EX-STRAFGEFANGENE REGINA LABAHN IM INTERVIEW
von Franziska Reif

Regina Labahn ist 1951 auf Usedom geboren. 1980 stellten sie und ihr Mann den ersten Ausreiseantrag, von 1984 bis 1986 saß sie im Frauenzuchthaus Hoheneck in Haft. Dem Historiker Sebastian Lindner zufolge gab es zwischen 1950 und 1989/90 24.000 Strafgefangene in Hoheneck, darunter 8.000 wegen politischer Straftaten. Nach der Haft gingen Labahns in den Westen.
Wieso haben Sie einen Ausreiseantrag gestellt?
Nachdem mein Mann sich geweigert hatte, in die SED einzutreten, begannen Schikane und Verfolgung. Er wurde vom Elektriker zum Schweinestallausmister degradiert. 1980 stellten wir einen Ausreiseantrag. Danach verschwanden zwei unserer drei Kinder im Heim, aus unserer Wohnung wurden die Möbel und Bekleidung gestohlen, mein Mann kam in Haft. Ich floh mit dem dritten Kind nach Rügen, wo uns die evangelische Kirche an die Stasi verriet. Kontakt zu Ehemann und Kindern ließ sich in der Zeit nicht aufbauen, stattdessen hieß es: „Nehmen Sie Ihren Ausreiseantrag zurück.”
Hatten Sie Hilfe?
Nein, diese Leute wären selber in die Mühlen der Stasi geraten. Nur die Georgen-Parochial-Gemeinde in Ost-Berlin hat der Stasi die Stirn geboten und vielen Menschen mit Ausreiseantrag Arbeit und Unterkunft gegeben – andernfalls hätte man uns wegen asozialen Verhaltens einsperren können. In der Zwischenzeit war auch das dritte Kind ins Heim gekommen und ich auf Bewährung, mein Mann zu Haft verurteilt worden. Auf Anraten von Manfred Stolpe stellten wir später einen Antrag auf Staatenlosigkeit. Wir nahmen unsere DDR-Ausweise nicht an und wurden sofort verhaftet. Ich wurde wie mein Mann zu anderthalb Jahren Haft verurteilt, und zwar nach § 214 StGB-DDR (Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit) und nach § 143 StGB-DDR (Vereitelung von Erziehungsmaßnahmen). Nach der Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis kam ich ins Frauenzuchthaus Hoheneck. Dort teilte ich mir mit 35 anderen Frauen, darunter 34 Mörderinnen, eine Zelle.
Wie war der Alltag im Gefängnis?
Wir arbeiteten in drei Schichten an sechs Tagen die Woche. Wurden Devisen gebraucht, arbeiteten wir auch 13 Tage durch. Meine Aufgabe war das Heißformen. Dafür musste der Rohling einer Strumpfhose für den Westen über ein sehr heißes Bügelbrett gezogen werden. Dass ich dabei sehr giftige Dämpfe einatmete, ist heute bewiesen. Jeden Sonntag gab es das „Neue Deutschland” zu lesen und alle vier bis sechs Wochen Kino. Das musste man sich aber verdienen, ich war nur ein Mal dort. Wir Politischen waren in der Rangordnung der letzte Dreck. Alle drei Wochen konnte ich auf dem Freihof andere Politische treffen und während der letzten acht Wochen kam eine Politische in meine Zelle. Mit meinem Mann hatte ich in der ganzen Zeit einmal Kontakt. Mit Pfarrer Müller-Zetzsche aus Berlin gab es einige Briefe. Kontakt zu den Kindern war mir verboten.
Wurden Sie für die Arbeit entlohnt?
Nach 21 Monaten hatte ich rund 32 DDR-Mark auf meinem Entlassungskonto. Wir mussten schließlich für Unterkunft und Verpflegung bezahlen.
Wie stand es um die Hygiene?
Seit ich aus dem Zuchthaus raus bin, liebe ich sehr heißes Wasser zum Baden und Duschen. Wir Politischen hatten immer nur kaltes Wasser. Duschen war einmal in der Woche, die Zähne habe ich mit Kalkfarbe von der Toilettenwand geputzt. Bei meiner Entlassung hatte ich fast nur noch Zahnwurzeln im Mund. Bei einer Läuseplage bekam ich ein Mittel zum Haarewaschen, von dem mir die Kopfhaut blutete.
Wie übersteht man so eine lange Zeit?
Indem man hart und kalt wird und immer im Hinterkopf hat: „Ihr könnt mich nicht brechen”. Das gibt eine innere Stärke, die sich niemand vorstellen kann, der so etwas nicht erlebt hat.
1986 kamen Sie und Ihr Mann frei und gingen in den Westen. Ihre Tochter kam ein Jahr später nach, Ihre Söhne erst nach dem Mauerfall. Wie ging es im Westen weiter?
Unsere Tochter war für eine Zwangsadoption schon zu groß. Die Jungs wollte man bis zum Schluss zur Adoption freigeben. Vor allem ging der Kampf gegen die Stasi weiter. Aber jetzt waren wir nicht mehr allein. Eine Anwältin aus West-Berlin übernahm sofort die Angelegenheiten unserer Kinder. Mein Mann fand schnell eine Arbeit als Elektriker und ich konnte bei der Diakonie als Altenpflegerin arbeiten.
Erhielten Sie Genugtuung und Entschädigung?
Nach langem Kampf erhalten wir Entschädigung und 300 Euro Opferrente. Das reicht nicht für Genugtuung, zumal wenn die Täter eine gute Beamtenpension erhalten. Alle ehemaligen Politischen aus Hoheneck haben fast die gleichen Beschwerden: Schlaflosigkeit, Alpträume, unruhige Beine, Herzrasen. Wir können nicht beweisen, dass es Haftnachfolgeschäden sind, deshalb wird von der Rentenversicherung nichts anerkannt. Den Alt-Genossen werde ich nie verzeihen, was sie mit unschuldigen Kinderseelen gemacht haben. Es hat Jahre gedauert, bis unsere Kinder wieder Vertrauen zu uns hatten. Unseren Jüngsten hat man sogar erzählt, dass wir tot sind. Verwinden kann ich nicht, dass Leute aus der alten Stasi-Garde bis heute Beamte sind und immer noch über mich entscheiden können.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass man den Zeitzeugen zuhört. Bei manchen Fernsehsendungen habe ich das Gefühl, dass beschönigt werden soll, was nicht zu beschönigen ist.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.
