MIT PAPPKRONE IM BÄLLEBAD

Wie vier junge Mädchen in der Nachwendezeit ihren Weg suchten

von Juliane Streich

Foto: Christiane Gundlach

Ich war nicht bei den Pionieren, ich war in einer Bande. Was nicht nur daran lag, dass es die Pioniere Anfang der Neunziger nicht mehr gab. Dass die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ im August 1990 im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung offiziell aufgelöst wurde, war mir recht egal. Vielleicht fand ich`s sogar gut. Ich bin eh nicht dabei gewesen. 

Als ich im September 1989 in die erste Klasse der Herbert-Baum-Oberschule in Berlin-Friedrichshain eingeschult wurde, war ich eins von zwei Kindern, die nicht zu den Pioniernachmittagen gingen, kein blaues Halstuch trugen und nicht allzeit bereit waren. Das andere Kind war evangelisch, ich katholisch – und Christen machten sowas nicht, sagten meine Eltern. Bevor ich aber auch nur ansatzweise begreifen konnte, warum eigentlich nicht und was das für Auswirkungen auf mein Leben haben könnte, war die DDR Geschichte. Und Pioniernachmittage auch. Ich war keine Außenseiterin mehr, wir alle waren jetzt Außenseiter:innen und versuchten zu begreifen, was die wiedervereinte Bundesrepublik für Auswirkungen auf unser Leben haben könnte.

Es wurde auf jeden Fall wild. Lehrer:innen wussten nicht mehr, was sie jetzt noch unterrichten durften, Eltern wussten nicht mehr, was sie arbeiten sollten, und wir Kinder? Wir gingen weiter jeden Tag zur Schule. Was manchmal in Tränen endete. Zum Beispiel an dem einen Tag, an dem neben der Schule mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht standen, Einsatzkräfte in voller Montur über die Straße rannten und Menschen aus Fenstern Beschimpfungen schrien. Ein paar Punks hatten seit einer Weile das Haus neben der Schule besetzt, nun wurde es geräumt – mit Wasserwerfern und Tränengas. Meine Mutter und ich gingen heulend wieder nach Hause. Andere besetzte Häuser würden noch lange bestehen bleiben. Sie gehörten zum Schulweg dazu. Bunte Häuser, die uns gefielen. Einmal sammelten wir die Kippen auf, die davor lagen, und versuchten sie zu rauchen. Es schmeckte ekelhaft, wir ließen es danach viele Jahre lang bleiben.

Ich hatte drei beste Freundinnen: Kathi, Janine und Romina. Nach der zweiten Klasse wechselten wir alle drei die Schule. Die Herbert-Baum-Oberschule wurde jetzt eine Gesamtschule, da waren wir noch zu klein, wir kamen jetzt in die dritte Klasse auf die Pettenkofer Grundschule. Besetzte Häuser lagen jetzt nicht mehr auf unserem Weg, dafür viele andere Häuser, die es zu erkunden galt. Vor allem ihre Höfe. Hinterhofbesichtigung nannten wir das, wenn wir nach der Schule statt nach Hause zu gehen, durch fremde, stets offene Haustüre in neue Welten gelangten. Oft suchten und fanden wir Wege, von einem Hof auf den nächsten zu kommen, über Zäune, Mauern oder durchs Gebüsch. Wir schafften uns Geheimwege, die uns von einer zur anderen Straße führten. Es war unser eigenes neues Land, das wir uns so erschlossen. Vier Mädchen, die neugierig waren. Die keine Angst hatten vor der Welt, sondern sie erobern wollten. Dass man jetzt in den Westen konnte, fanden wir gut. Denn da gabs Überraschungseier, pinke Röcke und Bibi-Blocksberg-Kassetten. Als der erste Burger King in Friedrichshain aufmachte, feierten Kathi und Janine da ihren 8. Geburtstag im Bällebad mit Pappkrone. Ich liebte es, dabei mochte ich gar keine Burger, sondern aß nur die Pommes.

Ein Telefon hatte noch kaum jemand, deswegen besuchten wir uns einfach, wenn wir uns was erzählen wollten. Oder wenn uns langweilig war. Nur zum Abendbrot mussten wir wieder zu Hause sein.

Bei Romina im Haus wohnte Frau Eckstein mit ihrem Hund und schimpfte immer, wenn wir im Hof Ball spielten. Wir hatten Angst vor ihr und konnten sie nicht leiden, daher klingelten wir bei ihr und rannten schnell weg. Am liebsten machten wir Klingelstreiche aber bei den Plattenbauten ein paar Straßen weiter, weil es da an einer Haustür viel mehr Klingeln gab als an unseren Altbauten.

Ein paar Jungs aus unserer Klasse, die wir offiziell doof, aber insgeheim doch irgendwie interessant fanden, hatten eine Bande gegründet, wie sie uns stolz erzählten. Wir wussten zwar nicht genau, was eine Bande so machte, aber wir wollten das auch. Was wir auf jeden Fall brauchten, war ein Bandenquartier. Wir fanden eins auf dem Hinterhof von Kathi. Eine leerstehende Erdgeschosswohnung, in die wir durchs Fenster stiegen. Wirklich leer war sie allerdings nicht, vielmehr standen noch Möbel darin. Der Mensch, der hier vorher gewohnt hatte, hatte anscheinend alles stehen und liegen gelassen. Wir fanden es super. Und ein bisschen aufregend. Wir versuchten uns häuslich einzurichten. Stellten die Möbel um, machten ein bisschen sauber und brachten Süßigkeiten mit, die wir im Schrank versteckten. Ein Fehler, wie sie sich herausstellte. Denn eines Tages waren die Fenster geschlossen. Jemand hatte wohl andere Pläne mit der Wohnung und sie mit Spannholzplatten verbarrikadiert. Wir ärgerten uns. Bandenquartier weg und die Süßigkeiten auch. Wir beschlossen, eine Bande ohne Quartier zu sein. Da hatte man nur Ärger.

Lange hielt unsere Bande leider eh nicht. Nach der vierten Klasse trennten sich unsere Wege. Oder besser gesagt: Ich ging einen anderen Weg. Während Romina, Janine und Kathi auf der Pettenkofer blieben, besuchte ich ab jetzt ein Gymnasium im Westen. Und als wir endlich alle Telefone hatten, riefen wir uns nicht mehr an. Am Ende hat uns die Wiedervereinigung auseinandergebracht.