„ICH WOLLTE AUF KEINEN FALL SÜSS SEIN.“
Interview mit Annette Benjamin
von Sandra Strauß

Sandra: Du hast für das Buch „Tanz auf dem Vulkan” ein Vorwort geschrieben. Bevor wir darauf zu sprechen kommen, möchte ich erst einmal über deine eigene Geschichte sprechen. Du bist mit 16 Jahren von zu Hause weggegangen – beziehungsweise abgehauen. Danach ging es erst nach Amsterdam und später nach London. Wie kam es dazu?
Annette: Mit 16 musste ich die Schule gezwungenermaßen verlassen. Ich hatte mich allerdings schon vorher für ein Austauschjahr in den USA beworben – über „Youth for Understanding“. Ich erwähnte nicht, dass ich von der Schule geflogen war, wurde für das Austauschprogramm angenommen und bin dann erst einmal nach Amerika gegangen. Dort blieb ich allerdings nur acht Monate, denn auch da wurde ich schließlich rausgeschmissen.
Meine Geschichte ist tatsächlich eine Geschichte voller Rausschmisse. Als ich zurück nach Deutschland kam, gab es sofort wieder heftige Konflikte mit meiner Mutter. Schließlich bin ich von zu Hause weggelaufen – wie man damals sagte. Zusammen mit einer Freundin bin ich nach Amsterdam getrampt und dachte eigentlich: Ich komme nie wieder zurück nach Hause. Und letztlich war das auch so. Ich blieb zunächst ein halbes Jahr in Amsterdam und anschließend etwa ein halbes Jahr in London. Das war zwischen 1977 und Anfang 1978 – und dort bin ich dann zum Punk geworden.
Sandra: Wie war diese Zeit für dich? Mit 16 trampen, alleine unterwegs sein, Amsterdam, London – war das gefährlich?
Annette: Ja, natürlich war das gefährlich. Aber wenn man so jung ist, versucht man das Gefährliche eher auszublenden. Man passt so gut auf sich auf, wie man das mit 16 eben kann, ist aber gleichzeitig darauf angewiesen, dass andere Menschen es gut mit einem meinen. Manchmal hat das funktioniert – manchmal überhaupt nicht.
In Amsterdam konnte ich zunächst in einer Jugendherberge arbeiten. Ich brauchte ja Geld, ich bekam von niemandem Unterstützung. Nach ein paar Monaten habe ich dann eine besser bezahlte Arbeit über eine Zeitarbeitsfirma gefunden und Hotelzimmer geputzt. Ich habe mich immer gefreut, wenn irgendwo ein paar Münzen liegen geblieben waren.
Gleichzeitig hatte ich schon immer eine starke Verbindung zur Musik. Ich habe als Kind im Chor gesungen und war als Jugendliche völlig begeistert von Musik – erst von Elton John, später in meiner kleinen Hippiephase von Pink Floyd oder Aphrodite’s Child.
Gute Musik kam für mich immer aus England. Also wollte ich unbedingt nach London. Dort konnte mich ein Bekannter zunächst in einer WG unterbringen. Danach musste ich erst einmal zur Sozialbehörde und Geld beantragen. Ich war damals 17 und hatte großes Glück, an eine sehr freundliche Frau zu geraten. Sie fragte mich, was ich machen wolle, und ich sagte: „Arbeiten.“ Sie bewilligte mir Unterstützung, sodass ich alle zwei Wochen ein bisschen Geld bekam. Ich lebte extrem günstig in einem kleinen Zimmer in Whitechapel, im East End.
Außerdem stand ich Modell für Kunststudenten – nackt, so wie Gott mich geschaffen hat. Das war eine interessante Erfahrung, weil mein Körper dort vollkommen wertneutral betrachtet wurde. Die Menschen schauten mich einfach an und zeichneten mich. Für mich war das eine völlig neue Erfahrung, nicht bewertet zu werden.
Gleichzeitig tauchte ich in die Londoner Musikszene ein, eher in die Pub-Szene. In den Pubs spielten Bands kostenlos, und man hatte direkten Kontakt zu den Musikerinnen und Musikern. Ich habe dort zum Beispiel Ian Dury oder Elvis Costello gesehen. Später kam ich dann in Clubs wie The Roxy, 100 Club und Vortex und sah Bands wie X-Ray Spex live. Von den Sex Pistols hatte ich natürlich gehört, und Johnny Rotten fand ich großartig – dieses freche Gesicht, diese Art zu singen, dieses Rotzige. Die Musik hat mich direkt ins Herz getroffen.
Aber die wirkliche Offenbarung war Poly Styrene von X-Ray Spex. Sie stand dort auf der Bühne, ungefähr in meinem Alter, schrie ihre Texte heraus und verhielt sich überhaupt nicht so, wie Frauen sich damals verhalten sollten. Sie war nicht kokett, nicht angepasst, nicht darauf bedacht, hübsch zu wirken.
Ich war in einer Welt aufgewachsen, die vollständig vom männlichen Blick geprägt war – selbst Frauen hatten diesen Blick verinnerlicht. Und plötzlich stand da eine Frau, die sich allen Konventionen widersetzte. In diesem Moment dachte ich: So bin ich auch. Es war wie eine Erweckung. Zum ersten Mal sah ich eine Frau, die sich nicht „normal weiblich“ verhielt. Ich hatte mich mein ganzes Leben lang als Außenseiterin gefühlt und dachte immer, ich sei nicht richtig weiblich. Dieses Kokettieren, dieses Angepasstsein – das lag mir überhaupt nicht. Und plötzlich stand da jemand auf der Bühne, der all meine Sehnsüchte und Hoffnungen ausdrückte. Das war überwältigend.
Sandra: War das der Moment, in dem du beschlossen hast, selbst auf die Bühne zu gehen und Sängerin zu werden?
Annette: Ja und nein. Eigentlich hatte ich damals mit Hannover abgeschlossen und wollte aus familiären Gründen auch gar nicht zurück. Aber an meinem 18. Geburtstag in London lernte ich in einem Pub eine deutsche Lehrerin kennen. Sie erzählte mir von der neuen Schulform der integrierten Gesamtschule und meinte, ich solle das doch in Braunschweig versuchen. Obwohl ich die Schule vorher verlassen hatte, kam ich dort tatsächlich wieder unter. Das war ein riesiges Glück. Die Mitschülerinnen und Mitschüler nahmen mich unglaublich freundlich auf, obwohl ich anders aussah und anders war.
Mitschüler fragten mich, ob ich Lust hätte, eine Band zu gründen. Und weil ich die „Punk-Kompetenz“ aus London mitbrachte, wurde ich sofort die Sängerin. Mit dieser Schülerband spielten wir auf einem Schulfest und wurden anschließend zum ersten Punkfestival in Hannover eingeladen – dem No Fun Punk Festival. Dort traf ich dann auf Hans-A-Plast.
Sandra: Gab es damals Widerstände gegen dich als Frau auf der Bühne? Immerhin sprechen wir über Ende der 1970er-Jahre.
Annette: Erstaunlicherweise gar nicht. In der Schule eher das Gegenteil – da gab es Bewunderung. Vielleicht lag das auch daran, dass diese Musik damals etwas völlig Neues war. Niemand wusste genau, was Punk eigentlich ist. Alle waren neugierig. Beim Festival in Hannover lernte ich die Mitglieder von Hans-A-Plast kennen: zwei Gitarristen, eine Schlagzeugerin und eine Bassistin. Auch dieses Setup war damals extrem ungewöhnlich. Eine Frau am Schlagzeug, eine Frau am Bass – das gab es praktisch nicht.
Die Schlagzeugerin sprach mich nach unserem Auftritt an und fragte, ob ich mir ihre Band einmal anhören wolle. Als ich sie spielen sah, dachte ich sofort: Diese Frauen sind unglaublich stark. Vor allem die Schlagzeugerin strahlte eine enorme Energie aus. Die Männer an den Gitarren waren zwar da, aber sie standen nicht im Mittelpunkt. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob ich mitsingen sollte und bin dann immer öfter von Braunschweig nach Hannover gefahren, auch um sie kennenzulernen.
Hans-A-Plast kam ursprünglich aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Dort hatten sie angefangen, Musik zu machen, bevor sie sich Punk und New Wave zuwandten. Im Proberaum spielten sie mir ihre Songs vor – etwa „Lederhosentyp“ oder „Rock’n’Roll Freitag“. Ich bekam die Texte in die Hand gedrückt, begann zu singen, und es funktionierte sofort. Das war der Anfang.
Sandra: Du sagtest, dass du dich immer „anders“ gefühlt hast. Was genau meinst du damit?
Annette: Ich glaube, das begann schon sehr früh. Mein Vater hatte sich eigentlich einen Jungen gewünscht, und ich selbst wollte als Kind unbedingt ein Junge sein. Ich hatte immer kurze Haare, spielte nur mit Jungs und fühlte mich in dieser Rolle wohler. Meine jüngere Schwester übernahm eher die klassische Mädchenrolle. Meine Eltern trennten sich, als ich zwei Jahre alt war, aber dieser Wunsch blieb trotzdem in mir. Ich hatte keine Puppen, sondern eher „Jungsspielzeug“, kletterte auf Bäume und wollte wild sein dürfen. Ich wollte auf keinen Fall süß sein. Dieses Wort fand ich schrecklich – und finde es ehrlich gesagt bis heute schrecklich.
Mit der Pubertät kam dann der Bruch. Plötzlich konnte ich niemanden mehr davon überzeugen, dass ich ein Junge sein wollte. Mein Körper veränderte sich, Brüste wuchsen – und ich empfand das regelrecht als Strafe. Ich hatte das Gefühl, meinen Körper zu verlieren. Natürlich bin ich später in eine weibliche Rolle hineingewachsen, trug die Haare etwas länger, hatte Beziehungen und all das. Aber wirklich wohl habe ich mich nicht gefühlt. In Gegenwart anderer Frauen dachte ich oft, ich sei zu männlich, zu grob, nicht elegant genug. Das hatte sicher auch mit den damaligen Frauenbildern zu tun, die überall vermittelt wurden.
Meine Mutter schaute zu Männern auf, eigentlich schauten alle zu Männern auf. Ich dagegen fand Männer oft eher schrecklich – vor allem dann, wenn sie ihre Macht oder körperliche Überlegenheit ausspielten.
Dieses Gefühl des Andersseins zog sich bis weit in meine Zwanziger hinein. Erst durch Hans-A-Plast und durch Punk begann ich langsam zu verstehen, dass entscheidend ist, was ich tue. Dort entstand zum ersten Mal das Gefühl, wertvoll zu sein.
Sandra: Punk und Hans-A-Plast haben dir geholfen, dich selbst zu entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wobei es gleichzeitig so klingt, als hättest du schon als Kind und Jugendliche sehr stark dein eigenes Ding gemacht – selbst wenn du dich innerhalb der Gesellschaft oft falsch oder fremd gefühlt hast.
Annette: Ja, das stimmt schon. Ich habe allerdings auch ständig Ärger bekommen, weil ich widersprochen habe. Wenn mir etwas ungerecht vorkam, konnte ich nicht still sein. Ich war zum Beispiel fünf Jahre im Mädchenchor Hannover, ungefähr von meinem elften bis zum 16. Lebensjahr. Und auch dort wurde ich schließlich rausgeworfen. Der Grund war ziemlich einfach: Ich habe meinem Chorleiter gesagt: „Sie sind ein Arschloch.“ Das war sehr direkt. Wahrscheinlich war das für die damalige Zeit ungewöhnlich.
Mit 16 hatte ich längere Haare und befand mich in meiner rebellischen Hippiephase. Darüber konnte ich mein Anderssein ausdrücken. Aber selbst bei den Hippies fühlte ich mich nie wirklich zugehörig. Ich mochte keinen Alkohol und kein Gras, obwohl das damals in Hannover überall präsent war. Ich mochte diese Art von Rausch überhaupt nicht. Auch die ganze Ästhetik war mir oft zu schlaff, zu beliebig. Ich wusste eigentlich immer sehr genau, was ich nicht wollte. Aber erst als ich Poly Styrene von X-Ray Spex sah, wurde mir plötzlich klar, was ich wirklich wollte.
Sandra: Warst du als Sängerin von Hans-A-Plast selbst ein Vorbild für andere Frauen? Aus meiner Perspektive – und aus der vieler anderer – definitiv ja.
Annette: Danke. Aber das habe ich tatsächlich erst viele Jahre später verstanden. Für mich war Hans-A-Plast damals einfach Gegenwart und Selbstverständlichkeit. Ich wollte überhaupt kein Vorbild sein. Ich wollte vor allem auf keinen Fall irgendeinem Bravo-Starschnitt entsprechen. Ich wollte anders sein. Dieses Anderssein, das ich in mir gespürt habe, wollte ich nach außen tragen – ohne Kommerz, ohne Konsum, ohne Anpassung. Ich habe mich nie als Vorbild empfunden. Ich dachte einfach: Ich mache mein Ding so, wie es sich für mich richtig anfühlt.
Die älteren Frauen in der Band hatten da teilweise schon einen bewussteren feministischen Anspruch. Sie waren politischer organisiert, gingen regelmäßig auf Demonstrationen und kamen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Ich selbst war zwar auch auf Demos, aber ich verstand mich damals nicht als feministische Ikone oder so etwas. Das war übrigens bei vielen Frauen im Punk ähnlich – auch bei X-Ray Spex. Es ging zunächst gar nicht darum, perfekte feministische Vorbilder zu sein. Entscheidend war vielmehr, dass junge Frauen plötzlich auf die Bühne gingen und merkten: Wir dürfen das auch. Wir mussten nicht perfekt sein, niemandem genügen oder irgendeinem Frauenbild entsprechen. Wir konnten einfach wir selbst sein.
Und genau darin lag wahrscheinlich die Kraft. Ich habe als Jugendliche oft gedacht: Ich bin doch einfach ein Mensch. Zufällig bin ich weiblich geboren worden und andere eben männlich. Warum dürfen Männer sich deshalb automatisch mehr herausnehmen? Daraus entstand bei mir eine große Wut. Und diese Wut konnte ich im Punk kreativ nutzen. Natürlich hatte sie manchmal auch destruktive Seiten, aber vor allem war sie antreibend. Sie gab mir Energie. Zum ersten Mal sah ich plötzlich andere Frauen, die sich ebenfalls nicht in diese damalige Disco- und Dauerwellenwelt einfügen wollten.
Sandra: Was genau meint, dass deine Band-Mitstreiterinnen den feministischen Gedanken teilweise bewusster verfolgt haben als du.
Annette: Die anderen Frauen in der Band waren bereits über 20 und politisch deutlich organisierter. Sie kamen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung und aus studentischen Zusammenhängen. Dort gab es bereits einen klar formulierten feministischen Anspruch: Wir wollen zeigen, dass Frauen stark sind. Ich war damals erst 18 oder 19 und habe vieles eher intuitiv erlebt. Ich fand gut, was die anderen machten, aber ich hatte keinen ideologischen Überbau dafür. Vielleicht lag das auch daran, dass ich nie studiert habe. Vieles erschien mir damals wie endloses Gerede: zu viele Worte, zu viel Theorie. Ich war eher praktisch veranlagt. Ich wollte einfach machen und Dinge verändern. Und genau das konnten wir mit Hans-A-Plast tun.
Die Vorstellung, Verantwortung als Vorbild zu übernehmen, fand ich damals eher beängstigend. Im Nachhinein glaube ich aber, dass gerade unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten wichtig waren. Jede brachte etwas Eigenes in diese Band ein. Deshalb war es für mich später eine große Überraschung zu erfahren, dass Hans-A-Plast für viele Frauen tatsächlich eine Art Vorbild geworden ist.
Sandra: Wir dürfen dabei natürlich auch die Zeit nicht vergessen: Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jahre. Ich weiß – und das sagst du auch selbst, dass deine Geschichte nicht mit der von Punkfrauen in der DDR vergleichbar ist, weil dort Repression und staatliche Unterdrückung herrschten. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass auch dein Weg in Westdeutschland nicht einfach war. Punk, Subkultur, Feminismus, als Frau auf der Bühne – all das passte damals nicht in das bürgerliche Idealbild.
Annette: Die Musik war letztlich das Verbindende zwischen Ost und West. Und ich glaube, die Frauen aus der DDR wären auch in der Bundesrepublik angeeckt – genauso wie ich. Für mich war das immer eine Frage von Autoritäten. Ich wollte gegen Autoritäten angehen. Der große Unterschied war nur: Ich hatte das Glück, im Westen zu leben. Natürlich bekam ich Ärger. Ich wurde beschimpft, beleidigt, als Nutte oder Schlampe bezeichnet. Solche Dinge passierten ständig. Aber wenn ich heute die Geschichten der Frauen aus der DDR höre, wirkt das alles trotzdem anders. Das System in der Bundesrepublik hat mich nicht systematisch zerstören wollen. In der DDR hingegen wurden viele Menschen mundtot gemacht, verfolgt, eingeschüchtert oder zersetzt. Viele leiden bis heute unter dem, was der Staat ihnen angetan hat. Deshalb kann und möchte ich das nicht vergleichen.
Sandra: Wie genau bist du damals angeeckt?
Annette: Vor allem durch offenen Hass auf der Straße. Wenn ich unterwegs war, wurde ich sofort angepöbelt. Viele Menschen empfanden unser Aussehen als Bedrohung. Man sagte Dinge wie: „Ihr gehört weggesperrt“ oder „Geht doch nach drüben.“ Wer anders aussah, galt schnell als Kommunist. Damals herrschte in Deutschland noch stark dieses Denken von „Zucht und Ordnung“. Männer waren Männer, Frauen waren Frauen – und Frauen sollten vor allem funktionieren und sich anpassen. Unsere Erscheinung passte überhaupt nicht in dieses Weltbild. Ich hatte verschiedenfarbige Haare, einen punkigen Haarschnitt und eine Tätowierung – das alles war damals für ein Mädchen extrem ungewöhnlich. Menschen wie wir gehörten schlicht nicht ins Straßenbild. Wir wirkten wie Ausgestoßene. Aber wir wurden dafür eben nicht weggesperrt.
Einmal geriet ich allerdings tatsächlich kurz in Polizeigewahrsam. Das war während des sogenannten Deutschen Herbstes im September/Oktober 1977. Ein Typ hatte mich angesprochen, ob ich mit ihm Plakate zum Gedenken an Ulrike Meinhof kleben wolle. Ich sagte einfach ja – wollte provozieren, aus Neugier und weil ich Plakatekleben spannend fand. Als ich am Treffpunkt ankam, wartete dort allerdings nicht dieser Typ, sondern die Polizei. Sie nahmen mich mit aufs Revier und befragten mich. Ich musste die ganze Zeit lachen, weil mir die Situation so absurd vorkam. Ich kannte diesen Mann, den ich getroffen hatte, ja gar nicht. Am Ende ließ die Polizei mich gehen. Ich war offiziell Schülerin und wohnte bei einer Lehrerfamilie. Also fuhren sie mich einfach wieder nach Hause. Und genau das zeigt den Unterschied: Mehr passierte nicht.
Wenn ich heute die Geschichten aus der DDR höre, wird mir erst bewusst, wie privilegiert diese Freiheit trotz aller Konflikte war.
Die Mauer selbst empfand ich damals übrigens lange als völlig normal. Ich bin Jahrgang 1960, die Teilung war einfach Teil meiner Realität. Einmal reiste ich mit dem Mädchenchor Hannover nach Ost-Berlin. Der Unterschied war unglaublich. West-Berlin wirkte lebendig und bunt, Ost-Berlin dagegen grau und wie eingefroren. Viele Häuser trugen noch Einschusslöcher, vieles wirkte, als wäre der Krieg gerade erst vorbei. Für uns war der Osten damals wie ein Schwarz-Weiß-Film im Vergleich zum Farbfilm des Westens (s. Nina Hagen). Meine Familie hatte Verwandte in der DDR, deshalb gehörten diese Unterschiede irgendwie zum Alltag. Zu Weihnachten schickten wir Pakete mit Kaffee oder anderen Konsumgütern nach Ost-Berlin.
Später, mit Hans-A-Plast, bekam die Band plötzlich Briefe aus der DDR. Menschen schrieben uns, dass sie unsere Musik liebten und fragten, ob wir Tapes oder Platten schicken könnten. Also versuchten wir, Alben hinüberzuschicken.
Sandra: Beim Lesen von „Tanz auf dem Vulkan” ist mir aufgefallen, dass immer wieder dieselben Bands genannt wurden: Hans-A-Plast, Xmal Deutschland und Siouxsie and the Banshees – das waren offenbar Vorbilder für viele Punkfrauen in der DDR.
Annette: Ja, das stimmt offenbar wirklich. Aber wir wussten das damals überhaupt nicht. Uns fehlte dieses Echo aus der DDR völlig. Vielleicht hat mal jemand zurückgeschrieben – das müsste ich tatsächlich unsere Schlagzeugerin Bettina fragen, ob sie noch Briefe oder ein Archiv hat. Aber grundsätzlich haben wir darüber gar nicht groß nachgedacht. Wenn Leute schrieben und Musik haben wollten, dann haben wir eben etwas rübergeschickt. Und das war es. Wie unsere Musik genau dorthin kam, weiß ich bis heute nicht. Wahrscheinlich über Radiosendungen. BBC vielleicht, John Peel oder auch westdeutsche Sender wie der NDR, die man in Teilen der DDR empfangen konnte. Dort liefen unsere Songs gelegentlich in speziellen Sendungen. Aber dass diese Musik tatsächlich so viel bedeutet hat – das habe ich erst Jahrzehnte später verstanden.
Der Moment, der mich wirklich überwältigt hat, war ein Konzert auf dem Höhnie-Festival in Peine 2018, also noch vor der Pandemie. Höhnie hatte mich vorab mit einer Band aus Osnabrück zusammengebracht, den Razor Smiles, die Hans-A-Plast-Songs coverten. Wir probten ein paar Stücke zusammen, und ich dachte zunächst: „Was soll das denn jetzt?“ Aber ich machte es einfach, weil diese Musik natürlich Teil meiner Sozialisation ist. Schon vorher hatte Höhni gesagt: „Ihr habt auch Fans aus dem Osten.“ Aber ich dachte nur: Die kommen doch jetzt nicht extra wegen uns nach Peine.
Dann standen wir dort auf der Bühne – und plötzlich brach die Hölle los. Der Platz war völlig überfüllt, die Leute stürmten die Bühne, es fühlte sich exakt an wie früher bei einem Punkkonzert Ende der 1970er oder Anfang der 1980er. Das hat mich wirklich tief berührt. Dort lernte ich dann Geralf Pochop kennen. Geralf erklärte mir die Bedeutung unserer Musik für viele Jugendliche in der DDR. Und da begann ich erst zu begreifen. Gleichzeitig schämte ich mich ein wenig – oder vielleicht eher: Ich wunderte mich über meine eigene Blindheit. Ich dachte plötzlich: Wie konntest du das nicht mitbekommen? Direkt hinter der Mauer existierte eine komplette Punkbewegung, und ich wusste praktisch nichts darüber.
Die Toten Hosen sind ja sogar in der DDR aufgetreten, was ich im Nachhinein großartig finde. Aber ich weiß gar nicht, ob wir jemals eine Anfrage bekommen haben. Vielleicht nicht. Nach dem Mauerfall selbst habe ich mich zunächst gar nicht intensiv mit der DDR-Punkszene beschäftigt. Ich war einfach glücklich darüber, dass Deutschland wieder eins war. Damals lebte ich gerade in Frankreich und steckte mitten in einem völlig anderen Lebensabschnitt. Natürlich habe ich die Bilder im Fernsehen gesehen wie alle anderen auch. Diese unglaublichen Szenen vom Mauerfall. Ich fand das wunderbar. Aber eine Verbindung zur Musik oder zur ostdeutschen Punkszene stellte ich damals noch nicht her. Das kam erst viele Jahre später.
Sandra: Wie kam es schließlich dazu, dass du dein Vorwort zu „Tanz auf dem Vulkan” geschrieben hast?
Annette: Das entwickelte sich nach und nach, seit diesem Konzert 2018. Geralf drückte mir damals ein Buch über Punk und Widerstand in der DDR in die Hand. Ich las es und dachte: Wahnsinn. Da gab es tatsächlich eine richtige Punkszene – mit Menschen, die ihre Geschichten endlich erzählen konnten. Das hat mich sofort interessiert. Mit den Razor Smiles traten wir später auch in Halle auf. Ich begann, weitere Bücher über DDR-Punk zu lesen, merkte aber schnell: Viele dieser Geschichten waren vor allem männlich erzählt. Frauen kamen oft nur am Rand oder als Einzelpersonen vor.
Dann erzählte mir Geralf irgendwann, dass er ein Buch ausschließlich mit Interviews von Frauen plante: Punkfrauen in der DDR. Ich dachte: Toll, das ist genau die richtige Idee. Ich sagte sofort: „Wenn ich irgendetwas dazu beitragen kann, mache ich das.“ Mir war wichtig, dass dieses Buch Aufmerksamkeit bekommt. Und plötzlich hatte ich das Gefühl: Vielleicht kann ich meine Sichtbarkeit nutzen, um genau dieses Thema zu unterstützen.
Ich glaube, dass Frauen oft doppelt leiden mussten: einerseits als Punks oder politische Menschen, vor denen die DDR Angst hatte. Andererseits aber auch als Frauen, die besonders verletzlich waren – etwa durch sexuelle Gewalt, Erpressung oder die Drohung, ihnen ihre Kinder wegzunehmen. Deshalb wollte ich dieses Projekt unbedingt unterstützen. Und ich muss sagen: Selten hat mich etwas so berührt wie die Geschichten dieser Frauen. Auch die gemeinsamen Auftritte mit ihnen haben etwas in mir ausgelöst. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl: Das hier ergibt Sinn.
Diese Frauen waren so mutig. Sie haben sich mit ihren Ängsten konfrontiert, ihre Geschichten erzählt und die Schuld dorthin zurückgegeben, wo sie hingehört – zu den Tätern. Denn viele tragen jahrzehntelang Scham- und Schuldgefühle mit sich herum, obwohl sie Opfer waren. Das offen auszusprechen, fand ich unglaublich bewegend.
Sandra: Schuld und Scham. Ist das etwas, das Frauen besonders betrifft? Oder wäre das zu vereinfacht?
Annette: Schuld und Scham sind unglaublich mächtige Gefühle. Wahrscheinlich tragen sie alle Menschen in sich. Auch Ohnmacht kennen Männer und Frauen gleichermaßen – dieses Gefühl, einem stärkeren System oder stärkeren Menschen ausgeliefert zu sein und sich nicht wehren zu können. Aber bei Frauen kommt oft noch etwas hinzu: dieses permanente Hinterfragen des eigenen Verhaltens. Hätte ich netter sein sollen? Hätte ich lächeln sollen? Hätte ich weniger frech oder weniger laut sein sollen? Diese Gedanken kannte ich sehr gut. Ich glaube allerdings nicht, dass das ausschließlich Frauen betrifft. Aber Frauen werden gesellschaftlich vielleicht stärker dazu erzogen, sich selbst infrage zu stellen.
Heute sehe ich vieles differenzierter. Ich verurteile Gewalt, Missbrauch und Machtmissbrauch – absolut. Aber ich versuche trotzdem zu verstehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Jeder Mensch war einmal ein Kind. Manche wachsen liebevoll auf und werden offene, gute Menschen. Andere geben Gewalt weiter, die sie selbst erfahren haben. Das entschuldigt nichts, aber es erklärt manchmal etwas. Und grundsätzlich stehe ich immer auf der Seite derjenigen, die schwach gemacht oder unterdrückt werden.
Sandra: Hast du dich dein Leben lang mit dem Thema Frausein beschäftigt?
Annette: Ja, wahrscheinlich schon. Wenn man sich selbst immer wieder fremd vorkommt, versucht man irgendwann zu verstehen, warum man so ist, wie man ist. Und selbst wenn man sich irgendwann als Frau akzeptiert, verschwinden Schuld- und Schamgefühle ja nicht automatisch. Ich habe mich mein Leben lang gefragt, woher bestimmte Unsicherheiten oder Ängste kommen.
Gleichzeitig hat sich mein Blick auf Frauen im Laufe der Jahre verändert. Vor allem durch meine eigenen Kinder. Ich habe gelernt, liebevoller und großzügiger auf Frauen zu schauen – auch auf mich selbst. Dadurch entstand irgendwann ein positives Gefühl von Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Und das hatte viel mit Liebe zu tun.
Sandra: Du hast drei Töchter. Was wolltest du ihnen mitgeben?
Annette: Intelligenz. Und vor allem die Erkenntnis, dass Vielfalt etwas Wunderbares ist. Dass man Dinge immer aus mehreren Perspektiven betrachten kann. Ich hatte mit einer meiner Töchter früher ein Spiel: Ich sagte ein Wort, und sie nannte das Gegenteil. Ich sagte „groß“, sie sagte „klein“. Ich sagte „schön“, sie sagte „hässlich“. Dadurch wollte ich zeigen, dass es fast immer mindestens zwei Sichtweisen gibt. Natürlich kannten meine Kinder auch Hans-A-Plast. Aber für sie war ich in erster Linie einfach ihre Mutter. Sie entwickelten ihre ganz eigene Wege. Eine meiner Töchter macht Musik, eine arbeitet im Theaterbereich, und die jüngste lebt heute ausgerechnet in Amsterdam und erkundet dort das Leben.
Sandra: Wie ging es nach Hans-A-Plast weiter?
Annette: Ich heiratete jung, ließ mich aber auch schnell wieder scheiden. Danach war ich alleinerziehend und hatte schlicht keine Kraft mehr für Punk oder Musik. Mir wurde damals klar, dass ich eine Ausbildung brauchte, weil ich praktisch ohne Fundament dastand. Also machte ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau, die ich gut abschloss. Trotzdem wollte mein Chef mich danach nicht übernehmen. Das zieht sich irgendwie durch mein Leben.
Später zog ich mit meiner kleinen Tochter nach Frankreich und blieb dort drei Jahre. Danach arbeitete ich in Hannover und machte beruflich tatsächlich Karriere. Ich wurde Projektreferentin bei der Deutschen Messe AG, arbeitete international und konnte meine Sprachkenntnisse einsetzen. Das war eine sehr glückliche Phase meines Lebens. Wiederum später bekam ich noch zwei weitere Töchter.
Und irgendwann kam die Musik zurück. Zuerst sang ich klassische Musik und gab kleinere Konzerte. Dann wurde ich durch einen alten Punkfreund namens Adam Riese wieder öffentlich sichtbar. Er veranstaltete Talkshows in Münster und lud mich ein. Parallel begann meine Zeit auf Facebook und Insta – plötzlich meldeten sich ehemalige Fans, darunter auch zahlreiche ostdeutsche Fans. Sie schrieben mir Nachrichten und erzählten, dass sie Hans-A-Plast in der DDR heimlich auf Kassetten gehört und diese weitergegeben hatten. Diese Geschichten waren wirklich besonders. Erst da begann ich langsam zu verstehen, welche Bedeutung diese Musik damals wirklich gehabt hatte.
2005 gab es dann noch einen besonderen Moment: Meine älteste Tochter bewegte sich in der Gothic-Szene und erzählte dort irgendwann, dass ich ihre Mutter sei. Die Leute reagierten völlig erstaunt. Meine Tochter brachte dann eines Tages die Band Bloody Dead and Sexy mit nach Hause, und wir nahmen gemeinsam noch einmal „Monstertanz“ auf. Das war wie ein kleiner Ruck zurück zur Musik. Ich merkte plötzlich wieder, wie sehr mir das fehlte.
Sandra: Schreibst du irgendwann ein Buch?
Annette: Ja, das würde ich tatsächlich gerne machen. Ich würde gern meine eigenen Erinnerungen aufschreiben. Nicht so nerdig im Sinne von tausend Bandreferenzen, sondern einfach meine Geschichte und natürlich auch die Geschichte von Hans-A-Plast. Was mich nämlich über viele Jahre geärgert hat: Punk wurde irgendwann wieder zu so einem Männerclub. In vielen Anthologien oder Rückblicken kamen fast nur Männer vor. Und ich habe immer gedacht: Wo ist eigentlich Hans-A-Plast? Wo sind die Frauen? Wo sind die weiblichen Perspektiven geblieben? Nicht nur wir wurden vergessen. Auch Bands wie Östro 430 oder Bärchen und die Milchbubis oder Kleenex, die später Lilliput hießen. Dabei haben diese Bands nicht nur Frauen viel bedeutet.
Hans-A-Plast hatte keine große Plattenfirma hinter sich, die die Geschichte weitergetragen hätte. Deshalb sind wir irgendwann ein Stück weit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Umso schöner finde ich es heute, dass sich junge Frauen wieder auf solche Bands beziehen und sich inspirieren lassen. Ich kann nur sagen: Macht euer Ding. Geht auf die Bühne. Probiert euch aus. Lasst euch nicht erzählen, wer ihr angeblich sein sollt. Man muss im Leben erst herausfinden, worin man gut ist. Und dafür muss man Dinge ausprobieren.
Sandra: Das ist ja eigentlich wieder eine Form von Vorbildfunktion. Vielleicht nicht im klassischen Sinn, aber schon als Beispiel dafür, dass Dinge möglich sind. Dass Frauen sichtbar werden und sich gegenseitig unterstützen.
Annette: Ja, heute sehe ich das tatsächlich anders als früher. Als junge Frau hätte ich wahrscheinlich nicht gesagt: „Frauen unterstützen Frauen.“ Aber ich habe schon damals gemerkt, wie wichtig es war, mit anderen Frauen in einer Band zu spielen. Man hilft sich gegenseitig. Es entsteht ein Netzwerk. Diesen Gedanken finde ich heute wichtig: dass Frauen sich nicht ständig nur durch den männlichen Blick betrachten, sondern sich gegenseitig stärken. Das habe ich auch im Berufsleben gesehen. Netzwerke sind wichtig. Unterstützung ist wichtig. Da bin ich mit den Jahren einfach gereift.
Sandra: Rechtsextremismus und Antisemitismus – in welcher Art beschäftigst du dich damit?
Annette: Das hat mich sehr früh beschäftigt. Mein Großvater war ein Deutscher jüdischen Glaubens. Er hatte eine Nummer auf dem Arm tätowiert, wollte aber nie über seine Vergangenheit sprechen. Immer wenn ich gefragt habe, hieß es: „Das ist nichts für Kinder.“ Aber irgendwann hat mir meine Mutter erzählt, dass mein Großvater im Konzentrationslager Sachsenhausen war. Er war Droschkenkutscher in Hannover, wurde 1938 einfach von der Straße weg verhaftet und durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er war mit einer christlichen Deutschen verheiratet, meiner Großmutter. Mein Vater wurde 1918 geboren. Im Lager hat mein Großvater die Scheidungspapiere unterschrieben, weil es für eine christliche Frau „besser“ war, nicht mit einem Juden verheiratet zu sein. 1940 wurde er freigekauft. Seine Brüder überwiesen Geld aus dem Ausland, und er musste Deutschland innerhalb von 14 Tagen verlassen. Er ging nach Shanghai.
Diese Geschichte hat mich als Jugendliche geprägt. Vor allem, weil mein Großvater sich selbst immer als Deutscher verstanden hat. Er war kein religiöser Jude. Er war deutscher Staatsbürger, hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und fühlte sich deutsch. Und trotzdem wurde er plötzlich markiert, entrechtet und verfolgt. Im Pass stand ein großes „J“. Männer mussten zusätzlich „Israel“ als zweiten Namen tragen, Frauen „Sara“. Menschen wurden systematisch gekennzeichnet. Gleichzeitig hörte ich später auf der Straße als Punk Dinge wie: „Euch hätte man vergasen sollen.“ Das war für mich unerträglich.
Ich habe damals auch in linken Zusammenhängen erlebt, dass manche Gruppen antisemitische Haltungen hatten oder sich auf palästinensische Trainingslager der RAF bezogen. Und ich habe gedacht: Wie passt das zusammen? Warum sollte man Juden hassen? Darüber wurde damals kaum gesprochen. In Deutschland herrschte ein riesiges Schweigen über die Vergangenheit. Die Täter wollten nicht reden, die Opfer oft auch nicht. Viele haben sich geschämt oder sich sogar mitschuldig gefühlt.
Und dieses ganze System der Konzentrationslager war so perfide aufgebaut. Die Menschen wurden gegeneinander ausgespielt. Es gab unterschiedliche Kennzeichnungen für politische Gefangene, Juden, Sinti und Roma, homosexuelle Menschen oder sogenannte „Asoziale“. Dadurch entstanden sogar innerhalb der Lager Hierarchien. Das alles hat mich wahnsinnig beschäftigt. Und wahrscheinlich kommt daher auch mein Wunsch, dass sich so etwas niemals wiederholen darf.
Sandra: Und deshalb sind dir die Themen Demokratie und Freiheit heute so wichtig?
Annette: Ja. Absolut. Gerade wenn man solche Geschichten kennt oder erlebt hat, möchte man Wissen weitergeben. Man möchte Jugendlichen sagen: Passt auf. Schaut über euren Tellerrand hinaus. Lasst euch nicht von Hass vereinnahmen. Ich glaube auch, dass viele Jugendliche, die in rechten Szenen landen, nicht verloren sind. Manche wachsen da wieder heraus. Manche bekommen andere Perspektiven, bilden sich weiter oder begegnen anderen Menschen.Deshalb finde ich Vorbilder wichtig. Nicht perfekte Menschen – perfekte Menschen gibt es sowieso nicht. Ich halte auch nichts von diesem ganzen Selbstoptimierungswahn. Der Mensch ist fehlerhaft. Wir alle. Aber genau deshalb müssen wir versuchen, Verantwortung zu übernehmen. Im Kleinen. In der Familie. Im Alltag. Als Eltern. Als Freunde. Einfach versuchen, ein guter Mensch zu sein. Das ist schon schwer genug. Und vielleicht ist genau das der Sinn: Die Welt wenigstens ein kleines bisschen besser zu machen.

Annette Benjamin ist Sängerin und Texterin. Bekannt wurde sie Ende der 1970er Jahre als Frontfrau und Saxophonistin der Band Hans-A-Plast. Die fünfköpfige Gruppe mit drei Frauen und zwei Männern gehörte zu den ungewöhnlichsten und eigenständigsten Formationen der frühen deutschen Punk- und New Wave-Szene. Hans-A-Plast setzte von Beginn an auf deutschsprachige Texte und veröffentlichte drei legendäre Alben unabhängig, ohne Plattenfirma. Mit ihrem durchdringenden Gesang und ihrer starken Bühnenpräsenz wurde Annette Benjamin die prägende neue Stimme des deutschen Punk. Seit 2022 ist Annette Benjamin Sängerin und Texterin der Band die Benjamins und veröffentlichte bislang eine EP mit fünf Songs sowie zwei weitere Singles. Seit 2025 arbeitet sie mit der Künstlerin Stefanie Schrank in der aktuellen Formation die Rettung.
Foto: Helen Sobiralski
