„WIR WAREN DURCHAUS VOREINGENOMMEN.“

Interview mit Dina und Frank Pasic

von Sandra Strauß

Foto: privat

Sandra: Ihr habt beide in Bielefeld Jura studiert und ihr seid inzwischen seit über zwei Jahrzehnten für zwei Krematorien in Sachsen-Anhalt tätig – in Halle und im Kabelsketal. Dina, du bist Assistenz der Geschäftsführung, und Frank, du leitest das Unternehmen gemeinsam mit Michael Kriebel. Wie hat sich dieser Weg ergeben? Und welche Rolle spielte dabei dein Vater, Dina, der entscheidenden Anteil daran hatte?

Dina: Die Geschichte begann 2003. Damals brauchte mein Vater Franks juristische Unterstützung. Deshalb ist Frank zum ersten Mal nach Halle gefahren. Zu dieser Zeit gab es ausschließlich den Standort Halle, und wir lebten noch in Bielefeld. Frank ist dann ungefähr ein dreiviertel Jahr zwischen Halle und Bielefeld gependelt. Ich war gelegentlich mit dabei, aber für mich begann das Ganze erst 2004. Ab diesem Zeitpunkt bin ich ebenfalls regelmäßig mitgependelt.

Frank wurde dann Geschäftsführer der Flamarium Saalkreis GmbH & Co. KG in Kabelsketal, dem anderen Standort des Flamariums. 2004 haben wir schließlich beschlossen, von Bielefeld in die neuen Bundesländer zu ziehen.

Allerdings wollte ich damals auf keinen Fall nach Halle. Warum genau, kann ich heute gar nicht mehr sagen – ich fand einfach, dass es Leipzig sein musste. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir uns im November eine Wohnung gegenüber vom Völkerschlachtdenkmal angeschaut haben. Es war grau, regnerisch, und aus dem Schlafzimmer hätten wir direkt auf das Denkmal geblickt. Da habe ich sofort gesagt: „Mein Gott, hier ziehe ich nicht hin.“ Also sind wir zunächst weiter gependelt, bis wir nach langer Suche schließlich in Leipzig Gohlis-Süd eine Wohnung gefunden haben. Wir standen vor dem Haus und wussten sofort: Das wird unser gemeinsames Zuhause. Im August 2004 sind wir schließlich nach Leipzig gezogen und von dort täglich nach Halle beziehungsweise ins Kabelsketal gependelt. Über die A14 ist das vom Norden Leipzigs aus überhaupt kein Problem. So hat für uns alles begonnen.

Sandra: Wie kam dein Vater dazu, ein Krematorium zu betreiben?

Dina: Mein Vater wurde 1990 als Beamter früh pensioniert. Danach hatte er – wie er selbst sagte – plötzlich sehr viel Zeit und engagierte sich ehrenamtlich für die SPD. Damals wurden Menschen gesucht, die beim Aufbau der Strukturen in Halle unterstützten: Materialien transportieren, Telefone organisieren – all das, was zu Beginn noch fehlte. Abends traf man sich häufig im Gasthof „Drei Kaiser“ in Halle. Dort lernte mein Vater zufällig den damaligen Betriebsdirektor des VEB Garten- und Landschaftsbau kennen. Zu diesem Betrieb gehörten das Krematorium, Blumenläden, Bestattungshäuser und die Friedhöfe – all diese Bereiche mussten damals neu organisiert werden.

Das eigentliche Problem war das Krematorium. Die Stadt wollte den Betrieb nicht weiterführen. Irgendwann sagte mein Vater ganz pragmatisch: „Dann machen wir das eben.“ Damals durfte ein Krematorium entweder kommunal oder von einem privaten Feuerbestattungsverein betrieben werden. Also suchte man Gründungsmitglieder, gründete den gemeinnützigen Feuerbestattungsverein Halle und übernahm den Betrieb des Krematoriums. So entstand der Anfang dessen, was später daraus geworden ist.

Sandra: Wie habt ihr die Zeit erlebt, als ihr 2004 nach Leipzig gezogen seid? Habt ihr unter dem Ost-West-Aspekt Unterschiede wahrgenommen oder spielte das zunächst gar keine Rolle?

Dina: Doch, auf jeden Fall. Wenn man aus Bielefeld kommt – und Ostwestfalen gelten ja eher als etwas stur –, dann war Leipzig für uns eine echte Überraschung. Die Stadt hatte damals eine unglaubliche Aufbruchsstimmung. Sie wirkte lebendig, offen und freundlich. Besonders in der Gastronomie oder im Einzelhandel haben wir immer wieder gedacht: Mein Gott, sind die Menschen hier nett. Man hatte das Gefühl, dass die Stadt enormes Potenzial hat und gerade richtig aufblüht. Halle war damals dagegen noch eher die kleine Schwester von Leipzig. Historisch gab es zwischen beiden Städten ja schon immer eine gewisse Rivalität. Wir haben sogar Mitarbeitende kennengelernt, die seit Jahrzehnten nicht mehr nach Leipzig gefahren waren – einfach wegen dieser alten Konkurrenz. Ich fand damals schon, dass sich Halle und Leipzig deutlich unterschieden. Wie siehst du das, Frank?

Frank: Das würde ich genauso sehen. Wobei man sagen muss, dass Halle sich in den vergangenen zwanzig Jahren unglaublich entwickelt hat. Die Stadt hat eine tolle Universität, kulturell ist viel entstanden, und insgesamt hat sie sich, finde ich, sogar stärker verändert als Leipzig.

Leipzig war schon damals eine großartige Stadt. Dort passiert bis heute sehr viel. Aber Halle wirkte auf uns anfangs noch recht grau. Ich erinnere mich an eine Ausstellung mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1980er Jahren. Als ich diese Bilder gesehen habe, hatte ich damals das Gefühl, dass sich bis dahin noch gar nicht so viel verändert hatte. Heute ist das ganz anders. Halle ist wirklich eine schöne Stadt geworden, in der sich enorm viel entwickelt hat.

Gleichzeitig muss ich auch ehrlich sagen: Wir sind damals schon mit einer gewissen westdeutschen Arroganz hierhergekommen. Als mein Schwiegervater mich 2003 fragte, ob ich ihn juristisch unterstützen würde, habe ich sofort gesagt: „Ja, gerne, aber nach Halle ziehe ich nicht. Ich ziehe nicht in den Osten.“ Und auch die Bestattungsbranche war mir zunächst eher suspekt. Eigentlich wollte ich damit gar nicht so viel zu tun haben. Wir waren durchaus voreingenommen. Umso größer war später unsere positive Überraschung.

Hinzu kam, dass mein Schwiegervater längst Pläne für uns beide hatte, ohne uns das zu sagen. Er wollte, dass wir irgendwann ins Unternehmen einsteigen. Als ich im August oder September 2003 zum ersten Mal nach Halle kam, war er allerdings im Urlaub. Ich traf dort auf eine ausschließlich ostdeutsche Belegschaft und habe schnell gemerkt, dass viele vermutlich dachten: ,Jetzt kommt der Schwiegersohn aus Westdeutschland und setzt sich ins gemachte Nest.‘ Erst später wurde mir bewusst, dass dieser Eindruck ganz zwangsläufig entstehen musste. Michael Kriebel war damals bereits die rechte Hand meines Schwiegervaters Heinz Knoche und eigentlich als sein Nachfolger vorgesehen. Natürlich muss es für ihn seltsam gewesen sein, dass plötzlich ich auftauchte.Rückblickend war es wahrscheinlich unsere größte gemeinsame Leistung, dass Micha und ich irgendwann offen miteinander gesprochen haben. Ich habe ihm erklärt, dass ich nicht gekommen bin, um ihm etwas wegzunehmen.

Genau in diesem Moment sind wir als Team zusammengewachsen. Und ich glaube, darin liegt bis heute das Geheimnis dessen, was wir in den vergangenen zwanzig Jahren gemeinsam aufgebaut haben. Das hätte nur in dieser Konstellation funktioniert. Darauf sind wir beide – Micha genauso wie ich – durchaus ein bisschen stolz.

Sandra: Was meint „mit einer gewissen westdeutschen Arroganz hierhergekommen“?

Dina: Man kommt natürlich mit bestimmten Vorstellungen. Man hat Bilder im Kopf, wie man wohnen möchte, wie das Leben aussehen soll, und denkt: Man zieht um und lernt ganz selbstverständlich neue Menschen kennen.So einfach war das aber gar nicht. Wir haben keine Kinder, deshalb fielen die „Zwangsbekanntschaften“ über Kindergarten oder Schule weg. Und Frank war von Anfang an Geschäftsführer. Dadurch war er automatisch in einer anderen Position und musste sich erst einmal seinen Platz erarbeiten. Es war gar nicht so leicht, Anschluss zu finden.

Lustigerweise haben wir die ersten engeren Kontakte dann in unserem Wohnhaus geknüpft – und das waren ausgerechnet wieder Westdeutsche. Sie waren ungefähr zur gleichen Zeit eingezogen wie wir. Auch über andere Bekannte, etwa aus der Rechtsmedizin, lernten wir wieder Menschen kennen, die ursprünglich aus dem Westen kamen. Irgendwie fanden sich damals viele Westdeutsche, die nach Leipzig gezogen waren, untereinander wieder. Warum das so war, kann ich gar nicht erklären. Es waren einfach viele Zufälle.

Frank: Ich fand es ehrlich gesagt erstaunlich, wie wenig Interesse viele unserer Freunde aus Bielefeld oder Hannover daran hatten, uns einmal zu besuchen. Man hatte wirklich das Gefühl, sie glaubten, wir würden irgendwo hinter dem Ural wohnen. Wenn dann doch einmal jemand kam, waren alle überrascht, wie kurz die Fahrt tatsächlich war. Von Bielefeld aus fährt man über die A2 und A14 in etwa drei Stunden nach Leipzig, nach Halle sogar noch etwas schneller. Ich glaube, dass viele Menschen im Westen sich seit 1990 kaum mit den Veränderungen im Osten beschäftigt haben. Für manche ist das bis heute gefühlt noch eine völlig andere Welt.

Dina: Wobei das aus beiden Richtungen gilt.

Frank: Ja, durchaus. Diese Erfahrung haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder gemacht.

Dina: Gleichzeitig haben wir gemerkt, wie unterschiedlich wir sozialisiert worden sind. Wir sind zwar ungefähr gleich alt, aber unsere Kindheit und Jugend waren völlig verschieden. Bei uns war zum Beispiel die Konfirmation selbstverständlich. Viele Gleichaltrige im Osten konnten damit gar nichts anfangen. Umgekehrt mussten wir erst einmal lernen, was eine Polytechnische Oberschule – die POS – überhaupt war. Dafür wussten viele im Osten wiederum nicht, was eine Waldorfschule ist. Wir sprachen dieselbe Sprache und mussten uns trotzdem ständig gegenseitig Begriffe erklären. Genauso war es mit der Jugendweihe. Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was das genau ist und habe dann sogar erfahren, dass es dabei wiederum verschiedene Traditionen gibt. Irgendwann war ich völlig raus. Daran merkt man einfach, wie unterschiedlich unsere Lebenswelten geprägt waren.

Frank: Das fing schon bei ganz banalen Dingen an: Fernsehsendungen, die wir als Kinder gesehen haben, oder Musik, die wir gehört haben. Bei der Musik gab es jedoch mehr Überschneidungen, als ich gedacht hätte. Mir war zum Beispiel überhaupt nicht bewusst, dass es in der DDR so viele Fans von Depeche Mode gab. Das fand ich wirklich bemerkenswert.

Aber insgesamt gilt: Die Erfahrungen aus Kindheit und Jugend unterscheiden sich eben deutlich. Das ist völlig normal. Umso wichtiger ist es, bereit zu sein, einander zuzuhören und sich gegenseitig von diesen Erfahrungen zu erzählen.

Sandra: Habt ihr auch Unterschiede bei den Rollenbildern wahrgenommen? Wie seid ihr jeweils aufgewachsen? Gab es da aus eurer Sicht Ost-West-Unterschiede?

Dina: Meine Eltern waren beide berufstätig. Ich bin nach der Schule zunächst in den Hort gegangen. Ich weiß gar nicht, ob es den Begriff im Osten überhaupt gab.

Sandra: Den gab es bei uns auch. Das ist allerdings spannend, weil viele Menschen aus dem Westen erzählen, dass ihre Mutter zu Hause geblieben ist und sich um die Kinder gekümmert hat. In der DDR war der Hort dagegen selbstverständlich. Deine Geschichte passt also gar nicht zu diesem klassischen Ost-West-Klischee, weil deine Eltern im Westen ebenfalls beide gearbeitet haben.

Dina: Genau. In meinem Umfeld war das eigentlich ganz normal. Bei fast allen meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden waren beide Eltern berufstätig. Anders hätte man sich den Lebensstandard oft gar nicht leisten können. Ich war auf einer Waldorfschule, dafür mussten meine Eltern Schulgeld bezahlen. Das haben sie sich hart erarbeitet. Mein Vater hatte zusätzlich noch einen Nebenjob, damit wir Kinder auf die Waldorfschule gehen, die Musikschule besuchen und all diese Möglichkeiten nutzen konnten. Dass ein Elternteil dauerhaft zu Hause geblieben wäre und auf die Familie gewartet hätte – dieses Bild kannte ich überhaupt nicht.

Frank, bei dir war das ähnlich. Du hast deine Eltern sogar noch seltener gesehen.

Frank: Ja, wobei unsere Familiengeschichte ohnehin etwas anders war. Mein Vater wurde im heutigen Bosnien-Herzegowina geboren. Er hat den Zweiten Weltkrieg erlebt, war in britischer Kriegsgefangenschaft und kam anschließend nach Deutschland, wo er schließlich blieb. Meine Mutter hatte wiederum ihre eigene Geschichte. Gemeinsam mit ihren drei Schwestern und ihrer Mutter musste sie nach dem Krieg aus Pommern fliehen. Der Vater war zwar noch aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, starb aber kurz darauf. Die Familie gelangte zunächst nach Thüringen. Später gingen die drei älteren Schwestern in den Westen. Dort lernten sich schließlich meine Eltern kennen. Sie heirateten, machten sich mit einer Gaststätte selbstständig und arbeiteten praktisch Tag und Nacht – während sie gleichzeitig drei Söhne großzogen. Da kam es schon einmal vor, dass ich als kleiner Junge nachts um halb zwölf noch draußen spielte, weil meine Eltern beide dachten, der andere hätte mich längst ins Bett gebracht. Viele haben später gesagt: „Du hast deine Eltern ja kaum gesehen.“ Aber wenn ich heute zurückblicke, sehe ich vor allem, was sie gemeinsam aufgebaut und geleistet haben. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar. Sie haben mir trotz allem eine wunderbare Kindheit ermöglicht.

Dina: Bei uns kam noch etwas anderes hinzu. Mein Vater war Kriminalbeamter. Aus Sicht der DDR gehörte er damit praktisch zum „Feind“. 

Er durfte zum Beispiel nie über die Transitstrecken fahren. Wenn er dienstlich nach Berlin musste, musste er fliegen. Für uns als Familie bedeutete das ebenfalls, dass die DDR ein Ort war, an den wir nicht einfach reisen konnten. Für mich endete Deutschland damals an der Grenze. Dahinter begann eine Welt, in die wir nicht gehörten. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl.

Ich erinnere mich gut daran, dass ich noch vor der Grenzöffnung gemeinsam mit einer Schulfreundin mit dem Zug in die DDR gefahren bin. Es waren diese Waggons der Deutschen Reichsbahn mit den roten Kunstledersitzen. Dann kam die Grenzkontrolle. Die Beamten wirkten sehr streng, und ich hatte wahnsinnige Angst. Man wusste nicht: Darf ich überhaupt hinein? Komme ich auch wieder zurück? Im Nachhinein ist mir erst bewusst geworden, welche Sorgen sich damals wahrscheinlich auch meine Eltern gemacht haben. 

Frank: Ich war als Kind einige Male in Thüringen. Dort lebten meine Oma, meine Tante und mein Onkel. Natürlich war die Grenzkontrolle immer ein bisschen aufregend. Als Kind wurde einem vorher eingeschärft: „Sei ruhig und sag möglichst nichts.“ Das hat bei mir nicht immer funktioniert – einmal habe ich meine Mutter damit ziemlich in Verlegenheit gebracht. Aber sobald wir bei meiner Oma waren, habe ich mich dort immer sehr wohlgefühlt. Deshalb konnte ich als Kind gar nicht nachvollziehen, warum so viele Menschen Angst vor der DDR hatten. Für mich waren das einfach schöne Besuche bei der Familie.

Dina: Als wir 1989 dann in Berlin waren und die Grenzsoldaten gesehen haben, war das für mich trotzdem immer noch sehr beängstigend.

Ich glaube, das hat mich bis heute geprägt. Auch wenn ich heute in Länder reise, in denen bewaffnete Grenzposten stehen, löst das sofort dieses Gefühl wieder aus. Es macht mich unruhig. Es ist einfach kein schönes Gefühl.    

Sandra: Seid ihr selbst schon einmal mit Rassismus konfrontiert worden? Immerhin ist euer Nachname nicht das, was manche als „biodeutsch“ bezeichnen würden. War das für euch jemals ein Thema?

Dina: Für mich persönlich eigentlich nicht, weil ich mit einem anderen Nachnamen aufgewachsen bin. Aber ich habe Rassismus schon früh miterlebt. Ich hatte eine Mitschülerin, deren Vater aus Äthiopien kam und deren Mutter Deutsche war. Wir wurden damals in der Stadt angepöbelt. Ich konnte das überhaupt nicht verstehen. Ich bin im Kindergarten und in der Schule ganz selbstverständlich mit Kindern unterschiedlichster Herkunft aufgewachsen: mit türkischen, chinesischen und vielen anderen Familien. Für mich war das völlig normal. Deshalb habe ich nie verstanden, warum Menschen Unterschiede machen oder warum es scheinbar Ausländer erster und zweiter Klasse geben soll. Warum werden manche als selbstverständlich akzeptiert und andere aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Hautfarbe anders behandelt? Das hat sich mir nie erschlossen. Natürlich sieht man äußerliche Unterschiede, aber für mich waren sie nie ein Grund, Menschen unterschiedlich zu behandeln.

Frank: Ich bin 1971 geboren. Zu dieser Zeit lebten in der Bundesrepublik bereits viele Menschen, die als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen waren. Mit diesem Begriff tue ich mich allerdings schwer, weil er suggeriert, dass diese Menschen nur Gäste auf Zeit gewesen wären. Als ich aufgewachsen bin, gehörten türkische, griechische, jugoslawische oder italienische Familien ganz selbstverständlich zu unserem Alltag.

Mein älterer Bruder, Jahrgang 1954, hat allerdings noch ganz andere Erfahrungen gemacht. Er trägt den Vornamen Osman, benannt nach dem besten Freund meines Vaters. Mit einem solchen Namen in den 1950er und 1960er Jahren aufzuwachsen, war deutlich schwieriger. Er hat selbst erzählt, dass ihm zum Beispiel trotz guter Leistungen keine Gymnasialempfehlung gegeben wurde. Ich persönlich habe solche Erfahrungen nicht gemacht. Natürlich werde ich immer wieder auf meinen Nachnamen angesprochen und erkläre gern, woher er stammt. Das empfinde ich aber nicht als Rassismus.

Ansonsten ging es mir ähnlich wie Dina: Ich bin mit Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen aufgewachsen. Das war für uns völlig normal. Gerade deshalb gefällt mir der Begriff „Gastarbeiter“ bis heute nicht. Er vermittelt den Eindruck, als wären diese Menschen irgendwann wieder gegangen. Tatsächlich sind viele geblieben, haben Familien gegründet und ihre Kinder und Enkel wachsen heute ganz selbstverständlich hier auf. Wenn ich heute Begriffe wie „Remigration“ höre oder den Eindruck bekomme, dass Menschen abgesprochen wird, zu Deutschland zu gehören, ärgert mich das sehr. 

Dina: Im Alltag erleben wir höchstens Kleinigkeiten – meist im Zusammenhang mit unserem Nachnamen. Wenn wir einen Personalausweis oder Führerschein beantragen, sorgt unser Name regelmäßig für Verwirrung. Eigentlich sprechen wir unseren Namen „Pasik“ aus, geschrieben wird er aber Pasić – also mit einem Sonderzeichen. Gerade bei Behörden führt das oft zu Nachfragen. Dann wird quer durchs Bürgerbüro gerufen: „Wie war das noch mal mit dem Sonderzeichen?“ Das ist natürlich nichts Dramatisches, aber manchmal denkt man schon: Wie muss sich das erst für Menschen anfühlen, die solche Situationen ständig erleben? Inzwischen schreibe ich unseren Namen ganz bewusst mit allen Sonderzeichen und stelle mich auch entsprechend vor. Ich sage dann: „Ich heiße Pasić.“ Nicht aus Provokation, sondern weil das eben unser Name ist. Wir sind Deutsche – und wir heißen trotzdem nicht Müller.

Frank: Im Laufe der Jahrzehnte hat sich unser Name immer weiter eingedeutscht. Mein Vater ist vor über siebzig Jahren nach Deutschland gekommen. Irgendwann war es ihm vermutlich selbst zu mühsam, den Namen ständig zu erklären, deshalb hat er ihn schließlich ebenfalls „Pasik“ ausgesprochen. Eigentlich wäre die ursprüngliche Aussprache näher an „Pasić“, aber im Alltag ist das oft einfacher. Letztlich müssen viele Menschen ihren Namen buchstabieren. Mein Geschäftspartner Micha Kriebel muss das zum Beispiel genauso. Insofern hat das nicht immer etwas mit einem ausländisch klingenden Namen zu tun.  

Sandra: Ihr habt bereits erwähnt, dass ihr keine Kinder habt. War das gesellschaftlich irgendwann ein Thema? Hattet ihr das Gefühl, dass ihr damit nicht dem klassischen Familienbild entsprecht?

Dina: Ja, das war tatsächlich immer wieder ein Thema – und ehrlich gesagt auch ein schwieriges. Irgendwann kamen ständig dieselben Fragen: „Und, wann kommt denn der Nachwuchs?“ Nach meiner ersten schweren Erkrankung konnte ich diese Nachfragen irgendwann einfach nicht mehr hören. Deshalb habe ich irgendwann ganz offen geantwortet: „Ich war schwer krank. Wir können keine Kinder bekommen.“ Das entsprach der Wahrheit. Danach war das Thema meistens erledigt.

Ich finde, man wird als Frau häufig noch immer über Kinder definiert. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Lebensgeschichten. Wir konnten keine Kinder bekommen – heute stellt sich die Frage ohnehin nicht mehr. Und auch das sollte einfach akzeptiert werden.

„Herr Tod und Frau Leben im Flamarium“ Illustration: Schwarwel

Sandra: Ich möchte jetzt gern zum Krematorium wechseln. Ihr beschreibt eure beiden Standorte ganz bewusst als „Feuerbestattungen für Mitteldeutschland“. Und der Friedgarten versteht sich als „Gedenkort für die Region“. Warum ist euch dieser regionale Bezug so wichtig?

Frank: Diese Entscheidung haben wir ganz bewusst getroffen. Private Krematorien gibt es noch gar nicht so lange. Früher wurden Krematorien ausschließlich von Städten betrieben. Erst Ende der 1990er Jahre wurde es überhaupt erst möglich, dass private Unternehmen diese Aufgabe übernehmen. Als wir das Flamarium in Kabelsketal aufgebaut haben und ich gemeinsam mit Michael Kriebel die Geschäftsführung übernommen habe, standen wir vor einer grundsätzlichen Frage: Wollen wir weiter wachsen und deutschlandweit neue Standorte eröffnen? Unser Krematorium in Halle war sehr erfolgreich. Deshalb entstand überhaupt erst der zweite Standort in Kabelsketal. In Halle selbst gab es keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr. Gemeinsam mit Micha Kriebel und meinem Schwiegervater Heinz Knoche haben wir uns damals aber bewusst gegen eine deutschlandweite Expansion entschieden. Unsere Wurzeln liegen im Feuerbestattungsverein der Stadt Halle. Dort ist unsere Geschichte entstanden. Deshalb haben wir gesagt: Wir konzentrieren uns auf Mitteldeutschland, machen unsere Arbeit hier möglichst gut und bauen keine Standorte quer durch Deutschland auf. Zu dieser Entscheidung stehen wir bis heute. Unsere Kundinnen und Kunden kommen aus dieser Region, und ich glaube, dass wir gerade deshalb eine hohe Qualität anbieten können.

Aus dieser Haltung hat sich später noch etwas ganz anderes entwickelt. Eigentlich hatten wir nämlich nie geplant, einen Urnenfriedhof zu betreiben. Uns war lediglich wichtig, dass das neue Flamarium auf einem Gelände entsteht, das offiziell als Friedhof gewidmet ist. Für uns gehören Krematorien aus historischer Sicht auf einen Friedhof. Gemeinsam mit der Gemeinde Kabelsketal konnten wir das damals umsetzen. Dass dort später einmal der Friedgarten entstehen würde, war überhaupt nicht vorgesehen.

Zur gleichen Zeit wurde allerdings im Zuge der Hartz-Reformen das Sterbegeld abgeschafft. Früher erhielten Angehörige einen staatlichen Zuschuss für Bestattungskosten. Dieser wurde zunächst immer weiter gekürzt und schließlich 2004 ganz gestrichen. Viele Bestattungsunternehmen kamen damals auf uns zu und sagten: „Wir brauchen kostengünstige Möglichkeiten für Urnenbeisetzungen. Ihr habt doch dieses große Gelände – macht doch etwas daraus.“ Also begannen wir zunächst mit anonymen Urnenbeisetzungen, weil uns gesagt wurde, dass dies künftig die bevorzugte Form sein würde. Schon nach kurzer Zeit merkten wir jedoch, dass die Wirklichkeit anders aussah. Die Angehörigen kamen trotzdem regelmäßig dorthin, legten Blumen nieder und erinnerten an ihre Verstorbenen. Da wurde uns klar: Ganz anonym möchten viele Menschen ihre Trauer eben doch nicht gestalten. Deshalb haben wir unser Konzept verändert. Aus einer zunächst eher schlichten Fläche entstand Schritt für Schritt eine gärtnerisch gestaltete Parklandschaft.

Wer heute den Friedgarten besucht, erlebt einen liebevoll angelegten Park. Das war am Anfang überhaupt nicht so. Inzwischen bieten wir Gemeinschaftsanlagen an, in denen Urnen gemeinsam beigesetzt werden – allerdings immer in einer würdevollen Gestaltung und mit der Möglichkeit, den Namen der Verstorbenen sichtbar zu machen. Daneben gibt es auch ganz individuelle Grabstätten, wie man sie von klassischen Friedhöfen kennt. Ein Vorteil ist, dass wir nicht denselben Vorgaben unterliegen wie kommunale oder kirchliche Friedhöfe. Dadurch können wir neue Ideen verwirklichen. So haben wir beispielsweise eine Dünenlandschaft gestaltet, die an die Ostsee erinnert und in der ebenfalls Urnen beigesetzt werden können. Solche thematischen Bereiche entstehen bei uns immer wieder. Wir probieren Neues aus, weil wir überzeugt sind, dass Erinnerung ganz unterschiedliche Formen annehmen darf.

Inzwischen hat sich das weit über Halle und Leipzig hinaus herumgesprochen. Viele Menschen besuchen den Friedgarten schon zu Lebzeiten, schauen sich verschiedene Grabstätten an und treffen ganz bewusst ihre Vorsorgeentscheidung mit dem Wunsch: „Ich möchte später hier beigesetzt werden.“ So ist aus etwas, das ursprünglich gar nicht geplant war, nach und nach ein besonderer Gedenkort für Mitteldeutschland entstanden. Gerade in den Sommerferien sehen wir das immer wieder. Auf unserem Parkplatz stehen Autos mit Kennzeichen aus ganz Deutschland. Menschen kommen mit einem Blumenstrauß, gehen eine halbe Stunde in den Friedgarten und fahren anschließend weiter. Dann wissen wir: Sie haben auf ihrer Urlaubsreise bewusst einen Zwischenstopp eingelegt, um einen Angehörigen zu besuchen. Das ist eine Entwicklung, die wir uns 2004 niemals hätten vorstellen können.

Sandra: Gibt es im Bereich Bestattung regionale Unterschiede?

Dina: Ja, die gab es zumindest früher ganz deutlich. Vor allem zu Beginn haben wir gemerkt, dass Feuerbestattungen in den neuen Bundesländern wesentlich häufiger waren als in den alten Bundesländern. Dort überwogen damals noch die Erdbestattungen – deutlich stärker als heute. Meine Schwiegereltern zum Beispiel wurden beide erdbestattet. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir gemeinsam mit meiner Schwiegermutter den Sarg für meinen Schwiegervater ausgesucht haben. Damals spielte das Material noch eine große Rolle. Es musste unbedingt Eiche sein – fast wie die berühmte Eiche-Wohnzimmerwand von früher. Das hatte durchaus auch etwas mit Status zu tun. Inzwischen verändert sich das aber immer mehr. Der Anteil der Feuerbestattungen steigt bundesweit kontinuierlich. Deshalb nähern sich Ost und West in diesem Bereich zunehmend an.

Frank: Regionale Unterschiede gibt es nach wie vor. Gerade in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen war die Feuerbestattung schon zu DDR-Zeiten die vorherrschende Bestattungsform. Eigentlich reicht die Geschichte sogar noch weiter zurück. Das erste Krematorium Deutschlands entstand in Gotha – also in Thüringen. Wenn man so möchte, liegen die Wurzeln der deutschen Feuerbestattung dort. Anders sieht es in traditionell katholisch geprägten Regionen wie Bayern, Baden-Württemberg oder Teilen Nordrhein-Westfalens aus. Dort war die Erdbestattung lange Zeit deutlich stärker verbreitet. Inzwischen verändert sich das allerdings sehr schnell. In Mitteldeutschland liegt der Anteil der Feuerbestattungen heute bei rund 90 Prozent oder sogar darüber. In Bayern lag dieser Anteil vor etwa 25 Jahren noch bei unter zehn Prozent. Heute bewegt er sich bereits bei etwa 60 bis 70 Prozent. Die Feuerbestattung ist mittlerweile bundesweit die vorherrschende Bestattungsform geworden.

Sandra: Ihr bietet auch Führungen durch das Krematorium und über den Friedgarten an sowie Bildungsangebote und pädagogische Formate – für Schulklassen, Fachgruppen und alle, die sich mit dem Thema beschäftigen möchten. Außerdem veranstaltet ihr selbst zahlreiche Events. Erzählt bitte mehr darüber.

Frank: Das haben wir von Anfang an gemacht. Ich bin ja eher zufällig in die Bestattungsbranche gekommen und hatte anfangs überhaupt keine Ahnung von Bestattungskultur. Relativ schnell habe ich aber gemerkt, dass unsere Arbeit viel mehr ist als eine reine Dienstleistung. Natürlich übernehmen wir als Krematorium die Einäscherung Verstorbener. Aber der Umgang mit Verstorbenen ist eben auch Ausdruck unserer Kultur. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft Abschied nimmt und trauert, erzählt immer auch etwas über diese Gesellschaft.

Deshalb war für uns früh klar, dass wir dieses Thema wieder stärker in die Mitte der Gesellschaft holen möchten. Vieles rund um Tod und Trauer wird bis heute gern ausgeblendet. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem offen darüber gesprochen werden kann.

Angefangen haben wir mit Veranstaltungen direkt im Flamarium. 2010 haben wir dann gemeinsam mit Dinas Vater die FUNUS-Stiftung gegründet, deren Ziel die Förderung der Bestattungskultur ist. Bereits 2011 fand das erste Symposium zur Bestattungskultur statt. Diese Veranstaltung organisieren wir bis heute jedes Jahr. Dort kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso zusammen wie Menschen aus der Praxis.

Das Symposium ist bewusst fachlich und theoretisch angelegt. Gleichzeitig war uns aber klar, dass wir auch niedrigschwellige Angebote brauchen. Nicht jeder möchte sich sofort wissenschaftlich mit dem Thema Tod beschäftigen. Viele möchten sich zunächst einmal vorsichtig annähern, Geschichten lesen oder neue Perspektiven kennenlernen. Aus diesem Gedanken heraus entstand 2015 das „drunter+drüber“-Magazin, an dem wir inzwischen ja auch zusammen mit euch arbeiten. Es ist ein Magazin für Endlichkeitskultur, in dem sich jede Ausgabe einem eigenen Schwerpunktthema widmet. Im Mittelpunkt stehen Geschichten. Sie vermitteln Wissen, regen zum Nachdenken an und sollen gleichzeitig unterhalten. Ich finde, das ist ein sehr schönes Format. Ähnlich verhält es sich mit den Death Slams – einem poetischen Wettstreit rund um das Thema Tod. Ich bin jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wie intensiv sich junge Menschen mit diesem Thema auseinandersetzen. Wenn 17-, 18- oder Anfang 20-Jährige auf der Bühne stehen und ihre eigenen Texte vortragen, entstehen oft unglaublich berührende und kluge Beiträge.

Ich glaube, wir haben in den vergangenen sechzehn Jahren die Aufgabe angenommen, Bestattungskultur sichtbarer zu machen und gesellschaftliche Gespräche darüber anzustoßen. Besonders freut mich, dass dies von Mitteldeutschland aus gelingt. Mit dem Zentrum für Endlichkeitskultur in Osmünde ist inzwischen ein Ort entstanden, an den Menschen aus ganz Deutschland kommen. Die Verbindung aus Krematorium, Friedgarten, Bildungsangeboten und Fortbildungen ist in dieser Form ziemlich einzigartig. Darauf sind wir schon ein wenig stolz.

Sandra: Habt ihr in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet, dass sich sowohl in der Bestattungsbranche als auch im Bereich Trauer- und Endlichkeitskultur etwas verändert hat? Sind dort heute mehr Frauen aktiv?

Dina: Meinst du arbeitstechnisch oder eher auf der Seite der Interessierten?

Sandra: Tatsächlich beides. Mich interessiert zum einen die Entwicklung in der Branche selbst und zum anderen, wer sich fachlich oder persönlich mit den Themen Tod, Trauer und Endlichkeit beschäftigt.

Dina: Bei den Interessierten kann man das eigentlich ganz gut beobachten. Das sieht man schon an den Abonnentinnen und Abonnenten der „drunter+drüber“ oder auch auf der Messe Leben und Tod, auf der wir regelmäßig mit der FUNUS Stiftung vertreten sind. Mein Eindruck ist, dass Frauen eine deutlich geringere Hemmschwelle haben, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Das erleben wir auch im Freundes- und Bekanntenkreis. Die Frauen möchten darüber sprechen, informieren sich und setzen sich bewusst damit auseinander. Oft sind es eher die Männer, die bremsen und sagen: „Darüber möchte ich jetzt nicht reden.“ Ich habe manchmal den Eindruck, dass Tod und Trauer bei vielen Männern noch immer mit Schwäche verbunden werden. Frauen begegnen dem Thema häufig offener und mit weniger Berührungsängsten.

Frank: Das kann ich bestätigen. Und auch innerhalb der Branche hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Als ich angefangen habe, war der operative Bereich fast ausschließlich männlich geprägt. Natürlich arbeiteten in den Büros oder in der Beratung der Bestattungsunternehmen schon damals viele Frauen. Aber die körperliche Arbeit (Verstorbene versorgen, abholen und ins Krematorium bringen) galt lange als klassische Männerdomäne. Das verändert sich zunehmend. Wir erleben immer häufiger, dass Frauen mit den Bestattungsfahrzeugen zu uns kommen. Außerdem hat sich die Technik weiterentwickelt. Viele körperlich schwere Arbeiten werden heute durch technische Hilfsmittel erleichtert. Das frühere Argument, dafür brauche es unbedingt Männer, weil sie kräftiger seien, zieht deshalb immer weniger.

Wir haben inzwischen sogar eine frisch ausgebildete Kremationstechnikerin bei uns, Alex, und sind sehr froh darüber. Sie bringt noch einmal eine andere Perspektive und eine besondere Sensibilität mit – sowohl im Umgang mit den Verstorbenen als auch mit dem gesamten Prozess der Einäscherung. Auch in anderen gewerblichen Bereichen arbeiten inzwischen Frauen bei uns. Die Branche wird langsam vielfältiger, und das halte ich für eine sehr positive Entwicklung. Soweit ich weiß, ist die Zahl der Auszubildenden zur Bestattungsfachkraft heute so hoch wie nie zuvor – und der überwiegende Teil davon sind Frauen. Viele junge Frauen interessieren sich ganz bewusst für diesen Beruf. Das finde ich sehr erfreulich.

„Herr Tod und Frau Leben“ Illustration: Schwarwel

Sandra: Dina, du hast eben angedeutet, dass Männer ihre Gefühle oft weniger zeigen. Das gilt ja häufig auch für Trauer. Habt ihr in eurer Arbeit erlebt, dass Männer und Frauen unterschiedlich trauern?

Dina: Ja, das haben wir sehr konkret erlebt.Wir hatten eine Familie, die wir über viele Jahre begleitet haben. Zunächst verstarb einer der beiden Söhne und wurde bei uns im Friedgarten beigesetzt. Als die Eltern später gemeinsam zu uns kamen, sagte eine Kollegin zu mir: „Komm bitte mit. Das Gespräch wird wahrscheinlich schwierig.“ Die beiden konnten als Paar kaum miteinander über ihre Trauer sprechen. Dabei wurde sehr deutlich, wie unterschiedlich sie trauerten. Die Mutter wollte das Grab ihres Sohnes pflegen, Blumen pflanzen und dafür sorgen, dass alles schön aussieht. Dem Vater war das eher zu viel. Er wollte einfach zum Grab gehen, einen Moment innehalten und wieder nach Hause fahren. Sie konnten damals nicht einmal gemeinsam zur Grabstätte gehen.

Später verstarb leider auch der zweite Sohn. Wir konnten ermöglichen, dass beide Brüder gemeinsam beigesetzt wurden. Das war organisatorisch nicht ganz einfach, aber es hat geklappt. Auch bei diesem Termin haben wir die Eltern bewusst getrennt begleitet. Meine Kollegin sprach mit der Mutter, ich ging mit dem Vater durch den Friedgarten. Wir haben lange miteinander geredet. Ich habe ihm irgendwann gesagt, dass es seiner Frau vielleicht gar nicht in erster Linie um die Blumen gehe … Lange passierte nichts. Doch irgendwann – völlig unvermittelt – brach dieser Mann plötzlich in Tränen aus. Von diesem Zeitpunkt an haben wir die beiden häufig gemeinsam am Grab ihrer Söhne gesehen.

Einige Zeit später wurden wir noch einmal Teil dieser Familiengeschichte. Der Vater rief uns selbst an, als er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er sagte ausdrücklich, dass er mit Blick auf seine Söhne beigesetzt werden möchte. Auch diesen Wunsch konnten wir erfüllen. Wenige Tage später ist er verstorben. Für uns war das ein sehr bewegender Moment. Die Mutter hatte nun ihre drei Männer an einem gemeinsamen Ort. So traurig diese Geschichte ist – es war schön zu sehen, dass wir dazu beitragen konnten, diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

Frank: Das ist tatsächlich eines der großen Geschenke unserer Arbeit. Wir erleben immer wieder Lebensgeschichten, an denen wir ein kleines Stück teilhaben dürfen. Das sind oft sehr bewegende Momente. Natürlich gibt es auch Konflikte und schwierige Begegnungen. Nicht jede Geschichte endet so versöhnlich. Heute erleben wir vieles aus einer etwas anderen Perspektive als früher, weil unser Lebensmittelpunkt inzwischen nicht mehr dauerhaft in der Region liegt. Aber wir sind nach wie vor eng verbunden und begleiten viele Menschen über lange Zeit.

Sandra: Ein Krematorium ist nicht nur ein rein technischen Ort. Es gehört viel mehr dazu: der Umgang mit Angehörigen, Kommunikation und Begleitung. Wie bereitet ihr eure Mitarbeitenden darauf vor?

Dina: Das kann und muss auch nicht jeder machen. Bei uns kann jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter offen sagen: „Ich möchte keine Trauerfeiern begleiten, weil mich das persönlich zu sehr belastet.“ Manche Menschen können diese notwendige professionelle Distanz nicht aufbauen. Das ist völlig in Ordnung. Andere Mitarbeitende bilden wir gezielt weiter. Sie besuchen Fortbildungen und lernen, Angehörige einfühlsam zu begleiten, ohne selbst den nötigen Abstand zu verlieren. Genau darum geht es letztlich: um Menschlichkeit – aber eben auch um eine professionelle Distanz. Die Rückmeldungen der Angehörigen zeigen uns oft, wie wichtig das ist. Viele bedanken sich später ausdrücklich für die Begleitung und dafür, dass sie sich gut aufgehoben gefühlt haben.

Sandra: Welche Entwicklung nehmt ihr im Bereich Trauer- und Endlichkeitskultur wahr?

Frank: Ich würde schon sagen, dass sich etwas bewegt. Natürlich ist das nach wie vor ein Themenfeld, das eher Menschen anzieht, die sich ohnehin damit beschäftigen – etwa aus Hospizen, der Trauerbegleitung oder der Palliativpflege. Aber ich habe den Eindruck, dass diese Nische langsam größer wird. Veranstaltungen wie die Messe Leben und Tod oder Projekte wie unsere „drunter+drüber“ tragen aus meiner Sicht dazu bei, dass sich immer mehr Menschen ohne Berührungsängste mit Tod und Trauer auseinandersetzen. Ich kann das nicht mit Zahlen belegen, aber mein Gefühl ist, dass sich diese Themen zunehmend öffnen und mehr Menschen erreichen. Das freut mich sehr.

Dina: Ich glaube, sobald man selbst betroffen ist, verändert sich alles. Dann spielt es keine Rolle mehr, wie viel man über das Thema weiß. Man ist plötzlich Angehörige oder Angehöriger und erlebt die Trauer genauso intensiv wie jeder andere Mensch. Ich habe das erlebt, als Franks Vater gestorben ist. Obwohl Frank sich beruflich seit Jahren mit Bestattung und Trauer beschäftigt, war er in diesem Moment einfach nur Sohn. Natürlich hilft das Wissen in manchen praktischen Dingen. Man hat weniger Berührungsängste, weiß, was möglich ist, kann vielleicht selbst bei der Waschung des Verstorbenen dabei sein. Aber die Trauer selbst nimmt einem dieses Wissen nicht ab.

Frank: Genau so ist es. Natürlich hilft es, die Abläufe zu kennen und zu wissen, was passiert. Aber den Schmerz kann einem dieses Wissen nicht nehmen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es dem Leben guttut, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Wenn man weiß, dass das Leben irgendwann endet, schaut man vielleicht bewusster auf die Zeit, die man jetzt hat. Außerdem nimmt es vielen Menschen Ängste, wenn sie sehen, dass mit Verstorbenen würdevoll umgegangen wird und sie sich um diesen Teil ihres Lebens keine Sorgen machen müssen. Deshalb werben wir immer wieder dafür, sich schon zu Lebzeiten mit den eigenen Wünschen zu beschäftigen. Wer einmal mit einem Bestattungsunternehmen gesprochen oder seine Vorstellungen festgehalten hat, entlastet damit später auch seine Angehörigen.

Biografien:

Dina Pasic, *1971 in Hannover, Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Bielefeld, 1999 Abschluss mit dem Zweiten Staatsexamen, seit 2004 Assistentin der Geschäftsführung der Flamarium Saalkreis GmbH & Co. KG, Mitarbeit in der FUNUS Stiftung. 

Frank Pasic, *1971, ist von Hause aus Jurist, ist dann aber über einen Umweg ins Krematorium gekommen – wo es ihm wider Erwarten gefallen hat. Er ist (Mit-)Gründer der FUNUS Stiftung, die sich für einen offenen Umgang mit dem Tod, der Trauer sowie der Kultur des Bestattens und des Abschiednehmens einsetzt.

„Herr Tod und Frau Leben“-Kurzfilme
Mit den Einzelfilmen: „Was ist Bestattungskultur?“, „Was tun beim Todesfall?“, „Wie funktioniert eine Feuerbestattung?“ und „Gibt es Nachhaltigkeit im Krematorium?“