien schon im Vorfeld zugeschickt – quasi als Beleg: Das liegt vor, hier sind die Erkrankungen und Diagnosen. Darin lag auch eine gewisse Vorwegnahme. Obwohl ich möglichst offen in die Gespräche gegangen bin, merkte ich, dass den Menschen offenbar schon sehr viel begegnet war, dass ihnen nicht geglaubt wurde, dass sie häufig abgewiesen wurden oder dass mit ihren Erfahrungen nichts angefangen werden konnte. Das sind alles Dinge, die mir von den Betroffenen in den Interviews direkt oder auch indirekt mitgeteilt wurden und die ich nach und nach herausarbeiten konnte.
Da beschreibt eine Person, was sie erlebt hat, dass sie zum Beispiel in politischer Haft war, und beim Gegenüber entsteht möglicherweise automatisch die Vorstellung: Da muss jemand etwas getan – also ein deviantes Verhalten gezeigt – und eine Straftat begangen haben, aufgrund derer er oder sie dann inhaftiert wurde. Dass es sich aber zum Beispiel um einen Fluchtversuch gehandelt hat oder eine Folge politischer Verfolgung war, wird nicht unbedingt verstanden. Da fehlt teilweise einfach das Wissen über die historischen Zusammenhänge. Das betrifft natürlich besonders Menschen, die selbst nicht in der DDR sozialisiert wurden. Gerade bei Gutachterinnen und Gutachtern kann das eine Rolle spielen, wenn sie beispielsweise aus Westdeutschland kommen und diesen Teil der Geschichte nicht aus eigener Erfahrung kennen. Ohne dieses Wissen fehlt aber möglicherweise auch ein Stück weit das Verständnis dafür, was eine solche Erfahrung für einen Menschen bedeutet haben kann. Das kann man an ganz vielen unterschiedlichen Aspekten herausarbeiten. Dazu gehört auch wissenschaftliche Evidenz, die für die Behandlung und Begutachtung wichtig ist.
Wir wissen, dass psychische Folgen beziehungsweise Traumafolgestörungen nicht zwangsläufig unmittelbar nach einem Ereignis auftreten müssen. Es kann auch zu einem verspäteten Auftreten von Symptomen kommen. Manche Menschen funktionieren über viele Jahre, sind berufstätig, haben vielleicht eine Familie und versuchen, ihr Leben irgendwie weiterzuführen. Und erst später, beispielsweise mit dem Eintritt in die Rente, wenn die berufliche Tätigkeit wegfällt und plötzlich mehr Raum da ist, kann das Erlebte wieder präsent werden. Dann können sich posttraumatische Symptome möglicherweise erst richtig zeigen – von Albträumen über Flashbacks bis hin zu anderen psychischen Belastungen, die damit einhergehen können. Auch das ist etwas, das man als Behandlerin oder Behandler oder als Gutachterin beziehungsweise Gutachter wissen muss. Sonst besteht schnell die Gefahr, dass man einen Zusammenhang zwischen den früheren Erfahrungen und den heutigen Beschwerden gar nicht erkennt oder nicht ernst nimmt.
Man sieht daran auch, mit wie vielen unterschiedlichen Strukturen und Institutionen Betroffene im Laufe ihres Lebens konfrontiert sein können. Das kann beispielsweise beim Arbeitsamt sein, wenn jemand irgendwann nicht mehr arbeitsfähig ist. Die körperlichen und psychischen Folgen können so gravierend sein, dass Menschen immer wieder krankgeschrieben sind, Rehabilitationsmaßnahmen machen müssen oder irgendwann sogar in Erwerbsunfähigkeit gehen. Von den 20 Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, waren allein zehn erwerbsunfähig. Das ist eine ziemlich hohe Zahl.
Und auch an dieser Stelle können wieder Stereotype eine Rolle spielen. Dann heißt es vielleicht: „Die wollen ja gar nicht“ oder „Die sind eben nicht bereit zu arbeiten.“ Es wird also eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben, anstatt danach zu fragen, welche gesundheitlichen Ursachen tatsächlich dahinterstehen und was dieser Mensch erlebt hat. Genau das ist ein Teil dessen, was mit Stigma verbunden ist: Eine bestimmte Zuschreibung wird vorgenommen, und irgendwann wird diese Zuschreibung wichtiger als die tatsächliche Geschichte des Menschen.
Sandra: Also gibt es unterschiedliche Erfahrungen: Einerseits Menschen, die sich bereits aktiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, weil sie wissen: Ich habe politische Repression erfahren, mir ist etwas passiert und ich habe gesundheitliche, psychische oder körperliche Folgen davongetragen. Und dann gibt es Menschen, die vielleicht erst im Rahmen der Aufarbeitung zufällig auf das Thema stoßen. Sie lesen irgendwo etwas, ohne sich vorher aktiv damit beschäftigt zu haben, und stellen plötzlich fest: Da ist etwas, das mit mir zu tun haben könnte. Spielt auch eine Rolle, dass manche Menschen sich vielleicht überhaupt nicht mit ihrer Geschichte auseinandersetzen können, weil sie so tief in ihrer psychischen Belastung stecken? Vielleicht spüren sie eine Depression, Angst, Zwänge oder eine posttraumatische Belastungsstörung, können das aber gar nicht einordnen. Oder sie merken einfach nur: Irgendetwas funktioniert bei mir nicht. Und dann kommen noch die Abwertung und die Scham hinzu.
Anne: Scham ist ein ganz wichtiger Punkt. Vielleicht kann ich noch einmal etwas theoretischer werden, weil darin sehr viel Verständnis steckt. Es gibt verschiedene Konzepte von Stigma. Generell kennen wir ein Stigma zunächst als eine Art Mal oder Kennzeichnung. Das geht beispielsweise auf das Stigma von Jesus zurück. Es handelt sich um eine sichtbare Markierung, die jemanden von einer Gruppe unterscheidet, und als ausgrenzendes Merkmal funktionieren kann. Ein Stigma muss aber nicht sichtbar sein. Es kann zum Beispiel mit dem Geschlecht verbunden sein, mit der sexuellen Orientierung, mit einer politischen Haltung – oder gerade im Zusammenhang mit der DDR – mit der politischen Vergangenheit.
Wenn wir von einer Mehrheitsgesellschaft sprechen oder von einer Gruppe, die politische oder gesellschaftliche Macht besitzt, gibt es auf der anderen Seite Menschen, die aufgrund eines bestimmten Merkmals zu einer ausgegrenzten Gruppe gemacht werden. Bei Menschen, die von SED-Unrecht betroffen waren, können solche Merkmale beispielsweise sein: „Ich war nicht konform“, „Ich passe hier nicht hinein“ oder „Ich wurde als asozial markiert“ oder „Ich war in politischer Haft und trage nun den Stempel, etwas Strafbares getan zu haben.“ Das Spannende an einem Stigmatisierungsprozess ist, dass zunächst nur ein Etikett als Unterscheidungsmerkmal vorhanden ist. Man sagt: Diese Person ist anders. Dann kommt häufig eine Emotionalisierung hinzu.
Wenn wir zum Beispiel an Erwerbsunfähigkeit denken, kann daraus schnell eine Wertung entstehen: „Die Person will vielleicht gar nicht arbeiten.“ Oder bei einem Bewerbungsverfahren: „Den oder die nehme ich lieber nicht.“ Damit wird das Stigma auf einer Handlungsebene relevant. Aus der Wertung kann Ausgrenzung bis hin zu Diskriminierung entstehen. Und genau das wird auf zwischenmenschlicher Ebene von den Betroffenen erlebt.
Ich spreche jetzt abstrakt von Gruppen, aber tatsächlich geht es um Menschen, die von Unrecht betroffen sind und häufig auch psychische Erkrankungen haben. Bei ihnen können sich verschiedene Dinge überlagern – wie: Ich bin eine Frau, ich bin Ostdeutsche, ich habe eine psychische Erkrankung und ich habe politische Haft- sowie Ausgrenzungserfahrungen in der DDR gemacht. Diese verschiedenen Aspekte können sich in ganz unterschiedlichen Kontexten überschneiden. Das kann mir beim Arbeitsamt begegnen, wenn ich einen Antrag stelle oder wenn es um medizinische Versorgung geht. Es kann aber auch im zwischenmenschlichen Bereich passieren, etwa in der Familie, wenn die eigene Geschichte abgewehrt wird oder zum Tabuthema geworden ist. Mir wurde auch berichtet, dass Menschen nicht darüber sprechen – nicht darüber sprechen möchten oder können – und dass ihre Familien die Erfahrungen abwerten. Das hat natürlich Folgen für die betroffene Person.
Wenn ich von strukturellen Stigmatisierungsprozessen spreche, meine ich damit beispielsweise Behörden, Ämter und Gesetze – oder auch fehlende gesetzliche Regelungen –, durch die Menschen indirekt ausgegrenzt werden. Es entstehen strukturelle Benachteiligungen, weil bestimmte Betroffenengruppen nicht mitgedacht wurden. Da muss an vielen Stellen noch nachjustiert werden.
Oder das Thema Zersetzung: Zersetzungsmaßnahmen wurden individuell geplant und konnten unglaublich perfide sein. Manchmal wurden Dinge in einer Wohnung verändert oder Tee und Kaffeepulver vertauscht. Die Betroffenen kamen nach Hause und begannen irgendwann an sich selbst zu zweifeln. Das waren sehr leise Formen von Repression.
Es gab die lauten, ganz konkreten Formen politischer Repression – zum Beispiel die Inhaftierung. Das war gewissermaßen das eine Extrem und fand im strafrechtlichen Bereich statt. Wenn Repression subtiler und nicht strafrechtlich erfolgte, konnte sie in Form von Zersetzung stattfinden. Dabei wurde die psychische Gesundheit eines Menschen gezielt angegriffen. Wenn eben in einer Wohnung Dinge verändert wurden, konnte das dazu führen, dass die Person irgendwann an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifelte.
Ich glaube, es ist zunächst einmal deutlich geworden, welche Folgen Stigmatisierung haben kann, wenn Ausgrenzung stattfindet. Und wenn wir noch einmal auf die strukturelle Ebene zurückkommen, ist ein Machtgefälle entscheidend. Gesellschaftliche Normen und die Strukturen, die daraus entstehen, sind dominant. Wenn ich aufgrund bestimmter Merkmale aus dieser Norm herausfalle, kann ich benachteiligt werden. Das funktioniert nur, weil ein Machtgefälle dahintersteht. Dieses Machtgefälle kann ich nicht einfach umdrehen. Wenn ich die benachteiligte Person bin und ausgegrenzt werde, kann ich nicht einfach sagen: „Dann diskriminiere ich eben die anderen.“ Das macht natürlich auch etwas mit der eigenen Person.
Eine Erfahrung, die ich gemacht habe, war folgende: Menschen wussten von der Möglichkeit einer Opferrente, haben aber gar nicht erst versucht, sie zu beantragen. Sie sagten: „Ich habe davon gehört, aber ich probiere es gar nicht erst. Ich habe gehört, dass die Ablehnungsquoten hoch sind. Ich schaffe das nicht. Das wird sowieso nichts.“ Dafür gibt es einen Begriff: den sogenannten „Why-Try-Effect“. Also: Warum soll ich es überhaupt versuchen? Das ist ein Beispiel dafür, wie Stigmatisierung auf die betroffene Person zurückwirken kann. Man übernimmt gewissermaßen die vorhandene Zuschreibung. Vielleicht verfolgt man dann auch bestimmte Lebensziele nicht mehr oder entwickelt Scham für das, was einem widerfahren ist. Man denkt vielleicht: „Hätte ich den Fluchtversuch doch gelassen.“ Man gibt sich selbst die Schuld. Das macht psychologisch natürlich etwas mit einem: Was traue ich mir noch zu? Was kann ich noch schaffen? Das kann viele negative Auswirkungen haben. Deshalb sind diese Stigmatisierungsprozesse so relevant. Man sieht, dass manche Menschen irgendwann ein Stück weit aufgeben oder sich auch keine Hilfe mehr suchen. Vielleicht wollen sie auch gar nicht wahrhaben, dass gesundheitliche Probleme auftreten. Sie haben beispielsweise Albträume und erkennen nicht, dass es einen Zusammenhang mit ihren Erfahrungen geben könnte. Oder sie fragen sich nicht, ob das etwas ist, worüber sie mit einem Arzt sprechen sollten.
Und dann gibt es die wiederholte Erfahrung, die ich bereits angesprochen habe: Ich gehe zu einem Arzt und sage: „Mir geht es nicht gut. Ich habe das Gefühl, vielleicht hat das etwas mit dem zu tun, was ich in der Haft erlebt habe.“ Wenn das Gegenüber diesen historischen Zusammenhang nicht kennt, die Erfahrung kleinredet, dann werden möglicherweise Vorurteile reproduziert. Das kann dazu führen, dass die Person beim nächsten Arztbesuch gar nicht mehr darüber spricht. Sie denkt vielleicht: „Dann ist es wohl doch nicht so relevant“ oder „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm.“ Und da sind wir bei der Selbststigmatisierung: Die Person übernimmt diese Zuschreibung, die negativ auf das eigene Erleben zurückwirkt. Das wurde mir in den Interviews immer wieder beschrieben.
Das Stigmakonzept konnten wir deshalb sehr gut auf unterschiedlichen Ebenen erfassen: auf der individuellen Ebene, wenn es um Selbststigmatisierung geht und darum, wie sie auf die Person zurückwirkt; aber auch auf der strukturellen Ebene, wenn es um vorhandene Hürden geht. Das kann sehr subtil und auch unbewusst passieren. Der betroffenen Person muss das gar nicht immer klar sein. Zum Beispiel kann es passieren, dass Menschen durch bestimmte Abläufe an Kontexte erinnert werden, die ihnen aus der DDR bekannt vorkommen: Wie etwas formuliert wird, welche Nachweise verlangt werden, welche medizinischen Daten abgefragt werden. Dann entstehen schnell Fragen: Warum wollen die das jetzt wissen? Warum muss ich mich so umfassend erklären? Was passiert mit diesen Informationen? Ein gewisses Urvertrauen ist häufig nicht mehr vorhanden. Stattdessen besteht Misstrauen gegenüber Versorgungsstrukturen, Ämtern oder Behörden. Manche Menschen wollen oder können sich damit gar nicht auseinandersetzen. Andere haben bereits schlechte Erfahrungen gemacht und meiden bestimmte Kontexte deshalb umso mehr.
Und dann gibt es Menschen, die gut vernetzt sind, andere Betroffene kennen und keine Scheu haben, sich damit auseinanderzusetzen. Sie erleben vielleicht sogar eine Form von Selbstermächtigung. Das ist total wichtig: Wenn sich zum Beispiel ehemalige politisch Inhaftierte zusammenschließen und feststellen: „Da gibt es andere, denen ging es genauso“, kann daraus viel Kraft entstehen. Dann können Menschen auch gemeinsam für ihre eigenen Rechte eintreten, Initiativen gründen und sich Gehör verschaffen.
Zum Glück gibt es unter anderem Eveline Zupke als SED-Opferbeauftragte des Deutschen Bundestages. Sie macht diese Betroffenen sichtbar und arbeitet mit der Bundesregierung zusammen. Dadurch wird auch die öffentliche Wahrnehmung größer. Es geht letztlich ebenso darum, Gesetze nachzujustieren, Anträge für Betroffene einfacher zu machen und dafür zu sorgen, dass Begutachtungen fairer und positive Gutachten möglich werden. Damit kann man struktureller Diskriminierung und Benachteiligung entgegenwirken.
Sandra: Kannst du zur Veranschaulichung noch ein paar Beispiele nennen? Du hast jetzt politisch Inhaftierte erwähnt, Menschen, die von Zersetzungsmaßnahmen betroffen waren, und andere Formen von Repression. Es gab auch: Heimkinder, Jugendwerkhöfe, Venerologische Stationen, Zwangsadoptionen und politisch motivierter Kindesentzug, Psychiatriemissbrauch oder Zwangsdoping Minderjähriger. Es geht um die Frage: Wer war betroffen? Was ist den Menschen widerfahren? Welche Folgen hatte das? Magst du aus deinen 20 Interviews noch ein paar Beispiele nennen und vielleicht auch, welche konkreten gesundheitlichen Folgen daraus entstanden sind? Denn es gibt ja nicht dieses Schema: Wer in politischer Haft war, hat automatisch ein Trauma, und wer zwangsadoptiert wurde, bekommt eine Depression oder Angststörung. So funktioniert psychische Gesundheit ja nicht.
Anne: Es gibt ganz unterschiedliche Gruppen von Betroffenen. Ich habe bisher sehr häufig von politisch Inhaftierten gesprochen. Das sind auch diejenigen, die am sichtbarsten waren und sich häufig am besten vernetzen konnten. Manche kannten sich bereits aus der Haft. Außerdem ist bei ihnen oft relativ klar, was ihnen widerfahren ist, und es gibt möglicherweise eine Aktenlage, die das dokumentiert. Bei Zersetzungsmaßnahmen wird es schon schwieriger. Da gab es entsprechende Vorgänge, die überhaupt nicht oder nur schwer nachweisbar sind: Bespitzelung, Verleumdung oder verhinderte berufliche Chancen. Das sind viele Benachteiligungen, die Menschen, die in der DDR nonkonform waren, erleiden mussten. Vieles davon passierte gewissermaßen unter dem Radar. Wenn jemand beispielsweise nie studieren durfte oder nicht das gewünschte Studium aufnehmen konnte, ist das oft nirgendwo so dokumentiert, dass man es heute eindeutig nachvollziehen könnte. Trotzdem kann so etwas einen großen Einfluss auf das Leben und die Entwicklung eines Menschen haben.
Ich finde dabei noch einen anderen Punkt spannend, der mir in den Gesprächen begegnet ist: Auf der einen Seite gibt es Menschen, die sich ganz bewusst gegen den Staat gestellt haben: Dissidentinnen und Dissidenten, Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, Menschen, die demonstriert haben. Diese Menschen werden teilweise sogar heroisiert. Sie haben für sich eingestanden, sie haben sich etwas getraut. Damit sind viele positive Zuschreibungen verbunden. Manche dieser Menschen bezeichnen sich selbst oder werden von anderen auch als renitent oder querulatorisch beschrieben.
Auf der anderen Seite gibt es Menschen, denen etwas widerfahren ist, ohne dass sie dafür überhaupt etwas konnten. Beispiele dafür sind die kontaminierte Anti-D-Impfung oder die Venerologischen Stationen.
Ich habe mit einer Betroffenen gesprochen, die aus einem Haushalt kam, in dem Alkoholismus und Missbrauch eine Rolle spielten. Sie war als Jugendliche viel unterwegs und häufig draußen. Eines Tages wurde sie an einer Bushaltestelle aufgegriffen – als sogenannte „Herumtreiberin“. Darüber geriet sie überhaupt erst in dieses System. Das ist im Grunde das Gegenteil einer Dissidentin oder einer Bürgerrechtlerin. Sie war eine Person, die bereits aus einem sehr schwierigen sozialen Umfeld kam und dadurch stärker gefährdet war, in diesem Staat negativ aufzufallen. Sie wurde dann verhaftet. Sie kam zwar nicht auf eine Venerologische Station, aber es war ja häufig so, dass sogenannte „Herumtreiberinnen“ – allein dieser Begriff ist bereits stigmatisierend – oder Menschen, denen zum Beispiel „Schulbummelei“ vorgeworfen wurde, in solche Strukturen gerieten. Wenn jemand einmal die Schule schwänzte, konnte daraus bereits eine entsprechende Zuschreibung entstehen.
Das sind Begrifflichkeiten, die wir heute sehr kritisch betrachten müssen. Menschen konnten dadurch, teilweise ohne eigenes Zutun, mit dem Ministerium für Staatssicherheit in Kontakt kommen und in einen Strudel geraten, der letztlich bis zur Inhaftierung führen konnte.
Bei den Menschen, mit denen ich gesprochen habe, war es tatsächlich häufig so, dass sie Fluchtversuche unternommen hatten und dann aufgeflogen waren – beispielsweise weil jemand aus dem Freundeskreis als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit tätig war. Dann zu hören, unter welchen Bedingungen die Menschen inhaftiert waren, insbesondere in der Untersuchungshaft, wie viel Demütigung dort stattgefunden hat und welche Menschenrechtsverletzungen es gab, war sehr berührend und auch schwer auszuhalten.
Und damit komme ich noch einmal zu den Venerologischen Stationen. Das war zwar kein Thema unseres Forschungsprojekts, aber natürlich ist es mir während der Laufzeit des Projekts und im Rahmen meiner Beschäftigung mit SED-Unrecht immer wieder begegnet. Hier in Leipzig gibt es die Riebeckstraße 63 und den dort engagierten Verein. An diesem Ort befand sich zeitweise ebenfalls eine Venerologische Station. Es fand tatsächlich ein Missbrauch statt. Frauen mussten sich immer wieder Untersuchungen und anderen Maßnahmen unterziehen, obwohl überhaupt kein entsprechender medizinischer Anlass vorlag, und konnten diese Stationen teilweise nicht verlassen.
Du hattest eben noch andere Themen genannt, die zwar nicht Gegenstand unseres konkreten Projekts waren, aber relevant sind. Es gab auch andere Forschungsprojekte, die parallel zu unserem liefen oder teilweise schon vorher abgeschlossen waren. Bei SiSAP (Seelenarbeit im Sozialismus) wurde unter anderem untersucht, ob es Formen der Psychiatrisierung in der DDR gab. Mir ist im Rahmen eines Interviews eine Person begegnet, die psychiatrisiert wurde, obwohl es dafür keine entsprechende Indikation gab. Das fand also durchaus statt, aber nicht in dem Ausmaß und so systematisch wie etwa in der damaligen Sowjetunion, in der Menschen, die auffielen oder nicht ins System passten, zwangseingewiesen wurden. Darin steckt auch wieder das Thema des „nicht selbst Verschuldeten“, dieses Hineingeratens in ein Unrechtssystem.
Auch Zwangsdoping gehört dazu. Die Kolleginnen und Kollegen in Rostock haben sich mit der Gabe von Dopingpräparaten beschäftigt, die natürlich in die Entwicklung des Körpers und gerade auch des jugendlichen und weiblichen Körpers eingegriffen haben. Ich hatte eine Betroffene, bei der dieses Thema eher nebenbei aufkam. Auch sie war ein Beispiel für jemanden, der zum ersten Mal mit einer Person darüber gesprochen hat, was ihr widerfahren ist. Bei ihr lag ebenfalls ein Fluchtversuch vor. Sie war aufgegriffen beziehungsweise verraten worden. Irgendwann später wurde bei ihr eine Erkrankung festgestellt. Sie hatte als Jugendliche trainiert und sich möglicherweise vorstellen können, den Sport zu professionalisieren. Das hatte aber nicht geklappt. Erst als sie einmal etwas über das Thema Doping gelesen hatte, kam gemeinsam mit einem Arzt die Vermutung auf, dass sie damals als Jugendliche gedopt wurde. Vielleicht könnte das ein Grund dafür sein, warum ihr Körper heute so stark geschädigt ist und warum sie diese gesundheitlichen Probleme hat. Das zeigt noch einmal, wie wichtig Wissen ist, damit Menschen überhaupt angemessen geholfen werden kann.
Und auch bei ihr war es interessant: Sie war Mitglied in einer Facebook-Gruppe und eine Person schrieb ihr sinngemäß: „Mensch, dazu gibt es doch Forschung. Man kann unter Umständen auch eine Opferrente beantragen. Schau doch mal.“ Daraufhin sagte sie: „Okay, ich traue mich jetzt und mache das.“
Was war der andere Teil deiner Frage?
Sandra: Es gibt kein einfaches Schema von A nach B. Also nicht: Haft bedeutet Trauma Nummer eins, Fluchtversuch bedeutet Trauma Nummer zwei, das jetzt mal heruntergebrochen verbildlicht und ganz plakativ gesprochen, Venerologische Station bedeutet dieses oder jenes. Psychisch funktioniert das ja nicht so. Meine Frage war, welche unterschiedlichen Folgen das SED-Unrecht haben konnte.
Anne: Was dabei wichtig ist, ist das Konzept des sogenannten „man-made trauma“, also einer menschengemachten Traumatisierung. Es geht also darum, dass andere Menschen mir etwas antun. Und genau das führt häufig zu einem Verlust von Vertrauen – in andere Menschen, möglicherweise aber auch in sich selbst. Wenn ich als Beispiel bespitzelt werde, kann ich irgendwann nicht mehr darauf vertrauen, dass andere Menschen mir gegenüber ehrlich sind. Das ist eine Form der Traumatisierung, die sehr tief auf einer zwischenmenschlichen Ebene wirkt. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zu einem Autounfall oder einer Naturkatastrophe. Dahinter steht nicht zwangsläufig ein Gegenüber, eine Institution oder eine Person. Bei einer menschengemachten Traumatisierung gibt es aber dieses Gegenüber – und häufig handelt es sich auch nicht um ein einzelnes Ereignis.
Sowohl in Haft als auch auf den Venerologischen Stationen waren Menschen teilweise über längere Zeit. Bestimmte Maßnahmen wiederholten sich. In der Haft wurde unter anderem gezielt mit Isolation gearbeitet. Das Licht wurde ausgeschaltet, sodass die Menschen teilweise nicht wussten, welche Tageszeit überhaupt war. Sie wussten nicht, ob sie allein waren oder wie lange sie dort bleiben würden. Sie hatten keinen Kontakt zu ihren Angehörigen. Das ist bereits eine Form psychischer Folter. Solche Methoden wurden immer weiterentwickelt. Vielleicht begann manches zunächst auf einer körperlichen Ebene, aber mit der Zeit wurden die Methoden psychisch immer subtiler und gezielter: Wie kann man Menschen psychisch brechen? Wie kann man sie wieder „in die Spur bringen“, wie man damals vielleicht gesagt hätte? Wie kann man ihnen extremes Leid zufügen? Ob das in Haft geschah, auf diesen Stationen, in anderen Kontexten oder durch Zersetzungsmaßnahmen – zum Beispiel durch Rufmord und andere Formen der gezielten psychischen Destabilisierung – es verbindet die Erfahrung, dass Menschen anderen Menschen ausgeliefert waren.
Gleichzeitig ist es aber wichtig zu sagen: Nicht alle Menschen, die eine Form von Unrecht erfahren haben, sind automatisch traumatisiert. In der Folge des Erlebten treten unter anderem Angststörungen oder Depressionen auf oder auch Suchtmittelkonsum als Strategie, um mit dem Erlebten zurechtzukommen. Es gibt also ein breites Spektrum an psychischen Erkrankungen, die eine Rolle spielen können. Bei Menschen, die solche Unrechtserfahrungen gemacht haben, treten diese Erkrankungen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Das erscheint vielleicht logisch, aber ich finde es trotzdem wichtig, das ausdrücklich hervorzuheben.
Ebenso können Persönlichkeitsveränderungen eine Rolle spielen. Ich habe bereits das Misstrauen angesprochen. Daraus kann sich möglicherweise eine paranoide Haltung entwickeln, bei der hinter vielem etwas vermutet wird. Wenn man aufgrund schlimmer Erfahrungen nicht mehr vertrauen kann, macht das etwas mit der eigenen Persönlichkeit. Solche Erfahrungen können sich tief einschreiben und chronifizieren. Das gilt beispielsweise auch für depressive Erkrankungen. Und damit sind wir bei dem, was an diesen Erfahrungen so wichtig ist: Sie sind nicht einfach in der DDR passiert und dann vorbei. Es ist nicht so: „Das war damals, jetzt ist alles gut und jetzt können alle wieder gesund werden.“ Das ist häufig nicht der Fall. Außerdem können auch mehrere Erkrankungen nebeneinander bestehen.
Zum psychischen können auch körperliche Folgen kommen, wie zum Beispiel durch Zwangsarbeit in Haft oder wenn Menschen unter Dopinggaben körperlich geschädigt wurden. Körperliche, psychische und psychosomatische Folgen greifen ineinander. All diese Ebenen können die Gesundheit bis heute belasten. Deshalb war die Gesundheitsversorgung auch ein so wichtiger Punkt, den wir uns im Projekt angesehen haben. Für Betroffene kann es schwierig sein, überhaupt geeignete Behandlerinnen und Behandler zu finden. Dabei gab es sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen. Das finde ich ebenfalls ganz wichtig zu sagen: Ich habe mit 20 Menschen gesprochen und es waren 20 völlig unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt nicht die eine klassische Biografie und auch nicht die eine klassische „Unrechtsbiografie“. Es ist immer individuell, welche Faktoren eine Rolle spielen: wie alt die Person war, welche Unrechtserfahrungen sie gemacht hatte und unter welchen Bedingungen sie danach leben konnte.
Ich hatte zum Beispiel jemanden, der mit 17 oder 18 Jahren in Haft kam und dort Zwangsarbeit leisten musste. Er hatte Angst um sein Leben, weil er mit Schwerstkriminellen inhaftiert war. Solche Erfahrungen prägen natürlich. Ich sprach aber auch mit jemanden, der vergleichsweise wenig gesundheitliche Folgen hatte und gut eingebunden war. Er hatte sein ganzes Leben lang eine Frau an seiner Seite, die ihn unterstützt hat. Er hatte einen Beruf, war nach der Haft in die Bundesrepublik ausgereist und konnte sich dort ein gutes Leben aufbauen. Diese beiden Biografien kann man sehr gut gegenüberstellen. Es macht einen Unterschied, unter welchen Lebensbedingungen Menschen leben und was danach passiert. Wie konnten sie wieder Fuß fassen? Wie ging die Familie damit um? Wie viel sozialen Rückhalt gab es? Wurde das Erlebte tabuisiert oder konnte darüber gesprochen werden? Fand die Person wieder einen Arbeitsplatz? Und gab es dadurch irgendwann wieder das Gefühl, ins Leben zurückgefunden zu haben?
Ein weiterer entscheidender Einschnitt war natürlich der Mauerfall, mit dem die ostdeutsche Bevölkerung insgesamt eine enorme Anpassungsleistung vollziehen musste – eine Anpassung an den Westen, an die Bundesrepublik, denn das war plötzlich der Maßstab. Das hat sehr viele Menschen geprägt. Staatliche Strukturen veränderten sich. Die VEB verschwanden, es entstand Massenarbeitslosigkeit und für viele Menschen eine große Perspektivlosigkeit: Wie geht es jetzt überhaupt weiter? Das war ein sehr dynamischer Prozess. Für viele ging es gut aus, für andere nicht. Bei den sogenannten „Wendeverlierern“ geht es um Menschen, die nicht wieder Fuß fassen konnten, keinen Arbeitsplatz fanden oder ihre berufliche und soziale Perspektive verloren.
Für Betroffene von SED-Unrecht galt das häufig noch einmal in besonderem Maße. Sie hatten zunächst das Unrecht in der DDR erlebt. Dann kam mit dem Mauerfall ein weiterer großer Bruch. Das Leben ging weiter und die Menschen mussten sich fragen: Wie geht es in der Bundesrepublik weiter? Wie funktionieren die neuen Strukturen? Bekomme ich jetzt mein Recht? Werde ich gesehen? Wird jetzt alles anders? Und leider war die Wahrnehmung häufig so, dass es sich um ein Kontinuum handelt. Die Betroffenen wurden weiterhin nicht gesehen. Die Menschen, die ihnen nun gegenübersaßen, wussten erst recht nicht, was ihnen widerfahren war. Deshalb ist Aufarbeitung so wichtig. Und wenn man heute – mehr als 35 Jahre nach dem Mauerfall – auf das Thema schaut, wird deutlich, dass es immer noch einen Bedarf gibt. Die Betroffenen sind noch da. Gleichzeitig werden sie älter. Das macht es noch einmal schwieriger, eine gute Versorgung zu bekommen. Altersarmut kann eine Rolle spielen, geringe Renten können zum Problem werden, weil Menschen möglicherweise viele Jahre krank waren oder immer wieder aus dem Arbeitsleben herausgefallen sind.
Sandra: Hast du einen Unterschied zwischen Frauen und Männern festgestellt?
Anne: Das ist schwierig zu beantworten, weil es in meiner Stichprobe elf Männer und neun Frauen waren. Daraus kann ich natürlich nur sehr wenig ableiten. Eine belastbare Aussage zu Geschlechterunterschieden kann ich auf dieser Grundlage nicht treffen.
Sandra: Nehmen wir einmal die 20 Personen: Sind ihnen grundsätzlich die gleichen Dinge passiert? War das Geschlecht unerheblich – bei Folgen von Fluchtversuchen, Zwangsadoptionen, Repressionen etc.? Wurden Männer und Frauen gleichbehandelt?
Anne: Im Grunde ist das – wie gesagt – schwer zu beurteilen. Einen Punkt würde ich tatsächlich hervorheben: die Venerologischen Stationen. Ich weiß nicht genau, wie hoch dort der Männeranteil war, aber ich würde sagen, dass fast ausschließlich Frauen betroffen waren. Auch dieses Label „Herumtreiberin“ ist ganz klar ein ausgrenzendes Merkmal, das Frauen betraf. Beim Medizinskandal waren, wenn auch nicht intendiert, ausschließlich Frauen betroffen. Ansonsten waren die Methoden der Repression grundsätzlich geschlechtsunspezifisch, würde ich sagen. Natürlich ist es aber noch einmal etwas anderes, wenn ich eine Frau bin und mich in Haft oder in einem anderen repressiven Kontext befinde. Da spielen patriarchale Strukturen sicherlich eine zusätzliche Rolle.
Sandra: Was meinst du damit genau?
Anne: Das ist eine Debatte, die bis heute relevant ist: Unsere Gesellschaft ist in vielen Bereichen noch immer eher an Männern ausgerichtet, und Frauen sind dadurch benachteiligt. Man sieht das beispielsweise an der gläsernen Decke, am Gender Pay Gap oder am Gender Health Gap. Auch in der medizinischen Forschung gibt es nach wie vor große Unterschiede. Der gesunde, weiße, junge Mann war lange die Art von Person, an der Medikamente und medizinische Verfahren primär erforscht wurden. Für Frauen kann das aber ganz anders funktionieren. Solche strukturellen Benachteiligungen spielen natürlich auch eine Rolle.
Und gerade im Zusammenhang mit der DDR finde ich das interessant, weil Frauen dort selbstverständlich berufstätig waren. Es gab eine Form von Gleichberechtigung im Sinne von: Wir arbeiten genauso wie die Männer. Gleichzeitig haben Frauen zu Hause weiterhin den Haushalt gemacht und viele der traditionellen Aufgaben übernommen. Sie haben also gearbeitet und zusätzlich die klassische Frauenrolle erfüllt. Das ist jetzt zwar außerhalb meines eigentlichen Forschungsbereichs, aber es ist etwas, das mir in der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Sozialisierung begegnet und worüber ich auch mit meiner Mutter spreche: Wie war das damals eigentlich? Ich habe nur drei Jahre in der DDR erlebt, aber natürlich gibt es diese Nachsozialisierung. Und dadurch entsteht bei mir ein bestimmtes Wissen und auch ein Interesse daran.
Sandra: Magst du etwas zu deiner eigenen Prägung erzählen?
Anne: Ja, gerne. Ich komme aus Thüringen und bin in einem sehr, sehr kleinen Dorf aufgewachsen. Ich bin 1986 geboren und habe noch ein bisschen die Krippe und den DDR-Kindergarten erlebt. Meine frühesten Erinnerungen fallen ungefähr in die Zeit des Mauerfalls. Man sagt ja, dass man sich ab etwa drei Jahren an erste Dinge erinnern kann. Und tatsächlich fällt das bei mir mit dem Mauerfall zusammen. Ich erinnere mich daran, dass wir mit dem Wartburg nach Coburg in den Westen gefahren sind. Plötzlich waren alle ganz aufgeregt. Das ist eine sehr frühe Erinnerung, die sich bei mir eingeschrieben hat.
Ich komme außerdem aus einem eher behüteten Umfeld. Es war das, was heute häufig ostalgisch beschrieben wird: Das, was mir aus der DDR bekannt war, war vor allem Zusammenhalt. Es hieß oft: Wir hatten ja nichts. Man hat sich gegenseitig unterstützt. Die Vorstellung, die DDR als Diktatur zu beschreiben, war mir aus meiner Kindheit zunächst überhaupt nicht vertraut. Ich hatte eine schöne Kindergartenzeit mit vielen positiven Erinnerungen. Dann kam der Mauerfall und plötzlich veränderte sich sehr viel. Auf einmal gab es die Bundesrepublik und jede Menge Plastikspielzeug.
Heute, als erwachsene Frau, finde ich es spannend, darauf zu schauen und zu fragen: Welche Rolle spielt die DDR-Geschichte eigentlich in meiner Familie? Wie sind meine Mutter, mein Vater und meine Großeltern aufgewachsen? Meine Großeltern gingen mit Mitte 50 in Rente, weil klar war, dass sie vermutlich nicht wieder in Arbeit kommen würden. Es gab diese Frühverrentung. Und heute denke ich manchmal: Mein Opa ist seit fast 40 Jahren in Rente.
In meiner Familie gab es auch diese Erzählung: Wir wussten schon, wie es mit der Stasi und wer dabei war. Man hatte ein bisschen eine Ahnung davon, wo man aufpassen musste und was man besser nicht sagte. Aber in unserem Dorf und in meinem familiären Umfeld war diese Repression nicht unmittelbar spürbar. Da stellte sich für mich nicht die Frage: Wo sind hier eigentlich die Diktatur und die Repression? Und genau deshalb war es für mich so interessant, mich im Rahmen eines solchen Projekts damit auseinanderzusetzen und festzustellen: Das gab es natürlich. Auch das zeigt, wie präsent oder eben nicht präsent bestimmte historische Erfahrungen in Familienerzählungen sind und wie zugänglich sie für die nachfolgenden Generationen werden.
Sandra: Du hast im Rahmen dieses Projekts also auch ganz viel für dich selbst herausgefunden? Hast du dadurch aktiver über deine eigene Geschichte und Prägung nachgedacht?
Anne: Ich bin im Grunde schon über meine Masterarbeit auf die Ost-West-Unterschiede gestoßen. Das hat auch damit zu tun, dass ich irgendwann zum Studieren nach Leipzig gegangen bin. Dort begegneten mir natürlich Menschen aus Westdeutschland. Ich kam plötzlich in einen akademischen Kontext. Das war für mich neu und anders. Meine Mutter sagte irgendwann einmal zu mir: „Du sprichst ja auf einmal Hochdeutsch.“ Ich hatte meinen Dialekt also ein Stück weit abgelegt und mich vielleicht auch angepasst. Das finde ich interessant, gerade wenn man über den Begriff „Herkunftsscham“ spricht. Ich diskutiere das viel mit Menschen aus meiner Generation, die ähnliche Erfahrungen gemacht und ebenfalls ihren Dialekt abgelegt haben. Und dann ist da natürlich auch die Frage, wie man zu seiner eigenen Herkunft steht. In meinem Dorf wählen ungefähr 50 Prozent AfD. Das ist für mich ein schwieriger Gedanke. Was mache ich mit diesem Unterschied?
Gerade diese akademische Auseinandersetzung im Rahmen eines Forschungsprojekts finde ich deshalb faszinierend. Wie gesagt, das Ganze begann schon mit meiner Masterarbeit. Damals habe ich mich mit Kriminalitätsfurcht beschäftigt, die sich in Ost und West, insbesondere in der Nachwendezeit, sehr stark unterschied. In der DDR gab es keine Kriminalitätsstatistiken in der Form, wie wir sie heute kennen. Viele Menschen wussten gar nicht, dass es auch Morde und schwere Verbrechen gab. Nach der Wende entstand dadurch zunächst ein ganz anderes Bedrohungsgefühl: Plötzlich schien Kriminalität in den neuen Bundesländern überall präsent zu sein. Natürlich spielte auch eine Rolle, dass man in der DDR vieles nicht besaß und dadurch zum Beispiel Diebstahl anders wahrgenommen wurde. Aber schwere Verbrechen gab es natürlich trotzdem. Das war damals mein Aufhänger, mich ein Stück weit historisch mit diesen Unterschieden auseinanderzusetzen.
Und dann habe ich mich ebenso mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt. Mein Vater war an einer Parteischule und hat dort Staatskunde oder etwas ähnliches als Fach unterrichtet. Dabei habe ich irgendwann gemerkt: Das waren nicht einfach alles blinde Parteimitläufer. Es gab durchaus kritische Auseinandersetzungen. Mein Vater war unter anderem der Ansicht: „Der Fisch stinkt vom Kopf.“ Für ihn war klar, dass es politisch so nicht weitergehen konnte. Deshalb war er auch nicht überrascht, als die Mauer fiel. Für ihn war bereits absehbar, dass dieses System so nicht mehr funktionieren würde. Er zeigte mir, dass es auch innerhalb des Systems Spielräume gab, die man nutzen konnte. Und man musste beispielsweise nicht automatisch seine Mitarbeiter an die Staatssicherheit verraten. Auch das gehört für mich zur Geschichte. Es ist eben nicht alles schwarz oder weiß. Es ist nicht nur Ostalgie auf der einen Seite und Diktatur auf der anderen. Es gab Menschen, die dazwischen ganz viel erlebt, entschieden und getan haben und die mit diesen Widersprüchen umgehen mussten.
Genau das finde ich auch im akademischen Kontext und innerhalb des Forschungsprojekt spannend: Einerseits erforsche ich diese Geschichte wissenschaftlich, andererseits hinterfrage ich mich selbst und woher ich eigentlich komme. Das war für mich persönlich sehr wichtig. Und damit beantworte ich jetzt vielleicht endlich auch deine Frage: Ja, das Projekt hat sehr viel mit meinem persönlichen Interesse und meiner Motivation zu tun. Es hat mich darin bestärkt, mich weiter mit diesen Themen zu beschäftigen. Mich interessiert bis heute, ob und wie sich meine und auch die nachfolgenden Generationen noch als ostdeutsch identifizieren. Was bedeutet dieses „ostdeutsch“ überhaupt? Und inwieweit begründet diese Herkunft tatsächlich Unterschiede – oder vielleicht auch nicht? Dazu gibt es nach wie vor unglaublich viel Literatur und immer wieder neue Bücher, die ich mit großem Interesse verfolge.
Sandra: Ich habe noch eine Frage – eigentlich sogar zwei. Zum einen hast du gerade den Begriff „Herkunftsscham“ genannt. Magst du erklären, was du damit meinst? Und zum anderen würde mich deine persönliche Erfahrung interessieren: dein Weg vom Dorf in Thüringen nach Leipzig, in den akademischen Bereich. Das ist ja nicht nur geografisch ein Stück Weg. Da kommen Sozialisation, Jugend, Pubertät und viele andere Erfahrungen hinzu.
Anne: Ich habe den Begriff „Herkunftsscham“ selbst irgendwo gehört oder gelesen, ich weiß gar nicht mehr genau, wo. Aber ich finde ihn eigentlich ganz passend. Ich habe erst am Sonntag mit einem Freund Kaffee getrunken. Er hat bald Klassentreffen, und natürlich kamen wir auf das Thema: Wie rechts ist der Osten? Wie sehen die AfD-Wahlergebnisse aus? Und gerade jetzt, mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt* und der damit verbundenen medialen Aufmerksamkeit, ist der Osten wieder sehr präsent. Dann stellt sich für jemanden wie mich, der in Leipzig lebt, natürlich die Frage: Wie gehe ich damit um? Leipzig ist noch einmal eine ganz eigene Blase. Und gleichzeitig gibt es diese Abgrenzung von dem Ort, aus dem ich komme. Wenn ich erzähle, wo ich herkomme, merke ich manchmal selbst, dass ich mich davon distanziere. Und deshalb frage ich mich, ob „Herkunftsscham“ tatsächlich der richtige Begriff ist. Denn warum sollte ich mich dafür schämen, dass ich aus diesem Dorf komme? Ja, dort wählen 50 Prozent AfD. Aber die anderen 50 Prozent gibt es eben auch. Deshalb kann man doch nicht sagen: Alle dort sind rechts. Oder: Der ganze Osten ist rechts. Es gibt da auch viele Initiativen, NGOs und Bürgerinitiativen, die sich genau dagegenstellen, die sich dafür einsetzen, dass der Osten nicht stereotyp als die Region dargestellt wird, in der „alle rechts wählen“. Ich finde diesen Aspekt unglaublich wichtig. Denn dieser Ort ist Teil meiner Identität. Und er hat auch etwas Gutes. Er gehört zu mir. Das ist meine Heimat – wobei auch „Heimat“ wieder ein schwieriger Begriff ist. Ich fühle mich diesem Ort und dieser Herkunft ja trotzdem verbunden über ganz viele andere Aspekte. Und das möchte ich mir auch nicht aberkennen lassen. Genauso wenig möchte ich meiner Familie ihre Geschichte absprechen. Denn da ist etwas, das eine ostdeutsche Identität ausmacht. Und das schafft auch eine Verbindung zu anderen Menschen, die eine ähnliche Sozialisation erfahren haben. Manchmal sind es nur bestimmte Begriffe oder kleine Dinge, bei denen man das bemerkt. Das können Erinnerungen an den Kindergarten oder bestimmte Erfahrungen aus der Kindheit sein. Und plötzlich hat man mit jemandem, den man vorher gar nicht kannte, eine Verbindung, weil beide diese Erfahrung gemacht haben.
Bei mir zeigt sich diese Herkunftsscham tatsächlich auch ganz konkret beim Dialekt. Ich möchte ihn eigentlich vollständig ablegen und nicht, dass man hört, wo ich herkomme. Das Sächsische gilt ja – zumindest in manchen Rankings – als einer der unsexyesten Dialekte überhaupt, während das Berlinerische viele ziemlich cool finden. Dann kommt natürlich noch dazu, dass man bei Aufnahmen von Honecker und anderen DDR-Politikern dieses starke Sächseln hört. Da ist wieder dieses Abwertende: Dieser Dialekt gehört zu dieser Region, zu dieser Geschichte – und das wird mit bestimmten Vorstellungen verbunden. Deshalb möchte ich diese Herkunftsscham eigentlich ablegen. Und trotzdem ist sie da.
Was ich daran noch spannend finde, ist meine DDR-Nachsozialisation. Die DDR war ein Arbeiter- und Bauernstaat. Das Akademische war deshalb in meiner Familie nicht unbedingt ein Lebens- oder Berufsweg, der mir selbstverständlich vorgegeben wurde. Natürlich gab es auch Akademiker in meinem Umfeld. Mein Onkel beispielsweise hat an einer Forstschule studiert und ist Förster geworden. Aber dieses akademische Selbstverständnis, das mir später begegnet ist, war in meiner Familie nicht vorhanden. Für Menschen, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, war der Weg an die Universität vielleicht selbstverständlicher. Bei uns war es anders. Natürlich wollten meine Eltern, dass ich aufs Gymnasium gehe. Und natürlich hieß es auch: „Du kannst studieren, du kannst alles machen.“ Es war bei mir eher dieser Impuls: raus aus diesem Tal, raus aus diesem kleinen Dorf, in die Stadt.
Ich hatte außerdem durchaus auch Erfahrungen mit dem, was man später die „Baseballschlägerjahre“ genannt hat. Bei uns gab es ein paar Faschos. Ich habe noch dieses Bild von dem einen Fascho vor Augen, der immer ganz hinten im Schulbus saß – mit Springerstiefeln und Bomberjacke. Ich habe das damals aber nicht als besonders gravierend erlebt. Ein politisches Bewusstsein dafür entwickelte sich bei mir erst später, vor allem als ich an die Universität kam.
Und dass ich heute als Wissenschaftlerin arbeite, war überhaupt nicht geplant, sondern vielmehr Zufall. Ich hatte meine Masterarbeit mit einem DDR-bezogenen Thema geschrieben, danach gesehen, dass es dieses Forschungsprojekt gibt, und dachte: Ich bewerbe mich einfach mal. Ursprünglich war es sogar ein anderes Forschungsprojekt. Mein jetziger Chef sagte dann irgendwann: „Wir haben hier noch ein anderes Projekt.“ Und so bin ich da hineingerutscht.
Ich merke dabei auch noch etwas anderes, mit dem ich mich beschäftige: Ich habe ein moderat ausgeprägtes Imposter-Syndrom. Manchmal denke ich: „Kann ich das überhaupt? Die merken doch irgendwann, dass ich gar nicht so fähig bin. Du gehörst hier doch eigentlich gar nicht hin.“ Der akademische Bereich ist keiner, in dem ich mich von Anfang an selbstverständlich bewegt habe. Für mich ist das alles relativ neu. Dann bin ich als Frau in der Forschung, sitze in einem solchen Projekt, führe oder gebe wie jetzt ein Interview und denke dabei: „Gott, was rede ich hier eigentlich?“. Und das finde ich spannend an mir zu beobachten. Dabei frage ich mich auch, ob das vielleicht stärker Frauen betrifft. Und ob es gleichzeitig etwas mit einer ostdeutschen Sozialisation zu tun haben kann, in der akademische Vorbilder in der eigenen Familie vielleicht weniger selbstverständlich waren.
*) Das Interview wurde vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 geführt.

Anne Weiß (geb. 1986) wuchs in einem kleinen Thüringer Dorf auf, besuchte Krippe und Kindergarten in der DDR bis zum Mauerfall, der zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen gehört. Mit einem großen Interesse für Kunst und Kultur zog es sie 2004 zum Studium nach Leipzig, wo sie bis heute wohnhaft ist. Sie legte erfolgreich ein Magisterstudium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie ab, inkl. eines Auslandsjahrs an der Universität Oslo. Als Geisteswissenschaftlerin arbeitete sie vor allem kreativ in den Bereichen Redaktion, Marketing und Kommunikation, jedoch mit fehlender langfristiger Perspektive. Schließlich wechselte sie beruflich noch einmal die Richtung, um ihr lang gehegtes Wunschfach zu studieren: Sie absolvierte ein Zweitstudium an der FernUniversität in Hagen und an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur M. Sc. Psychologin. In ihrer anschließenden wissenschaftlichen Tätigkeit befasst sie sich im Rahmen des Verbundprojektes „Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht“ mit Themen, die sowohl ein zeitgeschichtliches als auch ein persönliches Interesse verbinden und Fragen nach eigenen Sozialisationserfahrung als Ostdeutsche aufwarfen. Parallel dazu befindet sie sich in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.
