WISSENSFENSTER: DIE CHINESISCHE LÖSUNG – HIMMLISCHER FRIEDEN

Die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste in Peking

von Jörg Augsburg

Am Ende gibt es mehrere hundert oder gar mehrere tausend Tote. Wie viele es sind, weiß niemand genau. Auch, wie, wo und wann sie im Einzelnen ums Leben kommen, ist weitgehend unbekannt – zumindest außerhalb der offiziellen Meldungen der chinesischen Staatsführung. Verbunden sind alle mit dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, dem Tian’anmen.

Auch in China fällt die Glasnost-und-Perestroika-Politik der Sowjetunion bei großen Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden, vor allem bei den Studenten, die in Peking ab April 1989 Demonstrationen organisieren. Die sind zuerst noch als Trauermarsch für ein verstorbenes Parteiführungsmitglied getarnt, bald jedoch wird offen gefordert, was den Studenten wichtig ist: Bekämpfung von Korruption und Inflation, Meinungs- und Pressefreiheit. Bis zu hunderttausend Teilnehmer umfassen die studentischen Demonstrationen im Mai 89. Es ist der Monat, in dem Michail Gorbatschow China besucht. Kurz vor seiner Ankunft treten 400 Studenten in den Hungerstreik, der Tian’anmen wird besetzt. Es dauert nur wenige Tage, bis sich zumindest zeitweise eine Million Menschen auf dem Platz befinden. Der Protest weitet sich aus, Arbeiter besetzen Betriebe und gründen unabhängige Gewerkschaften.

Die chinesische Führung sieht sich zuerst gezwungen, mit den Protestierern zu reden. Die Bewertung ihrer Forderungen ist innerhalb der Kommunistischen Partei unterschiedlich: Einige halten sie für harmlos, andere für konstruktiv. Die Fraktion um Parteiführer Deng Xiaoping will die Proteste unterbinden. Die Hardliner setzen sich durch. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen, aus dem Pekinger Umland rückt die Chinesische Volksbefreiungsarmee mit Panzern in die Stadt vor. Als es am 3. Juni erste scharfe Schüsse von Soldaten in die Menge gibt, werden zwei Soldaten gelyncht. In der folgenden Eskalation der Gewalt werden ungezählte Demonstranten, aber auch etliche Soldaten getötet. Die Staatsmacht setzt sich schließlich durch, ein Ultimatum auf Leben und Tod zwingt die restlichen Verbliebenen, den Platz zu verlassen. Es folgt eine Zeit der verstärkten Repression, Aktivisten werden verfolgt, eingesperrt oder hingerichtet oder müssen sich ins Exil retten. Bis heute sind die Proteste in der chinesischen Öffentlichkeit ein Tabu-Thema.

Für die DDR-Bevölkerung fast noch schockierender als die eigentlichen Nachrichten: wie die eigene Staatsführung reagiert. Während weltweit die Regierungen protestieren, sogar Ostblock-Verbündete sich deutlich distanzieren, tut sie sich mit ausdrücklicher Zustimmung hervor. SED-Politbüro und Volkskammer gratulieren den Genossen in China für die erfolgreiche Niederschlagung „verfassungsfeindlicher Elemente“.

Besonders die „Junge Welt“, die an Jugendliche und natürlich auch Studenten gerichtete Tageszeitung der FDJ, druckt in der DDR-Presse vorher in diesem Maß nie gezeigte drastische Bilder und Scharfmacher-Kommentare, um die angeblichen Verbrechen der „Konterrevolutionäre“ aufzuzeigen. Die Botschaft ist klar und wird nur allzu gut verstanden: Protest wird erbarmungslos niedergeschossen. Wer bis dato noch an eine Reformierbarkeit unter Erich Honecker geglaubt hatte, wird damit eines Besseren belehrt. Für die sich gerade in der Öffentlichkeit wagende Opposition steht ab Juni 1989 eine sehr reale Drohung im Raum: „Die chinesische Lösung“.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”